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Predigt am 19. August 2012
Galater 2,16-21
11. Sonntag nach Trinitatis
 

Einmal auf dem Treppchen stehen und eine Medaille in Empfang nehmen, das muss ein schönes Gefühl sein. Besonders schön muss es sein, oben auf dem Treppchen zu stehen und die Hymne zu hören, die jetzt einem selbst zu Ehren gespielt wird.
Um für einige Momente der Held oder die Heldin zu sein, schinden sich Athleten vier Jahre lang. Sebastian Brendel zum Beispiel. Er hat im Einer-Canadier über tausend Meter Gold gewonnen. Ein Journalist beschreibt, was er dafür auf sich nehmen musste: "Ehefrau Romy und die zweijährige Tochter Hanna haben ihren Ehemann und Papa in den vergangenen Monaten nur selten gesehen. Ein Trainingslager reihte sich an das nächste. Wer Olympiasieger werden will, der muss sich schinden, der muss tiefe Einschnitte in seinem Privatleben aushalten. Das ist nicht immer einfach, doch Sebastian Brendel weiß, dass es nicht anders geht.
Allein im vergangenen Jahr hat er viertausend Kilometer auf dem Wasser abgespult. 20 bis 25 Stunden hat er Woche für Woche trainiert. Hinzu kommen noch die vielen Stunden, in denen er sich von Physiotherapeuten pflegen lässt, damit der Körper eine solche Belastung durchstehen kann. Es ist eine brutale Plackerei. Vom Start bis ins Ziel muss Brendel im Wettkampf auf den tausend Metern etwa 260-mal das Stechpaddel in Wasser treiben. Etwa fünfzig Kilogramm bewegt er mit jeder Schaufel, das ergibt insgesamt rund dreizehn Tonnen. So viel schafft in derart kurzer Zeit nicht einmal ein Bagger." (Thomas Lelgemann, NRZ 09.08.2012)
Die deutschen Männer und Frauen in den Booten haben einige Medaillen geholt. Wie kommt es, dass die deutschen Kanuten so gut sind? Dafür gibt es eine Erklärung: "Die Kanu-Erfolge sind das Ergebnis sehr gut durchdachter Planung. Nur die Besten fahren zu Olympia. Die beiden Olympiasieger im Zweier-Canadier mussten in der nationalen Qualifikation die amtierenden Weltmeister ausschalten. Das war bitter für die Weltmeister, auch sie hätten in London möglicherweise Gold geholt. Aber da es nur einen Startplatz gibt, sind die Sieger zu Olympia gefahren."
Brutal wie das Training, ist auch die Auslese. Bei der Jagd nach Medaillen haben nur die Besten der Besten eine Chance, an den Start zu kommen.
Wenn die olympische Flamme erloschen ist und das Fernsehen sich wieder ganz dem Fußball und der Formel 1 zuwendet, dann verschwinden all die sogenannten Randsportarten wieder aus dem Blick der Öffentlichkeit. Auch die Medaillengewinner werden nicht berühmt und können ihre Erfolge nicht finanziell versilbern. Warum nehmen sie dann diese Plackerei und den harten Konkurrenzkampf auf sich?
Franziska Weber hat sich im Vierer Silber und im Zweier Gold geholt. Sie sagt: "Wenn du paddelst, dann machst du es nicht, weil du reich werden willst. Ich bin auch so glücklich. Ich bin Kanutin, weil es mir Riesenspaß macht." (NRZ 10.08.2012) Besonderen Spaß macht es natürlich, wenn man nach dem Wettkampf auf dem Treppchen steht.
Die Stabhochspringerin Silke Spiegelburg hat eine ganz andere Erfahrung gemacht. Sie wurde Vierte in ihrem Wettkampf. Als sie bei ihrem letzten Sprung scheiterte, weinte sie schon in der Luft. Unten auf der Matte rief sie unter Tränen: "Wieder Vierte, warum immer Vierte?" Vierte zu werden bedeutet, nichts Reales nach Hause zu tragen, das man bis zum Lebensende in den Händen wenden kann. Vierter Platz, das sind vier verschenkte Jahre, in denen die Athletin dafür geackert hat, endlich einmal nicht Vierte, sondern Dritte, Zweite oder Erste zu werden. "Ich weiß nicht, was ich zerstört hätte, wenn ich auf dem Heimweg nur meine Teilnahmekarte um den Hals gehabt hätte", sagte der Beachvolleyballer Julius Brink. Er hat sich zusammen mit seinem Partner Jonas Reckermann selbst unter den starken Druck gesetzt, eine Medaille zu holen. Bekanntlich haben die beiden nach einem mitreißenden Finale Gold gewonnen.
Unter großen Druck hat sich auch Pascal Behrenbruch gesetzt. In Helsinki ist er im Zehnkampf Europameister geworden. Vor den Olympischen Spielen hat sich selbst zum Medaillen-Kandidaten erklärt. Doch schon am ersten Wettkampftag scheiterte er an seinen großen Ankündigungen. Er blieb weit hinter den eigenen Erwartungen und Bestleistungen zurück. Nichts gebracht hat ihm sein Sondertraining in Estland. Mit leeren Händen ist er nach Hause gefahren.

Sich selbst und anderen Menschen etwas beweisen, Aufmerksamkeit und Anerkennung bekommen, dafür strengen sich viele Athleten jahrelang an. Die Öffentlichkeit in Gestalt der Medien bejubelt die Erfolgreichen und geht mit den Erfolglosen hart ins Gericht. Viel Negatives ist geschrieben worden über die Schwimmer, die sich mit einer einzigen Medaille zufrieden geben mussten.

Der Sport, so wird oft gesagt und geschrieben, ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Immer höher, weiter, schneller, das ist die Anforderung an die Sportler. Die wird auch in der Gesellschaft an viele Menschen gestellt, die sich in der Ausbildung oder im Arbeitsleben befinden. In allen Bereichen der Gesellschaft müssen Menschen sich ständig verbessern, um besser zu sein als andere. Denn das große Ziel heißt Wachstum. Die Wirtschaft muss wachsen. Auch die Kirche soll wachsen. Dafür müssen sich alle anstrengen.

Dies scheint ein Gesetz unserer Gesellschaft zu sein:
Nur wer sich anstrengt, wird geliebt und anerkannt. Nur wer etwas leistet, wird belohnt. Nur wer flexibel ist und bereit, sich ständig zu verbessern, bekommt einen Platz in der Gesellschaft zuerkannt.
"Wer nur den lieben langen Tag ohne Plag´, ohne Arbeit vertändelt, wer das mag, der gehört nicht zu uns." Dieses Volkslied habe ich in der Grundschule gelernt. Der Inhalt gilt heute noch wie vor fünfzig Jahren.

Nun stellt Paulus dem Gesetz unserer Zeit - immer höher, immer weiter, immer schneller, immer besser -etwas entgegen: "Wir wissen, dass kein Mensch vor Gott bestehen kann, weil er das Gesetz befolgt. Nur die finden bei Gott Anerkennung, die in vertrauendem Glauben annehmen, was Gott durch Jesus Christus für uns getan hat."
Bei Luther heißt es: "Nicht durch Werke des Gesetzes wird der Mensch gerecht, sondern durch den Glauben an Jesus Christus".
Keine Leistung, und sei sie noch so großartig, kann einem Menschen dauerhaft Anerkennung bringen. Er selbst wird nicht bis zum Lebensende davon zehren können. Sicher ist es ein großes Glücksgefühl, für einen Moment der Held zu sein und ganz vorn im Rampenlicht zu stehen. Aber das Licht verblasst schnell, und bald interessieren sich nur noch ein paar wenige für die großartige Leistung.
Oft übersehen wird auch die Kehrseite des Erfolgs: Viele Spitzensportler werden magersüchtig, ruinieren ihren Körper und ihre Gesundheit oder verletzen sich beim Training derart, dass sie ihr weiteres Leben im Rollstuhl verbringen müssen.

Um bei Gott Anerkennung zu finden, muss sich kein Mensch anstrengen. Es reicht, im Glauben anzunehmen, was Jesus Christus für uns getan hat. Bei allem, was er gesagt und getan hat, ging es um das eine: Menschen spüren lassen, dass sie Gottes geliebte Kinder sind. Wenn ein Mensch das erkennt, dann spürt er auch die Kraft in sich, die Gott ihm schenkt: Die Kraft, heil zu werden, aufzustehen, die eigenen Gaben und Fähigkeiten zur Entfaltung zu bringen. Die Liebe Gottes, auch das hat Jesus gezeigt, ist an keine Bedingung und an keine Vorleistung gebunden. Es ist seine Gnade, dass er uns alle zu Angehörigen seines Volkes macht.

Paulus nimmt in seinem Schreiben an die Gemeinden in Kleinasien Bezug auf einen Konflikt mit Petrus und der Gemeinde in Jerusalem. Dort gab es lautstarke Stimmen, die sich für die Einhaltung bestimmter Gesetze aussprachen. Wer zum Volk Gottes gehören will, so sagten die Leiter der Jerusalemer Gemeinde, allen voran Petrus, der muss bestimmte Essensvorschriften einhalten und sich als Mann beschneiden lassen. Diese Vorschriften sollten auch für die Nicht-Juden gelten, die durch die Missionsarbeit des Paulus zum Glauben an Jesus Christus gekommen waren.
Dagegen wehrt sich Paulus mit aller Kraft. Er hält den Jerusalemern vor: Ihr macht das Gesetz zu einer Hürde. Diese Hürde muss überwinden, wer zum Volk Gottes gehören will. Jesus Christus hat aber jedes Hindernis abgebaut, das Menschen von Gott trennt.
Er hat Menschen freien Zugang zu dem himmlischen Vater ermöglicht.

Diese Erkenntnis hat Martin Luther nach langem inneren Ringen von seinen Seelenqualen befreit. Diese Erkenntnis wurde zur Grundlage unserer evangelischen Kirche: Wir müssen uns die Anerkennung bei Gott nicht verdienen, sie wird uns im Glauben an Christus geschenkt.
Das meint das von Paulus oft gebrauchte Wort "gerecht". Gerecht sein vor Gott, das bedeutet angenommen sein, als Mensch, als Person anerkannt sein.
Wer an Christus glaubt, lebt aus der Gewissheit, bedingungslos geliebt und angenommen zu sein.
Paulus ist so sehr davon erfüllt, dass er schreiben kann: "Ich lebe, aber nicht mehr ich, sondern Christus in mir."
Christus, das ist die Kraft Gottes in mir - wirkliche, erfahrbare Kraft, die mich sein lässt, wie ich bin, und doch zugleich verwandelt - die mich standhalten lässt, die mir hilft, auch schwierige Situationen auszuhalten und durchzustehen, die mir hilft, meine Fehler und Schwächen, und die der anderen, mit den Augen der Barmherzigkeit anzusehen, die mich erneuert und lebendig macht, erfüllt und belebt.

Ich bin von Gott angenommen und anerkannt. Dieser Glaube kann uns eine innere Ruhe schenken. Wir müssen um Anerkennung nicht kämpfen, uns nicht dafür anstrengen. Sie ist geschenkt. So wie wir sind, sind wir Gott recht.
Diese Gewissheit befreit von allem Erwartungsdruck, den ein Mensch sich selbst auferlegt oder dem andere ihm auferlegen. Aus dieser Freiheit wächst die Kraft, zur Entfaltung zu bringen, was in einem steckt, die eigenen Möglichkeiten mit Leben zu erfüllen. Der Lahme, der Jesus vor die Füße gelegt wird, bleibt nicht lahm. Er steht auf, fängt an zu laufen, zu springen und zu tanzen. Er wird nun ein ganz anderes Leben führen als vorher. So verwandelt einen Menschen der Glaube, den Jesus in ihm geweckt hat.

Manch einer der Medaillengewinner hat angefangen, Sport zu treiben, weil es ihm Spaß macht. Dann hat er gespürt, was er kann, und dafür trainiert, sein Können zu verbessern. Es macht ihm immer noch Spaß, sich mit den Besten der Welt zu messen. Solchen Spaß haben die Beachvolleyballer vermittelt.
Aber wenn jemand sich immer weiter schindet, weil andere es von ihm erwarten, wenn jemand sich selbst unter den Druck stellt, unbedingt gewinnen zu müssen, dann kann das nicht gut sein.
China ist dafür ein Extrembeispiel. In den Schulen werden die Kinder auf ihre Talente hin begutachtet. Wenn ein Kind das Talent mitbringt, einmal Medaillengewinner zu werden, wird es seiner Familie weggenommen und in ein Trainingslager gesteckt.

Wu Minxia ist eine von ihnen. Sie hat in London zwei Goldmedaillen gewonnen, im Einzel- und im Synchronspringen vom Drei-Meter-Brett. Mit zwölf verließ sie ihr Elternhaus, um zur Wasserspringerin geformt zu werden. Ihr Vater hat einer chinesischen Zeitung ein Interview gegeben. Darin hat er erzählt, er habe seiner Tochter erst jetzt nach den Wettkämpfen gesagt, dass ihre geliebten Großeltern gestorben seien. Gestorben vor über einem Jahr. Nichts sollte die Tochter aus dem Konzept bringen auf dem Weg zur Goldmedaille. "Wir haben vor langer Zeit akzeptiert, dass sie nicht mehr zu uns gehört", sagte der Vater.
Wu Minxia ist kein Einzelfall. Als die Eltern des Gewichthebers Lin Qingfeng ihren Sohn im Fernsehen sahen, haben sie ihn erst gar nicht erkannt. Erst als der Kommentator den Namen sagte, begriffen sie. Ihr Sohn ist Olympiasieger. "Aber es ist lange her", erzählte sein Vater, "dass er mal zu Hause gegessen hat." Seit sechs Jahren haben die Eltern ihren Sohn nicht mehr gesehen.
Es regt sich Widerspruch gegen diese Art, Menschen so abzurichten. Darf "unsere Sucht nach sportlichem Gold" wirklich so weit gehen, fragte ein bekannter chinesischer Journalist. (SZ 11.08.2012)
Nein, sagen wir mit Paulus, so weit darf es nicht kommen. Es darf auch nicht dazu kommen, dass Menschen krank werden, weil sie dem Erwartungsdruck nicht genügen, den sie selbst und andere Menschen auf sie ausüben. Kein Mensch soll nur deshalb etwas Bestimmtes tun, weil andere es erwarten.

Der Glaube befreit Menschen grundsätzlich davon, sich selbst und anderen durch Leistung etwas beweisen zu müssen. Was im Leben trägt, was Halt gibt und Trost in schweren Lebenslagen, das kann sich keiner durch irgendeine Leistung erarbeiten, das wird uns im Glauben geschenkt.