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Predigt am 22. November 2015
Matthäus 25,1-13
Predigt am Totensonntag
 

Den Tod zum Freund machen

Was ist der Tod? "Der Tod ist die unabwendbare Störung des Lebens." So hat es Nikolaus Schneider gesagt, als er mit seiner Frau im Duisburger Klinikum zu einem Podiumsgespräch eingeladen war. "Eine Störung des Lebens", ja, die Störung überhaupt.
Oder ist der Tod ein Freund, wie der heilige Franziskus in seinem Sonnengesang anklingen lässt:
"Gelobt seist du, mein Gott,
durch unsere Schwester, den leiblichen Tod".

Viele Bilder versuchen das Geheimnis des Todes zu erfassen, das letztlich niemand aufklärten kann. Wir wissen nur, was mit dem Tod endet: das Leben hier auf dieser Erde. Wir glauben, was dann nicht mehr ist: Leid und Schmerzen, Krieg und Gewalt, Trauer und Tränen. All das, was uns in dieser Zeit das Leben schwer macht, wird nicht mehr sein. Aber was wird sein?
Viele Menschen begnügen sich mit der Antwort: Nichts mehr. Nichts mehr wird sein, nur noch Zerfall.
Anne Schneider sagte in dem Podiumsgespräch: "Für mich ist der Tod eine Tür, durch die ich hindurchgehe." Eine Tür von diesem Leben in ein anderes neues Leben ganz in Gottes Gegenwart.
"Was wird mit uns geschehen, wenn wir durch die Tür des Todes geführt worden sind? Was wird uns begegnen?" So fragt Jörg Zink und antwortet: "Wenn wir es genau nehmen, so wissen wir nichts. Wir vertrauen. Wir glauben. Und was wir glauben, können wir einander nur schwer vorzeigen. Aber nun gilt, was überall in unserem Leben gilt: Was wir nicht erklären und vorzeigen können, das drücken wir in Bildern aus. Und so ist alles, was die Menschheit je über das Leben auf der anderen Seite sagen konnte, ein einziges buntes Bilderbuch.
Wir sehen über uns an schönen Tagen das Blau des Himmels: So lichtvoll, so schön, so unendlich groß wird die Welt sein, die wir nach unserem Tod betreten. Also reden wir vom Himmel. Dieses Wort meint den Ort und das Licht, in dem Gott wohnt. "In den Himmel kommen", heißt also, Gottes Nähe schauen, zu ihm heimkehren."

Tamara Dietl hat ihren an Krebs erkrankten Mann, den Regisseur Helmut Dietl, begleitet in seinem Sterben. Sie sagt in einem Interview: "Der Tod ist etwas Unfassbares, aber er hat auch einen Zauber. Wenn ich Abschied nehmen kann, dann ist da zwar eine unendlich tiefe Trauer, aber es hat auch etwas Tröstliches - für den, der stirbt, und für den, der bleibt." (Die Zeit Nr. 45, 5.11.2015)

Das Unfassbare, das wir nicht erklären und vorzeigen können, das drücken wir in Bildern aus. Auch Jesus redete zu seinen Freunden und Freundinnen in Bildern. So sprach er von einer Einladung zu einem festlichen Mahl. Von einer Hochzeit.
Die Geschichte von den zehn Brautjungfern ist der Evangeliumstext für den heutigen Toten- oder Ewigkeitssonntag. Darum nehme ich sie als Bild für das, was uns einst erwartet. In dem Bräutigam erkenne ich den auferstandenen Jesus. So deutet es auch das Lied von Philipp Nicolai. Ein großes Freudenfest wird sein, wenn er kommt und wir ihm entgegen gehen. "Kein Aug hat je gesehn, kein Ohr hat mehr gehört solche Freude".

Das ist schön für die, die gegangen sind. Es ist auch tröstlich für uns, wenn wir glauben können: Es geht unseren Lieben gut. Sie sind gut aufgehoben. Sie haben teil an dem Fest in Gottes Herrlichkeit. Ein Fest ohne Ende.
Aber sie fehlen hier auf der Erde. Sie fehlen uns. Die Namen von 39 Menschen haben wir gerade gehört. Menschen unserer Gemeinde, die seit dem 1. Dezember des vergangenen Jahres gestorben sind. Der Jüngste war 52, die Älteste 98, fast doppelt so alt. Die meisten sind über achtzig geworden. Bei vielen von ihnen war das Sterben absehbar. Und es war gut, dass sie gehen konnten.

Vor wenigen Wochen im Oktober habe ich das Sterben in der eigenen Familie erlebt. Die Mutter meiner Frau wurde wegen starker Luftnot ins Krankenhaus gebracht. Dort bekam sie eine Lungenentzündung mit starkem Fieber. Innerhalb einer Woche war sie tot. Es ging unfassbar schnell. Viel zu schnell, um mit dem Gefühl hinterherzukommen.
Das gleiche hörte ich vor zehn Tagen auf dem Waldfriedhof bei der Beerdigung unserer lieben Katharina Schneider. Es ging so schnell. Auch bei dem jungen Mann, der mit 52 gestorben ist, war das so. Er war eigentlich auf dem Weg der Besserung, doch plötzlich ging's zu Ende.
Bei anderen war mehr Zeit, sich vorzubereiten. Da war es eine Erlösung, eine Gnade, dass sie endlich gehen konnten. Für die einen war es die Erlösung nach einem langen Lebensweg, der am Ende immer beschwerlicher wurde. Für andere, jüngere Menschen die Erlösung nach hartem Kampf aus schwerer Krankheit. Bei einigen war es auch ein ganz plötzlicher Tod. Ohne Vorwarnung wurden sie aus dem Leben gerissen.
Plötzlich und auf ganz brutale Weise starben die Menschen, die in dem Unglücksflugzeug auf dem Weg nach Hause waren. Auch Bekannte von Mitgliedern unserer Gemeinde waren darunter.

Da zeigt der Tod sein zutiefst erschreckendes Gesicht. Er ist mehr als eine Störung, eine Katastrophe, die unvermittelt ins Leben einbricht. So auch bei den Anschlägen in Paris vor zehn Tagen.

Heute sind viele Menschen hier, die hautnah mit dem Tod in der eigenen Familie zu tun bekommen haben.
Auch wenn das Sterben absehbar und in vielen Fällen unausweichlich war, es bleibt der Schmerz, es bleibt die Trauer. Denn der oder die Verstorbene fehlt. Was auch bleibt, sind Bilder und Erinnerungen. Bei manchen stand ein Bild vor dem Sarg oder der Urne. So hat sie früher ausgesehen: voller Energie, voller Lebensfreude. Es tut gut, sich an schöne Erlebnisse und Zeiten erinnern zu können. Es tut gut, davon erzählen zu können, von den wunderbaren Seiten des Verstorbenen zu sprechen, wie auch von seinen Schattenseiten.
Denn kein Mensch ist nur gut und wunderbar. Jeder hat seine dunkle Seite, die er im Leben gern versteckt, die seine Angehörigen aber natürlich zu spüren bekommen. Es ist wichtig, in der Trauer den Verstorbenen nicht zu verklären. Er war nicht makel- und fehlerlos.
Manchmal hören Trauernde den Rat, sie sollten den Verstorbenen loslassen. Doch das geht nicht. Einen geliebten Menschen kann man nicht loslassen. "Denn der Tod beendet das Leben, nicht aber die Liebe." (Rüggeberg, S. 79)
Die Liebe hört niemals auf, wie der Apostel Paulus schreibt. "Trauernde erfinden eine neue, innere Art der Liebe, die dem Verstorbenen einen festen Platz in ihrem Leben einräumt." (Rüggeberg)
Manche besuchen den Verstorbenen regelmäßig auf dem Friedhof, haben Bilder von ihm in der Wohnung, sprechen mit ihm, sehen sich Alben von früher an, halten Gegenstände in Ehren, die sie mit dem oder der Verstorbenen verbinden.
Mein Blick fällt durch das Fenster auf einen Kürbis aus Ton, den man mit einer Kerze erhellen kann. Jeden Abend zünde ich in der dunklen Jahreszeit eine Kerze an, so dass uns das lachende Kürbisgesicht ins Zimmer leuchtet. Meine Schwester hat uns den Kürbis vor fünf Jahren mitgebracht, wenige Wochen bevor sie so plötzlich starb.
Ja, ich selbst habe im Laufe meines Lebens auch einige sehr schmerzhafte Verluste erlitten. Und je älter ich werde, desto mehr bekomme ich hautnah mit dem Tod zu tun.
Vielleicht hilft es, den Tod nicht nur als Störung zu betrachten, sondern sich ihn zum Freund zu machen. Aber wie soll das gehen?

Jesus gibt mit seiner Geschichte einen Hinweis. Er spricht von dummen und von klugen Mädchen. Aus der Lutherbibel kennen wir sie als törichte und kluge Jungfrauen.
Die Mädchen haben Fackeln dabei. Die dummen Mädchen sind dumm, weil sie kein Öl mitgenommen haben. Der Bräutigam ließ auf sich warten. Deshalb hätten sie genug Zeit gehabt, Öl zu besorgen. Doch sie ließen gedankenlos die Zeit verstreichen, unterhielten sich, bis sie müde wurden und einschliefen.

Die klugen Mädchen sind klug, weil sie sich auf ihre Aufgabe vorbereitet haben, weil sie sich Gedanken gemacht haben über das, was notwendig ist. Sie haben genug Öl dabei.

Wofür steht das Öl? In der Geschichte steht es für Licht. Für uns ist Öl ein Wärmespender, es steht für Energie. Einen Vorrat an Energie, an Lebenskraft haben sich die klugen Mädchen zugelegt. Jesus stellt sie als Beispiel hin für das, was jeder Mensch tun sollte: sich einen Vorrat zulegen an Lebensenergie. Wie aber macht man das?

Eigentlich ganz einfach: Man muss das Leben lieben. Und das Geheimnis ist: Je mehr man das Leben liebt, desto mehr kann einem auch der Tod zum Freund werden. Das ist paradox. Doch die Lebenserfahrung vieler Menschen bestätigt diesen Satz.

Ein Zeuge dafür ist der Pfarrer und Autor Jörg Zink. Er wird am heutigen Sonntag 93. Vor zwei Jahren erschien sein letztes Buch. "Deine Wege werden kürzer", so heißt es.
Zink stellt sich vor, dass er am Ende seines Lebens auf irgendeinem Felsen in der Schwäbischen Alb steht, seiner Heimat, und dann, so wörtlich: "dass ich dort noch einmal für mein wunderbares Leben in dieser großen, schönen Welt danken kann, die ich so sehr geliebt habe". (125) Seine Kraftquelle ist sein Vertrauen in Gottes Liebe, von der ihn nichts und niemand trennen kann. "Denn wir fallen nicht ins Leere, sondern in seine Liebe." (132)

Das ist auch so in der Trauer. Wir fallen nichts ins Leere, sondern sind gehalten in Liebe. Das spürt man als Trauernder, wenn andere Menschen die Trauer mit einem teilen. Alle Zeichen der Anteilnahme sind ein Trost. Jedes gute Wort und vor allem jedes offene Ohr hilft, den Schmerz zu tragen. Manchmal tut es auch gut, wenn andere einen in Ruhe lassen. "Ich bin müde, sehr müde", sagt Tamara Dielt, die am 30. März ihren Mann verloren hat.
Doch irgendwann spürt man, dass das Leben weitergeht. Das ist eine Allerweltsweisheit, die oft so dahingesagt wird: Das Leben geht weiter. Aber es ist so. Irgendwann ist auch die Freude am Leben wieder da. Der Bräutigam kommt, er kommt auch uns entgegen. Jeden Tag will er uns mitnehmen in das Fest des Lebens. Jeden Tag füllt er unseren Vorrat auf an Lebensenergie, an Zuversicht und Vertrauen. Durch seinen Heiligen Geist, der tröstet und Mut macht.