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Predigt am 23. August 2015
Markus 7,31-37
12. Sonntag nach Trinitatis
 

Letzten Dienstag spricht mich einer an mit den Worten: "Wir sind ja Leidensgenossen." Er fragt, wie es mir geht. Und wir kommen ins Gespräch über die Krankheit, die uns verbindet. Er sagt: "Ich weiß, dass der da drin ist." Dabei deutet er auf seinen Körper. "Er wird nicht mein Freund, aber ich muss mit ihm leben. Ich bekämpfe ihn und versuche, ihn in Schach zu halten. Bisher ist mir das gelungen." Vor zehn Jahren hat er sich operieren lassen. Seitdem lebt er mit dem Wissen, dass er, der Krebs, in ihm ist.
Das Gespräch ergab sich am Ende einer Informationsveranstaltung, zu der die Stahlhütte HKM eingeladen hatte. Die meisten Besucher waren schon weg, ich war auch gerade dabei zu gehen, da kam der Mann auf mich zu. Ich kenne ihn von verschiedenen Treffen her.
Wir standen etwas abseits von den anderen Leuten, die noch übrig geblieben waren, Mitarbeiter der Hütte. Sie konnten nicht hören, was wir besprachen. Innerhalb des großen Saales tat sich ein geschützter Raum auf, in dem Vertrauen und Nähe entstand. Es tat gut, wie wir uns gegenseitig von unserer Erkrankung erzählten. Das Gespräch machte mir Mut und stärkte meine Zuversicht: Man kann damit leben, mit diesem fremden Bewohner im eigenen Körper, der kein Freund wird, der einem aber dazu verhilft, das Leben mit anderen Augen zu sehen. Zu erkennen, wie kostbar es ist, wie wenig selbstverständlich.

Eine Kollegin hat mich dazu ermuntert, diese Geschichte zu erzählen. Denn ich kenne das, wovon sie spricht. Sie schreibt: "Kennen Sie das auch: In einem Raum des Vertrauens und der Nähe zeigen Sie einem anderen Ihre Verletzungen, und Sie merken: Es fängt - langsam - an zu heilen. Solche Momente sind nicht alltäglich, und sie sind kostbar. Weil sie zeigen: Gutes wirkt, und es bringt mich näher ans Leben. Dabei sind es in der Regel nicht die großen Gesten, die wirken. Was wirkt und berührt: Angesehen und gesehen zu werden und sich öffnen zu können." (Kristin Merle Predigtstudien 2014/15, S. 124)

Von einem, der sich öffnen konnte, erzählt die Geschichte, die wir gerade als Lesung gehört haben. Jesus nimmt ihn beiseite. Er schafft einen geschützten Raum, in dem er mit dem anderen allein ist. Die Leute, die den Taubstummen zu Jesus gebracht haben, warten vielleicht auf ein spektakuläres Zeichen. Er möge dem Mann die Hand auflegen, bitten sie Jesus. Und dann, so hoffen sie, wird ein Wunder geschehen. Jesus aber tut ihnen den Gefallen nicht. Er selbst will nicht als Wundertäter gesehen werden.
Dabei hat er vollkommenes Vertrauen, dass Gott nichts unmöglich ist. Dem Vater, der seinen kranken Sohn zu Jesus bringt, sagt er: "Nichts ist unmöglich dem, der glaubt." Der Glaube kann Berge versetzen. Er kann Kranke heilen. Dieses Vertrauen hat Jesus in Menschen geweckt. So sind Menschen durch die Begegnung mit ihm geheilt worden.
Jesus weiß aber auch: Gott setzt die Naturgesetze nicht außer Kraft. Er hat sie ja selbst geschaffen. Das aber hoffen und wünschen Menschen bis heute, das erbitten und erwarten sie von Gott: Er möge eingreifen und wie mit Zauberhand eine Krankheit beseitigen. Jesus aber ist kein Zauberer. Er hat keine übernatürlichen Kräfte.

Der Evangelist Markus erzählt, dass bald nach der Begegnung mit dem Taubstummen Pharisäer zu Jesus kamen. Die forderten von ihm ein Zeichen. Mit einem Zeichen vom Himmel soll er beweisen, dass Gottes Kraft in ihm wirksam ist. Er verweigert sich diesem Ansinnen.
Sein eigenes Schicksal ist das beste Beispiel dafür, dass Gott nicht auf übernatürliche Weise in das Weltgeschehen eingreift. Er wurde gefangen genommen, gefoltert und auf grausame Weise hingerichtet. Gott hat es geschehen lassen. Seine Jünger haben bis zuletzt auf ein Zeichen des Himmels gewartet. Es ist nicht geschehen. So geschieht bis heute kein Wunder. Wenn Terroristen entschlossen sind, andere Menschen zu ermorden, dann tun sie es. Niemand fällt ihnen in den Arm.

Gerade haben wir gebetet: Wir glauben, "dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will." Das geschieht aber nur, wenn wir Menschen dabei mithelfen. "Dazu braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen."
Jesus hat den Menschen Mut gemacht, Böses nicht einfach hinzunehmen mit einer Haltung wie: ´Das war schon immer so. Das wird auch immer so bleiben. Da lässt sich nichts dran ändern.`
Er war voller Vertrauen, dass sich immer etwas zum Guten hin ändern lässt, wenn Menschen nur wollen. Das ist das Wunder, das er vollbringt: Menschen fangen an zu vertrauen wie er. Sie schöpfen Hoffnung. Und dieses Vertrauen, diese Hoffnung wecken in ihnen heilende Kräfte.

Schauen wir noch einmal auf die Geschichte von dem Taubstummen. "Jesus kam in das Gebiet der Zehn Städte". So beginnt diese Geschichte. Die Zehn Städte, griechisch Dekapolis, lagen östlich des Jordan. Dort wohnten Griechen, also Heiden, Ungläubige für die Juden. Sein Weg in das Gebiet der Ungläubigen ist ein Zeichen. Jesus weitet den Raum aus, in dem das heilsame Wirken Gottes sichtbar wird. Das Heil ist nicht auf die Menschen beschränkt, die ohnehin schon an Gott glauben. Heil sollen alle erfahren, die sich dem Wirken Gottes öffnen.
Solche Menschen gibt es überall. Auch in dem Gebiet der Heiden. Denn es heißt weiter: "Und sie brachten zu ihm einen, der taub und stumm war".
Sie, das sind offenbar Leute, aus dem Gebiet der Zehn Städte, also Ungläubige. Aber sie öffnen sich dem Wirken Gottes. Sie haben die Hoffnung, dass Taubheit und Stummheit des Mannes kein unabänderliches Schicksal sind. Sie hoffen, dass mit Gottes Hilfe etwas daran zu ändern ist.
Und das ist der Kern aller Wundergeschichten. Sie erzählen, wie es nach Gottes Willen sein soll. Keine Niederlage und kein Schicksal soll endgültig ein. Einer, der sprachlos war, soll nicht sprachlos bleiben, sondern reden und verstehen können. Einer, der taub und in sich verschlossen war, soll sich öffnen können. Offen werden für die Stimmen anderer Menschen und für die Stimmen der Natur.
Wundergeschichten erzählt die Bibel, um diese Hoffnung wach zu halten: Nichts muss bleiben wie es ist. Im Vertrauen auf Gottes Hilfe ist Änderung möglich.
Die Ungläubigen bitten Jesus, er möge dem Taubstummen die Hand auflegen.
Offenbar glauben sie, dass Jesus heilende Kräfte hat. Und dass diese heilenden Kräfte auf den Mann übergehen, wenn er ihn anrührt.
"Rühr uns an mit deiner Kraft", singen wir am Ende des Gottesdienstes. Auch wir glauben daran, dass Gott heilende Kräfte hat und dass er uns diese durch den Segen zukommen lässt.
Der Mann, dem Jesus helfen soll, bleibt passiv. Die anderen bringen ihn. Er lässt es geschehen, lässt sich führen, ohne dass sie ihm erklären können, wohin und wozu. Dann nimmt Jesus ihn zur Seite. Er lässt auch das geschehen. Ich deute das als Ausdruck seines Vertrauens. Er vertraut den Leuten, die ihn zu Jesus bringen. Und er vertraut Jesus. Er lässt sich von ihm führen an einen Ort, wo beide geschützt sind vor den Blicken der anderen.
Und dann tut Jesus etwas sehr Intimes: "Er legte ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel". Jesus berührt, was krank ist. Und der Mann lässt auch das geschehen.

Ich kenne viele Menschen, die genau das nicht können oder nicht wollen. Sie verbergen ihre Krankheit vor anderen. Wenn man sie darauf anspricht, sagen sie: ´Ich hab nichts.` Sie betrachten ihre Krankheit als Schwäche. Aber indem sie so tun, als hätten sie nichts, wird alles nur noch schlimmer.

Das Schwierige ist immer die Frage: Wem kann ich vertrauen? Wem kann ich mich öffnen, ohne Angst haben zu müssen, von ihm für ein Schwächling gehalten zu werden. Bei wem weiß ich, dass er das, was ich ihm anvertraue für sich behält und nicht irgendwann gegen mich verwendet. Wer gibt mir so einen geschützten Raum, in dem ich mich öffnen kann?
In der Zeitung ist immer wieder zu lesen, dass Therapeuten hoffnungslos überlaufen sind. Die Wartezeit bis eine psychologische oder psychotherapeutische Beratung beginnen kann, beträgt Monate. Der Bedarf nach geschützten Räumen ist groß.
Aber um so einen geschützten Raum zu betreten, um sich einem anderen Menschen anzuvertrauen, muss erst einmal das Wissen da sein und das Eingeständnis: Ich habe Hilfe nötig. Es muss die Bereitschaft da sein, die eigene Schwäche, das Verletztsein, die Krankheit einem anderen zu zeigen.

Jesus strahlte das Vertrauen aus, das in anderen Menschen die Bereitschaft weckte, sich zu öffnen und zuzulassen, dass Jesus sein Finger in die Wunde legte. von ihm anrühren zu lassen.
Er Blickt zum Himmel auf und zeigt damit, woher er sein Vertrauen hat. Aus dem Verbundensein mit Gott. Aus dem Wissen, dass Gott da ist und seine Kraft in den Schwachen wirken lässt.
Und dann sagt er zu dem Mann, der vor ihm steht:
"Hefata!, das heißt: Tu dich auf!"
Und es geschieht: "Sogleich taten sich seine Ohren auf und die Fessel seiner Zunge löste sich, und er redete richtig."
Bemerkenswert ist, was Jesus sofort danach zu den Leuten sagt, die in einiger Entfernung da stehen und warten, was passiert. "Er gebot ihnen, sie sollten's niemandem sagen."
Jesus will nicht als Wundertäter verehrt werden. Er will kein Idol für die Leute sein, zu dem sie aufschauen, den sie bewundern, weil er so tolle Wunder tut. Er weiß, wie schnell Menschen enttäuscht sind, wenn das erhoffte Wunder nicht geschieht.

Manchmal geschehen Dinge, die wir als Wunder empfinden und wo wir auch von einem Wunder sprechen. Einer, den die Ärzte schon aufgegeben haben, kommt doch noch einmal auf die Beine und lebt. Eine Frau, der Ärzte gesagt haben, dass sie kein Kind bekommen kann, wird plötzlich schwanger. Ein Alkoholiker, der etliche Entzüge und Therapien hinter sich hat, wird auf einmal trocken. Solche unwahrscheinlichen Dinge geschehen immer wieder. Aber sie sind nicht die Regel. Viel öfter bleibt das Wunder aus. Der Totkranke stirbt, der Alkoholiker trinkt sich zu Tode, der Depressive wirft sich vor den Zug.
Wenn wir unseren Glauben an Wundern festmachen würden, dann würden wir daran irre werden. Denn dann müssten wir ständig fragen, warum die Blinden blind und die Lahmen lahm bleiben, warum das Wunder nicht geschieht, um das doch Menschen so sehr gebetet haben.

Jesus will nicht als Wundertäter gesehen und bewundert werden. Er will als einer gesehen werden, der uns ein Beispiel gegeben hat. "Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe." (Johannes 13,15) Das sagt er, nachdem er den Jüngern die Füße gewaschen hat. Und das gilt für alle seine Handlungen. Beispiele hat er gegeben, wie wir Menschen miteinander umgehen sollen.

Auch wir können einander geschützte Räume bieten. Auch wir können uns so verhalten, dass andere Menschen zu uns vertrauen haben und sich zu öffnen bereit sind. Zu Beginn habe ich eine Geschichte erzählt, wie das manchmal sogar ganz nebenbei passiert, ohne dass man es geplant und erwartet hat.
Manchmal gelingt uns sogar, das lösende oder erlösende Wort zu sagen, wie Jesus es hier tut: Hefata. Tu dich auf.
Auch das ist kein Zauberwort. Sondern ein Wort, das genau das trifft, was dem Mann bisher verwehrt war. Er war in sich verschlossen, hörte nicht, was andere Menschen redeten und konnte sich selbst nicht mit eigenen Worten mitteilen. Er hat gemeint, er müsste für immer taub und stumm bleiben. Jesus traut dem Menschen etwas zu, was er sich bisher selbst nicht zugetraut hat. Dieses Zutrauen hilft ihm, sich tatsächlich zu öffnen.

Dass dies möglich ist, dass Menschen einander Räume geben, in denen sie sich vertrauensvoll öffnen können, das ist das eigentliche Wunder.
Solche Wunder ereignen sich mitten im Alltag, oft ganz unspektakulär. Genau das wollte Jesus ja auch nicht. Er wollte kein Spektakel, nicht die große Show. Ihm ging es um die heilende Zuwendung zu dem Menschen, der seine Hilfe braucht.
Wo solche Zuwendung sich unter uns ereignet, wo Menschen davon getröstet und gestärkt werden, da können wir einstimmen in das Lob der Menge, von der es heißt:
" Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen redend."

Es sind wohlgemerkt die Heiden, die Ungläubigen, die erkennen, dass Gott sich auch ihnen zuwendet, dass auch sie seine heilsame Nähe erfahren dürfen. Der Raum, in dem Gott sein Heil wirken lassen will, kennt keine Grenzen.