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Predigt am 29. Januar 2012
Matthäus 16,13-18

Vom Bekennen

 

"Lasst uns gemeinsam unseren Glauben bekennen." So oder ähnlich lautet die Einladung, miteinander das Glaubensbekenntnis zu sprechen.
Aber was tun wir eigentlich, wenn wir uns bekennen?
Sich bekennen zu einer Überzeugung, einer Person, einer Sache ist ja nicht eine Besonderheit von uns Christen. Jeder Mensch bekennt sich zu etwas.
- Schals vom MSV und VfL zeigen -
Mit solchen Schals ziehen Fußballfans ins Stadion. Sie bekennen sich damit zu ihrem Verein. Wer so einen Schal trägt, natürlich auch das passende T-Shirt dazu und die mit Aufnähern übersäte Kutte, der sieht sich nicht als neutraler Zuschauer das Spiel an. Sondern der steht auf die Seite seiner Mannschaft. In jedem Stadion haben die treusten Fans ihre festen Platz hinter dem einen Tor. In der Nord- oder West, in der Süd- oder Ostkurve. Dort recken sie ihre Schals in die Höhe, wenn die Mannschaften auf das Feld laufen. Sie singen die Hymne ihres Vereins. So zeigen sie, für wen sie sind.
An diesem Beispiel wird deutlich: sich bekennen heißt, sich für eine Seite entscheiden und damit gegen eine andere Seite; Position beziehen, einseitig Partei ergreifen, zu etwas stehen und das nach außen hin sagen und zeigen. Sich bekennen ist das Gegenteil von sich raushalten, neutral bleiben, bei Abstimmungen fern bleiben oder sich enthalten.
Der Theologe und Schriftsteller Fulbert Steffensky schreibt: "Bekennen ist ein Wort aus Gefahrenbereichen. Es richtet sich gegen etwas, es tritt für etwas ein, es kostet etwas."
Wir als Presbyterium unserer Gemeinde haben uns bekannt zum Ja für einen Neuanfang in Duisburg und damit zum Ja für die Abwahl des Oberbürgermeisters. Dies haben wir in Zeitungen und Internet öffentlich gemacht. Unser Bekenntnis hat zahlreiche Reaktionen ausgelöst. Die einen haben gesagt: Klasse, endlich mal ein kirchliches Gremium, das sich mit einem klaren Bekenntnis an die Öffentlichkeit traut. Die anderen waren empört, dass sich ein Presbyterium einmischt ins politische Tagesgeschehen. Da hätte sich die Kirche gefälligst rauszuhalten.
Sich bekennen, heißt auch, sich angreifbar machen. Wer sich bekennt, muss sich Fragen, Kritik und Vorwürfe gefallen lassen. Das kann sehr unangenehm sein.
In den Anfangszeiten der christlichen Gemeinden war das auch so, wenn Menschen sich zu ihrem Glauben bekannten. In manchen Ländern ist es heute noch so. "Wer sagen die Leute, dass ich sei?", fragt Jesus seine Jünger. Sie antworten, was sie gehört haben: "Die einen halten dich für den wiedergekommenen Propheten Elia oder für einen anderen Propheten, andere meinen, du seist Johannes der Täufer." Darauf fragt Jesus die Jünger direkt: "Wer sagt ihr denn, dass ich sei?" Ein klares Bekenntnis ist nun gefragt. Die Jünger könnten sich verstecken hinter den Äußerungen der anderen Leute. Sie könnten mit den Schultern zucken und sagen: "Wissen wir nicht, da müssen wir erst einmal die Gelehrten um Rat fragen." Aber Petrus antwortet stellvertretend für die anderen Jünger: "Du bist Christus, Sohn des lebendigen Gottes."
Ein Bekenntnis, das damals, zur Zeit der ersten Gemeinden, sehr gefährlich war. Es hat Streit und harte Auseinandersetzungen nach sich gezogen. ´Wie könnt ihr sagen, dass dieser Jesus der Messias war, der von Gott gesandte Retter.` So haben sich jüdische Glaubensgenossen empört. ´Einer, der am Kreuz elend gestorben ist, wie kann der Gottes Reich auf der Erde errichtet haben?`
Der andere Angriff gegen dieses Bekenntnis kam von politischer Seite: ´Herr in dieser Welt und über diese Welt ist der Kaiser in Rom und niemand sonst. Wie könnt ihr behaupten, dass es da noch einen über dem Kaiser gibt, einen Herrn, dem man mehr gehorchen muss als dem Kaiser?` Sich zu Jesus zu bekennen, hat etwas gekostet in der Anfangszeit der Christenheit. Viele haben dafür mit ihrem Leben bezahlt.
Uns heute kostet es nichts, wenn wir im Gottesdienst unseren Glauben bekennen. Oft tun wir das, ohne uns viel dabei zu denken, weil es eben zum Gottesdienst dazugehört. "Ich glaube an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn". Mit diesen Worten sprechen wir das alte Bekenntnis der Jünger nach, machen es zu unserem eigenen.
Viele Menschen haben Schwierigkeiten mit diesem Bekenntnis, das wir das "apostolische" nennen. Denn es geht auf die Botschaft der Apostel, der Jünger Jesu zurück. Leute, die mit der Kirche und dem Glauben nichts am Hut haben, machen sich lächerlich darüber. Das müssen wir als Christen dann schon manchmal ertragen. Wir werden hier nicht verfolgt, müssen keine Nachteile wegen unseres Glaubens befürchten. Aber wir müssen ertragen, dass sich Menschen, die unseren Glauben nicht teilen, lustig über uns machen.
"Empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria", diese beiden Sätze regen besonders den Spott anderer Menschen an. Auch unter Christen gibt es einige, die diesen Teil des Glaubensbekenntnisses nicht mitsprechen. Es soll, wie ich gelesen habe, sogar Landeskirchen geben, die in ihren Gottesdiensten ganz darauf verzichten, ihren Glauben zu bekennen. Sie können sich nicht auf ein Bekenntnis einigen.
Wenn wir unser Bekenntnis von unserem Verstand her betrachten, stellen wir fest: Es enthält fast nur solche Sätze, die etwas behaupten, was aus naturwissenschaftlicher Sicht unmöglich ist. Nur der Teil in der Mitte lässt sich historisch einigermaßen sicher nachweisen: "Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben". Aber dann wird´s schon schwierig: "Auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes". Das klingt genauso unwahrscheinlich wie das "geboren von der Jungfrau Maria".
Was antworten wir Menschen, die uns fragen, wie wir so etwas glauben können? Fulbert Steffensky hat dazu ein paar sehr schöne Sätze geschrieben:
"Ich glaube natürlich nicht wortwörtlich, was das Glaubensbekenntnis sagt. Doch ich erlaube mir, eine Sprache zu sprechen und Bilder zu gebrauchen, die nicht meine eigenen sind, die ich nur geliehen habe.
Das Glaubensbekenntnis leihe ich mir von den Menschen, die vor mir gelebt haben. Es sind die großen Wünsche und Hoffnungen von anderen Generationen, die ich lese. Ich frage nicht, ob sie in allem richtig sind. Und doch trinke ich von der alten Wahrheit. Ich lasse ihnen ihre Fremdheit und nehme teil an ihrem Hunger nach Gott, an ihrer Sehnsucht nach Gerechtigkeit, nach Schönheit.
Ich gebe also meine eigenen Horizonte nicht auf. Aber ich beharre nicht auf ihnen. Ich bin ein Freigeist mit Wohnrecht an fremdem Ort.
Ich liebe das Glaubensbekenntnis, weil es eine Ansammlung von frechen Unsäglichkeiten ist:
Ich glaube an Gott - gegen alle Erfahrung von Gottlosigkeit im Alltag.
Ich glaube an Gott, der in Christus unser Menschenschicksal teilt; eine größere Unmöglichkeit kann man sich nicht ausdenken.
Ich sage "geboren von der Jungfrau Maria", und ich behaupte damit, dass die Rettung des Menschen mehr ist als das Ergebnis menschlicher Möglichkeiten. Ich glaube an die Auferstehung der Toten, weil ich keinen verkommen lassen will.
Das Glaubensbekenntnis ist von rotzfrecher Schönheit. Es ist eine poetische Annäherung an das Geheimnis Gottes.
Was sagbar ist, sagen viele. Die Kirche sollte die Unsäglichkeiten retten."
So weit der Theologe und Schriftsteller Steffensky. Mich haben seine Gedanken berührt und darin bestärkt, das alte Bekenntnis zu schätzen. In unserem Gesangbuch stehen einige Bekenntnisse aus neuerer Zeit. Oft lasse ich diese sprechen, weil sie verständlicher klingen, meiner eigenen Sprache und meinen eigenen Gedanken näher sind.
Steffenskys Gedanken erlauben es mir, mich mit ihm zu freuen an den überlieferten Worten aus der Anfangszeit der Christenheit. Die frühe Kirche hat hart gerungen darum, wie sie ihren Glauben auf eine kurze Formel bringt, die für alle Christen gültig ist und von allen nachzusprechen ist. Unser Glaubensbekenntnis ist das Ergebnis eines tiefen Nachdenkens darüber, wie das Geheimnis Gottes in Worte gefasst werden kann. Herausgekommen dabei ist ein Gedicht von großer Schönheit, wie Steffensky sagt, ein Gemälde mit Worten. So sollen und können wir das Bekenntnis betrachten. Es will keine biologisch und naturwissenschaftlich nachprüfbaren Aussagen machen. Es drückt eine Wahrheit aus, die über unseren Verstand hinausgeht, weil es sich um das Geheimnis Gottes handelt.
Das Bekenntnis benennt, was der Ursprung und der tiefste Grund unseres christlichen Glaubens ist: In Jesus Christus zeigt Gott, wer er ist. In jenem Jesus, geboren in einem Stall als Sohn einfacher Leute, der mit kleinen Leuten Umgang pflegte, der die Armen selig pries, der Wunden heilte, Schuld vergab und schließlich als Verbrecher am Kreuz hingerichtet wurde, in diesem Jesus zeigt Gott sein Gesicht. Es ist ein Gesicht, das liebevoll uns Menschen zugewandt ist.
(Seffensky in "Beffchen, Bibel, Butterkuchen" S. 23)
In diesem Jesus bekennt sich Gott zu uns Menschen.
Das ist eine weitere Wahrheit, die uns das alte Bekenntnis überliefert. In Christus zeigt Gott, wohin er gehört: zu den Menschen, die ihn brauchen. Ein geheimnisvoller Gott, der das Leben der Menschen mitgeht über Höhen und durch Tiefen. Sein Name ist Emanuel, Gott mit uns und in unseren Schicksalen. Er nimmt Anteil an unserem Glück und an unseren Schmerzen. (Steff. S. 24) Er ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Gottes Ja zu uns Menschen erfahren wir in der Gemeinschaft der Glaubenden. Der Glaube an Jesus Christus ist ein Gemeinschaftsglaube. Jesus selbst hat die Kirche nicht gegründet. Aber er hat Menschen in die Gemeinschaft gerufen. Das haben seine Jünger nach seinem Tod weiter geführt. Sie waren die Keimzelle einer Gemeinschaft, der sich im Laufe der Zeit immer mehr Menschen anschlossen. Was sie einte, war der Glaube, den Petrus stellvertretend für alle Jüngerinnen und Jünger mit dem einen Satz bekannt hat: "Du bist Christus, Sohn des lebendigen Gottes."
Dieser Glauben ist der feste Grund, auf dem die Gemeinde Jesu gebaut ist. Und wir sind Teil davon, Teil der weltweiten "heiligen christlichen Kirche", wie wir mit den überlieferten Worten bekennen.
Das zeigen wir auch nach außen, indem wir uns der christlichen Gemeinde zugehörig fühlen, an ihrem Leben teilnehmen und das Leben der Gemeinde selber mit gestalten.
Jeder Gang zum Gottesdienst ist ein Bekenntnis. Die Mitarbeit in der Gemeinde, die Teilnahme am kirchlichen Unterricht ist ein Bekenntnis: Ich gehöre zu dieser Gemeinde.
Wir brauchen dazu keine Waschlappen, Armbänder und was es alles im kirchlichen Fanshop gibt. Was uns eint und womit wir nach außen sichtbar werden, ist das Bekenntnis zu Christus, in dem Gott uns Menschen sein liebevoll zugewandtes Gesicht zeigt.

Und der Friede Gottes, der unsere Vorstellungen weit übertrifft, bewahre unsere Herzen und Gedanken in der Gemeinschaft mit Jesus Christus.

Literatur: Ich trinke von einer alten Wahrheit, Aufsatz von Fulbert Steffensky in Publik Forum Nr 1/2012, S. 32-33
Das enthüllte Antlitz Gottes, Aufsatz von Fulbert Steffensky in "Beffchen, Bibel, Butterkuchen", edition chrismon, S.22-25