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Predigt am 14.04.2013
Johannes 21,15-17
Miserikordias Domini
 

Was ist das Glück? Wenn man anfängt, darüber zu sprechen, hat es sich schon verflüchtigt. Leid kann man erzählen. Es tut gut, wenn es Sprache gewinnt. Aber das Glück? Sobald man davon erzählt, ist es schon vorbei.
Darum ist die Passionsgeschichte lang, eine gewichtige Erzählung. Ja, sie ist die einzige fortlaufende Erzählung in den Evangelien. Alle anderen Stücke sind kurze Geschichten, Worte und Gleichniserzählungen, oft ohne erkennbaren Zusammenhang aneinandergereiht.
Mit Ostern schließen die Evangelien. Sie deuten das Geschehen nur an in mehreren kurzen Geschichten. Denn anders als das Leid ist Glück flüchtig. Es sind meist nur Augenblicke, in denen wir es spüren. Und was die Menschen, die um Jesus herum waren, zu Ostern erfuhren, das war ein Glück. Das war überwältigend.

Dem Johannes-Evangelium hat ein Bearbeiter noch ein Kapitel angehängt. Darin erzählt er von einem besonderen Glück, das dem Simon Petrus widerfuhr. Wir erinnern uns: Als die Soldaten Jesus gefangen genommen hatten, war Petrus von ferne gefolgt. Im Haus des Hohenpriesters wurde Jesus verhört. Petrus blieb draußen vor der Tür. Die Türhüterin sprach ihn an: "Bist du nicht auch einer von den Jüngern dieses Menschen?" Petrus sagte: "Ich bin´s nicht." Im Hof hielten sich Knechte und Mägde auf. Sie wärmten sich an einem Kohlenfeuer, denn es war kalt. Petrus stellte sich dazu, auch ihm war kalt geworden. Da fragte ihn erneut einer, ob er nicht zu diesem Jesus gehörte. Er leugnete erneut. Noch einmal fragte ihn jemand, und wieder sagte Petrus: "Ich bin nicht einer seiner Jünger."
Dreimal hat Petrus gesagt, dass er mit diesem Jesus nichts zu tun hat. Dann hörte er plötzlich, dass Jesus auferstanden ist. Wie mag er sich gefühlt haben, als Frauen mit dieser Botschaft angerannt kamen? Wie sollte er dem Auferstandenen begegnen? Er hatte Jesus lebend ja nicht mehr gesehen. Dass er ihn dreimal verleugnet hatte, das konnte er nicht wiedergutmachen. Sein Versagen, das blieb am Ende. Dabei hatte er vorher vollmundig getönt, dass er Jesus niemals verraten würde. Und dann war schon gegenüber einer Magd und zwei Knechten eingeknickt. Was hatte er von denen befürchtet? Dass die ein großes Geschrei machen: Hier ist noch einer, der zu dem gehört! Ja, davor hat er wohl Angst gehabt und vor dem, was ihm dann hätte blühen können. Seine Furcht ist verständlich. Es war schmerzhaft, was die Soldaten Jesus antaten. Besonders qualvoll war der Tod am Kreuz. Verständlich, dass Petrus versuchte, seine Haut zu retten.
Aber wie sollte er weiter Jesu Jünger sein, jetzt, nachdem Jesus auferstanden war? Konnte Jesus ihn überhaupt noch gebrauchen?
Der Evangelist Johannes erzählt, dass Jesus den Jüngern erschien, als sie sich noch einmal hinter verschlossenen Türen versammelt hatten. Da beauftragt er sie alle, in seinem Namen weiter zu wirken. Und er haucht sie an mit seinem Heiligen Geist.
Der Bearbeiter des Evangeliums war wohl der Meinung, dass da noch etwas fehlt. Da stand noch etwas im Raum, das geklärt werden musste. Sicher, die anderen Jünger hatten sich auch nicht heldenhaft verhalten. Sie waren einfach abgehauen, als Jesus gefangen genommen worden war. Aber keiner hatte vorher wie Petrus groß getönt: Niemals werde ich dich im Stich lassen. Keiner hatte vorher wie Petrus den Helden gespielt: Ich werde, wenn es sein muss, mit dir in den Tod gehen. (Lukas 22,33) Und keiner hatte sich dann so kläglich hinter einer Lüge versteckt, als er nur hätte sagen müssen: ´Ja, ich kenne diesen Jesus. Ich gehöre zu ihm.` Er, der sich als engster Vertrauter fühlte, hat das nicht fertig gebracht. Das musste noch geklärt werden. Zumal Petrus nach Ostern zu einem der führenden Köpfe der jungen Christengemeinde in Jerusalem wurde. Er brauchte dazu noch einen besonderen Auftrag. Er brauchte die Bestätigung durch den Auferstandenen selbst, dass nun alles wieder gut ist.
Und diese Bestätigung gibt ihm der auferstandene Jesus. So hören wir aus dem Nachtrag des Johannes-Evangeliums.
Jesus wendet sich Petrus noch einmal persönlich zu. "Simon, Sohn des Johannes", so spricht er ihn an. So hat Jesus seinen Jünger einst kennen gelernt. Als einfachen Fischer, Sohn eines Mannes mit Namen Johannes. Indem Jesus ihn mit seinem ursprünglichen Namen nennt, reiht er Simon ein in die Schar der anderen Jünger. Simon, Sohn des Johannes, genau wie Andreas, der Bruder des Simon, genau wie Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus. Als Mensch ist Simon angesprochen ohne irgendeine Funktion, ohne einen Beinamen, der ihm eine besondere Bedeutung gibt.
"Hast du mich mehr lieb, als die anderen mich lieb haben?" So fragt Jesus seinen Jünger. Genau das hatte Simon vor Jesu Tod immer behauptet. Er würde Jesus mehr lieben als alle anderen. Nun bekommt er noch einmal die Chance, zu dem zu stehen, was er vorher gesagt hat. Und er antwortet: "Du weißt, Herr, dass ich dich lieb habe."
Jesus fragt ihn ein zweites Mal. Wieder antwortet Simon: "Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe." Als Jesus zum dritten Mal fragt, ob Simon ihn liebhat, wird Simon traurig. Simon weiß, warum Jesus ihn dreimal fragt. Dreimal hat er Jesus verleugnet. Jetzt gibt Jesus ihm die Möglichkeit, dreimal seine Liebe zu Jesus zu bekennen. Simon antwortet: "Herr, du weißt alle Dinge. Du weißt, dass ich dich lieb habe." Nun ist alles wieder gut. Die Verleugnung, die zwischen Simon und Jesus stand, ist aus dem Weg geräumt. Simon darf Jesu Jünger bleiben, ja, mehr noch: Jesus gibt ihm den Auftrag: "Weide meine Schafe." Schafe zur Weide zu führen, das ist Aufgabe des Hirten. Simon soll also ein Hirte sein, ein Hirte derer, die zu Jesus gehören, ein Hirte der Gemeinde.
Dass Simon geleugnet hat, Jesus zu kennen, das zählt nicht mehr. Seine Schuld ist vergeben, Jesus trägt ihm sein Versagen nicht nach.
Was muss das für ein Glück sein zu spüren: Was ich falsch gemacht habe, steht nun nicht mehr zwischen mir und dem anderen. Ich muss kein schlechtes Gewissen mehr haben. Es ist alles wieder gut.
Simon widerfährt dieses Glück. Jesus nimmt ihn nicht nur als seinen Jünger wieder an. Er vertraut ihm darüber hinaus seine Gemeinde an, die er als Hirte leiten und für die er sorgen soll. Ein glücklicher Augenblick im Leben des Simon, der nun seinen Beinamen wieder tragen darf: Petrus, der Fels. Als solcher wurde er anerkannt von den Mitgliedern der Gemeinde und von anderen Aposteln.

Was braucht man zu einem glücklichen Leben? Dieser Frage gehen amerikanische Wissenschaftler nach, die seit mehr als siebzig Jahren einige ausgewählte Männer in ihrem Leben begleiten. Die Ausgewählten sind allesamt Studenten der Eliteuniversität Harvard. Leute also, denen schon einiges in die Wiege gelegt wurde, um glücklich sein und werden zu können. Der Professor, der die Studie heute leitet, definiert Glück so:
"Glück ist, nicht immer alles gleich und sofort zu wollen, sondern sogar weniger zu wollen. Das heißt, seine Impulse zu kontrollieren und seinen Trieben nicht gleich nachzugeben. Die wahre Glückseligkeit liegt dann in der echten und tiefen Beziehung mit anderen Menschen."
Für diese Definition hat er eine gute Begründung: Die Glücklichsten in der Studie waren zwei Männer, die gelernt hatten, ihr Wissen als Lehrer erfolgreich weiterzugeben. Sie hatten glückliche Familien und Ehen, die sechzig Jahre lang gehalten hatten." (SZ Magazin, S. 34)
Zum Glück gehört nach dieser Studie auch, von schweren seelischen und körperlichen Leiden verschont zu bleiben und optimistisch das Leben anzugehen. Kein Leben verläuft ganz geradlinig und ohne Schicksalsschläge. Glückliche Menschen haben Humor und die Fähigkeit, aus allem das Beste zu machen. Sie können sich selbst vergeben, wenn sie mal einen Fehler gemacht haben, und sie können anderen Menschen vergeben. "Lieben und Verzeihen sind Geschwister". (S. 37) Beide sind notwendige Voraussetzungen, um glücklich zu sein.
Der Professor ist selbst 78 Jahre alt. Er sieht auch im Alter etwas Gutes: "Das Wunderbare am Gehirn ist, dass es ab zwanzig mit dem Körper bergab geht, das Gehirn jedoch besser wird. Mit fünfzig kann ein Schriftsteller Dinge schreiben, die er als Zwanzigjähriger niemals hätte schreiben können. Das kommt daher, dass sich das Gehirn mit der Zeit besser gegen ablenkende Reize schützen kann."


Wäre Simon Petrus in diese Studie aufgenommen worden, so würde er wohl auch als ein glücklicher Mensch gelten. Er hatte eine lebenslange echte und tiefe Beziehung zu Jesus, den er als irdischen Menschen kennen gelernt hatte und der ihn als Auferstandener zum Hirten seiner Gemeinde bestellte. Als Leiter der Gemeinde konnte er sein Wissen und seine Erfahrungen mit Jesus weitergeben. Er war stark genug, mit Widerständen umzugehen und am Ende sein Kreuz auf sich zu nehmen. Wahrscheinlich ist er genau wie Jesus am Kreuz hingerichtet worden. Gestorben ist er in dem festen Glauben, mit Jesus in der Glückseligkeit des Himmelreiches wieder vereint zu sein. Dass er später zum ersten Papst ernannt wurde, konnte er nicht ahnen, ist auch biblisch nicht begründet. Aber das steht auf einem anderen Blatt.
Die Katholische Kirche jedenfalls ist glücklich mit ihrem Petrus und seinem Heiligen Stuhl. Wir Evangelische sind auch glücklich mit diesem Petrus, dem Jünger Jesu. An ihm können wir sehen, dass man Fehler machen kann im Leben, sogar ziemlich schwerwiegende, und trotzdem von Jesus für würdig befunden wird, sein Diener zu sein. Bekennen und Verleugnen, in der Person des Petrus findet sich beides. Von Petrus sind starke Worte überliefert, mit denen er sich zu Jesus bekennt: " Du bist Christus, Sohn des lebendigen Gottes. "(Mt 16,16) Oder: "Du hast Worte des ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt, dass du bist Christus, der Heilige Gottes." (Joh. 6,68f)
Wer das sagen und glauben kann, der ist glücklich zu schätzen. Denn er hat etwas, woran er sich halten kann. Er hat etwas, das dem Leben Richtung und Sinn gibt.
Jesus selbst hat die Menschen glücklich gepriesen, die seinem Beispiel folgen: Glücklich die Barmherzigen, die Sanftmütigen, die reinen Herzens sind, die Frieden stiften. Glücklich preist Jesus auch die, die Leid tragen, die weinen; denn sie sollen getröstet werden.

Die Ordensgemeinschaft der kleinen Schwestern Jesu hat die Seligpreisungen für sich so umgeschrieben:

"Selig, die über sich selbst lachen können,
es wird ihnen nie an vergnügter Unterhaltung fehlen.

Selig, die einen Berg von einem Maulwurfshügel zu unterscheiden wissen,
manche Scherereien werden ihnen erspart bleiben.

Selig, die imstande sind auszuruhen und auszuschlafen, ohne dafür Entschuldigungen zu suchen,
sie werden Gelassenheit finden.

Selig, die zuhören und schweigen können,
sie werden viel Neues dazulernen.

Selig, die gescheit genug sind, um sich selber nicht allzu ernst zu nehmen,
sie werden von ihren Mitmenschen geschätzt werden.

Selig, die für den Hilferuf anderer aufmerksam sind,
ohne sich jedoch für unentbehrlich zu halten,
sie werden Freude verbreiten.
Selig, die es verstehen, Kleines ernsthaft und Ernstes gelassen zu betrachten,
sie werden im Leben weit vorankommen.

Selig, die ein Lächeln zu schätzen wissen,
auf ihrem Wege wird die Sonne scheinen.

Selig, die überlegen, bevor sie handeln,
und beten, bevor sie überlegen,
sie werden viele Torheiten vermeiden.

Selig, die schweigen und lächeln können,
denn das Evangelium fängt an,
ihr Herz zu durchdringen.

Selig vor allem, die ihr den Herrn erkennen könnt
in all jenen, die euch begegnen,
ihr werdet das wahre Licht
und die echte Weisheit besitzen." (Quelle: Internet)

Was ist Glück? Für Petrus und die anderen Jünger und Jüngerinnen war es ein Glück zu erfahren, dass Jesus lebt und dass er mit ihnen noch Großes vorhat. Dieses Glück können wir so nicht mehr erleben. Denn die Zeit ist lange vorbei, in der sich Jesus nach seiner Auferstehung noch einmal sehen ließ. Aber er hat Worte von bleibender Gültigkeit und Wahrheit hinterlassen, von denen auch wir zehren können.
Glück ist flüchtig, so habe ich am Anfang festgestellt. Das stimmt nicht ganz. Denn man kann es verlängern. Man kann es verlängern, indem man sich erinnert an glückliche Erlebnisse. In der Erinnerung können wir uns auch glückliche Erfahrungen anderer Menschen zu eigen machen. Deshalb erinnern wir uns an die Ostergeschichten, die uns die Evangelisten überliefert haben.
Wir sind nicht Maria Magdalena, und wir sind nicht Simon Petrus. Aber wir können glauben: Jesus lebt und wirkt mit seinem Geist unter uns, und er braucht auch uns.
Zu wissen, gebraucht zu werden, das ist ein Glück. Mehr noch: In der Beziehung zu Jesus hat das Leben einen tiefen Sinn. Von seiner Güte und Freundlichkeit können wir zehren. An seinen Worten können wir Trost und Halt finden. Ihm nach werden wir auferstehen. Das alles zu wissen, ist ein Glück.