zur Übersicht
Predigt am 1. März 2015 Reminiszere
Johannes 3,14-21
Fürbitte für verfolgte Christen in der Türkei
 

"Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat,
so muss der Menschensohn erhöht werden."
Der Satz erinnert an ein Geschehen während der langen Wanderung der Israeliten durch die Wüste. Da wurde das Volk von giftigen Schlangen geplagt. Viele Israeliten starben nach einem Schlangenbiss. Da riefen sie Mose um Hilfe: Er möge den Herrn bitten, dass er die Schlangen wegnimmt. Und Mose bat für das Volk. Gott erhörte die Bitte und gab Mose die Anweisung: Mach dir eine Schlange aus Kupfer und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist, soll sie ansehen. Dann wird er am Leben bleiben."
Mose folgte der Anweisung Gottes. Er machte eine Schlange aus Kuper und richtete sie an einem Stab hoch auf. Wer gebissen wurde und die Schlange ansah, blieb am Leben.
Die um einen Stab gewundene Schlange war auch den alten Griechen bekannt. Da gab es den Gott der Heilkunst. Der hieß Asklepios. Sein Markenzeichen ist der Stab, um den sich eine Schlange windet. Die Schlange steht sinnbildlich für die Tugenden des Arztes und die Vorzüge der Medizin: für die Verjüngung durch Häutung, für Scharfsichtigkeit, Wachsamkeit und für Heilkraft. Der Äskulapstab, benannt nach dem Gott Asklepios, ist zum Symbol von Ärzten und Apothekern geworden. Die alten Griechen schrieben dem Stab magische Kräfte zu.

Das taten die Israeliten nicht. Sie wussten: Nicht die kupferne Schlange verschafft Heilung. Sie ist vielmehr ein Zeichen, das auf Gott, den alleinigen Retter verweist. Er gewährt denen Rettung, die ihm vertrauen.
Darin besteht für den Evangelisten Johannes die Parallele zu Jesus. Auch er wird an einem Holz erhöht. Diesen am Kreuz erhöhten Jesus versteht Johannes ebenfalls als ein Zeichen, das auf Gott hinweist. Es geht Johannes darum, Gott im Kreuz Jesu wahrzunehmen. Deshalb spricht er von "Erhöhen". Das beschreibt zunächst einmal schlicht, was bei einer Kreuzigung geschieht. Nachdem der Verurteilte am Kreuz befestigt ist, wird er mitsamt dem Kreuz aufgerichtet. In diesem Wort "Erhöhen" klingt zum anderen die Auferweckung des Gekreuzigten an. Jesus wurde von den Toten auferweckt und zu Gott in den Himmel emporgehoben. So ist der am Kreuz aufgerichtete Jesus das Zeichen, dass Gott in diesem Leiden und Sterben da ist und aus dem Tod rettet.
Den Israeliten sollte der Blick auf die kupferne Schlange helfen, auf die heilende Kraft Gottes zu vertrauen. So soll der Blick auf das Kreuz Jesu uns Christen helfen, zu vertrauen darauf, dass Gott im Leiden und Sterben an unserer Seite ist.
"Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben."
Von dem am Kreuz erhöhten Jesus wendet Johannes seinen Blick dem irdischen Geschehen zu. Er schreibt: "Mit Jesus ist das Licht in die Welt gekommen. Die Menschen lieben aber die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke sind böse."

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat den heutigen Sonntag der Fürbitte für bedrängte und verfolgte Christen gewidmet. Dabei richtet die EKD den Blick besonders in die Türkei. Dort sind die Christen eine verschwindend kleine Minderheit. Unter den 76 Millionen Einwohnern des Landes wird die Zahl der Christen auf gerade mal 100.00 geschätzt. Dabei ist die Türkei ein Zentrum des christlichen Glaubens gewesen.
Antiochia zum Beispiel, am südlichen Zipfel der heutigen Türkei, an der Grenze zu Syrien und am Mittelmeer gelegen, war zur Zeit des Paulus nach Rom und Alexandria die drittgrößte Stadt im römischen Reich. Etwa 500.000 Einwohner hatte die Stadt. Die christliche Gemeinde, die Paulus in Antiochia gründete, wurde seine Heimatgemeinde. Von hier aus brach er zu seinen Missionsreisen auf. Zwischen den Reisen kehrte er immer wieder nach Antiochia zurück. In Aniochia wurden die Menschen, die sich zur Gemeinde Jesu zählten, zum ersten Mal Christen genannt (Apg 11,26). Antiochia war Heimat für Christen.
Ein anderes Zentrum der Christen war die Stadt Byzanz, das spätere Konstantinopel und das heutige Istanbul. Kaiser Konstantin I. verlegt 330 seinen Herrschersitz von Rom in die damals noch kleine Stadt Byzanz. Damit hielt auch das Christentum dort Einzug. Eines der bedeutendsten christlichen Bauwerke entstand im sechsten Jahrhundert in Byzanz: die Hagia Sophia. Sie wurde die Krönungskirche der byzantinischen Kaiser (seit 641) und die Kathedrale des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel.
Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen im Jahr 1453 wurde alles Christliche aus der Hagia Sophia entfernt oder durch Putz verdeckt. Aus der Kirche machten die Osmanen ihre Hauptmoschee. Auf Anregung Atatürks, des ersten Präsidenten der Republik Türkei, beschloss der Ministerrat im November 1934, die Moschee in ein Museum umzuwandeln. Seit dem vergangenen Jahr fordern nationalistische Politiker und konservative Muslime in der Türkei, die Hagia Sophia wieder als Moschee zu nutzen. Der Chef der größten türkischen Jugendorganisation sagt: "Wir Muslime stellen in diesem Land heute die Mehrheit, also haben wir das Recht zu bestimmen. Das ist doch demokratisch, oder?"
Christen haben in der Tat in der Türkei nichts zu sagen. Weil sie in der Türkei ihren Glauben nicht frei leben können, sind schon viele Christen ausgewandert. Der in Göttingen lebende Theologe Gabriel Rabo ist ein syrischer Christ. Er sagt: "Die Türkei ist heute fast christenfrei. Das Christentum verschwindet einfach. In Antiochia gibt es keine Christen mehr, nur in der Umgebung leben noch einige Orthodoxe. Es steht zwar im Grundgesetz, dass alle Menschen gleich sind, doch in der Praxis ist dies ganz anderes. Die Christen dürfen im Militär keine höheren Aufgabe bekommen und weder Richter, noch Polizisten, noch Schulbeamte werden." (aus dem Papier der EKD)

Wie es Christen in der Türkei ergeht, können Menschen, die aus der früheren Sowjetunion zu uns gekommen sind, gut nachempfinden.
Unter Stalin begann eine große Christenverfolgung. Die einst blühende deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche in Russland wurde fast aller ihrer Geistlichen beraubt. Es gab mal 51.413 evangelische Kirchen in Russland. 1937 wurde der letzte Pastor verhaftet, 1938 die letzte lutherische Kirche geschlossen. Der Atheismus war offizielle Staatsideologie.
Zwei Frauen aus unserer Gemeinde erzählen: Als Mädchen standen sie unter starkem Druck sich dem "Komsomol", dem sowjetischen Jugendverband anzuschließen. Alle Jugendlichen, die dem Verband angehörten, trugen ein rotes Halstuch. Bei E-Bay kann man so ein Original Pionier-Halstuch mit einem sternförmigen Abzeichen ersteigern. Die Eltern der beiden Mädchen Irene und Lidia waren christlich eingestellt und erlaubten ihren Töchtern nicht, sich der Jugendorganisation anzuschließen. Es gab höchsten zwei oder drei Jugendliche in einer Schulklasse, die nicht das rote Abzeichen trugen und sich dadurch als Christen zu erkennen gaben. Sie hatten dadurch zahlreiche Nachteile zu erleiden. In der Klassengemeinschaft waren sie Außenseiter. Sie durften keine weiterführende Schule besuchen und deshalb auch nicht studieren. Wie in der heutigen Türkei kamen für sie nur einfache Berufe in Frage.
Zu ihren Versammlungen und Gottesdiensten trafen sich die Christen in privaten Wohnungen. Einer der Männer übernahm die Rolle des Versammlungsleiters. Er hielt dann auch eine Predigt. Eine besondere Ausbildung dafür hatte er selbstverständlich nicht. Im Zuge der Perestroika unter Gorbatschow, der Öffnung konnten sich Christen eigene Versammlungshäuser bauen, die sie allerdings vollkommen selbst bezahlen mussten. Der Weg dahin war weit. Fußwege von zehn Kilometer Länge waren normal, um zur Kirche zu kommen.
Dann zerfiel das sowjetische Reich. Die Kasachen übernahmen die Herrschaft in der ehemaligen Sowjetrepublik Kasachstan. Sie ließen die Deutschen spüren, dass sie im Land unerwünscht waren. So sind viele ausgewandert in die Heimat ihrer Vorfahren. Auch in Deutschland sind die Älteren Fremde geblieben. Hier gelten sie vielfach als Russen, obwohl sie keine Russen waren und von den Russen immer verfolgt worden sind.

Der Ratsvorsitzende der EKD schreibt: "Es gehört zu den kirchlichen Kernaufgaben, sich für die freie Ausübung des Glaubens von Christinnen und Christen in aller Welt einzusetzen. Neben dem politischen Einsatz ist es das Gebet, das unseren Geschwistern Kraft gibt und sie ermutigt, in ihrer Heimat das Evangelium zu bezeugen." Deshalb ruft er dazu auf, in diesem Jahr für die Christinnen und Christen in der Türkei zu beten und ihre Situation vor Gott zu bringen. Das wollen wir tun, ausführlicher als sonst Fürbitte halten.

Doch zunächst noch einmal zurück zu unserem Bibeltext. Der am Kreuz erhöhte und geschändete Gottessohn lenkt unseren Blick auf die Liebe Gottes. "Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab". Das lässt zunächst an Jesu Tod denken. Die folgenden Verse aber machen deutlich, dass damit der gesamte Weg Jesu auf Erden gemeint ist. Aus Liebe zu uns Menschen hat Gott seinen Sohn zur Erde gesandt, um uns diese Liebe zu vermitteln. Gott wollte seine Liebe von Mensch zu Mensch spürbar werden lassen. Er hat seinen Sohn in die Welt gegeben, damit wir Menschen unser Leben im Licht der Liebe Gottes sehen und selber Werke der Liebe tun.

"Was können wir tun angesichts der Christenverfolgungen in Syrien, im Irak und in Libyen?" so fragte beim Gespräch nach dem Gottesdienst am vergangenen Sonntag ein junger Mann. Worin kann unser Liebesdienst gegenüber verfolgten Christen bestehen?
Ich habe geantwortet: "Vor Ort können wir nichts machen. Wir können diesen Mörderbanden nicht gewaltsam Einhalt gebieten. Wir können aber in unserem Land mithelfen, ein Klima zu schaffen, das Flüchtlinge willkommen heißt. Das sehe ich als unsere kirchliche Aufgabe an.
Vielen Christen bleibt nur die Flucht. Sie brauchen einen Ort, wo sie Zuflucht finden. Es kann nicht sein, dass das so genannte christliche Abendland Menschen im eiskalten Wasser des Mittelmeers zu Hunderten ertrinken lässt. Gegen diese Abschottungspolitik müssen wir als Kirche immer wieder lautstark protestieren.
Als Gemeinde müssen wir Menschen eine Heimat bieten, die aus anderen Ländern zu uns kommen. Lidia und Irene und manche andere haben eine Heimat bei uns gefunden. Hier sind sie nicht "Russen", sondern Mitmenschen, Mitchristen. So soll es sein. So sollen es auch andere erleben, die da, wo sie herkommen, nicht mehr leben können.
Der am Kreuz erhöhte Menschen- und Gottessohn weist uns hin auf den Gott, der ein Herz hat für verfolgte und benachteiligte Menschen.

http://www.ekd.de/download/materialsammlung_reminiszere2015.pdf