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Predigt am 26. Oktober 2014
Markus 2,1-12
Es gibt immer noch Hoffnung
 

Aufgeben oder kämpfen?

"Nach fast 50 Jahren im Rollstuhl haben meine körperlichen Kräfte in den letzten Monaten so rapide abgenommen, dass ich demnächst mit dem völligen Verlust meiner bisherigen Selbstständigkeit rechnen muss. Parallel dazu beobachte ich auch ein Nachlassen meiner geistigen Fähigkeiten, das wohl kürzer oder später in einer Demenz enden wird".
So schrieb Udo Reiter, der ehemalige Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks, in seinem Abschiedsbrief. Reiter wurde am 10. Oktober leblos auf der Terrasse seines Hauses in Sachsen gefunden. Er hatte sich erschossen. 70 Jahre ist er alt geworden.

Was für ein Kontrast zu dieser Geschichte: Ein Gelähmter, einer, der sich nicht mehr selbständig bewegen konnte, wird von vier Männern getragen. Diese Vier sind von dem Glauben beseelt, dass dem Mann geholfen werden kann. Sie haben auch eine Hoffnung, wer ihm helfen kann. Diesen Jesus suchen sie auf. Doch es ist kein Durchkommen. Eine Menschenmenge versperrt ihnen den Weg. Grund genug, resigniert umzukehren. Doch die Vier kehren nicht um. Sie haben Kraft und Energie. Das sind Gaben, die Gottes Geist uns Menschen gibt. Power und Energie. Die Vier steigen der Menge aufs Dach. Den Gelähmten ziehen sie mit hoch. Sie hauen ein Loch in das Dach genau über der Stelle, wo Jesus steht. An Seilen lassen sie den Mann auf seiner Matte hinunter.

Im Gegensatz zu Udo Reiter konnte der Mann nichts mehr. Er hätte sich wohl noch selbst an einem Strick aufhängen können, wenn jemand ihm den hingelegt hätte. Aber diese Lösung kam für ihn nicht in Frage. Vermutlich ist sie keinem der Beteiligten in den Sinn gekommen.

Heute wird die Frage in unserem Land diskutiert: Ist das noch ein Leben, wenn man nur noch da liegt und nichts mehr machen kann? Ist ein solcher Zustand noch lebenswert?

Udo Reiter war weit von einem solchen Zustand entfernt, als er sich entschloss, nicht mehr leben zu wollen. Seit einem Autounfall am 5. Dezember 1966 war er querschnittgelähmt. Er führte ein Leben, das die meisten, die ihre Füße gebrauchen können, niemals haben werden. Udo Reiter hat die Wüste Gobi durchquert und den Dalai-Lama im Himalaya besucht. Er war beim Hochseefischen und beim Tiefseetauchen. Er ist Vater geworden und hat nach dem Mauerfall einen Rundfunkkonzern mit Tausenden Mitarbeitern erschaffen. Thomas Gottschalk machte mit ihm Party und traf sich mit ihm auf ein Glas Rotwein. Wenn Reiter es wollte, tanzte das Fernsehballett an. Vor zwei Jahren hat er noch einmal geheiratet. (Die Zeit, Nr. 43, 2014) Aus Angst vor dem Nachlassen seiner körperlichen und geistigen Kräfte hat er sich umgebracht.
Selbst für seinen guten Freund Thomas Gottschalk ist das nicht zu verstehen. In der Sendung am vergangenen Sonntag spricht Günter Jauch ihn auf die Angst vor der Demenz an. Gottschalk antwortet so, wie man ihn kennt und schätzt: "Ich habe schon so viel Unsinn in meinem Leben geredet, da kommt es darauf auch nicht mehr an."

Franz Müntefering wies mit Nachdruck darauf hin, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Er hat mit seiner krebskranken Frau ihr Sterben durchlitten und empfindet diese Phase als eine sehr intensive Lebenszeit.

Die Würde des Menschen ist unantastbar, das heißt: Jeder Mensch hat ein Recht auf Leben. Niemand soll sich selbst aufgeben oder von anderen aufgegeben werden. Der Gelähmte in der Jesus-Geschichte hat sich vielleicht schon selbst aufgegeben. Rollstühle gab es noch nicht, keinen organisierten Pflegedienst, keine Pflegeheime. So jemand war ganz auf die Hilfe seiner Angehörigen angewiesen. Und wenn er keine hatte, dann war er arm dran. Dann blieb nur noch das Betteln am Straßenrand. Da haben ihn vielleicht ein paar Nachbarn Tag für Tag hin geschleift und abends wieder ins Bett gebracht. Dafür hat er ihnen ein Teil seiner Tageseinkünfte abgegeben. So stelle ich mir den Alltag dieses Menschen vor. Kein schönes Leben.

Ist Selbstbestimmung der höchste Wert?

Für Udo Reiter stand fest: ´So ein Leben will ich nicht haben.` Dabei wäre er nie in die Lage dieses Gelähmten gekommen. Viele Menschen in unserem Land klatschen denen Beifall, die wie Reiter sagen: "Mein Tod gehört mir. Ich möchte, dass mir beim Sterben geholfen wird, wenn ich nicht mehr leben will." Der Druck auf die Abgeordneten des Bundestages wächst, Ärzten demnächst die Hilfe bei der Selbsttötung zu erlauben. Auch der gelernte Pastor und jetzige CDU-Spitzenmann PeterHintze ist dafür.
Nach einer Umfrage, die am Freitag in der Tageszeitung zu lesen war, sind drei Viertel der Deutschen für aktive Sterbehilfe.
Die Angst ist groß vor einem Zustand, in dem man das eigene Leben nicht mehr in der Hand hat. Die Angst, voll und ganz auf andere angewiesen zu sein. Viele Menschen haben die Sorge, dass sie damit anderen zur Last fallen. Selbstbestimmung heißt der Wert, der ganz hoch gehandelt wird. Ein selbstbestimmtes Leben wird zum Maßstab dafür, was lebenswert ist und was nicht mehr. Zur Selbstbestimmung gehört dann auch, selbst zu entscheiden, wann Schluss ist.


Der Gelähmte in der Jesus-Geschichte konnte schon lange nicht mehr selbst über sein Leben bestimmen. Er war auf die Hilfe anderer angewiesen und auf deren Glauben. Vermutlich hatte er sich mit seinem Dasein als Gelähmter längst abgefunden, hatte sich resigniert in sein Schicksal gefügt. ´Was soll man da machen?`, wird er gesagt haben. ´Man kann nichts machen, man muss es nehmen, wie es ist.`
Das ist die Angst, die heute viele Menschen haben: In einem Heim von schlecht bezahlten und überlasteten Pflegerinnen und Pflegern ruhig gestellt zu werden und so dem Ende entgegen zu dämmern.

Hinsehen ist gefragt

Den Gelähmten damals wollten vier Männer nicht einfach sich selbst und seinem Schicksal überlassen. Was sie von Jesus erwartet haben, ist nicht überliefert. Vielleicht wollten sie ein Zeichen setzen, indem sie Jesus den Mann vor die Füße legten: ´Schau dir diesen Menschen an.` Vielleicht wollten sie auch der Menge um Jesus herum damit ein Zeichen geben: ´Schaut euch diesen Mann an. Wir können ihn doch nicht einfach sich selbst überlassen. Wir sind doch Menschen und müssen etwas tun, damit er in Würde leben kann, trotz seiner Behinderung.` Vielleicht war das ihr Ziel: dass alle einmal hinsehen, diesen Menschen wahrnehmen, über den sonst am Straßenrand alle hinwegblicken.

Vielleicht wollen viele Menschen, die sich heute für die Sterbehilfe aussprechen, etwas Ähnliches: dass die Gesellschaft, wir alle, hinsehen, wie es vielen Alten und Gebrechlichen heute geht. Deren Situation wahrzunehmen und zu verbessern, dafür setzt sich Franz Müntefering entschieden ein. In einem Zeitungsinterview sagt er: "Die Alterspsychiatrie in unseren Land ist nicht gut. Die ist schlecht. Die alten Menschen sind in ihrer Einsamkeit allein. Ich habe in Kliniken Fälle erlebt, da hat ein alter Mensch drei Wochen lang keinen Besuch bekommen. Sie bekommen als Achtzigjähriger eher eine neue Hüfte als Hilfe für die Seele." (NRZ 24.10.2014, S. 2)

Den gelähmten Menschen wahrnehmen - die Vier wussten, dass sie mit diesem Anliegen bei Jesus genau richtig waren. Der sieht den Mann vor sich. Er sieht, wie Licht durch das offene Dach fällt und durch das Loch vier Gesichter nach unten schauen und vier Paar Hände die Stricke halten, mit den sie den Gelähmten auf seiner Matte hinunter gelassen haben. Jesus sieht ihren Glauben. Es ist ein tatkräftiger Glaube. Die Vier packen kräftig zu, sie geben ihrem Glauben Hände und Füße.
Woran glauben sie? Sie glauben an das Menschliche: Niemand, der sich selbst nicht mehr helfen kann, darf sich selbst überlassen werden. Wer allein nicht mehr kann, dem muss geholfen werden, der braucht Beistand, Betreuung, der braucht die Liebe und die Hoffnung anderer Menschen.
Um Menschen dies zu bringen, Liebe, Hoffnung, Vertrauen, dazu ist Jesus gekommen. Er sagt zu dem Gelähmten: "Mein Kind, deine Sünden sind dir vergeben."
Was für ein merkwürdiger Satz! Welche Sünden?, so frage ich mich. Ich kann nur vermuten, was Jesus gemeint haben könnte. Vielleicht das, was Herrn Reiter in den Tod getrieben hat: die Hoffnungslosigkeit im Blick auf das weitere Leben und die Selbstaufgabe. Vielleicht hatte der Gelähmte sich selbst aufgegeben, verbrachte teilnahmslos seine Tage ohne Freude am Leben und ohne anderen Freude zu machen.
"Deine Sünden sind dir vergeben", das heißt: ´Komm zu dir. Nimm wahr, was in dir steckt, was du kannst. Nimm das Leben um dich herum wahr.` Und der Gelähmte nahm seine Matte und ging hinaus. Das heißt: Der Mann kann leben mit dem, was ihn beschwert. Die Schwäche, die Gebrechlichkeit kann er mitnehmen.
Aller Augen sehen es. Die Demonstration ist gelungen. Alle sehen, wie Jesus sich dem gebrechlichen Mann zuwendet. Alle sehen, welche Kraft diese Zuwendung in dem Gelähmten wachruft.

Wir, die wir von Ferne Zeugen des Geschehens sind, sehen das auch. Daraus ergeben sich Schlussfolgerungen für die heutige Diskussion in unserem Land. Nicht die Beihilfe zum Selbstmord ist das Gebot der Stunde, sondern die Forderung nach einer guten Betreuung. Wenn jemand alt und gebrechlich wird, muss er wissen: Ich darf auf andere angewiesen sein, ich darf anderen zur Last fallen, ich darf Unsinn reden und zum zehnten Mal die gleiche Geschichte erzählen. Ich darf vergessen, und die Pflege für mich darf auch etwas kosten.

Müntefering sagt: "Das muss die Gesellschaft den gebrechlichen Alten deutlich machen: Ihr sollt kein schlechtes Gewissen haben. Ihr gehört dazu. … Aus Angst vor dem Sterben das Altern zu kappen, nein, das ist für mich keine Selbstbestimmung. Das ist ein Bruch der Kultur und des Selbstverständnisses vom Leben."

Ich stimme Müntefering zu, der sagt: Wir brauchen kein neues Gesetz, das Ärzten erlaubt, Menschen ein Todescocktail hinzustellen. Was wir brauchen, ist eine menschliche Gesellschaft, in der Menschen sich umeinander kümmern wie die Vier um den Gelähmten. Wir brauchen Gesetze, die dafür sorgen, dass genügend gut ausgebildete und ordentlich bezahlte Pflegekräfte für gebrechliche und sterbende Menschen da sind. Wir brauchen eine Übereinkunft in unserer Gesellschaft, die allen Menschen die Gewissheit gibt: Wenn ich nicht mehr kann, dann werde ich getragen.