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Predigt am Altjahrsabend 2012
Hebräer 13,14
(Jahreslosung 2013)
 

´Was will ich noch machen mit meinem Leben?`, fragt sich mein Schwager, der im nächsten Jahr sechzig Jahre alt wird. Der beiden Jungen sind aus dem Haus. Er wird bis zu seinem Ruhestand noch sechs Jahre arbeiten. ´Was nun? Lebe ich einfach so weiter wie bisher? Oder suche ich noch einmal eine ganz neue Herausforderung?` Welcher Art diese Herausforderung sein könnte, weiß er noch nicht. Er ist auf der Suche. Mein anderer Schwager ist im vergangen Oktober sechzig Jahre alt geworden. Er hat schon seine Herausforderung, nämlich die, sein Leben ohne die Frau zu gestalten, mit der er Leben und Arbeit geteilt hat. Sie ist vor zwei Jahren ganz plötzlich gestorben.
Ich selbst mache mir zur Zeit keine Gedanken darüber, wie ich die nächsten zehn, zwanzig Jahre meines Lebens gestalte. Mein vorrangiges Ziel und mein Wunsch ist es, erst einmal richtig gesund zu werden.
Was uns drei eint, ist die Erfahrung, dass ein Lebensabschnitt zu Ende geht oder zu Ende gegangen ist. Da ist etwas unwiederbringlich vorbei.
Ein Kollege, der wie ich in diesem Jahr mit einer schweren Krankheit zu tun hatte, sagte: "Ich habe das Gefühl der Unsterblichkeit verloren." Er war, bis er plötzlich erkrankte, fit und gesund. Dass er mal krank werden könnte, dieser Gedanke kam ihm gar nicht. Aber nun ließ ihn die Erkrankung spüren, dass auch er verletzlich ist und sein Körper nicht mehr alles mitmacht, was er ihm zumutet. Der Körper zwingt ihn dazu, die Lebens- und Arbeitsweisen zu verändern und die Belastungen zu senken.

"Wir haben hier keine bleibende Stadt." Diese Erfahrung teilen wir alle am Ende des Jahres. Nichts ist von bleibender Dauer. Auch dieses Jahr ist unwiederbringlich vorbei. Ein weiteres Jahr unseres Lebens. Für manche ein Jahr wie viele andere Jahre auch. Für andere ein besonders schweres Jahr.

Wenn wir einmal von uns selbst absehen und auf das große Ganze blicken, drängt sich der Eindruck auf: es geht nicht nur ein Jahr vorbei, sondern eine ganze Periode. Da ist auch etwas unwiederbringlich zu Ende gegangen. Der Glaube an den freien Markt und seine Selbstheilungskräfte hat sich als Täuschung herausgestellt. Der Glaube daran, dass Regierungen zum Wohl des Volkes tätig sind, bröckelt und ist dabei, verloren zu gehen.

"So viel Rettung war nie", schrieb Chefredakteur Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung am 24. Dezember.
"Das Jahr 2012 war das Jahr der Rettung. So viel Rettung war nie; in jeder Nachrichtensendung wurde gerettet: der Euro, Griechenland, Europa, das Geld, die Banken, die Wirtschaft, das System und seine Glaubwürdigkeit. Das Vertrauen natürlich auch: das Vertrauen der Märkte darauf, dass sie gut bedient werden; das Vertrauen der Bürger, dass sie ebenfalls gut bedient werden; und das Vertrauen darauf, dass beides gut zusammenpasst, auch wenn es nicht zusammenpasst.
Die Euro-Rettung geschieht nicht in Solidarität mit den Nicht-Betuchten. Sie ist eine verrückte Rettung. Mit dem Reden von der Rettung wird so getan, als ginge es um die Menschen. Gerettet werden aber Schuldverhältnisse, Finanzbeziehungen, Machtgefüge, Wirtschaftssysteme; sie sollen überleben. Ob und wie Menschen dabei überleben, ist zweitrangig. Bei den Nachrichten aus den Ländern Südeuropas über die Folgen der Sparprogramme erinnert man sich an einen medizinischen Kalauer, der hier bittere Realität wird: Operation gelungen, Patient tot. In Europa werden nicht Menschen, sondern Machtgefüge gerettet."
So weit Heribert Prantl.
Mein Gefühl ist: Viele Menschen spüren, dass sie von den meisten Politikern in Regierungsverantwortung nur noch belogen werden. Viele Menschen empfinden eine wachsende Unsicherheit. Die Frage, die mein Schwager an sein eigenes Leben stellt, die richtet unsere gesamte Gesellschaft sich selbst: Wie soll es weitergehen? Einfach weitermachen wie bisher? Das wäre verhängnisvoll. Heribert Prantl sieht es so: "Irgendetwas geht seinen Gang. Das Gefühl, dass etwas in Europa ungut seinen Gang geht, dass Europas Zukunft an mangelnder Solidarität zerbrechen könnte, ist schlimm genug.
Hannelore Kraft, unsere Ministerpräsidentin, beschreibt in einem Interview der NRZ am 24. Dezember die gegenwärtige Entwicklung so: "Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Wenn diese Entwicklung anhält, gehen wir in eine schwierige Zukunft. Deshalb muss es uns gelingen, diese Schere wieder mehr zu schließen. Sonst ist der Zusammenhalt der Gesellschaft nicht zu gewährleisten."

"Wir haben hier keine bleibende Stadt." Das weltweite Wirtschaftssystem, das es Einzelnen ermöglicht, sich hemmungslos auf Kosten der Allgemeinheit zu bereichern, hat begonnen, wie ein Krebsgeschwür die Gesellschaften von innen her zu zerstören. Die weltweite Völkergemeinschaft steht vor der großen Herausforderung, das Zusammenleben neu zu ordnen. Neue Regeln für das Zusammenleben müssen geschaffen und durchgesetzt werden.

"Wir haben hier keine bleibende Stadt,
sondern die zukünftige suchen wir."
Mein Schwager weiß noch nicht, was er in den verbleibenden zwanzig Jahren seines Lebens Neues anfangen will. So scheint es in unserer gesamten Gesellschaft zu sein. Niemand weiß so richtig, was und wie neu begonnen werden muss. Die regierenden Parteien wollen weitermachen wie bisher. Das kann nicht der richtige Weg sein.
Das Ziel, auf das hingearbeitet werden muss, heißt Gerechtigkeit. Hannelore Kraft nennt ein paar Schritte dahin: "Dazu müssen wir richtige Entscheidungen treffen, wie einen gesetzlichen Mindestlohn als Reißleine nach unten, wie der Kampf für gute Arbeit, wie eine anständige Rente statt Almosen."
Wenn wir unser Bild betrachten, sehen wir auf der linken Seite in einem hellen Licht die Umrisse von einigen Gebäuden. Die Kuppel direkt neben der blauen Bildfläche könnte auf den Felsendom in Jerusalem verweisen, der in der Mitte der Stadt befindliche Turm auf eine der zahlreichen Kirchen in der Stadt.
Der Verfasser des Hebräerbiefes denkt an das neue Jerusalem, wenn er von der zukünftigen Stadt spricht, die wir suchen. Jerusalem, die Stadt des Friedens, in der die Seele Ruhe findet. Diese Stadt ist allerdings nicht mit Händen gemacht, nicht von Menschen geschaffen, sondern von Gott selbst. Eine Stadt, deren Schönheit nicht von dieser Welt ist (Hebr. 9,11).
Im Vordergrund rechts, inmitten der dunklen blauen Fläche sehen wir zwei Personen. Ihre Gesichter sind nur angedeutet. Zu erkennen ist, dass sie der Stadt in dem hellen Licht den Rücken zugewandt haben und genau in die entgegengesetzte Richtung schauen.
Das entspricht der hebräischen Vorstellung von der Zeit.
Im hebräischen Denken kommt die Zeit von hinten her auf den Menschen zu. Auch die Zukunft kommt von hinten auf uns zu.
Im griechischen Denken liegt die Zeit vor uns und läuft von uns weg. Mit der jeweiligen Vorstellung verbindet sich ein bestimmtes Gefühl: im Hebräischen ein dankbar empfangendes, eher unbesorgtes. Um die Zukunft zu sehen, muss der Mensch sich umwenden, umkehren, das Weitermachen wie bisher unterbrechen. Im Griechischen greift dagegen eher ein Verlustgefühl Raum, mit dem Impuls, etwas festhalten zu müssen, etwas zu versäumen, der vergehenden Zeit hinterher zu rennen.
Die künftige Stadt kommt, wenn wir dem hebräischen Denken folgen, von hinten her auf uns zu. Das deutet das Bild dadurch an, das ein Lichtschein in den Rücken der beiden Personen fällt. Von hinten her sind sie mit Licht umgeben. Die Zukunft holt uns immer wieder ein. Wir können sie nicht machen. Wir können auch unsere Kirche nicht zukunftsfähig machen, wie es mit zahlreichen Programmen versucht wird. Die Zukunft kommt vielmehr ohne unser Zutun auf uns zu. Wir können sie nur dankbar empfangen.

Unsere Suche nach der zukünftigen Stadt ist also mehr ein Warten darauf. Dem Hebräerbrief zufolge sind wir das wartende Gottesvolk. Wir können das künftige Jerusalem nicht durch eine noch so große Anstrengung errichten. Wir dürfen warten. Auf Jesus Christus, den Anfänger und Vollender des Glaubens, der gestern, heute und in Ewigkeit derselbe ist, wie es im Hebräerbrief (12,2 und 13,8) heißt.

Warten heißt allerdings nicht, die Hände in den Schoß legen. "Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist", heißt es im Hebräerbrief (12,1) Bei unserem Lauf sollen wir aufsehen zu Jesus, uns von ihm Kraft geben und leiten lassen.
Dazu brauchen wir Zeiten der Einkehr. Wer Einkehr hält, kann Atem holen, Kraft schöpfen, sich stärken, trösten und ermutigen lassen. Dafür sind die Kirchen und Kapellen da. Sie sind so etwas wie "die Gasthäuser Gottes, Orte der Ruhe", (Nikolaus Schneider) Vororte der ewigen Stadt, nach der wir suchen. Unsere Kirche mit den Gottesdiensten, die wir hier feiern, ist ein Ort der Einkehr. Hier können wir auftanken, uns ausruhen und stärken lassen auf unseren Lebenswegen.
Einkehr scheinen auch die beiden Gestalten auf unserem Bild zu halten. Sie stehen still.
In den letzten Stunden dieses Jahres halten auch wir inne. Wie die beiden Gestalten auf dem Bild hat uns Dunkelheit umgeben an manchen Tagen dieses Jahres. Vielleicht haben wir dabei manchmal auch ein Licht in unserem Rücken gespürt, das erwärmt und die Dunkelheit ein wenig heller gemacht hat.

Wie wird es im neuen Jahr weitergehen? Die Jahreslosung ermutigt dazu, jeden Tag dankbar aus Gottes Hand zu nehmen. Jeder Tag hat seine eigene Herausforderung. Ich bin froh, wenn ich leben darf und wenn ich dabei die Erfahrung mache, dass Menschen gemeinsam auf der Suche sind nach dem, was Halt und Hoffnung gibt und das Leben erfüllt.
"Behütet Euch gegenseitig, das Leben lohnt es", so hat mein Schwager in einer Mail zu Weihnachten geschrieben. Das ist auch mein Wunsch für uns als Gemeinde: Dass wir uns gegenseitig behüten und immer wieder bestärken auf unseren Wegen durch das neue Jahr.