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Predigt am 23. Novbember 2014
2. Korinther 5,1-4
Totensonntag
 

Was wird einmal sein, wenn wir nicht mehr sind? Niemand von uns weiß es. Wir wissen nicht einmal sicher, ob dann mit uns überhaupt noch etwas sein wird. Werde ich dann noch ein Bewusstsein haben, etwas wahrnehmen, eine eigene Identität haben? Werde ich aufgehen in einem großen Ganzen, kein eigenes Gespür mehr haben? Oder wird alles ganz anders sein, jenseits dessen, was ich mir jetzt vorstellen kann?
Ich wüsste gern, wo unsere Toten jetzt sind. Ich wüsste gern, wie es ihnen geht, ob sie uns jetzt sehen, die wir hier sind und um sie trauern. Ich wüsste auch gern, wo ich einmal bleiben werde, wie es mit mir weitergeht, ob es überhaupt mit mir weitergeht.

Was wird sein nach diesem Leben? Es bleibt ein Geheimnis. Wir Christen glauben, dass der Tod eine Art Durchgang ist, ein Durchgang zu einem neuen Leben in Gottes ewigem Reich. Weil er uns näher zu Gott hinführt, darum brauchen wir den Tod nicht zu fürchten,. Diese Hoffnung durchzieht das ganze Neue Testament.
Paulus, dem Botschafter Jesu Christi, ist die Gewissheit zuteil geworden, dass wir wie Jesus zu neuem Leben auferweckt werden. Wie das aussehen wird, weiß auch er nicht. Mit einem Bild umschreibt er, was er im Glauben erkannt hat. Unseren Körper vergleicht er mit einem Haus.
"Wir wissen", so schreibt er: "Wenn unser irdisches Haus, diese Hütte abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel." (2. Kor. 5,1)
An anderer Stelle spricht er von einem natürlichen und einem geistlichen Leib: "Gibt es eine natürlichen Leib, so gibt es auch einen geistlichen Leib. Der natürliche Leib ist von der Erde und irdisch; der geistliche Leib ist vom Himmel." (1. Kor. 15,44-47) Mit diesem geistlichen Leib werden wir gleichsam "überkleidet". Das neue Haus, das ewig ist, im Himmel, wird uns wie ein neues Kleid umgelegt.

Nur mit Bildern können wir sprechen von dem, was wir glauben und hoffen im Blick auf das Leben nach dem Tod. Wir Menschen machen uns heute andere Bilder als der Apostel.
Ein Kollege erzählte diese Begebenheit: "Es war am 31. Dezember des vergangenen Jahres in der Mittagszeit. Die Menschen gehen schwer bepackt mit ihren Einkäufen nach Hause: essen und Trinken für das Fest in der Nacht und den Feiertag danach, natürlich auch Feuerwerkszeug. Ich stehe mit meinem Rad an der Ampel, warte auf Grün, da kommt eine jüngere Frau angeradelt. Wir kennen uns vom Sehen her. In ihrem Fahrradkorb liegen nur drei einzelne Raketen, sonst nichts. Anerkennend spreche ich sie darauf an, dass sie nicht so viel Geld in die Luft jagen will. Sie antwortet, sie habe zwei Kinder zu Hause und ein drittes Kind, das leider ganz früh gestorben ist. Ein Stern im Himmel. In jeder Silvesternacht würden sie ihm eine Rakete in den Himmel schicken und zwei Begleitraketen als Gruß von den Geschwistern."
Der Kollege kann das Gespräch nicht vertiefen. Die Ampel springt auf Grün, beide wünschen sich gegenseitig noch ein gutes neues Jahr und fahren nach Hause. Das tote Kind, ein Stern im Himmel. Ein Bild, das sich heute Menschen machen. Auch dieses Bild spricht von einer Liebe, die der Tod nicht auslöschen kann.*

Bei Trauerfeiern kommt es immer häufiger vor, dass Angehörige sich Musik von einer CD wünschen. Vor kurzem ließ die Familie einer Verstorbenen dieses Lied spielen:
"Einen Stern, der deinen Namen trägt,
den schenk ich Dir heut' Nacht,
einen Stern, der deinen Namen trägt,
alle Zeiten überlebt
und über unsere Liebe wacht.
Und auch noch in tausend Jahren
wird er deinen Namen tragen".

Ein Stern, der den Namen ihres Kindes trägt, so tröstet sich die junge Mutter. Mit gefällt das Bild. Manchmal, wenn ich abends den Sternenhimmel betrachte, sehe ich im Geiste meine Lieben vor mir und spüre dabei, dass sie mir aus der anderen Welt freundlich zugewandt sind.
Wir haben eben die Namen gehört der Menschen aus unserer Gemeinde, die in dem zu Ende gehen Jahr gestorben sind. Bei vielen war der Tod eine Erlösung. Vorausgegangen ist eine längere Zeit der Krankheit und Bettlägerigkeit. Die hat zum Teil sehr an den Kräften der Angehörigen gezehrt. Bei anderen ging das Sterben sehr schnell. Die Trauer ist immer noch sehr groß und tut weh.

Vielleicht tröstet der Gedanke ein wenig, dass der geliebte Mensch überkleidet ist mit einem neuen Haus, von Gott erbaut, das ewig ist im Himmel, oder dass er als Stern am Himmel von dort oben seine Lieben begleitet. Trotzdem müssen die Zurückbleibenden es aushalten, dass der geliebte Mensch nicht mehr bei ihnen ist. Und das tut weh, auch wenn seit dem Verlust schon Monate oder gar Jahre vergangen sind. Der geliebte Mensch fehlt einfach, und er kommt auch nicht wieder.

"Wie geht das eigentlich, trauen?" Mit dieser Frage beschäftigte sich die Zeitung in ihrer Beilage am vergangenen Wochen-ende. Besonders Männern, so war da zu lesen, fällt es schwer, ihre Trauer, ihren Schmerz zuzulassen. Oft tut sich nach dem Verlust ein tiefes Loch auf, besonders wenn der Tod nicht zu erwarten war.
Was kann da helfen? Ich denke, Rituale sind wichtig, so wie das heutige. Mit einer Trauerfeier haben wir Abschied genommen und dem Verstorbenen die letzte Ehre erwiesen. Heute zünden wir eine Kerze für ihn oder für sie an als Zeichen unserer fortdauernden Liebe und Verbundenheit.
Auch der Besuch auf dem Friedhof ist für viele ein Trost. Die stille Zwiesprache mit dem oder der Verstorbenen. Und das Reden mit vertrauten Menschen. "Kraft fand ich in Gesprächen mit vielen Menschen, in den Antworten von meinem Freund und von Verwandten", so sagt ein Mann, der seine Frau viel zu früh verloren hat. (NRZ am Sonntag, 15.11.2014)

Die Gewissheit, dass das Leben mit dem Tod nicht zu Ende ist, dass da noch etwas kommt, die nimmt uns nicht den Schmerz, aber sie nimmt uns etwas anderes: die Sorge. Die Sorge um den Verstorbenen oder die Verstorbene. Er oder sie ist gut aufgehoben. Das können wir fest glauben. Deshalb brauchen wir uns um ihn oder sie keine Sorgen mehr zu machen.
Diese Sorge war manchmal ziemlich anstrengend. Sie ging bis an die Grenze der eigenen Kräfte und sogar darüber hinaus. Krankheit, Schwäche, Bettlägerigkeit stellen auch an die Angehörigen hohe Ansprüche. Zur Trauer gehört es dann, selbst wieder zur Ruhe zu kommen und Kraft zu schöpfen.
Der Mann, der früh seine Frau verloren hat, sagt: Kraft fand ich auch "ich in der Stille der Natur, in leeren Kapellen oder Kirchen. Kraft geben mir vor allem meine Töchter".

Mich persönlich trösten auch die vielen guten Erinnerungen. Es tut gut, diese immer wieder mal aufzufrischen, Bilder anzuschauen, Geschichten von früher zu erzählen. Dabei werden die Verstorbenen wieder lebendig.
Die Kerze, die wir angezündet haben, können nachher alle mit nach Hause nehmen. Vielleicht ergibt es sich, diese zu Hause wieder anzuzünden und im Familienkreis Erinnerungen kommen und gehen zu lassen. Dabei darf auch gelacht werden. Denn es gibt viel Schönes und auch Lustiges, woran man sich erinnern kann.
Es darf auch geweint werden, na klar, denn der Verlust tut weh, auch noch nach vielen Jahren.

Was wird sein nach diesem Leben? Es bleibt ein Geheimnis. Heute nehmen wir die Verstorbenen gleichsam in unsere Mitte. Sie sind aufgehoben auch in uns.
Welche Gestalt auch immer sie jetzt haben, sie sind uns nah, so fern sie oft auch sind. Fern, aber auch ganz nah.
All die Bilder, die wir uns machen von dem Leben danach, weisen darauf hin: Sie leben, die Verstorbenen, und umgeben uns weiter mit ihrer Liebe, ihrer Wärme, dem Licht, das von ihnen ausgeht.

In der Zeitung fand ich am vergangenen Dienstag einen Brief, den der fünfjährige Ben von seiner Oma bekommen hat. Ein liebevoller Mensch hat ihn im Sinne der Oma geschrieben, denn die ist schon in Gottes neuer Welt. In dem Brief heißt es:
"Immer wenn du lächelst, fühle ich mich dir besonders nah. Ich habe überlegt, wie ich für dich lächeln kann und habe beschlossen, die Sterne jeden Abend zu polieren, sodass sie für dich ganz besonders schön leuchten. Mit der Sonne wollte ich auch noch sprechen, damit sie für dich ganz besonders hell scheint. Ich weiß aber, dass sie es oft nicht schafft, die Wolken beiseite zu schieben. Doch denke immer daran, dahinter scheint sie trotzdem.
Mein lieber Ben, wenn du das Gefühl hast, traurig zu sein, dann lass dich von deiner Mama in den Arm nehmen und dir von mir durch sie einen Kuss geben. Glaub mir, ich bin in Gedanken immer bei euch, auch wenn du mich nicht sehen kannst.
Ich habe dich lieb bis zum Mond und zu den Sternen und zurück. Deine Oma." (NRZ 18.11.2014)

Was wird einmal sein, wenn wir nicht mehr sind? Eines wissen wir: Es wird nicht alles aus sein. Denn Gott ist da und wird in Ewigkeit da sein, und wir werden in ihm geborgen sein. Deshalb brauchen wir uns um das, was dann kommt, keine Sorgen zu machen. Wir können eher gespannt darauf sein und uns darauf freuen. Was unsere Sorge sein soll, ist das Leben jetzt und hier. Das zu bewältigen, dazu gibt Gott uns Kraft und Mut.