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Predigt am 04. März 2012
2. Korinther 6,1-10 Jetzt ist der Tag des Heils

Einführung des neuen Presbyteriums

 

"Ich weiß, dass mir nichts angehört
Als der Gedanke, der ungestört
Aus meiner Seele will fließen,
Und jeder günstige Augenblick,
Den mich ein liebendes Geschick
Von Grund aus lässt genießen."

Johann Wolfgang von Goethe hat diese Zeilen verfasst. "Eigentum", so ist das Gedicht überschrieben. Das Ich in dem Gedicht weiß, dass ihm nichts gehört, nur der Gedanke, der jetzt fließt, und der Augenblick, der jetzt da ist. Wenn das Ich diesen Augenblick genießen kann, dann hat es alles, was es haben kann.
"Ein liebendes Geschick", schreibt Goethe etwas unbestimmt. Als Christen glauben wir, dass Gott unsere Zeit in seinen Händen hält und er uns also jeden Augenblick schenkt, den wir erleben dürfen. Andreas Gryphius, ein anderer großer Dichter, nennt ihn beim Namen in seinem bekannten Vierzeiler:

Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen;
mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen;
der Augenblick ist mein, und den nehm ich in acht,
so ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht.

Indem ich den Augenblick wertschätze, ehre ich den Schöpfer. Er hat Zeit und Ewigkeit gemacht. Zu allen Zeiten ist er an unserer Seite.

Ein wichtiges Thema der Fastenzeit, die am vergangenen Sonntag begonnen hat, heißt "Versuchung". In Bezug auf die Zeit sehe ich zwei große Versuchungen. Die eine Versuchung ist, die Vergangenheit nachträglich verändern zu wollen. Das konnten wir in letzter Zeit gut beobachten an dem Verhalten unseres ehemaligen Staatsoberhauptes. Immer weitere Einzelheiten wurden bekannt, wo er etwas umsonst mitgenommen oder starke Vergünstigen in Anspruch genommen hat. Seine Reaktion auf die Veröffentlichungen war bis zuletzt immer gleich: mit Halbwahrheiten das Geschehene vertuschen oder mit Rechtfertigungen, die niemand nachprüfen kann, die krummen Geschäfte gerade biegen.
All diese Versuche, nachträglich zu verändern, was man getan, unterlassen oder einfach nur zugelassen hat, müssen scheitern. "Das Wasser, das du in den Wein gossest, kannst du nicht mehr herausschütten". So hat Bert Brecht gedichtet. Was war, ist geschehen. Die Vergangenheit ist nicht mehr mein. Ich kann nicht über sie verfügen. Ich kann daran nichts mehr ändern. Ich muss zu dem stehen, was war. Sonst wird es mir immer nachlaufen und meine Gegenwart belasten und stören.

Was gut war in der Vergangenheit, kann ich mitnehmen als eine Kraftquelle für mein Leben jetzt und hier, als einen Schatz guter Erinnerungen, an denen ich mich freuen kann.
Die andere Versuchung in Bezug auf die Zeit sehe ich in dem Bemühen, sich die Zukunft zu eigen zu machen. Das finde ich momentan in unserer Kirche sehr ausgeprägt. Viele Anstrengungen sind darauf gerichtet, dass wir uns als Kirche "zukunftsfähig" machen. Das klingt so, als hätten wir die Zukunft in der Hand, als wüssten wir, was die Zukunft bringen wird. Einige in der Kirche scheinen schon recht genau zu wissen, was im Jahr 2030 sein wird. Darauf werden viele Planungen in der Kirche ausgerichtet.
Dabei weiß niemand von uns, was morgen sein wird. Bei den Haushaltsplanberatungen beschließen die Presbyterien regelmäßig, keinen Finanzplan für die kommenden Jahre aufzustellen, wie dies eigentlich von der Verwaltungsordnung gefordert ist. Die Begründung lautet: Ein Finanzplan wird nicht aufgestellt, "da zum jetzigen Zeitpunkt die Entwicklung der Kirchensteuereinnahmen nicht seriös eingeplant werden kann." Genügend Beispiele belegen, dass "eine arbeits- und zeitintensive Finanzplanung für die nächsten drei bis fünf Jahre unbrauchbar und kaum aussagefähig ist." (Protokoll 30.11.2011)
Ich selber erlebe am eigenen Leib, wie die Zukunft plötzlich unsicher wird. So wird man darauf gestoßen, dass man die Zukunft nicht in der Hand hat. Sie liegt einzig und allein in Gottes Hand. Natürlich tut man selber dazu, was man kann, damit es weitergeht. Man hofft auf eine gute Zukunft. Hoffen und auf Gottes Hilfe vertrauen, darin sehe ich unsere Haltung als Christen gegenüber der Zukunft. Uns selbst oder unsere Kirche zukunftsfähig machen zu wollen, das empfinde ich als Anmaßung, so als wollten wir uns zu Herren über die Zukunft aufspielen.
Die zukünftige Frau Präses der westfälischen Landeskirche, Annette Kurschuss, hat das Passende dazu in einem Interview gesagt: "Christus selbst hat uns verheißen, dass er die Kirche erhalten wird - und darauf ist Verlass." (Unsere Kirche, 12.02.2012, S. 17)

Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen;
mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen;
der Augenblick ist mein, und den nehm ich in acht,
so ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht.

Der Augenblick ist mein, den ich hier und jetzt erlebe. Die Gegenwart ist die einzige Zeit, die wir gestalten können. Gegenwartsfähig sollten wir als Kirche sein und als einzelne Personen. Das hat schon Paulus der Gemeinde in Korinth eingeschärft. Im 2.Korintherbrief heißt es:
So spricht Gott durch seinen Propheten (Jesaja 49,8): "Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen." Seht, jetzt ist die Zeit der Gnade, seht, jetzt ist der Tag des Heils!

Ich verstehe Paulus so: Dieses Jetzt ist zu jeder Stunde unseres Lebens. In jedem Augenblick wendet sich Gott uns freundlich zu. An jedem Tag will er uns sein Heil erfahren lassen. Jetzt ist der Augenblick der Gnade, jetzt ist der Tag des Heils. Gottesdienst feiern wir, um davon etwas zu spüren, um uns daran erinnern zu lassen. Auch für diese Stunde, in der wir hier zusammen sind, gilt: Sie ist Zeit der Gnade.
Das gilt für jede weitere Stunde und für jeden Tag. Es gilt auch dann, wenn es uns nicht gut geht. Paulus hat am eigenen Leib erfahren, wie schwer das Leben ist. Er kennt Trübsal, Schmerzen, Todesangst. Er hat gelernt, in all dem darauf zu vertrauen, dass Gott da ist und Kraft gibt, das Schwere durchzustehen. Ja, Paulus hat erfahren, dass in der größten Not die Rettung nahe ist. Von dieser Rettung schreibt er gleich am Anfang seines Briefes:

"Wir wollen euch, liebe Brüder und Schwestern, die Bedrängnis nicht verschweigen, die uns in der Provinz Asien widerfahren ist. Dort waren wir über die Maßen beschwert und über unsere Kraft, sodass wir am Leben verzagten.
Ja, wir hielten es für beschlossen, dass wir sterben müssten. Aber Gott hat uns vor dem sicheren Tod gerettet. Das ist geschehen, damit wir unser Vertrauen nicht auf uns selbst setzten, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt, der uns aus solcher Todesnot errettet hat und uns auch in Zukunft retten wird." (2. Korinther 1,8-10)
Selbst die Stunde höchster Todesgefahr war Zeit der Gnade. Gott war da und hat die Not gewendet.
Weil Paulus so viel freundliche Zuwendung von Gott erfahren hat, will er sich jederzeit als jemand erweisen, der aus der Gnade Gottes lebt. In guten und in schlechten Zeiten, so schreibt er, erweisen wir uns als Diener Gottes:
"in Trübsalen, Nöten und Ängsten,
in Verfolgung und übler Nachrede,
in Lauterkeit und geistlicher Erkenntnis,
in Geduld, Freundlichkeit und aufrichtiger Liebe,
in dem Wort der Wahrheit und in der Kraft Gottes,
gestärkt mit den Waffen der Gerechtigkeit
zur Rechten und zur Linken."

Wir sind nicht Paulus. So viel, wie ihm abverlangt wurde und wie er selbst von sich verlangt hat, wird uns nicht abverlangt. Seine Aufzählung kann uns dennoch ein Hinweis sein für unseren Dienst in der Gemeinde, insbesondere für den Dienst im Presbyterium.
Da geht es oft um Zahlen. Der Haushaltsplan ist zu beschließen, die Jahresabrechnung. Demnächst soll ein neues Kirchliches Finanzwesen eingeführt werden. Unter der Abkürzung NKF geistert das schon lange durch die Landeskirche. Das gesamte Presbyterium wird sich mit der neuen Art der Buchführung beschäftigen müssen, um diese dann auch zu verstehen. Die Einarbeitungsphase wird jetzt bald anlaufen. Ein neuer Mitarbeiter für die Pflege der Außenanlagen und für Hausmeistertätigkeiten in unseren Gebäuden soll eingestellt werden. Das Presbyterium hat lange überlegt, wie die Stelle finanziert werden kann.
Am Kindergarten wird angebaut. Viele Vorgespräche waren nötig, bis der Entschluss feststand. Weitere Verhandlungen folgten, bis der Bauplan endlich zur Genehmigung eingereicht werden konnte. Nun ist der Bau im Gang. Jetzt kann ein Fest geplant werden, das gefeiert werden soll, wenn der Neubau fertig ist.
Die Gemeinde lebt nicht für sich, sondern ist Teil des Kirchenkreises und der Landeskirche. Von dort kommen Vorgaben, die in den Gemeinden umgesetzt werden müssen. So hat die Landessynode im Januar beschlossen, dass die Gemeinden sich zu "Regionalen Kooperationsräumen" zusammenschließen sollen. In diesen Regionen soll gemeinsam der Personalbestand geplant werden.
Das sind einige der Aufgaben, mit denen sich das Presbyterium in den kommenden vier Jahren zu befassen hat. In all, was das Presbyterium berät, beschließt und tut, soll sich das Presbyterium als Diener Gottes erweisen. Das heißt, etwas von der freundlichen Zuwendung Gottes zu uns Menschen soll in der Arbeit und durch die Arbeit des Presbyteriums sichtbar und spürbar werden.
Ich meine, das geschieht hier in Wanheim insbesondere am Sonntag. Alle Presbyteriumsmitglieder nehmen
den Gottesdienst sehr ernst. Sie sind immer zahlreich da. Alle sind bereit, den Küsterdienst vor und nach dem Gottesdienst zu übernehmen und darüber hinaus alle, die zum Kaffeetrinken bleiben, mit selbst gebackenem Kuchen zu verwöhnen. Auf diese Weise kommt jedes Jahr eine ansehnliche Summe an Geld zusätzlich in die Gemeindekasse. Dafür sorgt übrigens auch unser Koch, Manfred Götsch, der selber einmal Presbyter war und den Stab weitergereicht hat an seinen Sohn und der wieder an seine Mutter. Dieser Vorgang zeigt, dass im Presbyterium ein sehr familiäres Klima herrscht. Auch durch den freundschaftlichen Umgang miteinander spiegeln die Presbyteriumsmitglieder etwas von der freundlichen Zuwendung Gottes wieder.
So bemühen wir uns hier in der Gemeinde, gegenwartsfähig zu sein. Wir tun das, was heute unsere Aufgabe ist. Natürlich schauen wir dabei auch in die Zukunft und überlegen, wie die Entwicklung wohl weitergeht. Dabei leitet uns die Frage: Was hilft uns am besten, unseren Dienst als Gottes Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auszuführen?

Jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist der Tag des Heils.
Das gilt nicht nur für die Arbeit im Presbyterium. Das gilt uns allen auch für unser persönliches Leben. Dieses Vertrauen wünsche ich uns allen, dass jederzeit Gott mit seiner Gnade an unserer Seite ist. Und dass wir jeden günstigen Augenblick, den Gott uns schenkt, dankbar aus seiner Hand nehmen und genießen können. Dass wir uns schließlich nicht viel Sorgen um die Zukunft machen; denn auch sie wird eine Zeit der Gnade sein.