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Predigt am 3. März 2013
1. Mose 16,1-16
Du bist ein Gott, der mich sieht
 

"Ich seh dich." Dieser Satz ging dem jungen Alex durch Mark und Bein. Er schreibt: "Achte Klasse, harte Zeit. Plötzlich sprudeln die Hormone durch den Körper wie Kohlensäurebläschen durch eine unter Hochdruck stehende Wasserflasche. Die Welt sieht sehr neu und teilweise plötzlich überraschend schön aus. Schule ist in dieser Lebensphase der alleruninteressanteste Lebensbereich. Und falls es noch eine Steigerung davon geben kann, dann ist es das Latein. Aber dann kam Herr Bauer.
Latein, das war bis dahin eine Art Folterkammer gewesen, randvoll mit immer neuen Quälnstrumenten. Grausam. Herr Bauer brachte erst mal Licht ins Dunkel, er räumte wochenlang n unseren Köpfen auf: Das hier ist ein Ablativ; so funktioniert eine Partizipialkonstruktion; und bis morgen bitte die Semideponentia. (Das sind Verben, die eine besondere Perfekt-Form haben.) Herr Bauer war streng. Klar. Konzentriert.
Das war aber nicht das Besondere. Hinter seiner Strenge leuchtete etwas. Ich weiß noch, wie er vorne am Pult saß, ruhig über den Rand des Lateinbuches schaute, und sagte: "Ich seh dich." Ich war gerade dabei, einen Zettel für meinen Freund Leo zu schreiben, weil wir am Nachmittag zum Baden gehen wollten, als Herr Bauer plötzlich diesen Satz sagte: "Ich seh dich." Ist mir damals schon der Doppelsinn dieses Satzes aufgefallen? Jedenfalls traf mich das. Der sieht mich. Und die lateinischen Sätze, die fingen in den Wochen darauf nach und nach von innen zu leuchten an. Wer hätte gedacht, dass ich mal grammatikalische Konstruktionen als schön empfinden würde?" (SZ 16.02.2013, Wochenende)

Gesehen werden, das ist ein Urbedürfnis von uns Menschen. Wir brauchen Anerkennung und Wertschätzung genauso wie das tägliche Brot. An Kindern kann man das sehr gut beobachten. Es gibt nichts Schlimmeres für ein Kind, als nicht gesehen zu werden. Ein Kind, das nicht genügend Wertschätzung erfährt, entwickelt Verhaltensweisen, um andere Menschen auf sich aufmerksam zu machen. Es fängt an zu nerven. Oder es bringt ganz besondere Leistungen, mit denen es bewundert wird. Oder es wird krank.
Die Erfolge der neuen Geräte, mit denen man immer und überall erreichbar ist, beruhen auf dem Bedürfnis der Menschen, gesehen zu werden. Ebenso die Erfolge der so genannten Internetgemeinschaften wie Facebook. Da kann jeder jederzeit anderen mitteilen, wo er gerade ist, was er gerade macht, und andere können darauf reagieren: Find ich gut. Ein Symbol klickt man dann an, den erhobenen Daumen. Das bedeutet so viel wie: Ich habe dich gesehen.
In der Zeitung lese ich in letzter Zeit häufig, dass viele Menschen, vor allem viele junge Menschen, ohne dieses dauernde Gesehen-Werden nicht mehr leben können. Sie müssen ständig online sein, das heißt über irgendein Medium zu erreichen. Und sie geraten schon in mittlere Verzweiflung, wenn sie ihr Gerät mal vergessen haben.

Was der junge Alex erlebt hat, war allerdings von ganz anderer Bedeutung als das Gesehen-Werden bei Facebook und anderen Medien. Der Herr Bauer, sein Lateinlehrer, hat ihn las jungen Menschen wirklich wahrgenommen. Er hat gesehen, dass er gerade mit anderen Dingen als dem Unterrichtsstoff beschäftigt war. Er hat auch gesehen, was in dem Jungen steckt. So hat er es geschafft, in dem Jungen eine Begeisterung zu wecken für ein Fach, das für ihn das alleruninteressanteste von allen war.

"Ich seh dich." In der Bibel gibt es eine sehr schöne Geschichte, die davon erzählt, wie Gott einen Menschen sieht. Hauptperson dieser Geschichte ist Hagar. Hagar war die Magd von Sara, der Frau Abrahams. Sara ist alt geworden und immer noch kinderlos. Dabei hat Gott ihr und ihrem Mann viele Nachkommen versprochen. Sie glaubt nicht mehr daran, dass sie selbst noch ein Kind bekommen kann.
Da tut sie etwas, das auch heute manche Menschen tun, deren Kinderwunsch unerfüllt bleibt. Hagar sucht sich eine Leihmutter. Dafür wählt sie ihre Magd Hagar aus. Hagar soll von Abraham ein Kind empfangen. Sara will durch ihre Magd zu dem lange ersehnten Sohn kommen. Abraham tut, was seine Frau wünscht. Hagar wird schwanger.
Als die Schwangerschaft immer deutlicher zu sehen ist, kann Sara diesen Anblick immer weniger ertragen. Sie fängt an, Hagar zu schikanieren. Sie piesackt die Magd, wo sie kann. Irgendwann hält Hagar das nicht mehr aus und flieht in die Wüste. An einer Wasserquelle macht sie Rast. Dort findet sie ein Engel Gottes. Hagar ist der erste Mensch, von dem die Bibel berichtet, dass ein Engel zu ihm kommt.
Der Engel spricht sie an: "Hagar, Saras Magd, wo kommst du her, und wo willst du hin?" Eine merkwürdige Frage. Der Gottesbote weiß, dass er es mit Saras Magd zu tun hat, er nennt sie mit Namen. Da weiß er doch sicher auch, wo sie herkommt und wo sie hingehen will. Warum fragt er dann? Offenbar geht es darum, dass Hagar auf die Frage nach ihrem Weg selbst Antwort geben soll.

Woher kommst du und wohin gehst du? Das sind uralte Menschheitsfragen. Jeder Mensch stellt sich selbst diese Fragen im Laufe seines Lebens immer wieder. Nicht zu wissen, woher man kommt, ist für Menschen unerträglich.

Vor kurzem hat ein Gericht einer Frau das Recht zuerkannt zu erfahren, wer ihr Vater ist. Die Frau hatte herausbekommen, dass ihre Mutter künstlich befruchtet worden ist mit dem Samen eines ihr unbekannten Mannes. Die Frau wollte nun wissen, wer der Samenspender ist.
Ähnlich geht es Kindern, die in jungen Jahren adoptiert worden sind. Auch sie wollen irgendwann wissen, wer die leibliche Mutter oder der leibliche Vater ist.
Dieses Wissen ist wichtig, um sich seiner selbst gewiss zu sein. Damit ich weiß, wer ich bin, muss ich wissen, woher ich komme. Die Frage nach den Eltern ist dabei natürlich die wichtigste. Zu meiner Herkunft zählen auch die Großeltern, Geschwister, das Umfeld der Familie und der Ort, an dem ich aufgewachsen bin. Die Heimat, an der man erste Wurzeln geschlagen und angefangen hat, die Kräfte des Lebens in sich aufzunehmen, ist ein sehr bedeutungsvoller Ort für das ganze Leben.

Wohin gehe ich? Auch diese Frage stellt man sich immer wieder im Leben. Die Antwort darauf entscheidet darüber, was man aus seinem Leben macht. Man steht ja im Laufe des Lebens immer wieder an Weggabelungen und damit vor der Frage: Welchen Weg schlage ich nun ein? In welche Richtung gehe ich weiter? Manchmal weiß man das nicht. Es gibt Situationen, in denen man es selbst nicht in der Hand hat, wohin man nun gehen will. Da muss man sich der Fügung und Führung Gottes anvertrauen.

Wie Hagar. Sie antwortet wahrheitsgemäß auf die Frage, woher sie kommt: "Ich bin von Sara, meiner Herrin, geflohen." Wohin ihr weiterer Weg geht, kann sie nicht sagen. Sie weiß es nicht. Aber sie vertraut diesem Fremden.
Das war durchaus ein Wagnis. Denn altorientalisches Recht gebot, entlaufene Sklaven ihren Herren zurückzuführen. In Israel gab es allerdings noch eine andere Bestimmung. Die lautete: "Liefere einen Sklaven nicht an seinen Herrn aus! Er hat sich ja vor ihm zu dir gerettet. Er soll mitten unter euch an einem frei gewählten Ort leben, wie es ihm gefällt." (5. Mose 23,16f.)
Hagar hat das Vertrauen und den Mut, dass sie dem Fremden sagen kann, woher sie kommt.
Offen erzählt sie von ihrer Flucht.

Doch nun muss sie eine herbe Enttäuschung verkraften. Denn der Bote sagt, sie solle wieder zu Sara zurückkehren: "Kehre wieder um zu deiner Herrin und demütige dich unter ihre Hand." Was für ein Befehl! Hagar könnte aufbegehren und den Fremden wegschicken. Doch sie sagt gar nichts. Sie schweigt. Und der Bote redet weiter:
"Ich will deine Nachkommen so zahlreich machen, dass sie nicht gezählt werden können." Hagar schweigt noch immer. Schließlich sagt ihr der Bote, dass sie dem Sohn den Namen "Ismael" geben soll. Der Name bedeutet: "Gott hört." Ismael, Gott hört, soll Hagar ihren Sohn nennen, denn Gott hat von ihrer Demütigung gehört.

Nachdem Hagar erkannt hat, dass Gott sie wahrnimmt und ihr hilft, gibt sie Gott diesen Namen: "Du bist ein Gott, der mich sieht." "Denn", so erklärt sie diesen Namen, "gewiss habe ich hier hinter dem hergesehen, der mich angesehen hat."
Hagar erkennt, dass Gott auf sie geschaut hat. Und sie erkennt, dass sie selbst Gott gesehen hat - nicht direkt, sondern, wie es auch Mose erfahren hat, in der Rückschau. Hagar erkennt, dass der Fremde ein Engel war und dass in seinen Worten Gottes Stimme zu hören war.

Ein Gott, der mich sieht. Was für ein schöner Name!
Ein Lehrer, der mich sieht. Diese Erfahrung hat der junge Alex gemacht. Und dieses Gesehen-Werden hatte Folgen für ihn. Er fing an, sich für ein Fach zu begeistern, das für ihn das alleruninteressanteste war. Latein, da muss man sich richtig reinknien, um die schwierigen Satzkonstruktionen zu entschlüsseln. Alex hatte plötzlich Spaß daran.
Auch für Hagar hatte da Gesehen-Werden Folgen. Sie ging den Weg zu Sara zurück. Kein leichter Weg für sie. Aber sie wusste Gott an ihrer Seite. Sie wusste: Gott sieht mich. Ich stehe unter seinem Schutz. Hagar brachte ihren Sohn zur Welt. Abraham nahm ihn als seinen Sohn an. Und er gab ihm den Namen, den Hagar von dem Boten genannt bekommen hat: Ismael, Gott hört.

Ein Gott, der mich sieht. Diese Erfahrung kann auch für uns Folgen haben. Zunächst eine sehr tröstliche: Ich bin nicht allein. Gott hört und sieht mich. Er ist bei mir. Er rührt mich an mit seiner Kraft.
Eine weitere Folge ist: Wenn Gott mich sieht, kann ich mich selbst mit den Augen Gottes ansehen. Ich kann mich sehen als Mensch, der es wert ist, von Gott gesehen zu werden. Das wiederum hat Auswirkungen auf mein Leben.
Als Lateinlehrer zu Alex sagte: "Ich sehe dich", fing Alex an, sich selbst mit den Augen des Lehrers zu sehen. Er entwickelte Spaß an dem, was der Lehrer unterrichtete.
So kann ein Mensch Freude daran haben, nach Gottes Weisungen zu leben, wenn er weiß: Gott ist ein Gott, der mich sieht.
"Ich seh dich". Das können wir alle uns von Gott gesagt sein lassen. Amen.

(Geholfen bei der Auslegung der biblischen Geschichte hat mir die Bibelarbeit von Jürgen Ebach auf dem Kirchentag 2009 in Bremen)