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Predigt am Altjahrsabend 2014
zu Psalm 73,28
 
 

"Gott nahe zu sein,
ist mein Glück."
Dieser Vers hat uns als Losung begleitet in dem zu Ende gehenden Jahr. Mit Hilfe dieses Wortes will ich zurückblicken auf das Jahr. Bin ich Gott nahe gewesen? Sind wir Gott nahe gewesen?
Ich glaube, dass Gott mir und uns zu aller Zeit nahe ist. Er umgibt uns mit seiner Güte und Freundlichkeit. Sein Heiliger Geist ist in uns und unter uns, er tröstet, gibt Kraft und Zuversicht und macht Mut.

Wann habe ich das gespürt, wann als Glück erlebt, Gott in meiner Nähe zu wissen? Wann habe ich mich Gott nahe gefühlt?
Als erstes fallen mir unsere Gottesdienste ein. Eingeprägt hat sich mir der Ausspruch eines älteren Herrn, der einmal besuchsweise hier war. Der sagte nach dem Gottesdienst: "Das war eine Gott-nahe Veranstaltung". So empfinde ich das auch, wenn wir hier zusammen Gott loben mit unseren Liedern und Gebeten und darüber nachdenken, was er mit uns und unserem Leben zu tun hat. Eine Gott-nahe Gemeinschaft. Ärger und Stress fallen hier ab, Ruhe kehrt ein. Der Glaube, dass Gott in der Welt anwesend ist und wirkt, bekommt neue Nahrung.

Hier im Gottesdienst hören wir auf das Evangelium. Der französische Jesuit Christoph Theobald hat dieses griechische Wort so übersetzt: "Die Botschaft vom Guten". Das Hören auf das Evangelium stärkt unsere Hoffnung, dass auf Dauer das Böse nicht bleiben und das Gute siegen wird. Mit Jesu Geburt, so lautet die Botschaft der Evangelien, hat Gott offenbar gemacht: Das Gute ist da. Man kann es erfahren. Mehr noch: Man kann es selbst tun. Es ist möglich, den Kreislauf des Bösen zu durchbrechen.

Vor wenigen Wochen haben wir uns erinnert an den Fall der Mauer vor 25 Jahren. Vom 7. bis zum 9. November war das innerstädtische Berlin von der Bornholmer Straße über den Reichstag, das Brandenburger Tor und den Checkpoint Charlie bis zur East Side Gallery auf einer Länge von fünfzehn Kilometern wieder geteilt: Eine Lichtinstallation mit achttausend weißen, leuchtenden Ballons erinnerte an die ehemals geteilte Stadt.
Gegen 19 Uhr ließen ehemalige Bürgerrechtler der DDR am Brandenburger Tor den ersten Ballon steigen. Die Staatskapelle Berlin spielte mit dem Staatsopernchor Beethovens "Ode an die Freude". Währenddessen stiegen alle Ballons entlang der Strecke auf. Der Ballonaufstieg endete zeitgleich an der Bösebrücke und an der Oberbaumbrücke. Beide Brücken waren vierzig Jahre lang von den Bürgern und Bürgerinnen der Stadt nicht zu begehen. Heute sind sie viel befahrene Verkehrsadern, die Ost und West miteinander verbinden. Die Ballonaktion hat bei allen, die dabei waren, Gänsehaut erzeugt. Auch am Fernseher konnte man noch einmal das unbeschreibliche Glück des Mauerfalls nachempfinden. Es war ein großer Moment unserer deutschen Geschichte, und es tat gut, sich daran zu erinnern.

"Mit allem haben wir gerechnet, nur nicht mit Kerzen und Gebeten. Sie haben uns wehrlos gemacht". Das sagte Horst Sindermann, Vorsitzender des DDR-Ministerrates im Rückblick auf die Ereignisse vom
9. November in Leipzig. Da haben Tausende friedlich demonstrierender Menschen die Staatsmacht matt gesetzt. Diese Demonstrationen, die von Montag zu Montag immer größer wurden, haben schließlich den Mauerfall bewirkt.
"Lichtgrenze" ist zum Wort des Jahres gekürt worden. Damit haben die Sprachwissenschaftler der Erinnerung an das Ende der deutschen Teilung noch einmal ein besonderes Denkmal gesetzt.
Ich finde, wir können stolz sein auf das Gute, das hier in unserem Land geschehen und von Menschen gemacht worden ist. Das Geschehen zeigt: Menschen können sich befreien aus Unterdrückung, Gängelung und Bespitzelung, Dummheit und Täuschung. Nötig sind dazu ein langer Atem, Mut, Bereitschaft, Nachteile zu erleiden und der feste Glaube daran, dass das Gute siegen kann.

Viele Menschen sind überzeugt davon - und ich bin es auch - dass Gott hier ebenfalls seine Hand im Spiel hatte. Hier ist wahr geworden, was der Psalmvers sagt: "Er wird´s wohl machen".
Die Erinnerung an den Mauerfall zeigt auch: Menschen müssen kräftig mit dafür sorgen, dem Guten zum Sieg zu verhelfen. Dafür sind Menschen gefragt, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen, die an den Sieg des Guten glauben.

Solche Menschen werden manchmal von anderen etwas verächtlich "Gutmenschen" genannt. "Ihr Gutmenschen wisst doch gar nicht, was in der Welt gespielt wird." Dies bekam vor kurzem meine Frau von einem Patienten zu hören, der sich in zwielichtigen Kreisen bewegt. Er wollte damit sagen, dass man mit Güte nicht weit kommt.
Wenn ich die täglichen Nachrichten von Fernsehen und Zeitung auf mich wirken lasse, dann scheint es mir so, als ob er Recht hat. Jeder Tag bringt genügend Argumente dafür, dass die Macht des Stärkeren in unserer Welt regiert. Nicht die "Gutmenschen", sondern die Skrupel -und Rücksichtslosen bestimmen, was und wie gespielt wird. Viele Menschen nehmen das als Tatsache hin, an der nichts zu ändern ist. ´Kriege hat´s immer gegeben`, sagen sie. ´Die Welt ist ungerecht, da kann man nichts dran ändern.` So lautet ein weiterer Satz von Menschen, die sich resigniert abgefunden haben mit den herrschenden Ungerechtigkeiten.
Glaubende halten dagegen: Es scheint nur so, als ob die Skrupel- und Rücksichtslosen immer und überall das Sagen haben. Da alle Verhältnisse auf der Erde von Menschen gemacht sind, ist es möglich, sie zu zum Guten oder mindestens zum Besseren hin verändern.

Auch für unser persönliches Leben gilt, dass alles gut werden kann. Gott stärkt den Glauben an das Gute auch im eigenen Leben. Wie im Schweren doch Gutes verborgen sein kann, zeigt die Geschichte von Anne und Nikolaus Schneider, die am Montag in der
Zeitung zu lesen war (NRZ 29.12.2014).
Die beiden hatten vor, im Sommer Urlaub auf Föhr zu machen. Wegen Annes Erkrankung sagten sie den Urlaub ab. Plötzlich bekam er Probleme mit dem Herzen. In einem Berliner Krankenhaus konnte er unverzüglich behandelt werden. Dort wurde festgestellt, dass er kurz vor einem Herzinfarkt stand. Mit drei Stents wurde die Gefahr gebannt. Hätten die Schneiders wie geplant ihren Urlaub gemacht, wäre vermutlich jede Hilfe zu spät gekommen. So verdankt er ihrer schweren Erkrankung, dass er noch lebt. Eine Fügung Gottes. Die Gewissheit, in Gottes Nähe zu sein, gibt beiden alle Kraft, die sie brauchen.

"Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen." So heißt es in Bonhoeffers Glaubensbekenntnis.
Die Gewissheit, in Gottes Nähe zu sein, bewahrt davor, in Resignation zu verfallen oder von Angst überwältigt zu werden. Diese Gewissheit hat auch mir selbst geholfen, schwere Zeiten bis heute durchzustehen. An diesem Satz, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen, halte ich mich fest. Und daran, dass nichts uns scheiden kann von der Liebe Gottes, wie wir in der Lesung gehört haben.

Unser Glaube ist eine große Widerstandskraft. Ich erinnere mich an eine fromme alte Frau. Die hatte mit großen Buchstaben ein Wort auf ein Leinentuch gestickt, in einen Rahmen gespannt und in ihrem Wohnzimmer aufgehängt: "Dennoch".
Dieses "Dennoch" gehört zum Kern unseres Glaubens. Denn es ist schon verwegen, daran zu glauben, dass der Gottessohn, dessen Geburt wir gerade gefeiert haben, der Welt Heil und Frieden bringt. Es ist mutig zu glauben, dass Gott überhaupt in unserer Welt am Werke ist.
Viel spricht dagegen. Ein Jahr liegt hinter uns mit vielen Krisen und Kriegen, mit erbarmungsloser Gewalt, mit Flüchtlingselend und wachsender Fremdenfeindlichkeit. Die Nachrichten im Fernsehen und in der Zeitung sind jeden Tag voll von Schreckensmeldungen.
Die Frau mit dem großen "Dennoch" in ihrem Zimmer hat selbst mit drei kleinen Kindern den Krieg erlebt.
Ihre Dankbarkeit, dass Gott sie behütet hat, stickte sie in das eine Wort: "Dennoch".
"Dennoch bleibe ich stets an dir;
denn du hältst mich bei meiner rechten Hand."
So lautet der Vers, der mit dem "Dennoch" beginnt. Die Frau und ihre ganze Familie fühlen sich von Gott gehalten. Dieses Gehaltensein empfinden sie als ein großes Glück:
"Gott nahe zu sein, ist mein Glück."
Dieser Vers steht am Ende des Psalms, der mit einem "Dennoch" beginnt. "Gott ist dennoch Israels Trost". Er ist trotz allem, was dagegen spricht, unser Trost und unsere Kraft.

Von der Nähe Gottes ummantelt, können wir getrost dieses Jahr hinter uns lassen und das neue beginnen.
Der Glaube daran, dass Gott in unserer Nähe ist und wir in seiner, schenkt uns Zuversicht. Das Leben ist nicht einfach, aber wir sind nicht allein mit unserem Leben. Es gibt eine Macht, die uns trägt und selbst aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen kann. Dafür braucht Gott uns als Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Möge er uns segnen mit dieser Zuversicht.