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Predigt am 3. Februar 2013
Jesaja 55,6-12
Sexagesimae
 

Am heutigen Sonntag geht es um das Wort, nicht ir-gendein Wort. Es geht um das Wort Gottes. Das Wort, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben. So sagt es ein wichtiger Text unserer Kirche, die Barmer Theologi-sche Erklärung.
Lassen wir also zunächst das Wort für sich sprechen. Es steht im Buch des Propheten Jesaja. Wir hören:

Suchet den Herrn, solange er zu finden ist;
ruft ihn an, solange er nahe ist.
Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Übeltä-ter von seinen Gedanken und bekehre sich zum Herrn, so wird er sich seiner erbarmen, denn bei unserm Gott ist viel Vergebung.
Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken,
und eure Wege sind nicht meine Wege,
spricht der Herr,
sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde,
so sind auch meine Wege höher als eure Wege
und meine Gedanken als eure Gedanken.
Wenn Regen oder Schnee vom Himmel fällt, kehrt er nicht wieder dorthin zurück, ohne dass er etwas be-wirkt: Er durchfeuchtet die Erde und macht sie frucht-bar, sodass sie Korn für das tägliche Brot hervorbringt und Saatgut für eine neue Ernte.
So wird das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelin-gen, wozu ich es sende.
Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden.

Was hören wir, wenn wir diesen Prophetentext hören?
"Sucht den Herrn, solange er zu finden ist; ruft ihn an, solange er nahe ist." Ja, ist er denn nicht immer nahe? Will er sich nicht immer von uns finden lassen? Es gibt Zeiten, in denen Gott sich verbirgt. Jede und jeder unter uns kennt Zweifel: Ist Gott wirklich da? Manch-mal spürt man nichts von ihm, keine Kraft und keine Hilfe. Eine alte Frau erzählte mir vor kurzem, wie ihr Gott plötzlich ganz fremd geworden war. Sie war in ihrer Wohnung gefallen. Zum Glück hatte sie sich nichts gebrochen. Aber der Sturz hatte Spuren in ih-rem Gemüt hinterlassen. Bisher hat sie sich immer noch selbst in ihrer Wohnung um alles kümmern kön-nen. Auf einmal kam sie nicht mehr allein aus ihrem Bett heraus. Und wenn sie dann mit Hilfe der Tochter endlich auf einem Stuhl saß, konnte sie nicht von al-lein aufstehen. Sie hatte keine Kraft und keinen Mut mehr. "Ich konnte auch nicht mehr beten", sagt sie. In der Depression, in die sie gestürzt war, fand sie auch keinen Zugang mehr zu Gott. Gott war ihr nicht mehr nah, sondern fern. Sie fand ihn nicht mehr. Irgend-wann hat sie ihn dann wiedergefunden. Sie steht wie-der auf den Beinen, macht ihren Haushalt wie ge-wohnt und kann auch wieder beten.
Geholfen hat ihr dabei, dass sie eine Bindung zu Gott hatte. Ihr Leben lang hat sie Gott gesucht und gefun-den. Im Laufe ihres langen Lebens hat sie oft die Er-fahrung gemacht, dass Gott ihr nahe ist und hilft. Er hat ihr Kraft gegeben, ihr den Weg gewiesen und vie-les zum Guten gefügt. Dass Gott da ist und sie sich auf ihn verlassen kann, das wusste sie. Dieses Wissen blieb in ihrem Inneren auch in der Zeit, als sie keinen Zugang zu Gott fand. Es schlummerte eine Weile. A-ber eines Tages war es wieder wach. Jetzt kann sie Gott wieder anrufen und erfährt dabei, dass er nahe ist.

"Suchet den Herrn, solange er zu finden ist". Zu fin-den ist Gott für uns vielleicht am ehesten dann, wenn es uns gut geht. Dann freuen wir uns an unserem Le-ben, freuen uns an der Welt und ihrer Schönheit. Und dann spüren wir manchmal auch so etwas wie Dank-barkeit. Dankbarkeit dafür, dass wir leben und dass es so viel Schönes in der Welt gibt. In solchen Momen-ten der Dankbarkeit ahnen wir vielleicht auch, dass hinter all dem Schönen Gott steht, dass er die Quelle ist, aus der alles Leben fließt, auch unser eigenes Le-ben.
Wenn uns das bewusst wird, treten wir in Beziehung zu Gott. Diese Beziehung gilt es zu stärken. Das tun wir hier im Gottesdienst. Das kann jede und jeder für sich tun, indem er oder sie in der Bibel liest und im-mer wieder über sich selbst, das Leben und Gott nach-denkt. So wird aus der Ahnung eine Gewissheit: Gott ist da, er sorgt und kümmert sich um mich, er führt mich auf geheimnisvolle Weise durch mein Leben, und er wird ´s wohl machen.
Wenn diese Gewissheit durch die ständige Pflege der Beziehung zu Gott einmal da ist, dann geht sie nicht verloren in Zeiten, wo Gott unerreichbar fern er-scheint. Das hat die Geschichte von der alten Frau deutlich gemacht.

Allerdings ist es auch möglich für Menschen, die bis-her keine Beziehung zu Gott hatten, zu ihm zu finden. Davon spricht der nächste Vers:
"Der Gottlose lasse von seinem Wege und von seinen Gedanken und bekehre sich zum Herrn, so wird er sich seiner erbarmen, denn bei unserm Gott ist viel Vergebung."
Wer ohne Gott gelebt hat, kann sich jederzeit zu ihm hinwenden. Gott ist bereit zu vergeben. Er freut sich über jeden Menschen, der zu ihm findet.

Manchmal zweifeln wir an Gottes Dasein, wenn wir sehen, wie gottlos es an vielen Stellen auf unserer Er-de zugeht. In der Frauenhilfe war das zuletzt wieder einmal Thema. Da sagte eine: Die hungernden Kinder, das ist doch schrecklich. Warum hilft Gott nicht? Die vielen Kriege und Verbrechen, warum greift Gott nicht ein? Die bösartigen Krankheiten, warum lässt Gott die Menschen daran sterben? Wo ist da seine heilende Kraft und Nähe?
Diesen Zweifeln und Fragen tritt Gott entgegen, in-dem er dem Propheten diese Worte in den Mund legt:
"Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken,
und eure Wege sind nicht meine Wege,
sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde,
so sind auch meine Wege höher als eure Wege
und meine Gedanken als eure Gedanken."
Das heißt: Unsere menschlichen Wege sind oft nicht Gottes Wege. Die Ungerechtigkeit in der Welt ist von Menschen gemacht. Kein Mensch müsste hungern, wenn die Lebensmittel auf der Erde gerecht verteilt würden. Die Kriege sind von Menschen gemacht. Kein Mensch müsste durch Waffengewalt sterben, wenn die Völker es endlich schafften abzurüsten, statt immer neue Waffensysteme zu produzieren. Unser Land tut sich leider darin besonders hervor, Kriegs-waffen in alle möglichen Länder zu verkaufen. Auch viele Krankheiten sind von uns Menschen gemacht. Unsere Lebensweise und die Verschmutzung unserer Umwelt tragen mit dazu bei, dass Menschen krank werden. In vielen Ländern fehlt die Medizin, die hel-fen könnte, so dass Menschen sterben an Krankheiten, die heilbar sind. Unsere Wege sind nicht Gottes Wege.
Weil Gottes Gedanken andere sind, als unsere menschlichen Gedanken. Gott will, dass wir Men-schen in Frieden zusammenleben und dass allen ge-holfen wird, die Hilfe brauchen. Das sagt uns das Wort der Bibel klar und eindeutig. Leider können wir Menschen uns die Gedanken Gottes nicht zu eigen machen. Es fehlt uns dazu der Wille, die seelische Kraft, die Weite und Wärme des Herzens.
Die Menschheit leidet darunter, dass zu viele Men-schen nur und ausschließlich an sich denken. Sie ma-chen das, wovon sie selbst sich den größten Nutzen versprechen. Dabei ist es ihnen vollkommen egal, welchen Schaden sie anderen Menschen damit zufü-gen. Die Gier nach Macht und immer größerem Reich-tum ist zur alles bestimmenden Kraft auf unserer Erde geworden. Niemand in den Regierungen wagt es, sich dieser Gier ernsthaft entgegen zu setzen.

"So viel der Himmel höher ist als die Erde,
so sind auch meine Wege höher als eure Wege
und meine Gedanken als eure Gedanken."
Himmelweit sind wir Menschen entfernt von den We-gen, die Gott sich für uns ausdenkt hat. Wir könnten den Ball zu Gott zurückspielen und sagen: ´Du, Gott, hast uns Menschen doch geschaffen. Warum hast du uns nicht so geschaffen, dass wir deine Gedanken ver-stehen und uns danach richten können?` Darauf könn-te Gott erwidern: ´Ich habe euch Menschen den Ver-stand gegeben, damit ihr die Wege erkennt, die ich euch führen will. Ich habe euch Menschen mein Wort gegeben, mit dem ich euch die Richtung weise, in die ihr gehen sollt. Ihr müsst es nur auch tun. Ihr müsst euch nur auch an mein Wort und meine Weisungen halten. Aber das tut ihr nicht. Ich habe euch auch die Freiheit gegeben. Ihr könnt euch für oder gegen mich entscheiden. Ihr könnt euch entscheiden, meine Wei-sungen zu befolgen. Ihr könnt aber auch entscheiden, euch über meine Gebote hinwegzusetzen oder sie gar nicht zu beachten.` Und das tun wir Menschen viel zu oft. Wir meinen, selbst am besten zu wissen, was gut für uns ist, bedenken dabei aber nicht die Folgen und Nebenwirkungen.
Nun könnte man von menschlicher Seite wiederum einwenden: ´Wenn Gott uns Menschen die Freiheit lässt, zu tun und zu lassen, was wir wollen, wo bleibt er dann? Wenn er uns die Verantwortung übergibt für das, was wir aus dieser Erde machen, was tut er dann noch?`
Dagegen könnte Gott sagen: ´Ich bin weiterhin da. Ich begleite das Weltgeschehen. Ich begleite auch euer persönliches Leben. Ich bin da mit meinem Geist, der tröstet und Mut macht. Ich bin da mit meinem Wort, das lebt und spricht. Mit meinem Wort greife ich ein in eure menschliche Geschichte. Ich decke auf, was unrecht ist. Ich bringe geheime Absichten ans Licht.
Ich mache Menschen Mut zu tun, was in meinem Sin-ne ist. Ich lasse gottlose Wege ins Leere laufen. Denn mein Wort hat Macht.`
Damit sind wir beim letzten Abschnitt des Wortes, auf das wir heute hören wollen:

"Wenn Regen oder Schnee vom Himmel fällt, kehrt er nicht wieder dorthin zurück, ohne dass er etwas be-wirkt: Er durchfeuchtet die Erde und macht sie frucht-bar, sodass sie Korn für das tägliche Brot hervorbringt und Saatgut für eine neue Ernte.
So wird das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelin-gen, wozu ich es sende."

Gottes Wort bewirkt, was es sagt. Das hören wir aus diesen Sätzen. Der Vergleich mit dem Regen und dem Schnee weist darauf hin, dass die Wirkung des Got-teswortes nicht sofort zu sehen ist. Die Natur gibt uns gerade jetzt einen guten Anschauungsunterricht. Sträucher und Bäume sind noch kahl. Blumenzwie-beln und Samenkörner sind noch von der Erdschicht verdeckt. An manchen Stellen bricht schon ein grüner Halm durch die Erdoberfläche. An manchen Sträu-chern sind Ansätze von Knospen zu erkennen. Regen und Schnee haben die Erde gut durchfeuchtet. Sie wird demnächst wieder reichlich Korn und Früchte und blühende Blumen hervorbringen. Bis dahin müs-sen wir noch ein wenig Geduld haben.
Die brauchen wir auch, wenn wir sehen wollen, wie Gottes Wort wirkt. Regen und Schnee machen die Er-de weich und durchlässig. So macht Gottes Wort uns weich und durchlässig. Es weicht die harte Schale auf, mit der wir uns manchmal umgeben. Es macht uns durchlässig für den Segen, den Gott uns schenkt. Das Wort Gottes ist wie eine Quelle, aus der immerzu Er-mutigung und Zuversicht fließen. Es ist eine lebendige Kraft, die immerzu neue Lebenskraft wachsen lässt. Es ist ein Segen, der immerzu neue Hoffnung und neues Vertrauen entstehen lässt. Es lädt uns immer wieder ein, den Wegen zu folgen, die Gott durch Jesus Christus vorgezeichnet hat.
So können wir mit Freude unsere Weg gehen, weil Gott uns mit seinem Wort umhüllt und leitet.