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Predigt am 2. Februar 2015
Matthäus 20,1-15
Septuagesimae
 

Was recht ist

Vor kurzem kam im Konfirmandenunterricht mal wieder diese Frage auf: "Die Sonja hat schon ein paar Mal gefehlt. Wird die trotzdem konfirmiert?" "Ich habe mit ihr gesprochen", antwortete ich, "sie hat mir Gründe für ihr Fehlen genannt." "Welche denn?", wollten die anderen wissen. Ich gab ihnen zu verstehen: "Es sind persönliche Gründe, darüber kann ich nicht sprechen." Damit waren sie nicht zufrieden: "Es ist trotzdem ungerecht. Wir sind immer gekommen." Eine andere brachte noch ein weiteres Argument vor: "In der Gemeinde, in der meine Freundin zum Unterricht geht, darf man höchstens zweimal fehlen. Sonst wird man nicht konfirmiert." Offenbar betrachten einige die Konfirmation als Lohn für eine Leistung, die sie zwei Jahre lang erbracht haben.

Was ist gerecht? Eine Frage, die sich im Alltag ständig stellt. Eine Frage, an der Familien zerbrechen. Wie die Familie Müller. Auch den Namen habe ich aus der Luft gegriffen. Die Eltern hatten ein Haus gebaut mit sechs Mietwohnungen. In dem Haus wohnte auch die Familie selbst. Zwei Töchter gingen aus dem Haus. München wurde ihr neues Zuhause. Dann starb der Vater. Die jüngste Tochter blieb in der Nähe der Eltern und kümmerte sich um ihre Mutter. Die wurde schwer krank und starb ebenfalls. Das Haus hatte sie vor ihrem Tod der jüngsten Tochter überschrieben, die inzwischen wieder dort eingezogen war. Ihre beiden Schwestern musste sie natürlich auszahlen. Doch nun entstand unter den Geschwistern ein Streit über den Wert des Hauses. Der Streit kam vor Gericht. Das Gericht legte nach den vorliegenden Gutachten den Wert des Hauses fest. Die beiden Münchener Töchter empfanden den festgelegten Betrag als viel zu niedrig. Sie fühlten sich ungerecht behandelt. Der Kontakt unter den Geschwistern brach vollständig ab.

Was sich im Kleinen abspielt in der Konfirmandengruppe oder in vielen Familien, das zeigt sich zur Zeit auch im Großen. Viele tausend Menschen aus aller Herren Länder sind in den vergangenen Monaten in unser Land geströmt, und es kommen immer mehr.
Die Vereinten Nationen melden die größte Flüchtlingswelle seit dem Zweiten Weltkrieg, Deutschland soll laut einer Studie beliebtestes Einwanderungsland nach den Vereinigten Staaten sein.
Manche ziehen daraus den Schluss, Deutschland werde überrannt und die Regierung tue nichts. In Umfragen bekunden inzwischen mehr als 40 Prozent der Deutschen, sie hätten Sorge, dass sich der Islam in Deutschland zu stark ausbreite. Dabei sind die Mehrzahl der Einwanderer keine Muslime.
Den diffusen Ängsten vieler Menschen und dem angestauten Frust bietet Pegida ein Forum. Ein Redner sprach in der Vorweihnachtszeit von armen Rentnern, die ohne Strom in kalten Wohnungen säßen und sich kein Stück Stollen leisten könnten, während der Staat Asylbewerbern voll ausgestattete Unterkünfte zur Verfügung stelle. "So sieht's aus!" und "Genauso isses!", rief die Menge. (FAZ 7.12.14)
Es ist das Gefühl, zu kurz zu kommen, das viele Menschen umtreibt. Dieses Gefühl nutzen die Pegida-Anführer aus und schüren es mit ihren demagogischen Reden. Was sie damit schaffen, ist ein Klima von Feindseligkeit. Menschen mit ausländischen Wurzeln, die schon seit Jahren in Deutschland leben, sind nicht mehr sicher auf Deutschlands Straßen.

Das berichtete das Fernsehmagazin "Report Mainz" am Dienstag. Nach Recherchen des Magazins hat sich seit dem Beginn der Pegida-Demonstrationen im Oktober die Gewalt gegen Flüchtlinge, Migranten und deren Unterkünfte in Deutschland mehr als verdoppelt.
Pegida hat ein Klima erzeugt, in dem Gewalt gegen Migranten, vor allem aber gegen Muslime gedeiht.
Rechtsextreme fühlen sich ermutigt, mit Worten und körperlicher Gewalt Menschen mit ausländischen Wurzeln anzugreifen.

Drei Todsünden, wie sie die katholische Kirche kennt, kommen hier zusammen: Die Gier, der Neid und die blinde Wut. Der Kabarettist Wilfried Schmickler hat es in seinem Gedicht "Die Gier" auf den Punkt gebracht:
Dann hört er aber auf, der Spaß.
So kommt zu Neid und Gier der Hass.

Und sind die erst einmal zu dritt,
fehlt nur noch ein ganz kleiner Schritt,
bis dass der Mensch komplett verroht
und schlägt den anderen halbtot.

Sich vergleichen mit anderen und aus dem Vergleich heraus Neid und Hass entwickeln, das gehört zu unserem Menschsein. In unserer miteinander vernetzten Welt werden wir ständig darauf gestoßen zu gucken, was andere haben.
Beim Nachdenken darüber fiel mir am Dienstag die Bild-Zeitung ins Auge, die bekannt ist für ihre Stimmungsmache: "Das sollen die Griechen alles kriegen!" So lautet die fette Schlagzeilen und darunter wird aufgelistet: "Weihnachtsgeld für 1,3 Millionen Rentner, Immobiliensteuer weg, Keine Strom- und Arztkosten für 300.000 Haushalte, Mindestlohn 30% rauf, 1000 Euro für Putzfrauen (halbtags)." Eine solche Schlagzeile schürt Neid und obendrein Wut: "Und das alles auf unsre Kosten!"

Das Vergleichen mit anderen, Neid und das Gefühl, zu kurz zu kommen, gibt es auch unter Christen und in Christengemeinden. Jesus hat diesen Gefühlen und der Feindseligkeit, die sich daraus entwickeln kann, die Geschichte entgegen gestellt, die wir eben gehört haben.

Wie so oft, nimmt er Bilder aus dem Alltag: Ein Hausherr stellt Arbeiter für seinen Weinberg ein. Er vereinbart mit den Arbeitern einen festen Lohn: einen Denar. Damit kann der Mann seine Familie einen Tag lang ernähren. Noch dreimal geht der Besitzer los, um weitere Leute einzustellen: am Morgen, zu Mittag und am Nachmittag. Mit denen vereinbart er keinen festen Lohn, sondern er sagt: "Ich will euch geben, was recht ist."
Diese Ankündigung weckt Spannung. Was ist recht?
Eine Stunde vor Feierabend holt der Hausherr noch einmal Leute. Sie haben den ganzen Tag auf Arbeit gewartet, aber niemand brauchte sie. Am Ende des Tages hätten sie mit leeren Händen nach Hause gehen müssen. Doch nun können sie wenigstens eine Stunde arbeiten. Viel konnten sie dafür nicht erwarten. Aber etwas mehr als nichts.
Doch nun kommt es zur Auszahlung. Die Letzten bekommen zuerst ihren Lohn: Ein Denar. Eine Riesenüberraschung. Das ist viel mehr, als sie erwarten konnten. Die den ganzen Tag lang gearbeitet haben, dazu in der Mittagshitze, rechnen im Stillen, was sie wohl bekommen. Zwölfmal länger haben sie gearbeitet, die zwölffache Leistung gebracht, - es wird wohl nicht gleich der zwölffache Lohn sein. Aber wenn es für eine Stunde einen Denar gibt, dann müssten für zwölf Stunden doch wohl sechs Denar drin sein. Mindestens. So rechnen sie.
Dieses Rechnen ist normal. So würde ich auch rechnen. Im Konfirmandenunterricht habe ich die Geschichte vorgelesen. Die Jungen und Mädchen finden auch: Wer mehr leistet, soll auch mehr bekommen. Das ist gerecht.
Doch offenbar rechnet der Hausherr anders und handelt nach einer anderen Gerechtigkeit. Auch die Arbeiter der ersten Stunde bekommen einen Denar. Als sie am Morgen gleich als erste genommen wurden, waren sie froh. Ein Denar, das ist ja nicht schlecht. Doch nun sind sie enttäuscht.
Warum eigentlich? Sie haben das bekommen, was der Hausherr mit ihnen vereinbart hat. Damit waren sie am Anfang des Tages voll und ganz einverstanden. Sie haben gearbeitet mit der Aussicht, am Ende des Tages genug zu haben, um die Familie ernähren zu können. Damit waren sie zufrieden. Doch nun sind sie es nicht mehr. Warum?
Ihre Enttäuschung, ihre Unzufriedenheit entsteht durch den Vergleich. Eine Stunde Arbeit und zwölf Stunden Arbeit, und alle bekommen das gleiche - das kann doch nicht gerecht sein!
Ich kann den Ärger der Leute gut verstehen. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Entsprechend ist unser Denken und Empfinden geprägt. "Leistung muss sich lohnen", bekommen wir ständig gesagt. Wer mehr leistet, soll am Ende des Tages auch mehr mit nach Hause nehmen.
Dass der Hausherr in der Geschichte Jesu nicht nach dem Leistungsprinzip handelt, ruft Ärger hervor. Der Ärger richtet sich hauptsächlich gegen die Leute, die nur eine Stunde gearbeitet haben. Sie sind die Schwächsten. Niemand hat sie eingestellt. Vermutlich haben sie nicht ihre Ellenbogen benutzt, um in der ersten Reihe zu stehen. Vermutlich sahen sie körperlich auch eher schwach aus, vielleicht waren sie älter als die anderen, die zuerst genommen wurden. Es gibt viele Gründe, auf dem Arbeitsmarkt nicht genommen zu werden, auch wenn man gern arbeiten will. Das alles sehen die nicht, die zu den Glücklichen der ersten Stunde gehören. Dass die Schwächeren genauso viel bekommen wie sie, das ruft ihre Aggression hervor:

"Die da, die als Letzte gekommen sind,
haben nur eine Stunde gearbeitet.
Aber du hast sie genauso behandelt wie uns.
Dabei haben wir den ganzen Tag
in der Hitze geschuftet!"

Auch damit hält die Geschichte unserer Gesellschaft einen Spiegel vor. Bei uns wachsen Ärger und Feindseligkeit gegen die Schwächsten. Dazu zählen in erster Linie die Flüchtlinge:
"Die kommen her, bekommen dies und das, ohne etwas dafür zu tun. Ich wohne schon immer hier, habe brav meine Steuern bezahlt, und wer kümmert sich um mich?" So hört man Leute reden, die bei Pegida mit demonstrieren. ´Die Griechen mit ihrer korrupten Misswirtschaft, die sollen Weihnachtsgeld kriegen, was bei uns schon lange gestrichen ist. Raus mit denen aus der europäischen Gemeinschaft!` So denken nicht wenige, die die Schlagzeile der Bild-Zeitung gelesen haben.
Durch Vergleichen entsteht Neid. Aus Neid entstehen Ärger und Feindseligkeit. Neid vergiftet das Klima unter den Menschen. "Was guckst du so scheel", fragt der Hausherr den Beschwerdeführer in Jesu Geschichte.
Die Geschichte hält uns einen Spiegel vor und will uns als Zuhörer dazu verleiten, unsere Sichtweise zu ändern. Der Gang der Erzählung bringt uns erst einmal dazu, uns mit den Arbeitern der ersten Stunde zu identifizieren. Ihren Ärger können wir gut nachvollziehen. Jesus möchte aber, dass wir einen Rollentausch vornehmen und das Ganze aus der Sicht des Hausherrn betrachten. Er hat allen versprochen, ihnen zu geben, was recht ist.
Die ersten bekommen den vereinbarten Lohn. Das ist vollkommen in Ordnung. Alle anderen, auch die Letzten bekommen auch einen Denar. Recht ist für den Hausherrn, was den Leuten gerecht wird. Was haben sie von einem Zwölftel Denar oder einem Viertel Denar? Davon kann niemand satt werden. Er gibt allen so viel, dass sie wieder einen Tag über die Runden kommen. Alle haben genug. Das ist die Gerechtigkeit, die Gott will. Wie schön wäre es, wenn alle sich darüber freuen könnten.
Die Konfirmanden können sich miteinander freuen, wenn sie alle konfirmiert werden. Die drei Schwestern könnten Neid und Ärger hinter sich lassen; denn alle haben genug. Ob eine etwas mehr hat, als die anderen,
was spielt das für eine Rolle? Jede könnte für sich mit dem, was sie hat, zufrieden sein.
In unserem Land ist genug da an Platz und an Lebensmitteln, um Menschen aufzunehmen, die bei uns Zuflucht suchen. Darauf, dass Menschen, die als Flüchtlinge Unsägliches erlitten haben, bei uns Zuflucht bekommen, muss niemand neidisch sein.

Natürlich gibt es Gründe, sich aufzuregen über schreiende Ungerechtigkeit und dagegen zu demonstrieren. Aber der Ärger darf sich nicht gegen die Schwächsten der Gesellschaft richten. Er muss sich gegen die Stärksten richten, gegen die, die mit ihrem Geld Gesetze und Politik in unserem Land und weltweit bestimmen. Die ungerechte Verteilung des Reichtums bei uns und weltweit, das ist der eigentliche Skandal, die unersättliche Gier der Reichen. Die achtzig reichsten Menschen der Erde besitzen so viel, wie die ärmere Hälfte der Menschheit zusammen. Auf einen Reichen kommen also 45 Millionen Arme. Der unvorstellbare Reichtum Einzelner hat bei weitem das Maß dessen, was recht ist, überschritten.

Die Schere zwischen Reichen und Armen geht immer weiter auseinander. Diese Entwicklung ist es, die vielen Menschen Angst macht und die sie fragen lässt: Wo bleibe ich? Was kriege ich ab von dem gesamten Kuchen? Hier geht es nicht um Neid, hierliegt wirklich etwas im Argen, sehr im Argen.

Jeder bekommt, was er zum Leben braucht, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Das ist in Gottes Augen gerecht. Mit seiner Geschichte wirbt Jesus um Solidarität. Um die Solidarität der Ersten mit den Letzten; um die Solidarität der Leistungsträger mit denen, die nicht so gut können.
Als Christen sind wir dazu berufen, weiterzusagen, was wir von Jesus gehört haben. Wir sind berufen, Werte wie Solidarität und Gerechtigkeit hochzuhalten; Denn nur dort, wo es gerecht zugeht, können Menschen auf Dauer in Frieden zusammenleben.