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Predigt am 08. November 2015

Konfirmationsjubiläum
 

Eine Tischgesellschaft sehen wir vor uns auf dem Bild unseres Gottesdienstprogramms. Das Gemälde gehört zum Altar der Wittenberger Marienkirche. Es ist ein Gemeinschaftswerk von Vater und Sohn Cranach.
Ein Abendmahlsbild, aber anders, als die sonst üblichen Bilder vom letzten Mahl Jesu. Jesus hat seinen Platz nicht in der Mitte, sondern am linken Rand. In die Jüngerschar hat Cranach auch einige Wittenberger Herren hinein gemalt. Sich selbst hat er als Mundschenk verewigt. Der Bärtige dem er den Becher reicht, ist Junker Jörg. So nannte sich Martin Luther, als er auf der Wartburg versteckt war. Dort hat er das Neue Testament aus dem Griechischen in die deutsche Sprache übertragen. Alle Menschen, nicht nur Gebildete, sollen die frohe Botschaft von Jesus Christus lesen und hören können. Links neben Luther sitzt deshalb auch Hans Lufft, der im Jahr 1534 die erste "Lutherbibel" herausgegeben hat.

"Du schenkest mir voll ein." So heißt es im 23. Psalm. Voll eingeschenkt ist der Becher, den Junker Jörg gereicht bekommt. Luther nahm manche Bibelsprüche durchaus wörtlich. Man sieht auch andere Herren mit einem Becher in der Hand. Einige haben einen Teller mit einem Messer und ein Stück Brot vor sich liegen. Die Messer werden noch gebraucht. Denn in der Mitte liegt ein gebratenes Lamm. Ein Festmahl ist angerichtet.
Nichts trennt die Gläubigen von Jesus Christus, von dem es heißt: "Einen anderen Grund kann niemand legen, außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus". Dasselbe Wort, das über unserer Kanzel steht, befindet sich über dem Altar der Wittenberger Marienkirche.
Das Heil, das von Jesus ausgeht, gilt auch dem Verräter. Er sitzt rechts neben Jesus. Unter seinem linken Arm blinkt der prall gefüllte Geldbeutel hervor. Die zum Segen ausgestreckte rechte Hand Jesu berührt den Mund des Verräters. Ihm ist vergeben, bevor er seine Tat ausführt. Der empfangene Segen wird ihn nicht abhalten, den Verrat zu Ende zu führen. Sein linkes Bein ist schon außerhalb der Tischgemeinschaft, er ist auf dem Sprung.
Doch das Mahl wird weitergehen, auch wenn einer fehlt. Der Segen, den Jesus seinen Jüngern spendet, wird allen Menschen zuteil, die daran glauben.

Indem er einige Zeitgenossen an den Abendmahlstisch Jesu gesetzt hat, lädt Cranach auch uns ein, an diesem Tisch Platz zu nehmen. Auch wir dürfen uns vorstellen, mit in dieser Runde zu sitzen. Tatsächlich ist ja auch für uns schon der Tisch gedeckt. Auch wir sollen es nicht nur hören, sondern auch sehen und schmecken, wie freundlich der Herr ist. Er will uns erquicken, er will uns Kraft und Zuversicht schenken.

Als erste sollen das heute die erfahren, die ihr Konfirmationsjubiläum feiern. Wie die Tischgesellschaft um Jesus ganz unterschiedlich ist, so ist auch unsere Jubilarsgruppe bunt gemischt. Der älteste Jubilar wird im Februar 95 Jahre alt. Für sein achtzigjähriges Jubiläum habe ich im Internet die Bezeichnung "Eichen-Konfirmation" gefunden. Er könnte der Vater der Goldkonfirmandinnen sein, die Anfang der fünfziger Jahre geboren wurden. Zwischen dem Eichen-Konfirmand und den Goldkonfirmandinnen kamen die anderen Jubilare zur Welt. So unterschiedlich das Alter der Jubilare, so unterschiedlich sind auch ihre Erfahrungen. Das liegt vor allem an den sehr unterschiedlichen Zeitumständen.
1935, als Heinrich Schmidt, konfirmiert wurde, herrschte die nationalsozialistische Diktatur im Deutschen Reich, die viele Menschen in die Flucht trieb. Hitler und seine Genossen lösten den Zweiten Weltkrieg aus. Einige Jubilare wurden im Krieg konfirmiert, andere im Krieg geboren. Die Goldkonfirmandinnen hatten das Glück, in einem Land leben zu können, das Frieden hält mit seinen Nachbarn. Wohl bekommen wir in diesen Wochen die Auswirkungen von Kriegen zu spüren, die anderswo geführt werden. Zum Teil auch mit Hilfe deutscher Waffen.
Flucht und Vertreibung kennt auch die Jubilarin, die 1940 im schlesischen Niedersalzbrunn konfirmiert wurde. Zu der Zeit war vom Krieg in Schlesien noch nicht viel zu spüren. Das änderte sich, als der Krieg zu Ende ging. Da übernahmen Polen das elterliche Geschäft. Ein Jahr mussten die früheren Eigentümer für die Polen arbeiten, dann wurden sie aufgefordert, das Land zu verlassen. Mit dem, was sie an zwei Händen tragen konnten, stiegen sie in einen Güterwaggon, der sie Richtung Westen fuhr.

Ein anderer wurde im vorletzten Kriegsjahr konfirmiert. Sein Gymnasium war nach Tuttlingen verlegt worden. Die Konfirmation sollte aber hier gefeiert werden. Zu siebt führte Pfarrer Schindelin seine Konfirmanden in die Kirche. Gerade als er sie einsegnen wollte, ging die Sirene los. Hastig gab er den Jungen und Mädchen noch den Segen, dann liefen alle schnell in den Bunker.
Die spätere Frau dieses Konfirmanden war in Celle evakuiert. Dort ging sie zum Konfirmandenunterricht. Im Frühjahr 1945 war absehbar, dass der Krieg zu Ende ging. Die Mutter fragte ihre Tochter, ob sie nicht noch ein Jahr mit der Konfirmation warten wollte. Dann könnte sie zu Hause konfirmiert werden. Die Tochter aber ließ sich mit den anderen Mädchen aus dem Ruhrgebiet und mit den Celler Jugendlichen in der dortigen Stadtkirche einsegnen.
Der Dritte unserer Gnaden-Konfirmanden war nach Pommern in Sicherheit gebracht worden und ging dort zum Konfirmandenunterricht. Als Anfang 1945 die Russen immer näher kamen, entschloss sich der Pastor, die Konfirmation auf den Januar vorzuziehen. Danach floh die Familie mit Schiffen über die Ostsee und landete schließlich in Eckernförde. 12 bis 14 Millionen Menschen kamen damals aus den ehemals deutschen Ostgebieten nach Ost- und Westdeutschland.
Ganz anders erging es denen, die 1965 konfirmiert wurden. Krieg, Flucht und Vertreibung kennen sie nur aus Erzählungen der Eltern und Großeltern. Allerdings herrschten immer noch strenge Sitten im Konfirmandenunterricht. Jeden Sonntag hatten die Konfirmandinnen und Konfirmanden in der Kirche zu erscheinen. Manche sind pünktlich von zu Hause losgegangen, vor der Kirche aber abgebogen. Statt dem Pfarrer zu lauschen, unterhielten sie sich lieber miteinander. Die Frau, die das erzählte, wohnte im Kreis Eisenberg in Thüringen. Der Pastor bemerkte natürlich die fehlenden Schäfchen. Eines Tages stand er bei seiner Konfirmandin Elke vor der Haustür und kündigte an, er würde sie nicht konfirmieren. Sie hätte zu oft im Gottesdienst gefehlt. Die Mutter - recht ungewöhnlich für die Zeit Mitte der fünfziger Jahre - nahm ihre Tochter in Schutz und sagte: "Dann geht sie eben zur Jugendweihe." Das wollte der Pfarrer auch nicht. Die Tochter versprach, nun regelmäßig zum Gottesdienst zu gehen. Sie hielt ihr Versprechen sogar über die Konfirmation hinaus.
Nicht nur der regelmäßige Gottesdienstbesuch, auch viel Stoff zum Auswendiglernen gehörten damals zum Unterricht. Das hielt auch in den sechziger Jahren Pastor Helmut Blank noch so. In Wanheim ließ er aus dem reformierten Katechismus lernen. Das war schwere Kost, genauso wie manche Gesangbuchlieder, deren Texte man als junger Mensch kaum verstand. Viel ist davon nicht hängen geblieben. Wohl aber haben viele den Spruch behalten, den sie zur Konfirmation mit auf ihren Weg bekamen.
"Es ist das Wort ganz nahe bei dir", heißt zum Beispiel der Spruch unseres ältesten Jubilars. Eine erzählte, dass ihr der Spruch als junges Mädchen vollkommen fremd war. Der Spruch heißt: "Ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe." (1. Kor 6,20) Wie soll das ein Mädchen von vierzehn Jahren verstehen? Im Laufe des Lebens konnte sie aber immer mehr mit ihrem Vers anfangen.
Ein anderer hat seinen Pastor auf den Spruch angesprochen. Es war damals so üblich, dass die Pastoren die Sprüche aussuchten. Der Pastor erklärte ihm: "Ich bin überzeugt, dass du in deinem Leben mit vielen Menschen zu tun haben wirst." Deshalb hatte er dem Jungen dieses Wort Jesu zugesprochen: "Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater." (Mt 10,32)
Eine aus der Reihe der Goldkonfirmandinnen hat ihren Spruch über dem Bett hängen: "Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir." (Joh 10,27) Sie sagt: "Der Spruch begleitet mich seit meiner Konfirmation, er gehört zu meinem Leben dazu."
Der Konfirmationsspruch ist Teil des Segens, der Ihnen bei der Konfirmation mit auf den Weg gegeben wurde. In dem Spruch verdichtet sich eine der vielen Wohltaten, die Gott uns zuwendet.

Eine große Wohltat, für die wir alle dankbar sein können, ist, dass wir hier in Frieden leben. Eine, die 1965 konfirmiert wurde, sagt: "Wir hatten eine schöne Jugend. Wir konnten viel draußen spielen und unternehmen. Es war noch nicht alles zugebaut. Wir haben viel zusammen gemacht."
Im Fernsehen gab´s erst zwei Programme, am Nachmittag nicht viel, was Jugendliche interessierte. An Handys, Smartphones und andere Geräte, mit denen heute alle für sich beschäftigt sind, war überhaupt noch nicht zu denken. Um Filme zu sehen, ging man ins Kino. In Wanheim gab´s das Luxor neben dem Jägerhof.
James Bond war damals in den sechziger Jahren schon ein Kassenschlager. Allerdings durfte man erst ab 18 da rein. Der große Bruder nahm seine siebzehnjährige Schwester mit, dann ging das. Mitte der sechziger war die hohe Zeit der Beatles und des Rock´n Roll. Neue Bands schossen aus dem Boden. Als Altherrentruppe lassen die Rolling Stones immer noch von sich hören.

Die heutigen Jubilarinnen und Jubilare haben Familien gegründet, viele sind längst Großeltern. Es ist Segen aus dem eigenen Leben hervorgegangen. Heute sagen Sie Dank für den erfahrenen Segen. Für Ihr weiteres Leben wird Ihnen erneut der Segen Gottes zugesprochen. Dies geschieht, indem wir miteinander das Abendmahl feiern. Wir sind eingeladen zu Jesus an den Tisch. Denn Jesus weilt, wie er es verkündet und wie Luther es übersetzt hat, mitten unter denen, die in seinem Namen versammelt sind. In der der Feier des Mahls dürfen wir seine Nähe sehen und schmecken und in uns aufnehmen.
Selbst der Verräter darf bei ihm sitzen und bekommt seinen Segen. Sod dürfen wir auch wir zu ihm kommen mit unserer Unvollkommenheit und allem, was wir im Laufe des Lebens verkehrt gemacht haben. Er schenkt auch uns voll ein, einen Becher voller Liebe und Güte. Er stärkt uns mit seiner Kraft und seinem Vertrauen. ´Kommt her zu mir alle, die ihr etwas auf dem Herzen habt`, so sagt er, ´ich will euch erquicken.`