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Predigt am 18. März 2012
2. Korinther 1,3-7 Vom Trösten

Laetare

 

Das Kreuz an der Wand - ein Blickfang, wenn man diesen Raum betritt. Man sieht gleich: Dies ist ein kirchlicher Raum. Das Kreuz ist das Erkennungszeichen von uns Christen.
Es erinnert an das qualvolle Leiden und Sterben Jesu. In Jesus ist Gott uns Menschen nahe gekommen. Das Kreuz weist uns darauf hin, dass Gott in allem, was wir an Schwerem und Leidvollem erleben, an unserer Seite ist. Von Jesus glauben wir auch, dass er nicht im Tod geblieben ist, sondern dass Gott ihn von den Toten auferweckt hat. So ist das Kreuz auch ein Zeichen der Hoffnung. Gott wird auch uns nicht dem Tod überlassen, sondern durch den Tod hindurch in ein neues Leben führen.
Der Blick auf das Kreuz hat schon vielen Menschen geholfen. Dieser Blick vermittelt Trost und Zuversicht: ´Ich bin nicht allein in meinem Leid. Nichts und niemand kann mich von Gott und seiner Liebe trennen. Ich kann nicht tiefer fallen als in seine Hände.` Um Trost geht es heute in dem Teil seines zweiten Briefes an die Gemeinde in Korinth, den Paulus geschrieben hat. Mit einem Dank für Gottes Trost in schwerer Zeit beginnt der Brief:

"Gelobt sei Gott,
der Vater unseres Herrn Jesus Christus,
ein Vater, der sich erbarmt und Gott allen Trostes,
der uns tröstet in aller unserer Trübsal.
Darum können auch wir trösten,
die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost,
mit dem wir selber getröstet werden von Gott."

"Trost" - dieses Wort weckt warme Gedanken und Gefühle. Ein Kind, das fällt, wird von der Mutter in den Arm genommen und gestreichelt. Dabei redet die Mutter beruhigend auf das Kind ein, bis Schmerz und Schreck überwunden und die Tränen getrocknet sind.
Trost braucht auch ein erwachsener Mensch, wenn ihm etwas Trauriges widerfährt oder etwas, das ihm Angst macht.

Anselm Grün, Benediktinermönch und Autor vieler Bücher über Spiritualität, schreibt: "Trösten heißt nicht, dem anderen tröstende Worte zu sagen. Vor allem aber heißt es nicht, ihn mit frommen Worten zu vertrösten. Das deutsche Wort Trost kommt von Treue und bedeutet ursprünglich: Festigkeit. Trösten heißt also, dass ich bei dem anderen stehen bleibe. Ich halte seine Tränen, seine Verzweiflung, seine Sinnlosigkeit aus, ohne etwas zu beschwichtigen." (Publik-Forum Extra 5/09, S.6-7)
Manchmal geht es einfach nur darum, den, der Trost braucht, in den Arm zu nehmen, da zu sein und menschliche Nähe zu zeigen.

Halt geben in Angst und Not, Schmerzen lindern, Hoffnung und Zuversicht wecken - all das ist Trost. Und noch mehr: Paulus hat Gottes Trost darin erfahren, dass Gott ihn aus einer Not herausgeholt hat. Sein Trost-Erlebnis war nicht die Tröstung in der Not, sondern das herausgeholt-Werden aus der Not. Dafür dankt er Gott.
Gleich im Anschluss an seinen Dankpsalm beschreibt er, worin seine Not bestanden hat: "Wir wollen euch, liebe Geschwister, nicht verschweigen die Bedrängnis, die uns in der Provinz Asien widerfahren ist. Wir waren über die Maßen beschwert und über unsere Kraft, sodass wir am Leben verzagten. Ja, wir hielten es für beschlossen, dass wir sterben müssten. Aber Gott hat uns aus solcher Todesnot errettet."
Er und sein Mitarbeiter Timotheus befanden sich im Gefängnis und mussten mit dem Schlimmsten rechnen. Aber sie sind doch wieder frei gekommen.
Paulus deutet die Befreiung so: "Das geschah, damit wir unser Vertrauen nicht auf uns selbst setzten, sondern auf Gott, der uns errettet hat und erretten wird. Auf ihn hoffen wir, er werde uns auch hinfort erretten."
Trost hat also auch diese Bedeutung: Beendigung der Not, Rettung zum Leben. Trost ist das, was die Not wendet.

Das geschieht auch, wenn ein Kind nach einem Sturz getröstet wird. Das Trösten hat zum Ziel, dass das Kind über den Schmerz hinwegkommt. So ist es in der Regel. Bald ist alles wieder gut, die Tränen sind getrocknet und das Spiel geht weiter.
Wenn ein Mensch einen großen Schmerz erleidet, wie den Tod eines nahe stehenden Angehörigen, dann braucht es viel Trost, bis der Trauernde sich wieder mit Freude dem Leben zuwenden kann. Denn ein solcher Verlust reißt einem den Boden unter den Füßen weg. Da braucht man jemanden, der bei einem steht.
Das lateinische Wort für Tröster weist darauf hin. Es heißt "consolator". Das Wort ist zusammengesetzt aus "con", das heißt "mit", und aus "solus", das heißt "allein". Der Tröster ist der, der die Einsamkeit des Trauernden teilt und mit ihm aushält.

Paulus hat Trost erfahren, als er um sein Leben fürchten musste. Er erlebt den Trost als Rettung. Er kommt noch einmal davon und darf weiter leben. Ihm ist in überreichem Maße Trost wiederfahren. So deutet er die Erfahrung in seinem Brief: "Wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus."
Das griechische Verb, das hier steht, bedeutet "überfließen, überströmen, im Überfluss vorhanden sein." Jesus Christus ist derjenige, von dem der Trost ausgeht und überströmt auf Paulus und von ihm auf die Gemeinde.
Paulus entwirft das Bild eines großen Kreislaufes. Der Trost Gottes wird weiter gereicht von einem zum anderen. Alle empfangen und alle geben, weil alle bedürftig sind, auch und gerade der große Apostel. Alle trösten einander in dem doppelten Sinn, dass Gemeindeglieder einander beistehen im Leid und einander aus dem Leid ins Leben rufen.
So entsteht ein Beziehungsnetz zwischen Himmel und Erde, ein umfassendes Trostverbundsystem. Darin kann auch das Leiden der einen den anderen zugute kommen, weil es deren Beziehung zu Gott festigt. So sieht es jedenfalls Paulus, wenn er schreibt: "Wenn wir Trübsal leiden, geschieht es euch zu Trost und Heil. Wenn wir getröstet und ermutigt werden, so bedeutet das auch für euch Trost und Ermutigung in schweren Zeiten."

Eingebunden ist dieses Trostsystem sind auch wir. Vielleicht ist das unser besonderer Auftrag als Kirche und Gemeinde in der heutigen Zeit: dafür einzutreten, dass Leid und Schmerz sein dürfen.
Ich habe zunehmend den Eindruck, dass in unserer Gesellschaft Leid als eine Art technisches Problem angesehen wird, das es zu beseitigen gilt. Die Frage nach Sterbehilfe ist in unserer Gesellschaft aktuell geworden.
Unsere europäischen Nachbarn haben die Diskussion bei uns verstärkt: In den Niederlanden ist eine Sterbeklinik eröffnet worden. Ab diesem März bieten mobile Euthanasie-Teams vom "Lebensende-Krankenhaus" schwerkranken Patienten Sterbehilfe an.
In der Schweiz gibt es schon länger die Möglichkeit, sich unter ärztlicher Aufsicht einen Giftbecher reichen zu lassen, der einen auf sanfte Weise vom Leben in den Tod hinüberbefördert. Timo Konietzka, der ehemalige Fußballprofi und Schütze des ersten Bundesligatores, hat am vergangenen Montag davon Gebrauch gemacht.
Im Januar hat er einem Journalisten der Westdeutschen Zeitung sein letztes Interview gegeben. Darin sagt er: "Ich will nicht leiden, und ich will es auch nicht meinen Nachkommen antun, noch jahrelang als Pflegefall am Leben gehalten zu werden, wenn es mal so weit kommt."
Genau das ist die Angst vieler Menschen. Die Angst, anderen zur Last zu fallen. Früher war es selbstverständlich, dass ein kranker Mensch gepflegt wurde bis zu seinem Tod. Diese Selbstverständlichkeit ist uns abhanden gekommen. Einrichtungen wie die Sterbeklinik in Holland und die Hilfen zur Selbsttötung in der Schweiz verändern auch in unserer Gesellschaft die Haltung zu chronisch Kranken und Pflegebedürftigen. Unsere evangelische Kirche weist auf mögliche Folgen dieser veränderten Einstellung hin: Unheilbar Kranke können das Gefühl bekommen, sie müssten sich für Sterbehilfe entscheiden, weil die Gesellschaft die Kosten für ihre Versorgung nicht mehr tragen will.
Krankheit als eine Last, Leid als etwas, das es zu vermeiden gilt - in diese Richtung ändert sich das Klima in unserer Gesellschaft.

Die Gemeinschaft europäischer Kirchen hat Ende des vergangenen Jahres eine Orientierungshilfe herausgegeben unter dem Titel "Zeit zum Leben - Zeit zum Sterben". Die Synode unserer Evangelischen Kirche im Rheinland hat sich im Januar mit dem Text befasst und der kirchlichen Öffentlichkeit empfohlen, dies ebenfalls zu tun.
Die Denkschrift stellt deutlich heraus, dass niemand unnötig leiden soll. Sie weist allerdings darauf hin, dass es dazu andere Möglichkeiten gibt, als das Sterben selbst herbeizuführen. Statt Schwerkranken den Giftbecher zu reichen, gilt es, sie umfassend zu umsorgen. Deshalb tritt unsere Kirche für einen Ausbau der Palliativmedizin ein. Palliativ kommt von pallium, der Mantel. Eine ummantelnde Behandlung soll Schwerstkranken in der letzten Lebensphase zuteil werden. Sie sollen Trost erfahren, indem ihnen Schmerzen genommen werden und Menschen ihnen liebevoll zugewandt bleiben.
Ich hoffe, dass diese Haltung, für die unsere Kirche eintritt, sich in der Gesellschaft durchsetzt. Und ich glaube, je mehr die Palliativmedizin und daran angeschlossene Hospize ausgebaut werden, desto mehr schwindet auch die Angst davor, unheilbar krank zu werden. Denn man weiß: ´Ich bin keine Last, sondern bin es wert, liebevoll umsorgt zu werden bis zum Ende.

Wohltuend finde ich, wie die Süddeutsche Zeitung von dem Selbstmord Konietzkas berichtet: kurz und knapp. Unter dem Bericht steht diese Anmerkung der Redaktion: "Wir haben uns entschieden, in der Regel nicht über Selbstmorde zu berichten, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Die Berichterstattung gestalten wir in solchen Fällen deshalb bewusst zurückhaltend, wir verzichten weitgehend auf Details. Der Grund für unsere Zurückhaltung ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Suizide.
Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten."
Das entspricht dem, wofür wir als Christen und als Kirche einstehen: das Trostverbundsystem in der Gesellschaft auszubauen, so dass jede und jeder in Leid und Schmerz gehalten und umsorgt wird.
Timo Konietzka glaubte nur an das, was er hörte, fühlte und sah. Er glaubte an keinen Gott und darum auch nicht daran, dass Gott es mit ihm zu einem guten Ende führen könnte. Er war jemand, der immer den direkten Weg zum Tor gesucht und vor dem Tor nie lange gefackelt hat. Genauso hat er gelebt und so seinem Leben nun auch ein Ende gesetzt.
Wir glauben mit Paulus an Gott, der barmherzig ist und allen Trost für uns bereit hält. Solchen Glauben finde ich übrigens auch unter vielen Ärzten. Bei einer alten Frau, die schwer erkrankt war, überlegte die Ärztin zusammen mit der Angehörigen, ob sie die Patientin noch an Geräte anschließen sollte. Beide waren der Meinung, dass dies nur das Sterben verlängern würde. Deshalb verzichtete die Ärztin darauf, ihr medizinisches Handwerk einzusetzen. Sie sagte: "Lassen wir den Herrgott sein Handwerk tun." Und das geschah dann auch recht bald, indem Gott die Kranke zu sich nahm.

Trost, so haben wir von Paulus gelernt, ist eine Ermutigung zum Leben, ein Ruf ins Leben. Das ist der Trost, der uns am Ende des Lebens zuteil wird: dass wir gerufen werden in ein neues Leben.

Was ist dein Trost im Leben und im Sterben? So fragt der Katechismus: Dass ich im Leben und im Sterben mit Leib und Seele nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.

Gelobt sei Gott, der Gott allen Trostes. Amen.