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Predigt am 13. September 2015
Matthäus 6, 25-34
Der Mensch und die Sorge
 

Der Mensch und die Sorge

"Alle eure Sorge werft auf Gott,
denn er sorgt für euch."
Wenn das so einfach wäre, die Sorge einfach wegwerfen. Wie soll das gehen? Geht das überhaupt? Wer unter uns kann sagen: Lieber Gott, hier hast du meine Sorgen. Und wer ist die Sorgen dann wirklich los?
Es gibt Sorgen, die wird man nicht los. Da helfen auch alle gut gemeinten Ratschläge nicht.
Wer eine böse Krankheit in sich hat, macht sich natürlich Sorgen: Wie wird sich die Krankheit entwickeln? Kann ich sie unter Kontrolle halten?
Wer mit 30 nach abgeschlossenem Studium und erfolgreicher Doktorarbeit bei der Suche nach einer Stelle eine Absage nach der anderen bekommt, der macht sich natürlich Sorgen: Wie geht das weiter? Kriege ich noch was Vernünftiges oder muss ich irgendwo über eine Leiharbeitsfirma als Hilfsarbeiter anfangen.
Wer als alter Mensch nicht mehr allein zurecht kommt, macht sich natürlich Sorgen: Wie lange geht das noch so, dass ich zu Hause sein kann? Muss ich demnächst in ein Heim?
Wer in den Nachrichten sieht, in welcher Not viele Menschen sind, der macht sich natürlich Sorgen: Wann hat dieses Morden in Syrien und im Irak ein Ende? Wann bekommen die Menschen in Afrika, in Osteuropa endlich Regierungen, die dem Wohl ihrer Völker dienen?
Es gibt zur Zeit viel Grund, sich Sorgen zu machen um den Zustand der Menschheit insgesamt und genauso um das, was uns persönlich und hier vor Ort belastet.

Vielleicht habe ich etwas missverstanden. Der Bibelvers sagt ja nicht: ´Alle eure Sorge werft auf Gott, dann seid ihr sie los.` Vielmehr ermutigt uns dieser Vers, mit Gott zu rechnen, Gott in unsere Sorge mit einzubeziehen. Und noch mehr: Wir sollen unsere Sorge mit Gott teilen im Vertrauen darauf, dass er auch für uns sorgt. Er weiß, was wir nötig haben und was uns gut tut.
Im Übrigen ist es nichts Schlechtes, dass wir uns Sorgen machen. Im Gegenteil: Unsere Sorge beruht ja darauf, dass uns unser eigenes Schicksal und das Schicksal anderer Menschen nicht gleichgültig sind. Wer sich Sorgen macht, der merkt noch was, der nimmt wahr, was verkehrt läuft in der Welt. Der nimmt die Nöte anderer Menschen wahr, und der nimmt auch sein eigenes Leben ernst.

"Die Sorge ist eine der schönsten menschlichen Eigenschaften", schreibt der Theologe Fulbert Steffensky. Ein überraschender Satz. Was er damit meint, erklärt er dann so: Wer sorgt, der weiß, dass auch morgen ein Tag ist, an dem seine Kinder sauberes Wasser zum Trinken und reine Luft zum Atmen brauchen. Wer sorgt, sieht die Verbrechen, die um des Profits willen an der Natur begangen werden und kommenden Generationen das Leben schwer machen werden. Und der bemüht sich selbst um eine umweltschonende Lebensweise. Wer sorgt, sieht die Not der Flüchtlinge und sucht Möglichkeiten, wie er helfen kann. Kurzum: Wer sorgt, sieht mehr, als nur sich selbst.
Das ist die Sorge, die Steffensky als eine der schönsten menschlichen Eigenschaften bezeichnet. Die Sorge, die einen Menschen zum Mitmenschen macht.

Es gibt eine andere Art der Sorge, die einen Menschen nur sich selbst sehen lässt, nichts anderes und niemanden anderen. Diese Sorge meint Jesus, wenn er sagt:
"Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet." Das ist die Sorge, die nur um sich selbst kreist, um die eigenen Bedürfnisse. Solche Sorge treibt die Zeitgenossen um, die Flüchtlingsunterkünfte anzünden, vor Flüchtlingsheimen randalieren und Leute beschimpfen, die sich für die Aufnahme von Flüchtlingen einsetzen. Sie haben die Sorge, die Menschen, die aus purer Not hierherkommen, nähmen ihnen etwas weg.
Natürlich gibt es Menschen, die sich berechtigter Weise Sorgen machen um Essen und Trinken und Kleidung. Es gibt bittere Armut auch in unserem reichen Land. Gott lässt zwar genug Lebensmittel für alle wachsen. Aber die Menschen teilen sie höchst ungerecht untereinander auf. Auch wenn wir Menschen Gott mehr bedeuten als die Vögle unter dem Himmel, gibt es doch viel zu viele Menschen, die bitteren Mangel leiden und nichts als Lumpen am Leib haben. Und der Satz: "Gott sorgt für euch", wird den Menschen, die großen Mangel leiden, erst einmal wie ein Hohn erscheinen. Denn Gott lässt nicht einfach Brot vom Himmel regnen. Er sorgt für seine Menschenkinder, indem er Menschen dazu ermuntert, füreinander zu sorgen. Er fordert uns Menschen auf, die auf der Erde vorhandenen Lebensmittel so untereinander zu verteilen, dass alle genug haben.
Das höre ich aus dem Satz: "Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen." Das Reich Gottes ist so etwas wie der Himmel auf Erden. Der Zustand, in dem alle Menschen genug zum Leben haben, in dem kein Krieg mehr ist und niemand mehr auf Kosten anderer lebt.
Ich weiß, diesen Zustand werden wir Menschen nie erreichen. Wir leben in einer unerlösten Welt. Es gibt Bosheit, Gier nach Macht und Reichtum, Rücksichtslosigkeit, die sadistische Lust am Quälen und Töten. All diese zerstörerischen Neigungen sind in uns Menschen drin. Gott hat uns die Aufgabe gegeben, sie zu beherrschen. Dazu muss jeder Mensch an sich selbst arbeiten. Und eine Gemeinschaft von Menschen, ein Statt muss das durch Gesetze und Gesetzeshüter regeln.
Aber das Reich Gottes bleibt eine Vision, ein Ziel, auf das wir hinarbeiten sollen. Jüdische Theologen sprechen davon, dass wir Menschen das Gottesreich anbahnen sollen, ihm durch gute Taten, durch Taten der Nächstenliebe den Weg bereiten. So helfen wir mit, dass der Satz wahr wird: Gott sorgt für euch. Er sorgt durch seine Weisungen und durch das Vorbild Jesu dafür, dass wir Menschen uns umeinander sorgen.

Dafür haben wir schöne Worte: Fürsorge. Eltern sorgen für ihre Kinder. Erwachsene Kinder sorgen für ihre alten Eltern. Unser Staat sorgt für die, die niemanden haben, der sich um sie sorgt. Zur Zeit sorgen viele Menschen in unserem Land dafür, dass sich die Menschen, die Furchtbares erlebt haben, hier willkommen fühlen. Hier und heute sorgen Menschen dafür, dass wir gleich leckeren Kuchen oder frisch gegrillte Würstchen zu essen bekommen.
Ein anderes Wort, das die Sorge beinhaltet: Seelsorge. Die Sorge um die Seele. Wir Menschen brauchen nicht nur Essen und Trinken, Kleidung und ein Dach über dem Kopf. Wir brauchen auch persönliche Zuwendung, Trost und Stärkung, wenn es uns schlecht geht. Wir brauchen Vergewisserung, dass wir gehalten, "von guten Mächten wunderbar geborgen" sind, wie Dietrich Bonhoeffer es ausgedrückt hat. In diesem Sinn ist auch jeder Gottesdienst ein Stück Seelsorge.

Und in diesem Sinn ist "die Sorge eine der schönsten menschlichen Eigenschaften". Die Sorge um oder für andere Menschen. Die Sorge um die Schöpfung.
Wie bei allem, was gut ist, kann es auch ein Zuviel des Guten geben. Zu viel Sorge. Das hat Jesus offenbar im Sinn, wenn er sagt: "Sorgt nicht". Er weist auf die Vögel unter dem Himmel hin. An ihnen wird sichtbar, wie Gott für seine Lebewesen sorgt. Die Lilien auf dem Feld zeigen, wie Gott wachsen und gedeihen lässt. Und das alles, ohne dass wir Menschen etwas dazu tun. Gott sorgt auch auf eine Weise, für die er uns Menschen gar nicht braucht. Er schafft Leben. Er gibt Raum zum Leben, Luft zum Atmen. Er sorgt für uns auf eine geheimnisvolle Weise.
Diese Gewissheit befreit von zu viel Sorge. Sie schafft Gelassenheit. Das ist die Fähigkeit, Sorgen zu lassen. Genau das meint der Satz: "Alle eure Sorge werft auf Gott". Sorgen lassen.
Denn, so sagt Jesus: "Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?"
Wer heute in unserem Land krank wird, sorgt sich in der Regel darum, noch möglichst lange zu leben. Er nimmt dazu alle möglichen medizinischen Hilfen in Anspruch. Andere Menschen sorgen sich darum, gar nicht erst krank zu werden. Sie achten sehr darauf, nichts zu essen, was ungesund sein könnte. Die Sorge um die Gesundheit ist zu einer neuen Religion geworden. Aber ob diese Sorge tatsächlich dazu verhilft, gesund zu bleiben und lange zu leben, das hat niemand in der Hand.
Jesus weiß, dass wir nicht ohne Sorge sein können. Eine Sorglosigkeit, die fröhlich in den Tag hinein lebt, ohne nach rechts und links, nach vorn und nach hinten zu schauen, die wäre bestimmt nicht in seinem Sinn. Er ermuntert aber dazu, die Sorgen zu begrenzen und sich nicht davon auffressen zu lassen:
"Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat."

Ein wunderbarer Satz, den ich selbst mir immer wieder in Erinnerung rufe. Jeder Tag bringt natürlich seine Sorgen mit sich. Es gibt immer etwas, worum ich mich sorgen muss und wofür ich sorgen muss. Es gibt immer etwas, was mir Sorgen macht. Und natürlich muss ich bei manchem auch an morgen denken und dafür planen. Aber bei aller Sorge um die Zukunft muss erst einmal der Blick darauf gerichtet sein, was heute anliegt. Auch der Blick darauf, wie schön das Leben auf dieser Erde ist. Beim Blick aus dem Fenster sehe ich, wie die gelben Blüten im Licht der Sonne vom Wind hin und her gewiegt werden. Die Blumen haben sich von selbst immer weiter ausgebreitet. Und ich denke an die Lilien auf dem Felde, die Gott wachsen lässt. Und ich erkenne dankbar: Ja, Gott sorgt für das Leben auf der Erde. Er sorgt auch für mein kleines Leben.