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Predigt zu 17.11.2013 - Bittgottesdienst -
für den Frieden
Johannes 14,27-31
 

"Den Frieden lasse ich euch.
Meinen Frieden gebe ich euch." Sagt Jesus.
Frieden ist offenbar nicht gleich Frieden. Der Frieden, den Jesus seinen Jüngern zuspricht, ist ein anderer als der Frieden im römischen Imperium. "Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht." Die Jünger haben es erlebt: Sie waren mit Jesus unterwegs in einem Boot auf dem See Genezareth. Plötzlich kam ein heftiger Sturm auf. Der Himmel verdunkelte sich. Mitten am Tag war es finster wie in der Nacht. Das Schiff schaukelte hin und her. ´Hilfe, wir gehen unter`, riefen die Jünger. Doch Jesus schlief. Sie weckten ihn. ´Merkst du nicht, in welcher Gefahr wir sind und welche Angst wir haben.` Doch Jesus blieb ganz ruhig. Er stand auf, bedrohte den Wind und sagte: "Schweig und verstumme!" Da legte sich der Sturm, und das Meer wurde still. ´Meinen Frieden gebe ich euch.` Die Jünger spürten: Der Frieden, den Jesus uns schenkt, nimmt uns die Angst, macht uns ruhig und getrost.

Shalom, das Wort schon einen ganz anderen Klang als das, was in unserer Zeit Frieden genannt wird. Freunde begrüßen sich mit Shalom. Shalom bedeutet: Erlösung, Mitleid, Gesundheit, umfassendes Heilsein.
Shalom ist der Zustand, in dem alle Menschen genug haben, in dem alle in Würde und Sicherheit leben und sterben können. Shalom meint ein gesegnetes Leben in Fülle und Wohlbefinden. Auch das friedliche letzte Einschlafen wird als Shalom betrachtet (1.Mose 15,15).
Doch ist Shalom nicht Stille oder Unbeweglichkeit. Sondern im Gegenteil: Shalom braucht Energie und Taten. Menschen, denen Jesus seinen Frieden schenkt, werden selbst zu Friedensstiftern. Shalom muss immer wieder neu hergestellt werden. Denn es passiert vieles, was den Shalom gefährdet oder zerstört.

Wo Ungerechtigkeit vorherrscht, ist kein Shalom. Es gibt keinen Frieden ohne Gerechtigkeit (Ps 85,11).
Es gibt keinen Frieden, wenn die Mächtigen die Machtlosen missbrauchen und ihnen das Notwendige zum Leben vorenthalten.

In unseren westlichen Sprachen hat das Wort Frieden einen anderen Klang. Hier meint Frieden eine Zeit ohne Krieg. Wir leben seit 68 Jahren ohne Krieg in Mitteleuropa. Gott sei Dank. Aber wir haben keinen Frieden. Schon die Römer haben damit begonnen, das Wort Frieden in ihrem Sinn umzudeuten.

Zu Lebzeiten Jesu gehörte das Wort Frieden zur kaiserlichen Propaganda. Die Pax Augusta, der römische Frieden, war die Grundlage der kaiserlichen Herrschaft. Die Pax Romana war ein Geschenk, das Rom anderen Völkern aufzwang. Dieser Frieden wurde als Pax Deorum bezeichnet, der Friede der Götter, die römische Legionen mit dem Siegesruhm segneten.

Dieses römische Friedensideal, übernahmen nachfolgende Weltreiche bis heute. Nicht Gerechtigkeit, sondern Krieg garantiert diesen Frieden. Das macht der Ausspruch deutlich, nach dem die römische Politik handelte: "Wenn du Frieden willst, bereite dich auf den Krieg vor."
Auf diese Weise rechtfertigen Präsidenten und Diktatoren ihre Kriege. Die Römer "schaffen Einöde und nennen dies Frieden", stellte ein Heerführer Britanniens fest.

Frieden ist nicht gleich Frieden: Der Frieden, den Jesus seinen Jüngern zuspricht, ist ein anderer als der, den die Mächtigen dieser Welt als Frieden ausgeben. Dieser Frieden, der in Wirklichkeit keiner ist, beruht auf Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung.

Jesu Frieden dagegen beruht auf Toleranz, Nächstenliebe und Gottvertrauen. "Steht auf und lasst uns von hier weggehen", sagt Jesus am Ende des Abschnitts. Es ist ein Aufruf zum Handeln. Frieden ist nicht nur eine Gabe, die Jesus schenkt, sondern auch eine Aufgabe, die erfüllt werden muss. Dabei braucht er uns als seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.


Die Kirchen geben ein Beispiel

Denn wir sind auch heute noch weit entfernt von dem, was die Bibel Frieden nennt. Kirchen aus aller Welt haben sich zusammengetan, um den Völkern der Erde ein Beispiel zu geben, wie Frieden werden kann. Unter dem Eindruck des Zweiten Weltkrieges gründeten sie am 23. August 1948 den Ökumenischen Rat der Kirchen. Daran beteiligt waren Vertreter aus 147 Kirchen ehemals verfeindeter Staaten, die kurz zuvor noch gegeneinander Krieg geführt hatten. Auch wir Deutschen waren dabei. Unsere Kirchenführer hatten vor dem Treffen mit einem Schuldbekenntnis ihre Versäumnisse in der Zeit des Nationalsozialismus eingestanden. Dieses Schuldbekenntnis öffnete uns Deutschen die Tür in die weltweite Gemeinschaft. In Amsterdam richteten die Kirchenleute eine Erklärung an die Völker der Welt, die den berühmten Satz enthält: "Krieg soll nach Gottes willen nicht sein."
Heute, 65 Jahre danach, hat sich der Ökumenische Rat zu einer weltweiten Gemeinschaft von 349 Kirchen in über 100 Ländern entwickelt. Protestantische, orthodoxe, altkatholischen und anglikanische Kirchen sind dabei, ebenso wie einige Pfingstkirchen. Mit der römisch-katholischen Kirche gibt es eine enge Zusammenarbeit. Alle sieben Jahre kommen die Kirchen der Welt zu einer Vollversammlung zusammen.

Vom 30. Oktober bis zum 8. November hat in Busan in Südkorea die 10. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen stattgefunden. Sie stand unter dem Leitwort: "Gott des Lebens, weise uns den Weg zu Frieden und Gerechtigkeit". Wie ein roter Faden zieht sich der Einsatz für den weltweiten Frieden durch die Geschichte des Ökumenischen Rates. Immer wieder ging vom Weltkirchenrat ein Ruf zum Frieden an die gesamte Menschheit aus. Ganz im Sinne des Friedens, den Jesus uns geschenkt hat, nennt der Weltkirchenrat beim Namen, was verkehrt läuft.

Etwas läuft falsch in der Welt

In einem Aufruf des Weltkirchenrates von 2011 heißt es:
"Während eine verschwindend kleine Weltelite unvorstellbaren Reichtum anhäuft, leben mehr als 1,4 Milliarden Menschen in extremer Armut. Etwas läuft grundlegend falsch. Globale Finanzkrisen vernichten Millionen von Arbeitsplätzen und treiben Millionen und Abermillionen von Menschen in die Armut. Weltweite Rüstungsausgaben - heute höher als zu Zeiten des Kalten Krieges - gefährden Frieden und Sicherheit in der Welt. Waffen bieten keine Lösung für die Hauptbedrohungen der Menschheit, verbrauchen aber enorme Ressourcen."

Für uns Deutsche ist es besonders beschämend, dass unser Land der drittgrößte Waffenexporteur der Welt ist. Unsere Waffen gehen auch an Diktatoren, die damit ihre Völker unterdrücken. Nach Katar sollen unter anderem 62 Leopard-Kampfpanzer und 24 Panzerhaubitzen im Wert von 680 Millionen Euro geliefert werden. Ausgerechnet Katar. In diesem Land bauen Menschen, die wie Sklaven gehalten werden, in mörderischer Hitze Anlagen für eine Fußballweltmeisterschaft, die dort in neun Jahren stattfinden soll. Das ist die Entscheidung der FIFA, der korrupten und geldgierigen Weltfußballorganisation.
Noch beschämender als die Waffenexporte ist es, dass von deutschem Boden längst wieder Krieg ausgeht. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren sich alle Parteien in der Bundesrepublik Deutschland einig, dass dies nie mehr geschehen sollte. Heute sind 43.000 amerikanische Soldaten in Deutschland stationiert. Sie steuern von Stuttgart und Ramstein aus den blutigen Drohnenkrieg in Afrika. Gegen jedes Recht bringen sie mit den unbemannten Flugkörpern Menschen um, die sie als Terroristen verdächtigen. Dabei sterben regelmäßig Kinder, Frauen und Männer, die sich zufällig in der Nähe der Verdächtigen aufhalten. Deutschland ist Dreh und Angelpunkt für Amerikas "Krieg gegen den Terror", wie die Amerikaner ihren Feldzug nennen. Nicht nur die Drohneneinsätze, auch Entführungen werden von Deutschland aus organisiert und Foltergefängnisse geplant. So ist unser Land beteiligt an einem geheimen Krieg, der massiv gegen internationales Recht verstößt. Redakteure der Süddeutschen Zeitung und des Norddeutschen Rundfunks sind dabei, das Ausmaß der Beteiligung Deutschlands an diesem Krieg zu enthüllen.

Was die Kirche für den Frieden tun kann

Als Kirche können wir mit der Kraft unserer Worte etwas ausrichten gegen das weltweite Unrecht. Der Ökumenische Rat ruft dazu auf:

"Wir sind als Ebenbild des Lebensspenders geschaffen; es ist uns verboten, Leben zu nehmen, und geboten, selbst unsere Feinde zu lieben. Der gerechte Gott urteilt in Gerechtigkeit über alle Völker und ruft sie auf, der Wahrheit im öffentlichen Raum gerecht zu werden, Waffen in landwirtschaftliche Geräte umzuschmieden und nicht mehr zu lernen, Krieg zu führen."

"Meinen Frieden gebe ich euch". Vor achtzig Jahren hatte Dietrich Bonhoeffer eine Vision. Er sagte in einer Andacht im Rahmen einer ökumenischen Jugendversammlung:

Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit. Denn Friede muss gewagt werden, ist das eine große Wagnis, und lässt sich nie und nimmer sichern.
Wer ruft zum Frieden, dass die Welt es zu hören gezwungen ist? Das ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Christi aus aller Welt kann das Friedenswort so sagen, dass die Völker froh werden. Denn diese Kirche nimmt ihren Söhnen im Namen Christi die Waffen aus der Hand und verbietet ihnen den Krieg und ruft den Frieden Christi aus über die rasende Welt.

Bonhoeffers Vision hat die Kirchen in der Welt dazu ermutigt, den konziliaren Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung ins Leben zu rufen. Der Weltkirchenrat hat immer wieder im Sinne Bonhoeffers seine Stimme erhoben. Obwohl es die Stimme von einigen hundert Millionen Menschen ist, wird sie nicht so gehört, wie Bonhoeffer es sich erhofft hat. Auf der Erde ist kein Frieden, weil die Gier nach Macht und Geld stärker ist als das Bestreben, gerechte Verhältnisse zu schaffen.

In dem ökumenischen Aufruf zum Frieden heißt es am Ende:
Wir sind "ein Volk, dem die Sehnsucht in die Wiege gelegt ist. Notgedrungen gehört es zum Aufbau des Friedens, dass wir kritisieren, anprangern, für andere eintreten und Widerstand leisten, so wie wir auch verkündigen, ermächtigen, trösten, versöhnen und heilen. Friedenstifter werden ihre Stimme erheben in Ablehnung und Unterstützung, sie werden klagen und feiern, trauern und froh sein. Bis unsere Sehnsucht ihren Halt findet in der Vollendung aller Dinge in Gott, wird die Friedensarbeit weitergehen."

"Den Frieden lasse ich euch.
Meinen Frieden gebe ich euch." Sagt Jesus. Amen.