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Predigt am 2. Weihnachtstag 2014
Matthäus 1,18-25
zum Krippenbild von Sieger Köder
(http://www.kirche-heute.ch/kirche-heute/beitraege/1titel/2012-52-Krippe.php)

Von allen Figuren der Weihnachtsgeschichte steht uns Josef vielleicht am nächsten. Ihm hat kein Engel die Geburt des Heilandes verkündigt wie den Hirten. Ihm ist kein Stern aufgegangen, der ihn auf einen neugeborenen König hingewiesen hätte.
Er kannte die Geschichte nur vom Hörensagen. Hirten waren in der Nacht erschienen und erzählten von Engelserscheinungen und einer Engelsbotschaft: Das Kind in der Krippe sei der von Gott gesandte Retter der Welt. So hatten ein paar Hirten die Engel verstanden. Das klang unglaublich.
Genauso unglaublich wie das, was Josef im Traum gesehen und gehört hat. Immerhin ist ihm ein Engel im Traum erschienen. Der hat gesagt, das Kind, das in Marias Leib heranwuchs, sei vom Heiligen Geist.
"Wie soll das zugehen, zumal ich von keinem Manne weiß?", hat Maria den Engel gefragt, der ihr die Geburt des Kindes ankündigte. Genauso wird Josef am Morgen nach seinem Traum auf-gewacht sein: Wie soll das zugehen - ein Kind vom Heiligen Geist?
Das ist unfassbar. Eine Theologiestudentin fragte vor kurzem in einem Seminar, ob Gott selbst der Erzeuger von Jesus war und wie er das gemacht habe.
Wir können uns das nicht vorstellen. Ein Kind vom Heiligen Geist, der Retter der Welt arm in einer Futterkrippe - das übersteigt unseren Verstand. Auch Josef wird ratlos die Geburt dieses Kindes erlebt und gehört haben, was ein paar Hirten von diesem Kind erzählten. Wie soll ein einfacher Zimmermann so etwas begreifen?
Von Maria berichtet der Evangelist Lukas, sie habe all die Worte der Hirten in ihrem Herzen bewegt. Von Josef ist keine Reaktion überliefert. Der Künstler Sieger Köder hat sich vorgestellt, Josef habe sich erst einmal hingelegt.
Das Bild, das wir vor uns haben, stammt vom Rosenheimer Altar in Ellwangen. Dort war Köder zwanzig Jahre lang Pfarrer.
Josef liegt oben unter dem Dach und schläft den Schlaf des Gerechten. Ein weltgeschichtliches Ereignis nimmt gerade seinen Anfang, und Josef schläft. Er hatte auch nichts mit der ganzen Geschichte zu tun. Außer dass er bei Maria geblieben ist, damit kein böses Gerede aufkam. Eine unverheiratete Frau schwanger, das war noch bis vor wenigen Jahrzehnten auch in unserem Land ein Skandal, der unbedingt vermieden werden musste. Die Schande, als Frau ohne Mann ein Kind zur Welt zu bringen, hat Josef der Maria erspart. Er wird nicht verstanden haben, was der Engel ihm im Traum vom Heiligen Geist erzählt hat. Aber er hat die Weisung des Engels befolgt und ist bei Maria geblieben.
Ich meine, dass Josef uns damit ganz nahe ist. Auch ich verstehe nicht wirklich, wie das zuge-gangen sein soll, dass Maria vom Heiligen Geist schwanger wurde. Und Gott zu verstehen, dass wird keinem Menschen je gelingen. Denn seine Gedanken sind bekanntlich nicht unsere Gedan-ken. Soviel der Himmel höher ist als die Erde, so sind seine Wege höher als unsre Wege und seine Gedanken höher als unsere. (Jesaja 55,9-10)

Dass Gott Mensch geworden ist in dem Kind in der Krippe, das besingen und bedenken wir alle Jahre wieder. Doch was dieses Ereignis bedeutet, das hat die Menschheit bis heute nicht begriffen.
Trotzdem feiern wir dieses Ereignis Jahr für Jahr, lassen uns davon bezaubern und bleiben mit Josef an der Seite von Maria, die das Kind in Armen hält.
Maria ist von der Kirche zu einer Heiligen ver-klärt worden. Dabei ist jede Mutter eine Heilige; denn jeder Geburt ist ein heiliger Akt, ein Wun-der von Gottes Schöpfung. Liebevoll wie jede Mutter, die sich auf ihr Kind gefreut hat, hält Maria das Jesuskind in den Armen und küsst es zärtlich.
Der Maler hat in das Kind eine Fähigkeit hinein gezeichnet, die Neugeborene noch nicht haben: Mit klaren und wachen Augen blickt das Kind uns, die Betrachter, an. Seine Hand ist ausge-streckt, um uns einzuladen: Komm, komm her zu mir. Lass dich anstiften zum Vertrauen, zur Hoffnung, zur Liebe.

Zwei Personen sind der Einladung schon gefolgt.
Der Mann, der von unter zu dem Kind schaut, ist König David. Unter seiner Regierung herrschte vierzig Jahre lang Frieden im Land. Es war die friedlichste Zeit, die Israel in seiner ganzen Geschichte je hatte. Darum warteten die Propheten und alle gläubigen Menschen in Israel auf den neuen David, den Messias, der endlich sein Friedensreich aufrichte.
Das Matthäus-Evangelium schildert in seinen ersten Versen den Stammbaum Jesu. Von Abraham über David gibt es eine direkte Linie bis zu Josef, der Jesus als sein Kind angenommen hat. So ist Jesus ein Nachkomme Davids. Der alte König kniet vor ihm, dem neuen König. Mit seiner rechten Hand berührt David das Holz der Krippe, auf dem vier Buchstaben zu lesen sind: INRI. Diese vier Buchstaben ließ Pilatus auf das Kreuz Jesu schreiben: Jesus von Nazareth, König der Juden.
Dieser König verzaubert mit seinem Lächeln, seiner Freundlichkeit. Er schenkt Vertrauen und Hoffnung, dass Unmögliches möglich wird. Von ihm geht ein Licht aus, das uns die Richtung weist
für unser Leben. Das Licht der Liebe und des Friedens, der Versöhnung und Barmherzigkeit.

Auf der anderen Seite der Krippe kniet ein Hir-tenmädchen und betet den neugeborenen König an. Der alte König David steht für die Herkunft Jesu aus königlichem Stamm. Das Mädchen steht für die Gegenwart: Jesus ist vor allem ein König der kleinen Leute, der Kinder, der Armen, der Menschen, denen Schweres aufgeladen ist. Jesus ist einer von ihnen. Denen, die im Dunkel leben, will er Hoffnung bringen. Hinter dem Hirtenmädchen ist es dunkel. Aber die Dunkelheit wird erhellt durch einen Stern, der Licht in die Hütte bringt. Das Licht aus der Höhe erleuchtet die Gesichter derer, die um die Krippe versammelt sind.

Auch wir haben uns wieder um die Krippe ver-sammelt, um uns erleuchten zu lassen von dem Licht, das von Jesus ausgeht. Vielleicht ist uns das Mädchen näher als der schlafende Josef. Es blickt mit wachen Augen auf das Kind. In seinem Gesicht und in den zum Gebete gefalteten Händen spiegelt sich unsere Hoffnung: dass der mensch-gewordene Gott in der Welt ist, dass er teilnimmt an unserem Erdenleben und uns teil gibt von seiner Kraft und seiner Liebe.

Unter der Krippe blühen Christrosen. Die Christrose blüht mitten im kalten Winter. Darum gilt sie als Symbol für Leben aus der Todesstarre, für Auferstehung, für die Hoffnung auf ein neues Jahr, einen neuen Frühling, auf Sonne und Licht nach der trüben Jahreszeit.
Robert Stolz hat der Christrose ein Lied geschrieben, das zu Herzen geht:

Christrose, Blume der Heiligen Nacht!
Christrose, hast mir die Hoffnung gebracht.

Es grünt eine Hoffnung zur Weihnachtszeit,
drinnen im Herzen still:
dass immer und ewig so schön wie heut'
Frieden werden will.

Auch diesen Wunsch verbinden wir mit Weih-nachten: Es möge doch endlich friedlicher auf der Erde werden, gerechter unter den Menschen zugehen. Weihnachten stärkt alle Jahre unsere Hoffnung, dass Frieden möglich ist.

In der Zeitung fand ich am Wochenende ein neues Lied mit diesem Text: "Mensch, erbarme dich! Mensch erbarme dich! Mensch erbarme, erbarme dich! Steh auf, Mensch unter Menschen, der du bist Zuflucht der Notleidenden. Eil zur Hilfe den Menschen, hilf deinesgleichen! Mensch, erbarme dich!" (SZ 20.12.2014) Gott wird Mensch, damit wir Menschen menschlich miteinander umgehen, uns der Notleidenden erbarmen und denen zu Hilfe kommen, die Hilfe nötig haben.
Zum Erbarmen kann man niemanden zwingen, genauso wenig wie zur Liebe. Lieben kann nur, wer selbst Liebe erfährt. Erbarmen kann sich nur, wem selbst Erbarmung widerfährt. "Mir ist Erbarmung widerfahren, Erbarmung deren ich nicht wert", heißt es in einem Kirchenlied (355). Gott hat sich unser erbarmt, indem er als einer als Mensch unter Menschen gelebt hat. Bis heute stiftet er Menschen an, seinem Beispiel zu folgen.

Am Montag war in der Zeitung das Beispiel von Müttern zu lesen. Sie haben Kuchen geba-cken für Flüchtlinge, die in einem Heim an der Koloniestraße untergebracht sind. Fünfzig Menschen haben sich beteiligt und eine lange Kuchentafel vor der Einrichtung aufgebaut. (NRZ 22.12.2014) So etwas gab es auch hier in Wanheim, als die Kaserne an der Düsseldorfer Landstraße noch stand und dort Flüchtlinge untergebracht waren. Einige Male haben wir in der Kapelle der Kaserne zusammen mit Flüchtlingen unseren Weihnachtsgottesdienst gefeiert.

Josef schläft. Er ist der erste, der sich des mensch-gewordenen Gotteskindes erbarmt. Er hat es als sein Kind angenommen. Nun schläft er. Er muss nachwirken lassen, was um ihn herum geschehen ist. Wie Maria die Worte der Hirten in ihrem Herzen bewegte, so tut es Josef im Schlaf.
Wir wissen heute, dass im Schlaf unser Gehirn trotzdem arbeitet. Es sortiert die Dinge, die wir erlebt haben, speichert wichtige Informationen ab, sodass sie Teil unseres Inneren werden, und produziert neue Ideen.

Josef ist vielen von uns sicher auch nahe mit seinem Bedürfnis nach Ruhe. Für viele waren die Wochen vor Weihnachten eine stressige Zeit. Nun sind die Geschäfte zu. Schulen und Kindergärten haben Ferien. Viele Betriebe und öffentliche Einrichtungen ebenfalls. Es ist Zeit, einmal durchzuatmen, zur Ruhe zu kommen, bevor das neue Jahr beginnt und dann wieder alles von vorn losgeht.
"Plötzlich merkt man, wie müde man ist, wie erledigt, gleich einem Marathonläufer auf den letzten Metern. Der ganze Körper ruft nach Ruhe, Ruhe, Ruhe!" So schreibt ein Journalist in der Wochenzeitung Die Zeit (23.12.2014). Der Leitartikel auf der ersten Seite ist überschrieben: "Die große Sehnsucht nach Ruhe".
Der heutige Morgen dient dazu, gemeinsam innezuhalten und in Ruhe das weihnachtliche Geschehen nachwirken zu lassen. Wir lassen uns das weihnachtliche Geschehen noch einmal in Ruhe durch den Kopf gehen. Was wir zu Weihnachten gehört und erfahren haben, soll sich fest einprägen, uns Hoffnung und Zuversicht schenken in allem, was kommt: Gott ist in der Welt. Er ruft zu sich dich und mich und lädt uns ein, loszulassen, was uns quält, was uns fehlt. er bringt uns das, was wir am nötigsten brauchen: Liebe und Erbarmen.
Josef schläft. Auch darin ist er uns ein Vorbild: Er lässt los, was ihn gequält hat. Der Gedanke nämlich, von wem wohl das Kind ist, das Maria erwartet hat. Nun nimmt er es an als Kind Gottes und als sein Kind.
Josef lädt uns ein, es ihm nachzutun: alle Zweifel zu lassen und das Kind in der Krippe als Kind Gottes und als unser Kind anzunehmen.
Heribert Prantl, Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, schreibt (SZ 24.12.2014): "Josef ist ein moderner Held, ein Held des Alltags. Er hat die Weihnachtsrevolution mitgemacht", die Umkehrung aller Dinge. Er hat verstanden, dass etwas ganz neues in die Welt gekommen ist. Das bedeutet das Dogma von der "Jungfrauengeburt". Etwas Neues ist in die Welt gekommen, das nicht männlicher Macht entspringt. Das Neue kommt ohne Zutun eines Mannes. Es kommt durch die Kraft des Heiligen Geistes. Josef hat das verstanden und geglaubt. Ein Held des Alltags. Ein Vorbild für uns.