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Predigt am 24. August 2014
Römer 11,25-33
Israelsonntag
 

Die Evangelische Kirche im Rheinland "bezeugt die Treue Gottes, der an der Erwählung seines Volkes Israel festhält. Mit Israel hofft sie auf einen neuen Himmel und eine neue Erde." Dieser Satz steht seit 1996 als Grundartikel in unserer Kirchenordnung. Dies ist eine sehr bedeutsame Hinzufügung. Eine lange Diskussion in der ganzen Landeskirche ist ihr vorausgegangen.
Lange Zeit haben Christen die Juden abgelehnt, haben Feindschaft und Haß gegen sie gepredigt. Auf dem Boden des christlichen Abendlandes hat ein Vernichtungsfeldzug gegen das jüdische Volk stattgefunden, dem sechs Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind. Nach dieser Geschichte ist der Satz in unserer Kirchenordnung so etwas wie ein neuer Anfang. Eine Umkehr. Die Kirche bezeugt, dass sie aus der Geschichte gelernt hat. Sie kehrt um zu ihren Wurzeln, die sie jahrhundertelang verschwiegen, verraten und bekämpft hat.
Dabei hätte sie es von Anfang besser wissen müs-sen. Hätte sie nur auf Paulus gehört. Schon zu seiner Zeit gab es Christen, die abfällig auf die Juden herabblickten. Sie hielten sich für etwas Besseres. Paulus spricht die Leute in Rom auf ihre Überheblichkeit an und schreibt: "Ich will euch, liebe Brüder, dies Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet."
Die Christen in Rom meinten offenbar, dass sie den wahren Glauben hätten. Und dass Gott nun sie erwählt und die Juden verstoßen hätte. Dass also in Gottes Heilsplan die Kirche an die Stelle des jüdischen Volkes gerückt wäre. ´Wir sind das Gottesvolk, die Juden haben ihr Erwähltsein vertan. Denn sie haben den Erlöser gekreuzigt. Sie glauben nicht an Jesus als den Messias.` So dachten damals Christen in Rom. So glaubte und verkündete es die Kirche bis in das vergangene Jahrhundert.
Paulus tritt diesem christlichen Hochmut entgegen. Es war für ihn selbst schwer zu ertragen, dass seine jüdischen Glaubensgeschwister sich so ablehnend gegenüber dem Christusglauben verhielten. Was wird aus Israel, dem von Gott erwählten Volk? Diese Frage hat ihn umgetrieben.
Er hat die Schriften der Bibel studiert und nach einer Antwort abgesucht. Und er hat eine Antwort gefunden. Diese verkündet er mit dem Anspruch, dass Gott selbst ihm Einblick in seine Pläne gewährt habe. "Ich will euch in Gottes Plan einweihen", schreibt er an die Glaubensbrüder und -schwestern in Rom. In der Luther-Übersetzung ist von einem Geheimnis die Rede.
Das göttliche Geheimnis, das Paulus erkannt hat und der Gemeinde in Rom mitteilt, ist ein sehr kom-plizierter Gedankengang.
Das Fazit lautet: Gott ist treu. Er steht zu seinem Bund, den er mit Israel geschlossen hat. Er wird allen, Juden und Nichtjuden seine Gnade zuwenden. Alle sollen sein Heil erfahren.
Davon sind wir heute genauso weit entfernt wie die Menschen damals zur Zeit des Paulus.
Genau das war der Grund dafür, dass die Juden sich nicht dem Glauben an Jesus Christus anschlossen. Sie sagen: Wie kann das sein, dass Jesus der Christus, der Erlöser und Retter der Welt ist, wo doch die Welt so unerlöst ist wie nur was, voller Unfrieden, voller Hass und Gewalt? Wo ist der Frieden, den er gebracht hat? Wo ist das Heil, das mit ihm gekommen ist?
Nach wie vor bestehen gläubige Juden darauf, dass der Erlöser noch nicht gekommen ist. Und dass dann, wenn er kommt, die Welt wirklich erlöst sein wird, dass dann Frieden und Gerechtigkeit auf der Erde einkehren. Bis dahin ist einem jeden Gläubigen aufgegeben, tatkräftig zu hoffen. Jeder Glaubende hat die Aufgabe, mit Taten der Nächstenliebe das Kommen des Erlösers anzu-bahnen.
Allerdings, und das macht es mir schwer mit dem gegenwärtigen Israel: Die Politik des jetzigen Staates Israel scheint nicht darauf ausgerichtet zu sein, dem erhofften Retter den Weg zu bereiten. Israels Politik trägt vielmehr seitJahrzehnten dazu bei, dass die ganze Region nicht zur Ruhe kommt und dass kein Frieden einkehrt im Nahen Osten. Bilder von schrecklichem Leid, von Tod und Zerstörung bekommen wir nun schon seit Wochen zu sehen. Verursacher dieser Verwüstungen sind israelische Raketen, Bomben und Granaten. Zur Rechtfertigung wird oft angeführt, dass die Gewalt Israels provoziert wird von islamistischen Ter-rorgruppen. Was die anrichten sehen wir auch im Irak. Es ist grauenhaft. Und es ist menschenverach-tend, wie die ihre eigenen Leute als menschliche Schutzschilder missbrauchen. Natürlich hat Israel das Recht, sich gegen die Terroristen zu verteidigen. Aber Israel hat von seinem Glauben her auch die Pflicht, zum Frieden mit seinen Nachbarn beizutragen. Denn darauf läuft die Thora, das Grundgesetz Israels, darauf laufen die Weisungen Gottes hinaus: Dass alle Menschen den Schalom, das Heil erfahren.
Nun frage ich mich: Ist der heutige Staat Israel das, was die Bibel meint, wenn sie von Israel spricht? Die Politik des Staates Israel lässt mich sehr zweifeln daran.
Von seinem Selbstverständnis her ist der Staat Israel ein jüdischer Staat im Lande Israel, die Heimat des jüdischen Volkes. In der Unabhängigkeitserklärung vom 14. Mai 1948 heißt es:

Der Staat Israel wird der jüdischen Einwanderung und der Sammlung der Juden im Exil offenstehen. Er wird sich der Entwicklung des Landes zum Wohle aller seiner Bewohner widmen. Er wird auf Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden im Sinne der Visionen der Propheten Israels gestützt sein. Er wird all seinen Bürgern ohne Unterschied von Religion, Rasse und Geschlecht, soziale und politische Gleichberechti-gung verbürgen. Er wird Glaubens- und Gewissens-freiheit, Freiheit der Sprache, Erziehung und Kultur gewährleisten, die Heiligen Stätten unter seinen Schutz nehmen und den Grundsätzen der Charta der Vereinten Nationen treu bleiben.
Wir reichen allen unseren Nachbarstaaten und ihren Völkern die Hand zum Frieden und zu guter Nachbarschaft und rufen zur Zusammenarbeit und gegenseitigen Hilfe mit dem selbständigen jüdischen Volk in seiner Heimat auf.
Der Staat Israel ist bereit, seinen Beitrag bei gemein-samen Bemühungen um den Fortschritt des gesamten Nahen Ostens zu leisten.

Wer oder was ist Israel? Diese Frage hat auch Paulus gestellt. Er macht in den Kapiteln, in denen er sich mit Israel beschäftigt, eine Unterscheidung. Er sagt: "Nicht alle, die aus Israel sind, sind Israeliten. Nicht alle, die Abrahams Nachkommen sind, sind Gottes Kinder. Sondern nur die, denen der Segen Gottes verheißen ist, sind seine Kinder." (Kapitel 9,6-8) Zu Israel, zum Volk Gottes, gehört man also nicht einfach durch seine Abstammung. Zum Gottesvolk gehört man durch Gottes Zuwendung und dadurch, dass man diese im Vertrauen annimmt.


Paulus sagt es so:
"Wenn man von Herzen glaubt,
so wird man gerecht;
und wenn man mit dem Munde bekennt,
so wird man gerettet.
Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr,
reich für alle, die ihn anrufen.
Denn wer den Namen des Herrn anrufen wird,
soll gerettet werden (Joel 3,5).
Juden und Nichtjuden, alle sollen das Heil erfahren.

Notwendig ist es, dieser Hoffnung tatkräftig Aus-druck zu verleihen. Die Rettung aus aller Not und die Befreiung von Hass und Gewalt, die kann nur allen gemeinsam widerfahren. Nur so kann Frieden einkehren, indem Israelis und Palästinenser sich gegenseitig akzeptieren, sich gegenseitig ihr Lebensrecht zugestehen, sich auch gegenseitig den Lebensraum zugestehen.
Das scheint im Moment vollkommen utopisch zu sein. Mit Israel hoffen wir, die Kirche, auf einen neuen Himmel und eine neue Erde. Hoffen heißt, auch das Unmöglich Scheinende für möglich zu halten. Für Israel hoffen wir, dass die Regierung sich besinnt und Wege einschlägt, die zum Frieden führen. Für die Palästinenser hoffen wir, dass die Terroristen an Einfluss verlieren und die Menschen sich durchsetzen, die nichts anderes wollen, als in Frieden zu leben.
Das gilt wohl für die meisten Menschen aller Völker: Sie wollen in Frieden leben, ohne Angst.

Mit seiner Unabhängigkeitserklärung von 1948 hat sich der Staat Israel in die Tradition der göttlichen Weisungen und Propheten gestellt. Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte sind israelische Politiker immer weiter von diesem Weg abgekommen. Es ist an der Zeit, dass sie von friedlich gesinnten Menschen im Lande und von befreundeten Regierungen im Ausland erinnert werden an das, was der jüdische Volksrat 1948 gelobt hat.
Paulus spricht davon, dass Teile Israels verstockt und ungehorsam Gott gegenüber sind. Sein fester Glaube aber ist: "Gott hat alle im Ungehorsam vereint, weil er allen sein Erbarmen schenken will. Und was er aus Gnade geschenkt hat, das nimmt er nicht zurück. Wen er einmal berufen hat, der bleibt es."
So bleibt es auch dabei: Israel ist das Volk, das Gott erwählt hat, um sein Heil unter den Menschen kundzutun. Immer wieder im Laufe seiner Geschichte haben die Staatsführer Israels sich von Gottes Wegen abgewendet. Immer wieder hat Gott das Volk auf seine Wege zurückgeholt. Deshalb gilt der Satz: Mit Israel hoffen wir, die Kirche, auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, auf Frieden unter den Menschen und dass allen Menschen Heil widerfahren wird.