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Predigt am 16. Oktober 2011
Text: Klagelieder 3,22-26

Seine Güte ist alle Morgen neu

 

"Sterben kommt nicht in Frage, Mama!" So heißt das Buch von Judith End, das mich sehr berührt hat.
Die Verfasserin ist am 5. März dreißig geworden. Sie studierte Medienkultur, Literatur und Soziologie. In ihrer Magisterarbeit beschäftigte sie sich mit der "Vorstellung vom irdischen Paradies".
Paradiesisch hatte sie sich ihr Leben vorgestellt. Kurz vor dem Abschluss des Studiums schreibt sie: "Ich hatte so eine glitzernde Erwartung in mir, mein neues Leben war nur noch ein paar Schritte entfernt". (S.18) Doch dann sitzt sie Dr. M. gegenüber, und der sagt ihr: "Frau End, Sie haben Brustkrebs." Für sie bricht eine Welt zusammen. Sie schreibt: "Plötzlich ist sie da, die Katastrophe. Ganz ohne Vorwarnung. An einem unschuldigen Mittwochmorgen. Sie bricht über mich herein, ohne den leisesten Schatten vorausgeworfen zu haben. Ohne Andeutung. Zumindest keiner, die ich wahrgenommen hätte." (S.7) Das war im Jahr 2005.

Der Tag der Diagnose hat ihr Leben grundlegend verändert: Es ist "der Tag, an dem der Tod zu meinem Leben gestoßen ist. Und jetzt bleibt für immer. Er gehört jetzt dazu, der Sensenmann. Auch die größte Willensanstrengung kann mir mein altes Leben nicht zurückgeben, auch nicht der größte Trost, das spüre ich ganz deutlich. … Herzlich willkommen in der Hölle." (S.17f)

In der vergangenen Woche haben wir zwei Menschen aus unserer Gemeinde beerdigt. Da war deutlich zu spüren: Der Tod hat Macht. Er reißt Menschen von uns weg, wir können nichts dagegen tun. Sterben und Vergehen gehören zum Leben dazu. Wir Menschen sind dem ausgeliefert.
Unsere Medizin schafft es, das Leben zu verlängern. Judith End stellt nüchtern fest: "Wenn ich nicht im
21. Jahrhundert lebte, wäre ich in kurzer Zeit tot.
Ließe man der Naturihren Lauf, dann rechnete sie noch in diesem Jahr mit mir ab… Natürlich ist es ein unermessliches Glück, dass ich heute lebe, in einer Zeit, die es erlaubt, sich der Natur zu widersetzen, wenn sie zu grausam erscheint." (S.14f)

Was unsere Gesundheit angeht, können wir uns mit Hilfe der Medizin eine Weile der Natur widersetzen, aber nicht dauerhaft. Denn es führt kein Weg daran vorbei, dass alles Geschaffene vergänglich ist. Wenn wir die Vergänglichkeit spüren, dann schleichen sich manchmal Angst, Wehmut und Trauer ein. Wir brauchen Widerstandskraft, um damit leben zu können.

Meisterhaft darin, auch in dunkelsten Tagen die Hoffnung zu bewahren, ist das Volk Israel. Es hat Katastrophen überstanden, an denen andere Völker zerbrochen sind. Israel hatte und hat eine Quelle, aus der es seine Kraft schöpft. Diese Quelle ist der Glaube. Der Glaube an den Gott, der mit seinem Volk geht, der es nie im Stich lässt und dessen Barmherzigkeit alle Morgen neu ist.
Dieser Glaube hat Ausdruck gefunden in einem Lied, das der heutigen Predigt zugrunde liegt:
"Die Güte des Herrn ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende,
sondern sie ist alle Morgen neu,
und deine Treue ist groß.
Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele;
darum will ich auf ihn hoffen.
Denn der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt.
Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein
und auf die Hilfe des Herrn hoffen."
(Klagelieder 3,22-26)

Tröstliche Worte. Worte voller Vertrauen. An diesem Glauben hat Israel sich fest gemacht und fest gehalten.
Um unsere Widerstandskraft zu stärken, können wir bei dem Volk Israel in die Lehre gehen. Wir lernen da, wie Menschen es schaffen, auch größte Krisen zu bestehen und zu überstehen.

Das Lied von der Güte des Herrn, die kein Ende hat, steht inmitten von Klagen: "Meine Seele ist aus dem Frieden vertrieben. Ich bin elend und verlassen, mit Bitterkeit getränkt." (3,17.19) so heißt es wenige Zeilen davor und so zieht es sich durch dieses kleine Buch der Bibel, das Buch der Klagelieder.
Die fünf Kapitel haben in ihrer ursprünglichen Sprache, im Hebräischen, eine poetische Form. Dies hat seine Bedeutung: Das unsägliche Leid, das in diesen Klagen zum Ausdruck kommt, wird in fester Form ausgesagt. So wird auch der grenzenlose Schmerz begrenzt. (Klaus Wengst zu den Klageliedern in der Bibel in gerechter Sprache)

So hat auch Judith End Trost in einem Gedicht gefunden. Als sie zur Operation gefahren wird, murmelt sie eine Zeile von Hermann Hesse vor sich hin, die ihr ein bisschen Beruhigung schenkt:
"Es ist kein Tag so streng und heiß,
des sich der Abend nicht erbarmt,
und den nicht gütig, lind und leis
die mütterliche Nacht umarmt."
"Lind ist ein schönes Wort", schreibt sie dazu. "Linderung erst. Gütig auch. Lind uns leis umarmt werden, eingehüllt und beschützt."

Ähnlich wie Judith End murmelt der, der in den Klageliedern sein Leid klagt, Verse vor sich hin, die ihm ein bisschen Beruhigung schenken:
"Dies nehme ich mir zu Herzen,
darum hoffe ich noch:
Die Güte des Herrn ist´s,
dass wir nicht gar aus sind,
seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende,
Er ist mein Teil, spricht meine Seele;
Darum will ich auf ihn hoffen."
"Er ist mein Teil". Eine ungewöhnliche Aussage. Gott ist Teil von mir, er gibt mir Anteil von sich selbst, lässt mich teilhaben an dem, was ihn ausmacht. Die großen Eigenschaften Gottes, seine Güte und Barmherzigkeit, Geduld und Treue, seine Kraft und Stärke,
behält er nicht für sich selbst. Er gibt mir, er gibt uns, seinen Menschenkindern Anteil daran. Seine Güte und Treue sind so groß, dass wir alle etwas davon abbekommen.

Judith End hat sich gewünscht, auch an dieser Kraft teilzuhaben. Sie schreibt:
"All das, was ich gerade erlebe, dieser Blick in den Abgrund, das Balancieren am Abgrund, schreit förmlich nach Spiritualität. Nach Jesus, Buddha, einem Freund im Himmel, einem Freund in der Seele, nach Gott, wie auch immer man ihn nennen mag.
In der Pubertät hatte ich tatsächlich mal eine gläubige Phase. Ich bin damals gelegentlich freiwillig in die Kirche gegangen. Wahrscheinlich, weil es plötzlich so viele Fragen ans Leben gab, mich die eigenen aufkeimenden Gefühle überfordert haben. Ich war vom Leben berührt und von mir selbst und musste damit irgendwohin. Es hat mich beruhigt und mir ein bisschen Gleichgewicht geschenkt, in der kühlen Kirche zu sitzen und in dieser Ruhe ganz bei mir und meinen Gedanken zu sein. Und auch bei Gott, oder wie man sie nennen mag, diese unsichtbare Kraft, aus der das Leben entspringt.
Jetzt habe ich auch Sehnsucht nach einem Gott,
irgendeiner Kraft, an die ich mich innerlich wenden kann." (S.183-185)

Kurz darauf kauft sie sich eine Buddha-Figur. Die wird ihr zu einem Symbol für das, was sie sucht. Sie schreibt: "Jetzt steht er in meinem Schlafzimmer und erinnert mich daran, dass ich ganz viel von der Liebe und der Kraft, die ich brauche, auch in mir selbst finden kann." (185)

Wenn Gott unser Teil ist, dann ist von seiner Kraft und seiner Liebe auch etwas in uns zu finden. "Ich muss mir nur wieder selbst zuhören und meinem Körper verzeihen", so schließt Judith End diesen Gedankengang ab.

Es ist das gleiche Rezept, das der Dichter der Klagelieder anwendet: "Du, Gott, wirst meiner gedenken, meine Seele sagt mir´s." Der Beter hört auf seine Seele. Und was sie ihm sagt, nimmt er sich zu Herzen, das gibt ihm Hoffnung: Gottes Güte ist es, dass ich nicht gar aus bin, seine Barmherzigkeit hat kein Ende."

Im März dieses Jahres hat Judith End ihren dreißigsten Geburtstag gefeiert. In einem Interview sagt sie: "Ich habe mich heil und so gesund gefühlt wie schon lange nicht mehr." Doch dann kam wenige Tage nach ihrem Geburtstag die neuerliche Diagnose: Der Krebs war wieder da, dieses Mal nur an einer anderen Stelle.
Am 26. April sprach sie in einer Sendung von Sandra Maischberger davon. Die Sendung hatte den Titel: "Der Feind aus dem Nichts". Ob Judith End es noch einmal schafft, diesem Feind zu entkommen, ist ungewiss. Im Mai sagte sie in einem Interview: "Dieses Mal rechne ich wirklich mit allem".

Steve Jobs, der geniale Erfinder, hat in einer berühmten Rede, die in den vergangenen Tagen öfter zitiert worden ist, gesagt:
"Niemand will sterben. Selbst Leute, die in den Himmel streben, wollen nicht sterben, um dorthin zu gelangen. Und doch ist der Tod das Schicksal, das wir alle teilen. Niemand ist ihm je entkommen. Und das soll auch so sein, weil der Tod sehr wahrscheinlich die beste einzelne Erfindung des Lebens ist. Er ist der Agent für den Wandel des Lebens. Er räumt mit dem Alten auf, um Platz für das Neue zu schaffen."

"Eure Zeit ist beschränkt", so rief er den Absolventen eines Studienjahrgangs zu, "also verschwendet sie nicht damit, dass ihr das Leben von jemand anderem lebt. Lasst nicht den Lärm fremder Meinungen eure eigenen inneren Stimmen ertränken. Und am allerwichtigsten: Habt den Mut, eurem Herzen und eurer Intuition zu folgen. Alles andere ist nebensächlich."

"Sterben kommt nicht in Frage, Mama", hat Judith End geschrieben. Aber irgendwann ereilt es doch jeden und jede. Vielleicht kann auch dieses Wissen mit dazu beitragen, unsere Widerstandskraft zu stärken, das Wissen um die Endlichkeit.

Dieses Wissen ermutigt dazu, das Leben hier und jetzt in die Hand zu nehmen, dem eigenen Herzen und der eigenen Intuition zu folgen.
Als Christen wissen wir uns dabei getragen von dem Glauben, dass Gottes Güte alle Morgen neu ist und dass wir Anteil haben an seiner Kraft und seiner Liebe.

Und der Friede Gottes, der weit über alles Verstehen hinausreicht, möge über unsere Gedanken wachen
und uns in unserem Innersten bewahren. Amen.