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Predigt am 07. September 2014
1. Korinther 3,9-15
 
 

Zwei Männer begegnen sich als Patienten im Krankenzimmer. Der eine, Edward Cole, ist weiß und reich, schwer reich. Vier Ehen hat er hinter sich. Er sagt: "Die einzig erfolgreiche Ehe habe ich mit meiner Arbeit hingekriegt. Ich war sechzehn, als ich anfing mit dem Geldverdienen." Bis zum Milliardär hat er es gebracht. Aus einer Ehe ist eine Tochter hervorgegangen, mit der er aber keinen Kontakt hat. Deshalb kennt er auch das Kind seiner Tochter nicht, seine Enkeltochter.
Der andere, Carter Chambers, ist schwarz und ein einfacher Autoschrauber. Carter ist ein Familienmensch, seit Jahrzehnten mit der Frau verheiratet, von der er seine Kinder bekommen hat. Edward, der reiche Mann, glaubt nicht an Gott. Er sagt: "Ich widersetze mich jedem Glauben. Wir kommen, wir gehen, das große Karussell geht weiter."
Carter hingegen ist ein gläubiger Mensch. Er wollte eigentlich Philosophieprofessor werden, aber er musste früh Geld verdienen, weil seine Frau ein Kind bekam. So wurde er Automechaniker. Ein umfangreiches Wissen hat er sich angeeignet. Er lebt aus einer Weisheit, "die nicht aus unserer Zeit stammt" (1.Kor. 2,6 Basisbibel). Im Fernsehen schaut er gern Quizsendungen. Er weiß die Antworten, bevor der Kandidat sie sagt. Sonntags geht er mit seiner Familie in die Kirche. Einen Satz aus einer Predigt seines Pastors hat er sich besonders gemerkt: "Jedes Leben ist ein Bach, der in denselben Fluss mündet und in ein Jenseits fließt, das im Nebel hinter den großen Wasserfällen liegt."

Zwei Männer, die ein ganz unterschiedliches Leben
geführt haben, die aus zwei verschiedenen Welten kommen. Ihre Erkrankung führt sie zusammen. Beide leiden an Krebs in einem fortgeschrittenen Stadium. Operationen und Chemotherapie, das ganze Programm machen sie mit. Ihre Unterschiedlichkeit macht sie neugierig. Sie fangen an, sich füreinander zu interessieren. Beide wissen, dass sie nicht mehr allzu lange zu leben haben. Aber sie haben noch etwas vor mit ihrem Leben. Keinesfalls wollen sie sich einfach hängen lassen, um nur noch auf den Tod zu warten.
Carter fängt an, auf einem Blatt Papier etwas aufzuschreiben. "Was machst du da?", fragt Edward. "Rumkritzeln", antwortet Carter. Irgendwann zerknüllt er das Blatt und wirft es auf den Boden. Edward hebt das zerknüllte Papier auf, glättet es und fängt an zu lesen.
"Bucket List", steht da als Überschrift. "To kick the bucket" ist eine Redewendung, die heißt auf Deutsch: "den Löffel abgeben". Carter hat ein paar Dinge aufgeschrieben, die er bis dahin noch machen oder erleben will. Die Idee dazu stammt aus der Zeit seines Philosophiestudiums. Da hat ein Professor seinen Studenten die Aufgabe gegeben, eine "Bucket List" zu erstellen. Jetzt, wo er nach Auskunft des Arztes nur noch ein halbes Jahr zu leben hat, fällt Carter diese Aufgabe wieder ein. "Einem fremden Menschen etwas Gutes tun", schreibt er und andere Wünsche dieser Art.
Edward findet die Idee interessant und beginnt, eigene Punkte hinzuschreiben. "Das schönste Mädchen der Welt küssen", zum Beispiel. Und dann geht es darum, die Liste in die Tat umzusetzen. Carter hatte sie als ein Gedankenspiel verstanden. Aber Edward will ernst machen. "Unsere Situation ist eine einmalige Gelegenheit", erklärt er seinem Leidensgenossen. Inzwischen sind sie Freunde geworden. Carter findet Gefallen an dem Gedanken und meint, Fallschirmspringen müsste noch mit auf die Liste. Beide lachen bei dem Gedanken. Als seine Frau ihn besucht, erklärt er ihr, dass er nun für ein paar Wochen verreisen muss. Sie ist empört und geht wütend aus dem Zimmer. Aber er macht sich tatsächlich mit Edward auf den Weg. Sie sitzen im Flugzeug, aus dem sie sich mit einem geübten Springer in die Tiefe fallen lassen. Sie reisen weiter zu den Pyramiden, fahren mit dem Jeep durch einen afrikanischen Nationalpark. Da wollte Edward eigentlich einen Löwen schießen. Statt dessen schießt er einmal in die Luft, der Rückstoß wirft ihn um.
Dann sind sie im Himalaya, um dort etwas Majestätisches zu erleben. Doch das Dach der Welt liegt im Nebel. Der Nebel wird sich erst im kommenden Frühjahr verziehen, bekommen sie gesagt. So viel Zeit haben sie nicht mehr. Sie fahren nach Hause. Carter will seinem Freund etwas Gutes tun und lässt den Taxifahrer zu dem Haus von Edwards Tochter fahren. Als sie davor stehen, wird Edward fuchsteufelswild. Er trennt sich von seinem Freund im Streit.
Zu Hause wird Carter von seiner Familie freudig begrüßt. Gemeinsam sitzen sie am Tisch und essen. Edward isst ganz allein.
Kurz darauf bricht Carter zusammen. Im Krankenhaus wird festgestellt, dass sich Metastasen bis ins Gehirn ausgebreitet haben. Edward eilt zu seinem Freund, um ihn noch einmal zu sehen. Carters Frau übergibt ihm einen Brief ihres Mannes. Darin schreibt Carter, dass Edward sich mit seiner Tochter versöhnen soll und nun die noch offenen Punkte auf der Liste allein abarbeiten muss.
Während Carter operiert wird, erfüllt Edward dessen Wunsch. Er fährt zu seiner Tochter. Die freut sich, dass er gekommen ist. Er lernt seine Enkeltochter kennen, nimmt sie in die Arme und küsst sie. Daraufhin streicht er auch diesen Punkt von der Liste: "das schönste Mädchen der Welt küssen".
Carter überlebt die Operation nicht. Bei seiner Beerdigung hält Edward eine anrührende Rede. Bis vor wenigen Monaten waren beide noch völlig Fremde. Sie haben sich dann gegenseitig geholfen, die letzten Wochen vor ihrem Tod mit Leben zu füllen. Dabei haben sie erfahren, was das Wichtigste im Leben ist: die Liebe, liebevolle Versöhnung mit dem eigenen Leben und mit den Nächsten. Darum kann Edward nun auch diesen Punkt abhaken: "einem Fremden etwas Gutes tun".

In unserem heutigen Predigttext ist von dem Gericht die Rede, das Gott abhalten wird. "Der Tag des Gerichts wird zeigen, was das Werk eines jeden Einzelnen wert ist", so heißt es da. Diesen Fragen stellen sich für jeden Menschen spätestens am Ende des Lebens: Womit habe ich meine Zeit verbracht? Hat es Sinn gehabt, oder habe ich viel Zeit nutzlos vertan? Und was hinterlasse ich? Bin ich zufrieden mit dem, was ich gemacht habe? Ist es mir gelungen, Freude im Leben zu finden? Und hat mein Leben anderen eine Freude gemacht? Die beiden letzten Fragen hat Carter seinem Freund Edward zu denken gegeben. Es sind Fragen, die jeder Mensch sich stellen sollte.

Ein Grund ist gelegt, auf dem wir unser Leben aufbauen können. Dieser Grund heißt Jesus Christus. Er ist der Name dafür, dass Gott an unserer Seite ist. Auf Gottes freundliche Zuwendung können wir bauen. In jeder Notlage gibt Gott uns so viel Widerstandskraft, wie wir brauchen. Niemals wird er uns seine Liebe entziehen. Wir haben einen Wert vor Gott, den wir uns nicht erst erarbeiten müssen. Seine geliebten Kinder sind wir. Die Taufe macht es deutlich. Mit ihr gibt uns Gott sein Versprechen, dass er bei uns ist alle Tage.

Das ist der Grund, für den der Name Jesus Christus steht. Es ist gut zu wissen, dass wir das Fundament für unser Leben nicht selbst herstellen müssen. Unsere Aufgabe ist es, auf diesem Fundament aufzubauen und unser Leben so zu gestalten, sodass es Bestand hat vor Gott und wir selbst damit zufrieden sein können.
Dabei ist es egal, mit welchem Material wir bauen. Die einen haben Gold und Edelsteine zur Verfügung, andere nur Stroh. Manch einer ist reich gesegnet mit guten Gaben und mit einem freundlichen Umfeld. Ihm stehen viele Wege im Leben offen. Andere wachsen in schwierigen Verhältnissen auf und haben nur wenige gute Fähigkeiten mitbekommen. Doch jeder hat die Chance, aus den Gaben, die ihm gegeben sind, etwas Gutes zu machen.

Ich habe zwei Frauen vor Augen, zwei Schwestern. Die eine ist knapp über achtzig, schwergewichtig, sie kann sich mit ihrem Stock gerade noch in ihrer Wohnung bewegen. Nach draußen geht sie nicht mehr. Sie hat einen Sohn, der einmal in der Woche bei ihr vorbeikommt, für sie einkauft und ein paar Worte mit ihr spricht. Die Frau des Sohnes und seine beiden Kinder haben keinen Kontakt zu ihr, ebenso ihre eigene Tochter. Am Morgen und am Nachmittag legt ihr eine Kraft vom Pflegedienst die Tabletten zurecht und gibt ihr die Zuckerspritze. Alle zwei Tage macht sich die fünf Jahre jüngere Schwester aus Rheinhausen auf den Weg zu ihr. Die ist auch nicht gesund, aber sie nimmt aktiv am Leben teil. Sie kümmert sich um die Schwester und arbeitet ehrenamtlich in der Gemeinde mit, kocht den Kaffee für die Frauenhilfe und hilft mit, wo Hilfe gebraucht wird. So unterschiedlich verbringen Menschen ihr Leben. Die ältere der beiden macht einen traurigen Eindruck. Sie ist nicht zufrieden mit dem, wie es ist, kann oder will aber anscheinend nichts daran ändern. Die jüngere dagegen findet Freude in ihrem Leben, und sie macht anderen Freude. "Lustige Witwe" wird sie von einer anderen Schwester genannt, die den Tag rauchend in einem vernebelten Zimmer verbringt und offenbar neidisch auf sie ist.
Ein Mann, der auf die neunzig zugeht, erzählte mir diese Geschichte: Nachdem er einmal kurz das Bewusstsein verloren hatte, wurde im Krankenhaus festgestellt, dass sein Herz nur noch 27% Leistung hat. Er sagte dem Arzt, dass er in einer Woche in Urlaub fahren wolle. Wie er denn fahren wolle, fragte der Arzt. "Mit dem Auto", sagte der Mann. "Das können Sie nicht", sagte der Arzt. Der Mann war beunruhigt. "Kann ich nun nie mehr Auto fahren?", fragte er. "Doch", sagte der Arzt, "dann müssen Sie sich einen Herzschrittmacher einsetzen lassen." Am nächsten Tag ließ der Mann sich den Schrittmacher einsetzen, eine Woche später fuhr er mit dem Auto in Urlaub.

Solange wir den Verstand haben und uns ein wenig bewegen können, ist es für nichts zu spät. Edward und Carter haben es vorgemacht. Edward dachte, seine Tochter würde ihm auf ewig böse sein und ihn gar nicht ins Haus lassen. Er hat´s dann doch gewagt, zu ihr zu fahren, und erlebt, wie sehr die Tochter sich freute über sein Kommen. Wahrscheinlich hat sie schon lange darauf gewartet.
So unterlassen wir manches im Leben, weil uns bestimmte Ängste und Vorstellungen daran hindern. Der Grund, der für uns gelegt ist, kann uns die Ängste nehmen und uns Sicherheit geben, das zu tun, was uns selber Freude macht und womit wir anderen eine Freude machen.
Dann werden, wenn wir nicht mehr können, andere Menschen für uns da sein und tun, was in unserem Sinn ist. So trägt der Assistent von Edward am Ende die Dosen mit der Asche der beiden auf einen Gipfel im Himalaya. Von dort haben sie freien Blick auf den höchsten Berg der Erde. Nun kann auch der letzte Punkt von ihrer Liste gestrichen werden: "etwas Majestätisches erleben."
Damit endet die Geschichte von Edward und Carter. Sie macht Mut, so zu leben, dass wir damit zufrieden und froh sein können.