zur Übersicht
Predigt am 20. Januar 2013
Johannes 12,34-36
Letzter Sonntag nach Epiphanias
 

Es ist ein harter Kontrast, den uns das Kirchenjahr zumutet. Gerade noch haben wir Weihnachten gefeiert, die Geburt des göttlichen Kindes in Bethlehem. Nun ist schon von dessen bevorstehendem Tod die Rede. Der Text, der uns heute zum Nachdenken aufgegeben ist, handelt vom letzten öffentlichen Auftreten Jesu. Danach ging er weg, und die Leute sahen ihn nicht mehr, heißt es am Ende des Abschnitts.
"Glaubt an das Licht, solange ihr´s habt", hat er den Leuten noch zugerufen. So wie Johannes es in seinem Evangelium erzählt, ist das sein Testament, sein letztes, an die Öffentlichkeit gerichtetes Wort.
Ein Wort, das wir gut hören können. Das Licht der Weihnachtszeit ist längst ausgegangen. In der Kirche steht noch der Baum, aber wir sehen ihn nicht mehr. Das Licht ist nur für kurze Zeit bei uns gewesen.
So war es auch, als Jesus als Mensch mit Fleisch und Blut unter den Menschen gelebt hat. Nur für kurze Zeit war er da. Und dann war er weg.
Und die Leute sagen zu Jesus: ´Aus der Heiligen Schrift haben wir doch gehört, dass der Christus, der Messias, der von Gott gesandte Retter in Ewigkeit bleibt. Wie kann das sein, dass er stirbt? Wer bist du überhaupt?`
Propheten haben angekündigt, dass der Messias sein Reich aufrichtet, in dem die Menschen friedlich zusammen leben, und dass dieses Reich ewig bleiben wird. Davon war damals zu Jesus Zeiten wenig zu sehen. Davon ist bis heute wenig zu sehen. Das Reich, in dem Frieden und Gerechtigkeit sich küssen, in dem alle Menschen genug zum Leben haben, dieses Reich gibt bis heute nirgendwo. Dies ist der stärkste Einwand, der gegen den Glauben an Jesus Christus als das Licht und den Erlöser der Welt spricht. Die Welt ist nach wie vor unerlöst. Nichts spricht dafür, dass sie jemals erlöst sein wird. Zumindest nicht, solange Menschen leben.
Deshalb konnten sich schon damals, zu Jesu Lebzeiten und kurz danach, die meisten Menschen nicht vorstellen, dass er der von Gott gesandte Retter sein soll. Die große Mehrheit des jüdischen Volkes glaubte das nicht. Der Evangelist Johannes hatte damit ein großes Problem. Er musste erklären, warum das, was die meisten Mitmenschen für kompletten Unsinn halten, doch die Wahrheit ist.
Vor diesem Problem stehen wir bis heute. Auf dem Papier gehören immer noch sehr viele Menschen in unserem Land einer Kirche an. Aber die Zahl schrumpft. Und die Menschen, die sich als gläubige Christen bezeichnen, sind schon lange eine Minderheit. Die Frage, die auch wir immer wieder für uns selbst beantworten müssen, lautet: Was gibt uns Grund, trotz aller Finsternis in der Welt zu glauben, dass mit Jesus das Licht gekommen ist, das der Welt einen neuen Schein gibt?
Der Evangelist Johannes nimmt den Einwand ernst, der gegen diesen Glauben spricht. Er sagt: Ja, Jesus ist am Kreuz gestorben, und das ewige Friedensreich ist nicht da. Und zahlreiche Menschen sind von Finsternis umgeben und wissen nicht, wohin sie gehen. Sie tappen im Dunkeln, haben keinen Plan und kein Ziel.
Das alles ist überhaupt nicht zu bestreiten. Aber. Trotz aller Finsternis und aller negativen Erfahrungen, die gegen den Glauben sprechen, beharrt Johannes darauf: Jesus ist das Licht, das in die Welt gekommen ist. Dieses Licht ist aber nur für Menschen zu sehen, die es sehen wollen, die sich im Glauben dafür öffnen. Nur mit den Augen des Glaubens kann man es sehen.
Aber was heißt nun glauben?
Der Glaube ist etwas, das man nicht kaufen kann. Man kann ihn auch nicht haben wie etwas, das man besitzt. Der Glaube ist kein Besitz. Er ist immer ein Geschenk. Mit dem Glauben geht es wie mit jedem Geschenk: Man kann es achtlos liegen lassen oder man kann es in Gebrauch nehmen und sich daran freuen, dass einem jemand mit diesem Geschenk seine liebevolle Zuneigung gezeigt hat. Indem er uns den Glauben schenkt, zeigt uns Gott seine liebevolle Zuneigung. Nun ist es an uns Menschen, was wir damit machen.
Johannes gibt seinen Lesern und Zuhörern, seinen Leserinnen und Zuhörerinnen eine Bedienungsanleitung für den Umgang mit dem Geschenk des Glaubens: "Wandelt im Licht, solange ihr es habt." "Wandelt" - das ist ein altes Wort, das heute kaum mehr in Gebrauch ist. Neuere Übersetzungen schreiben: "Geht euren Weg, solange ihr das Licht habt." Damit auch alle verstehen, was er meint, sagt er das gleiche noch einmal mit anderen Worten: "Glaubt an das Licht, solange ihr es habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet."
Es geht also darum, dass wir uns bei unserem Tun und Lassen orientieren an dem Licht, das von Jesus ausgeht. Es geht darum, im Glauben unseren Weg zu gehen, im Vertrauen darauf, dass Jesus bei uns ist mit seinem Heiligen Geist, der tröstet und Mut macht. Dabei wissen wir von Dietrich Bonhoeffer: Er gibt uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. Das ist es, was uns der Glaube zumutet: Er gibt uns keine Sicherheit, keine Garantie. Bauen können wir darauf, dass viele Menschen die Erfahrung gemacht haben: Wer im Vertrauen auf Jesus Christus seinen Weg geht, wird nicht enttäuscht. Und selbst wenn der Weg durch ein finsteres Tal geht, Jesus bleibt an der Seite und weist mit seinem Licht einen Weg durch das Tal hindurch.

Ich habe die Geschichte von einem Mann gelesen, der sich lange Zeit in einem finsteren Tal befand. Es waren Jahre der Krankheit und Niedergeschlagenheit. Zahlreiche Ärzte hat er aufgesucht, Therapien gemacht - nichts hat wirklich geholfen. Schließlich hat er versucht, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen. Trotz allem hat er jeden Tag diesen Psalm gebetet: "Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln." Er sah kein Licht mehr, alles um ihn herum und in ihm war nur noch finster. Aber tief in seinem Inneren, vermutlich für ihn selbst verborgen, war auch noch ein Funken Hoffnung. Dieser kleine Rest von Hoffnung ließ ihn festhalten an dem alten Gebet, das schon so vielen Menschen Trost und Halt gegeben hat. Eines Morgens dann, schreibt er, sei ihm plötzlich ein Licht aufgegangen. Er sprach wie jeden Morgen den Psalm vor sich hin, wo es dann im vierten Vers heißt: "Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich." Bei diesem Satz hatte er das Gefühl, als breite sich ein Licht in ihm aus. Es sei hell und warm in ihm geworden, das habe er richtig gespürt. Er schreibt: "Da wusste ich plötzlich: Ich bin wirklich nicht allein." Von diesem Moment an habe sich sein Leben geändert. Der Mann schöpfte wieder Hoffnung. "Langsam, Schritt für Schritt, bin ich wieder auf die Beine gekommen", schreibt er. Er kann inzwischen sgogar wieder arbeiten. (Die Geschichte ist von Melanie Kirchstein, Pastorin in Hamburg-Winterhude in Andere Zeiten, Magazin zum Kirchenjahr 1/2013, S. 17)
"Wandelt, geht euren Weg, solange ihr das Licht habt", schreibt der Evangelist Johannes, "werdet Kinder des Lichtes."
Was dabei hilft, macht die Geschichte von diesem Mann deutlich: Der Rückgriff auf Texte der Glaubenstradition. In diesen Texten wohnt eine Jahrtausende alte Hoffnung, von unzähligen Menschen gesprochen. Viele Jahre hat sich da einer sehr allein gefühlt in seinem Seelendunkel. Trotzdem hat er festgehalten an diesem alten Gebet, das der Verzweiflung trotzt und sagt: Du bist nicht allein. Es gibt Licht auch für deine Dunkelheit.

Unser Presbyterium unternimmt jedes Jahr ein gemeinsames Wochenende. Vorher verabreden wir immer ein bestimmtes Thema, über das wir sprechen wollen. Bei unserem letzten Wochenende ging es um die Frage: Was gibt uns Halt, woraus schöpfen wir Kraft und Hoffnung, was lässt uns ein Licht sehen in aller Dunkelheit, die uns manchmal umgibt?
Alle haben sich zu Hause Gedanken dazu gemacht und diese dann den anderen in einer Gesprächsrunde zur Verfügung gestellt. Herausgekommen ist eine Sammlung von Bibelversen, Liedversen und anderen Texten. "Kraftquellen - Rast- und Ankerplätze christlichen Lebens", hat sie einer unserer Mitpresbyter genannt. Aus diesen Quellen schöpfen wir Ermutigung, Vertrauen und Geborgenheit. Der Psalm von dem guten Hirten gehört dazu genauso wie das Gedicht von Dietrich Bonhoeffer "Von guten Mächten" und sein Glaubensbekenntnis, das wir vorhin gemeinsam gesprochen haben. Während wir uns unsere Texte und unsere persönlichen Gedanken dazu vorstellten, hatten wir das Gefühl, das ein Licht in dieser Runde zu leuchten anfing. Von außen schien eine Weile die Sonne in den Raum, bevor sie dann hinter den Hügeln verschwand. Innen drin breiteten sich Licht und Wärme aus, weil die Menschen in der Runde sich füreinander öffneten mit dem, was sie sagten und wie sie einander zuhörten. So wurde spürbar, was die Texte zusprechen: Vertrauen und Geborgenheit. Und davon ging eine große Ermutigung aus.

Die Welt ist unerlöst, das Reich Gottes ist heute genauso nah oder genauso weit entfernt wie damals, als Johannes sein Evangelium schrieb. In der Presbyterrunde erzählten einige Teilnehmer von ihrem persönlichen Leid. Den Frieden auf der Erde hat Jesus nicht gebracht. Und er nimmt uns auch die Lasten nicht ab, die wir persönlich zu tragen haben. Aber er gibt uns Kraft, die Lasten zu tragen. "Ich bin in die Welt gekommen als ein Licht, damit, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe." So sagt er.
Die Lichter von Weihnachten waren nur für eine kurze Zeit bei uns. Sie sind erloschen. Aber das Licht, das von Jesus ausgeht, bleibt. Wir sehen es nicht immer in gleicher Weise leuchten. Es gibt sicher auch Zeiten, in denen wir es gar nicht sehen. Auch das ist eine Erfahrung, die wir mit den Christen der Johannesgemeinde teilen. In solchen Zeiten kann uns das Licht der Sonne ein Beispiel sein. Mal sehen wir dieses Licht und mal nicht, dann ist es Nacht. Aber wir wissen, dass die Sonne da ist und wieder aufgehen und ein neuer Tag beginnen wird. So können wir auch in dunklen Stunden wissen, dass Jesus Christus mit seinem Heiligen Geist bei uns ist und unseren Weg erleuchtet.