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Predigt am 8. Februar 2015
Lukas 8,4-8
Septuagesimae
 

"Wie geht es in der Gemeinde?", fragte ein Herr, den ich zu seinem achtzigsten Geburtstag besuchte. Der hatte die Nachricht gelesen in der Samstagszeitung vom 24. Januar. Die Schlagzeile lautete: "Rekordhöhe bei den Kirchenaustritten. Die evangelischen und katholischen Gemeinden in Duisburg müssen immer mehr Austritte verkraften."
Der Artikel nannte Zahlen: "Es ist nichts Neues, dass die christlichen Kirchen seit Jahren Schäfchen verlieren. Aber im vergangenen Jahr hat dieser Abwärtstrend an Rasanz noch zugelegt: 2014 haben deutlich mehr Duisburger der Kirche den Rücken zugekehrt, als noch im Jahr zuvor. Das belegen die Zahlen der Duisburger Amtsgerichte. 1388 Katholiken (350 mehr als 2013) und 1263 Protestanten (528 mehr als 2013) entschieden sich im vergangen Jahr für den Austritt." Nun wollte der Herr wissen, ob auch in Wanheim viele Menschen der Gemeinde den Rücken gekehrt haben.
"Nicht mehr als sonst, ungefähr zwanzig", antwortete ich. "Die Zahl der Austritte ist in Wanheim recht niedrig." Zu Hause habe ich anhand der Presbyteriums-Protokolle nachgezählt: Genau zwanzig Personen aus unserer Gemeinde haben im vergangenen Jahr ihren Austritt aus der evangelischen Kirche erklärt.
Der stetige Schwund an Gemeindegliedern liegt hauptsächlich daran, dass wir wesentlich mehr Todesfälle haben als Taufen. Es ist inzwischen eher die Ausnahme, dass Eltern ihr Kind bald nach der Geburt taufen lassen. Manche Kinder werden getauft, wenn sie in den Kindergarten gehen oder bei der Konfirmation. Doch gerade mal die Hälfte der Kinder, die mindestens ein evangelisches Elternteil haben, werden bis zu ihrer Konfirmation getauft.
Das heißt: Die Zahl der Menschen wächst, die von Anfang an keiner Kirche angehören. Zu der Zeitungsmeldung gab es ein paar gehässige Kommentare im Internet: "Macht den Laden endlich dicht", schrieb einer, der sich "Atheist" nennt. "Wer braucht so etwas schon?", fragte ein anderer, der sich "Einzigartiger" nennt.
Laut einer Umfrage in Holland, die ebenfalls vor kurzem veröffentlicht wurde, bezeichnen sich 25 Prozent der Befragten als Atheisten und nur 17 Prozent als gläubig. Die große Mehrheit steht der Frage, gläubig oder nicht gläubig?, gleichgültig gegenüber. Die aktuellen Zahlen aus den Niederlanden spiegeln sich auch in den letzten Untersuchungen aus Deutschland oder der Schweiz wider. Hier sind die Verhältnisse ähnlich.
Das heißt: Als Kirche befinden wir uns in rauen Zeiten. Wir werden zunehmend in Frage gestellt. Immer mehr Menschen haben das Gefühl, uns nicht zu brauchen.
Ich vermute, das hängt mit der Individualisierung unserer Gesellschaft zusammen. Jeder lebt für sich, jeder ist seines Glückes Schmied und versucht, für sich das Beste herauszuholen. Rücksichtnahme auf andere, auf die Gemeinschaft wird zu einem Fremdwort. Genauso der Einsatz in einer Gemeinschaft oder für eine Gemeinschaft. Sportvereine leiden darunter genauso wie wir.
Kirche wie Vereine leben von der Beziehung der Menschen untereinander. Immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft aber leben beziehungslos oder suchen nur solche Beziehungen, die ihnen etwas nützen. ´Was soll ich für eine Gemeinschaft bezahlen, von der ich nichts habe`, so denken viele, die aus der Kirche austreten. Genauso fragen viele: ´Was nützt es mir, wenn ich mein Kind taufen lassen?` Alles wird nach seinem Wert befragt, der sich irgendwie rechnen muss. Dieses Denken hat leider auch in unserer Kirche Einzug gehalten.
Aus der Entwicklung, wie ich sie beschrieben habe, ziehen Kirchenleitungen und manche Presbyterien den Schluss: Wir müssen effektiver werden. Wir müssen unsere Botschaft besser verpacken.
Unternehmensberater hielten Einzug in der Kirche und sorgten dafür, dass die Kirche ihre eigentliche Berufung aus den Augen verlor. Die Betriebswirtschaft löste die Theologie als Leitwissenschaft ab. Der Vizepräsident der Evangelischen Kirche in Deutschland schlug in einem Vortrag im Mai des vergangenen Jahres vor: "Wir sollten unsere hochspezifischen Inhalte öffentlich kommunizieren als eine Art "existentielle Premium-Marke", als ein herausragende Angebot für jene, die sich ihr Seelenheil etwas kosten lassen wollen." Er setzt auf das "Premiumprodukt Glaube". Diese Idee hat er sich von einer Zigarettenfirma abgeguckt, die mit einem der erfolgreichsten Sprüche aller Zeiten für ihre Marke geworben hat: "Es war schon immer etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu haben".

Der Umbau der Kirche zu einem Wirtschaftsunternehmen schreitet voran. Wir in Wanheim halten diesen Weg schlicht für falsch. Damit sind wir zum Glück nicht allein. Wir sind der Überzeugung, dass die Kirche nahe bei den Menschen sein muss.
Das hat auch der Vizepräsident der EKD inzwischen eingesehen. In dem genannten Vortrag sagte er in seiner von wirtschaftlichem Denken geprägten Sprache: "Manchmal glaube ich, dass die Themen "Beheimatung, Nähe und Identität" geistliche Kernaufgabe aller organisatorischen Bemühungen" sind. Er sieht "Glaube als "Premiumprodukt der Beheimatung". ("Hört uns jemand? Kirche in der Öffentlichkeit 2030?" - Vortrag zur 48. Jahrestagung Öffentlichkeitsarbeit "Alles bleibt anders!?"
von Thies Gundlach, 14. Mai 2014)

Der Schwund an Kirchenmitgliedern und damit verbunden der Schwund an Einfluss und Macht innerhalb der Gesellschaft macht Leuten in den Kirchenleitungen Angst. Es ist schon fast Panik, in der sie bewährte Strukturen der Kirche über Bord werfen.
Das heutige Evangelium ermutigt zu mehr Gelassenheit. In der Hektik, in der Kirchenleitungen den Umbau der Kirche vorantreiben, ist dies schon beinahe ein Fremdwort.
"Ein Sämann ging aus, zu säen seinen Samen." Ich habe dabei das Bild von Vincent van Gogh vor Augen. Er hat den Sämann gemalt vor der untergehenden Sonne. Mit dem linken Arm hält er den Beutel, in dem der Samen ist. Mit dem rechten wirft er in weitem Schwung den Samen aus. Ruhig geht er seinen Weg über den Acker. Gleichmäßig wirft er den Samen überall hin.
Nach heute in der Kirche geltenden Maßstäben muss man fragen: Ist das effizient, was er macht? Müsste er nicht vorher den Boden untersuchen, Stellen markieren, an denen nur eine dünne Erdschicht auf felsigem Boden liegt, ebenso andere Stellen, die von Disteln und anderem Unkraut bewachsen sind. Dazu müsste er Vogelscheuchen aufstellen, um die Vögel davon abzuhalten, den Samen gleich wieder aufzupicken.
All das tut er nicht. Er nimmt in Kauf, dass drei Viertel seiner Saat nichts bringt. Weiß er nicht, dass der Same ein "Premiumprodukt" ist, das man nicht einfach so in die Gegend wirft?
Offenbar kümmert er sich nicht darum, was mit dem Samen geschieht. Seine Aufgabe als Sämann ist es zu säen.
Das Gleichnis vom Sämann ist eins der wenigen, die die drei Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas fast gleichlautend in ihr Evangelium aufgenommen haben. Es ist das einzige, dem sie eine Deutung angefügt haben, die auch in allen drei Evangelien ähnlich ist. Das spricht dafür, dass sie dieses Gleichnis und seine Deutung für sehr wichtig gehalten haben. Der Samen, so lautet die Deutung, ist das Wort Gottes. Es wird ausgesät ohne Rücksicht darauf, ob der Empfänger bereit und in der Lage ist, es zu hören. Offenbar muss der Sämann auch nicht sparsam mit seinem Samen umgehen. Er kann ihn bedenkenlos überall hin ausstreuen auch auf felsiges Gelände, auch dorthin, wo Dornen wachsen. Offenbar hat er genug davon. Ihm geht es nicht darum, möglichst effektiv zu arbeiten. Ihm geht es darum, den Samen auszustreuen.
Anscheinend kümmert es ihn auch nicht, wenn einiges gleich die Vögel fressen und anderes nach kurzem Aufblühen schnell wieder eingeht. Der Sämann sät.
So sehe ich unsre Aufgabe als Gemeinde. Wir sind dazu da, das Wort Gottes weiter zu geben.
Die Barmer Theologische Erklärung sagt es in der sechsten und letzten These so: "Der Auftrag der Kirche besteht darin, an Christi Statt durch Predigt und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk."
Zu diesem Auftrag gehört es natürlich auch, Bedingungen zu schaffen, dass Menschen die Botschaft des Evangeliums hören wollen. Dazu gehören Räume, in denen sich Menschen wohl fühlen. Dazu gehört eine Atmosphäre, durch die Menschen sich willkommen fühlen. Dazu gehört, dass in der Gemeinde spürbar ist, was die Jahreslosung sagt. Hier ist jede und jeder angenommen wie sie oder er ist. Hier darf jeder sein, auch wenn er sich mit den Gebräuchen unseres Gottesdienstes nicht auskennt.
Als Gemeinde bemühen wir uns, die Schwelle niedrig zu halten, in dieses Haus oder drüben in unsere Kirche einzutreten.
Gottes Wort wird nicht nur hier und in der Kirche verkündet. Dies geschieht auch, wenn sich ein paar Menschen zum Termin mit der Bibel treffen. Das geschieht, wenn Jugendliche ihr monatliches Mitarbeitertreffen haben, beim Kinderbibeltag, im Schulgottesdienst, in der Frauenhilfe, im Konfirmandenunterricht.
"Warum kommen die eigentlich?", fragte mal ein Student, der ein Praktikum in der Gemeinde machte und erlebte, wie uninteressiert manche Konfirmanden sind.
Schon seit Jahrzehnten beklagen Menschen in den Gemeinden: Nach der Konfirmation sieht man sie nicht mehr.
Ich freue mich über alle, die sich darauf einlassen, knapp zwei Jahre am Konfirmandenunterricht teilzunehmen. Was davon hängen bleibt, das habe ich nicht in der Hand. Ich hoffe, dass einiges von dem, was wir da aussäen, auf gutes Land fällt und weiter wächst. Manchmal bekommen wir als Gemeinde das zu spüren, wenn ehemalige Konfirmanden wiederkommen und sagen: "Auf jeden Fall möchte ich in der Kirche getraut werden. Hier bin ich konfirmiert worden."
Umgekehrt tut es mir weh, wenn bei den Namen der Ausgetretenen ehemalige Konfirmanden sind, die Mutter oder der Vater eines Jungen, den ich gerade konfirmiert habe.
Das empfinde ich so, wie den Samen auf felsigen Boden oder unter die Disteln werfen. Die Erfahrung, dass manches vergeblich ist, zumindest ohne erkennbaren Erfolg, diese Erfahrung haben offenbar schon die Mitglieder der ersten Gemeinden gemacht. Auch Jesus selbst kannte diese Erfahrung. Die Evangelien berichten, dass ihn an manchen Orten die Leute nicht hören wollten. Dann ist er weiter gezogen.

Angesichts der Tatsache, dass wir in der Kirche immer weniger werden, kann man in Resignation und Depression verfallen. Heute nennt man das "Burnout". Etliche Kolleginnen und Kollegen leiden darunter. Die Kirchenleitung ist dabei Maßnahmen zu treffen, um dem vorzubeugen.
Man kann angesichts der Erfahrung, dass wir als Kirche an Bedeutung verlieren, in hektische Aktivitäten verfallen, wie ich sie anfangs beschrieben habe.
Man kann auch schlicht und einfach bei der Sache bleiben und seine Arbeit weiter tun. Wie der Sämann, der Jahr um Jahr hingeht und den Samen ausstreut. Dazu fühle ich mich durch das Gleichnis ermutigt. Trotz mancher Misserfolge und Enttäuschungen tun wir hier unsere Arbeit. Wir, und ich beziehe die Jugendleiterin, die Presbyterinnen und Presbyter und alle, die in der Gemeinde mitarbeiten, mit ein, wir tun unsere Arbeit, weil wir wissen und glauben: Was daraus wird, liegt nicht allein in unserer Macht. Dass der Same aufgeht, wächst und Frucht bringt, das bewirkt Gott selbst mit seinem Segen. So hoffen wir, dass Gott auch zu dem, was wir in der Gemeinde tun, seinen Segen gibt.
Und es ist ja so: Immer wieder finden sich Menschen, die am Leben der Gemeinde teilnehmen, es mitgestalten und dabei bleiben.
Der Evangelist Lukas deutet den Teil des Ackers, auf dem der Same Frucht bringt, so: "Das aber auf dem guten Land sind die, die das Wort hören und behalten in einem feinen, reinen Herzen und bringen Frucht in Geduld." Als einziger von den drei Evangelisten gebraucht er hier das Wort "Geduld". Die neuere Übersetzung der Basisbibel schreibt: "Was auf guten Boden fällt, steht für die Menschen, die das Wort mit offenem und bereitwilligem Herzen hören. Sie bewahren es und halten durch und bringen so reiche Frucht."
Durchzuhalten, dazu ermutigt das Gleichnis. Dazu braucht es die Geduld und die Gelassenheit des Sämanns. Bleiben wir geduldig, und bleiben wir gelassen. Und vertrauen wir darauf, dass Gott seinen Segen gibt, damit Frucht aus unserem Tun wächst.