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Predigt zu 24.11.2013
Totensonntag
Markus 13,31-37
 

Unsterblich, wo wir lieben

Judith ist 25 Jahre alt. Sie erzieht ihre vierjährige Tochter Paula alleine und ist mitten im Studium, als sie 2006 in ihrer Brust einen Knoten ertastet. Die Diagnose: Brustkrebs. Die Welt des "Glückskinds", wie sie sich selbst nennt, gerät von einem Moment auf den anderen aus den Fugen. Es folgen Operationen, Bestrahlungen, Chemotherapie. Trotzdem bewältigt die hübsche junge Frau ihren Alltag.

Sie kümmert sich um ihre Tochter, beendet ihr Studium. Der Brustkrebs ist aggressiv, aber sie "kraxelt, klettert, wird gesund", nach einem vier Jahre langen Kampf. Mit "meiner Kraft und meinem Mut", schreibt Judith in einem Beitrag für die Zeitschrift "Publik Forum" im November 2011.

November 2011. Da war der Krebs, "dieser fiese Kerl, der einfach keine Ruhe geben will", wieder da. In einer anderen Form, Gebärmutterhalskrebs. Kurz nach ihrem dreißigsten Geburtstag musste die junge Mutter ihren Kampf wieder aufnehmen. Sie hat ihn dieses Mal nicht gewonnen. Ein halbes Jahr später (20. Juni 2012) ist Judith im Alter von 31 Jahren in ihrer Wahlheimat Hamburg gestorben.

Den Verlauf ihrer Krankheit, ihre Gefühle und wie sie mit der Krankheit umgegangen ist, hat sie in einem Tagebuch festgehalten. Dieses ist als Buch veröffentlicht worden. Ihre Heimatstadt Schweinfurt hat sie Anfang 2011 zu einer öffentlichen Lesung eingeladen. Am Ende des bewegenden Bekenntnisses wünschte sie den Zuhörerinnen "gute Gesundheit".

Der Buchtitel lautet "Sterben kommt nicht in Frage, Mama!" Ihre Tochter Paula hat das zu ihr mal gesagt. Judiths Schwester Dorothea und ihre große Liebe Felix, den sie kurz vor ihrem Tod noch geheiratet hat, kümmern sich in Hamburg um das Kind.

Zuletzt war die Liebe, speziell die zu ihrer Familie, Hauptthema für Judith End in Notizen und Gesprächen. "Wir sind sterblich, wo wir lieblos sind, unsterblich, wo wir lieben", ist eines der Zitate. Den erneuten Ausbruch ihrer Krankheit hat Judith End aber auch "Todesstrafe ohne Anhörung" genannt.

Ich habe das Buch von Judith End im Sommer 2011gelesen. Es hat mich sehr berührt. Damals ahnte ich noch nicht, dass ich bald selbst zu den Betroffenen gehören würde. Am 15. November 2011 bin ich operiert worden. In diesem Sommer ist die operierte Zone bestrahlt worden. Weitere Untersuchungen werden zeigen, ob die Therapie den gewünschten Erfolg hat.
Bei Judith End war das nicht der Fall. "Todesstrafe ohne Anhörung", so hat sie den erneuten Ausbruch der Erkrankung genannt. Von ihr sind auch andere Aussprüche überliefert. Einen besonders tröstlichen hat eine Schweinfurter Tageszeitung zitiert: "Wir sind sterblich, wo wir lieblos sind, unsterblich, wo wir lieben".

Das ist, wie ich finde, eine wunderbare Umschreibung des Jesuswortes: "Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen." Jesu Worte sind erfüllt von der Liebe Gottes zu uns Menschen. Ja, Jesus selbst ist das eine Wort Gottes, wie es die Theologische Erklärung von Barmen sagt. Das Wort seiner Zuwendung, seiner Liebe, die sich in unsere Welt hineinbegibt. Am kommenden Sonntag beginnt der Advent, die Zeit, in der wir das Kommen Gottes in unsere Welt besonders bedenken und feiern.

Heute aber steht das Gedenken an unsere Verstorbenen im Vordergrund. "Todesstrafe ohne Anhörung", so hat Judith End ihr Sterben genannt. So geht es uns allen. Wir werden nicht gefragt, ob und wann wir geboren werden wollen. Wir werden auch am Ende nicht gefragt. Es sei denn, wir fliehen vor dieser Ungewissheit und bereiten uns selbst ein Ende. Manch einer, der nicht mehr leben, aber auch nicht sterben kann, kommt auf diesen Gedanken und hilft seinem Sterben nach.

Die meisten von denen, für die wir heute eine Kerze angezündet haben, sind wie Judith End nach längerer Krankheit gestorben. Für sie und auch für ihre Angehörigen war der Tod eine Erlösung. Bei anderen war es ein kurzes Krankenlager, das schnell zum Ende geführt hat.
"Todesstrafe ohne Anhörung", so empfinden es auch die Angehörigen. Auch sie werden nicht gefragt, ob sie Abschied nehmen wollen. Sie müssen. Und das ist schwer und tut weh. Es tut auch heute noch weh, nachdem einige Wochen oder Monate vergangen sind. Ein Gedenktag wie der heutige macht den Verlust erneut schmerhaft spürbar.

"Wir sind unsterblich, wo wir lieben", hat Judith End gesagt im Wissen um ihr Sterben. Die Liebe verbindet uns mit Gott. Denn Gott ist Liebe. Und nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes, die in Jesus offenbar geworden ist. Durch die Liebe sind wir auf ewig mit Gott verbunden und darum unsterblich. Denn die Liebe hört niemals auf.

Die Liebe ist es auch, die uns mit unseren Verstorbenen verbindet. Auf der Terrasse vor dem Fenster, in dem ich sitze und diese Predigt schreibe, steht ein rundes Gefäß aus Ton mit einem Kürbisgesicht. Eine Kerze erleuchtet den Kürbis aus Ton von innen. Jeden Abend zünde ich die Kerze an. Sie erinnert mich an meine Schwester, die Weihnachten vor drei Jahren ganz plötzlich von uns gegangen ist. So spüre ich etwas von der Liebe, die uns als Geschwister verbunden hat.

Sie, die Sie mit dem Verlust eines geliebten Menschen leben müssen, werden Ihre Erinnerungen auch mit bestimmten Orten, Bildern oder Gegenständen verbinden. Für uns alle sind es heute die Kerzen, die wir angezündet haben im Gedenken an die Verstorbenen. Sie erinnern an die hellen und schönen Augenblicke, an die Zeiten voller Licht und Freude, die wir mit den Verstorbenen erlebt haben: Was haben wir zusammen gelacht. Wie toll war es, als die Oma, ein wenig vom Whiskey angesäuselt, mit ihrer Urenkelin getanzt hat. Wie schön war es, mit dem Sohn einen ganzen Tag zu verbringen, zu reden, gemeinsam zu essen und Musik zu hören. Wie kostbar war die Zeit, die man noch gemeinsam verbringen konnte. Wie tröstlich war es auch, bei dem Sterbenden bleiben zu können und in Frieden Abschied zu nehmen.

Die Kerze, die wir für unsere Verstorbenen angezündet haben, erinnert auch daran, dass sie jetzt im Licht sind. Sie sind umgeben vom Licht der Liebe Gottes.

Aber sie sind nicht mehr anwesend. Jedenfalls nicht mehr als Menschen mit Fleisch und Blut, die wir umarmen, mit denen wir sprechen, Freude und Leid teilen können. Auf andere, geheimnisvolle Weise sind sie immer noch da und werden uns unser Leben lang begleiten.

Morgen ist auch noch ein Tag

"Seid aufmerksam, wachet!" Das schärft Jesus seinen Gefolgsleuten ein. Wachsam sollen wir sein, damit wir die Momente wahrnehmen, in denen unsere Verstorbenen uns nahe sind. Wachsam sollen wir sein vor allem im Blick auf unser eigenes Leben. Das Leben geht ja weiter. Das ist ein schlichter Satz, der oft so dahingesagt wird. Er hat aber seine Wahrheit. Für die, die zurückbleiben geht das Leben weiter. Manche empfinden es als ein Muss. Es muss weitergehen. Irgendwie. Aber wenn man selbst nicht hinterher sterben will, dann geht es weiter.

Dieter Hildebrand, der große Kabarettist, der in der vergangenen Woche gestorben ist, hat in einem Sketch überlegt, was wohl sein letztes Wort sein würde. Er erwähnte einige berühmte Leute, von denen geistreiche Sprüche als letzte Worte überliefert sind. Er würde sagen, wenn es so weit ist: "Morgen ist auch noch ein Tag." Auch das sagt man manchmal so dahin. Vor allem, wenn es etwas Unangenehmes zu erledigen gilt, das man gern noch etwas vor sich herschiebt. Aber auch dieser Satz hat eine tiefe Wahrheit.
Morgen ist auch noch ein Tag. Das stimmt für den, der geht. Für ihn bricht der leuchtende Morgen der Ewigkeit an. Auch für die, die bleiben, ist morgen noch ein Tag. Zunächst ein grauer, trüber Tag. So wie die Novembertage jetzt sind. Aber auch an diesen Tagen wird es hell, wenigstens ein bisschen. Ein wenig kann man auch nachhelfen, indem man sich eine Kerze anzündet zum Beispiel oder in Bildern blättert und schöne gemeinsame Erlebnisse wieder lebendig werden lässt.

Bleibt wachsam, sagt Jesus, auch wenn Himmel und Erde vergehen, auch wenn wir Abschied nehmen müssen von geliebten Menschen, auch wenn unser eigenes Leben irgendwann einmal zu Ende gehen wird - bleibt dem Leben zugewandt. Das Leben ist nicht immer schön, es ist nicht fair, wie Herbert Grönemeyer in dem Lied singt, mit dem er den Tod seiner Frau beklagt. Vier Jahre danach hat er den Song in seinem Album "Mensch" veröffentlicht. In einem Interview sagte er:

"Ich muss begreifen, dass Verlust Teil unseres Lebens ist und dass Traurigkeit wesentlich elementarer zu meinem Leben gehört als vor Annas Tod. Das schließt nicht aus, dass ich Glück empfinde - wenn auch fatalistischer als früher. Meine Zuversicht ist, dass man durch große Trauer Gefühle wie Glück, Zuwendung und Nähe intensiver empfindet.

So ein Schicksalsschlag macht einen weniger verbissen, weil man Ängste verliert. Wenn einem vieles weniger wichtig geworden ist, macht man sich nicht mehr so kirre. Ich lerne, wie beschränkt und schwach der Mensch ist. Wie wenig er das Leben kontrollieren kann. Das menschliche Gehirn ist zum Glück so limitiert, dass es solche Ereignisse erst mal gar nicht begreifen kann. Es ist auch eine Gnade und ein Segen, dass der Mensch verdrängen kann.

Ich trage Anna nach wie vor in mir und setze immer noch alles in Beziehung zu ihr. Egal, was ich denke: Es kommt mir bedeutungslos vor, wenn ich nicht weiß, was sie davon hält. Die Engländer sagen: Du kannst klagen, dass sie tot ist - du kannst dankbar sein, dass sie gelebt hat." (Stern, 29. August 2002)

Sein Song "Der Weg" endet mit diesen Worten:
"Ich gehe nicht weg
Hab' meine Frist verlängert
Neue Zeitreise
Offene Welt
Habe dich sicher
In meiner Seele
Ich trage dich bei mir
Bis der Vorhang fällt
Ich trag dich bei mir
Bis der Vorhang fällt."

So ist es: Wir tragen unsere Verstorbenen bei uns. Und ich glaube: Sie tragen uns. Die Liebe, die wir von ihnen erfahren haben und die uns mit ihnen verbindet, trägt. Und sie gibt Kraft, jeden Tag neu das Leben zu beginnen.