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Predigt am 10. Januar 2016
Römer 12, 1-2
1. Sonntag nach Epiphanias
 

"Wird's besser? Wird's schlimmer?
fragt man alljährlich."
Wird´s besser? Nur jeder Fünfte sieht dem neuen Jahr "mit großer Zuversicht und Optimismus entgegen." Das ergab die Untersuchung eines großen Meinungsforschungsinstituts im November.
Wird´s schlimmer? Erstmals seit Jahren blickt die Mehrheit der Deutschen mit Angst auf das kommende Jahr. von denen, die 55 Jahre und älter sind, sagen sogar zwei Drittel: "Ich blicke angstvoll in die Zukunft."
Als die Befragung lief, ereigneten sich die Terroranschläge in Paris. Die werden sicher die Ängste verstärkt haben. Auch was in der Silvesternacht in Köln und in Hamburg geschah, erfüllt viele Menschen mit großer Sorge. Da kommt im Moment vieles zusammen, was Menschen beunruhigt.
Als Christen nehmen wir teil am Weltgeschehen. Was um uns herum passiert, berührt und beschäftigt uns genauso wie alle anderen Menschen. Trotz allem, was uns Sorgen macht, wollen wir Hoffnung und Zuversicht bewahren.
"Was helfen uns die schweren Sorgen,
was hilft uns unser Weh und Ach?
Was hilft es, dass wir alle Morgen
beseufzen unser Ungemach?"
So fragt der Liederdichter Georg Neumark und stellt fest:
"Wir machen unser Kreuz und Leid
nur größer durch die Traurigkeit."
Ähnlich sieht es Paul Gerhard:
"Mit Sorgen und mit Grämen
und mit selbsteigner Pein
lässt Gott sich gar nichts nehmen,
es muss erbeten sein."
Georg Neumark rät:
"Man halte nur ein wenig stille
und sei doch in sich selbst vergnügt,
wie unsers Gottes Gnadenwille,
wie sein Allwissenheit es fügt;
Gott, der uns sich hat auserwählt,
der weiß auch sehr wohl, was uns fehlt."
Die Liederdichter mahnen dazu, sich nicht von Sorgen und Ängsten gefangen nehmen zu lassen. Sie tun das aus einem starken Gottvertrauen heraus.
Aus ganz einfachen Überlegungen kommt auch Erich Kästner zu dem Schluss, man solle sich nicht zu viel Sorgen machen:
"Wird's besser? Wird's schlimmer?
fragt man alljährlich.
Seien wir ehrlich:
Leben ist immer lebensgefährlich."

In einem Film von Steven Spielberg wird ein Mann gefragt, der in höchster Gefahr ist: "Machen Sie sich denn gar keine Sorgen?"
Der Mann antwortet: "Würde es denn helfen?" Was bringt es, Tag und Nacht daran zu denken, dass der Lebensfaden nur noch ganz dünn ist und jederzeit reißen kann? Welchen Sinn hat es, sich alles Mögliche auszumalen, was kommt oder nicht kommt, wenn man doch nichts dran ändern kann?

In der vergangenen Woche brachte das Erste eine Sendung mit Kai Pflaume. Er ließ sich von schwerkranken Menschen deren Welt zeigen. Ich habe die Folge am Dienstag gesehen. Die Menschen, die der Journalist vorstellte, wussten, dass ihre Lebenszeit begrenzt ist. Pflaume sprach den jungen Mann, der im Rollstuhl saß, darauf an. Der sagte: "Das weiß doch jeder. Du weißt doch auch, dass deine Lebenszeit begrenzt ist." Ja, im Prinzip weiß das jeder, antwortete Pflaume sinngemäß. Aber für dich ist dieses Wissen konkreter. Der junge Mann bestätigte das. Aber seine ganze Haltung verriet, dass er sich von diesem Wissen nicht die Freude am Leben nehmen lassen wollte. Kai Pflaume hatte etwas Besonderes für ihn vorbereitet: Einen Helikopterflug auf die Insel Norderney und einen gemeinsamen Spaziergang am Strand entlang.

Was würde es helfen, sich jeden Tag bewusst zu machen, dass nicht mehr viel Zeit bleibt? Da ist es doch besser, jeden Tag zu genießen, den man erleben darf.

Würde es denn helfen? Diese Frage möchte ich mitnehmen in das neue Jahr. Eine Sicht auf das Leben, wie sie aus dem Text des amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr spricht, wünsche ich mir:
"Gott, gib mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen
zu unterscheiden."
Es gilt, vernünftig abzuwägen: Was kann ich ändern und was nicht?

Hier kommt nun auch der Apostel Paulus ins Spiel.
Er spricht von einem vernünftigen Gottesdienst. Sich selbst mit Leib und Seele Gottes zu dienen, das ist für ihn der vernünftige Gottesdienst.
Der beginnt damit, Gott zu vertrauen. Vertrauen darauf, dass nichts uns von Gottes Liebe trennen kann.
Vertrauen darauf, dass Gott es gut mit uns macht.
"Gott, der uns sich hat auserwählt,
der weiß auch sehr wohl, was uns fehlt."
Gott will Gutes für uns und seine ganze Schöpfung.
Da ist wieder Vernunft gefragt, um zu erkennen: Was ist Gottes Wille in dieser und jener Situation? Was ist das Gute, das Gott will?
Paulus gibt einige Hinweise für das Leben in der Gemeinde: Da soll jede und jeder die eigenen Gaben und Fähigkeiten einbringen zum Wohl des Ganzen.
Die Gemeindeglieder sollen freundlich miteinander umgehen, Freude und Leid miteinander teilen. Alle sollen sich gegenseitig darin bestärken, fröhlich zu bleiben in der Hoffnung, gelassen zu bleiben in allem Schweren und beharrlich auf Gott zu vertrauen.

Hoffnung, Gelassenheit und Gottvertrauen, all das haben wir nötig in dem neuen Jahr, das jetzt schon wieder zehn Tage alt ist.
Denn ob wir wollen oder nicht: Wir müssen ganz schön viel auf uns zukommen lassen. Wir wissen noch weniger als sonst, wohin es führen wird, politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich. Ganz abgesehen davon, was einem persönlich so alles zustoßen kann. Das vergangene Jahr hat uns gezeigt, wie wenig sich selbst in unserem abgesicherten und bestens organisierten Europa planen und vorhersagen lässt, wie wenig sich das Unerwünschte ausschließen lässt. Wir waren froh, dass wir uns frei in Europa hin und her bewegen konnten. Plötzlich fangen viele Länder wieder an, ihre Grenzen dicht zu machen. In Großbritannien gibt es starke Bestrebungen, sich aus der EU zu verabschieden. Wir glaubten, dass zumindest in unserem Land die Sicherheit gewährleistet ist. Und dann passieren massenhafte Angriffe auf Frauen, und die Staatsmacht greift nicht ein. Noch vieles mehr ist im vergangenen Jahr geschehen, was ich mir vorher nicht vorstellen konnte.
Wie reagieren auf die wachsende Unsicherheit? Man kann sich von der allgemeinen Angst anstecken lassen und nach Sündenböcken suchen, wie rechte Parteien und Gruppierungen es tun. Man kann alle Orte meiden, wo viele Menschen zusammen kommen. Man kann versuchen, sich gegen alles Mögliche abzusichern.
Diese Tendenz erlebe ich zur Zeit in unserer Kirche sehr stark. Gemeinden und Kirchenkreise verwenden viel Energie darauf, sich "zukunftsfähig" zu machen. So zum Beispiel unsere Nachbargemeinde, die bis 2030 schon genau geplant hat, wer wann in den Ruhestand geht und welches Gebäude wann geschlossen wird. Unsere rheinische Kirche weiß schon jetzt, wie viele Kirchenmitglieder sie 2030 noch hat, wie viele Pfarrer und wie viele Kirchen sie dann braucht. Wir in der Region Duisburg Süd sollen in diesem Jahr erklären, wie viele Gottesdienststätten wir im Jahr 2030 noch nutzen wollen.
So versucht unsere Kirche, sich "zukunftsfähig aufzustellen". Wenn ich dieses Wort höre, kommt mir die Geschichte von dem reichen Kornbauern in den Sinn. Dessen Feld hatte gut getragen. Er wusste nicht, wohin mit dem vielen Korn. Da sagte er sich:
"Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen und will darin sammeln all mein Korn und meine Vorräte. Und dann will ich mir sagen: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut!" Aber Gott sprach zu ihm: "Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?" (Lukas 12,16-20)

Wir haben die Zukunft nicht in der Hand. Wir müssen sie vielmehr aus Gottes Hand nehmen.
Matthias Dobrinski, ein von mir geschätzter Journalist der Süddeutschen Zeitung, schrieb zum Jahresbeginn "ein Plädoyer für mehr Schicksalsergebenheit". Er meint, man könne "sich in der Kunst des richtig angewandten Fatalismus üben." "Dieser Fatalismus beugt sich dem Unausweichlichen und bewahrt doch das Eigene. Er richtet sich wieder auf, selbst wenn er weiß, dass er sich dem nächsten Unausweichlichen beugen muss. Er verzieht gewissermaßen den Mund zum Spott, wenn einer mit seinen quälenden Sorgen kommt und seiner namenlosen Angst, mit brennendem Hass oder dunkler Verzweiflung. Und: Was hilft das alles? Wie der Humor schafft der Fatalismus Abstand. Er verkleinert das Übermächtige."
Dobrinski plädiert für mehr Gelassenheit: "So viele Dinge kann man nicht ändern im Lauf der Welt - man muss es aber auch nicht. Niemand weiß, ob einen 2016 der Anschlag eines Terroristen erwischt, ob einen der Krebs zerfrisst, der Schlag trifft oder man vom Auto überfahren wird oder ob einfach nur alles weitergeht wie bisher. Was könnte man daran ändern? Es muss im Leben nicht alles ideal sein, nicht einmal optimal, na und? Es gibt immer mehr Möglichkeiten als man sich vorstellen kann."
Diese Form des Fatalismus befreit. Sie trennt das Mögliche vom Unmöglichen. Sie lenkt den Blick auf das Machbare, auf die Möglichkeiten, die vorhanden sind, auf das Gute auch im Ausweglosen. Sie macht den Blick frei auch für das, was gut läuft.
Eine solche Einstellung zum Leben empfinde ich als den "vernünftigen Gottesdienst", zu dem Paulus die Gemeinde in Rom ermahnt. Diese Ermahnung betrifft uns als einzelne Christenmenschen und als Gemeinden.
Polizei und besonders die Politiker können natürlich nicht gelassen bleiben angesichts der Ereignisse in Köln, angesichts der Terrorgefahr, angesichts der vielen Flüchtlinge, angesichts des Krieges im Nahen Osten. Hier ist entschiedenen Handeln gefragt. Und das gilt in allen Situationen, wo Menschen etwas ändern können.
Aber da, wo wir nichts ändern können, gelassen bleiben, diese Haltung macht auch cool. Im November nach den furchtbaren Anschlägen in Paris, brachte die TAZ, auch eine überregionale Tageszeitung, vorn auf der ersten Seite die Schlagzeile: "100 Gründe, um cool zu bleiben". Ein Grund: "In Deutschland sterben in jedem Jahr mehr Menschen an Fischgräten als in den vergangenen zehn Jahren bei terroristischen Anschlägen." Ein anderer Grund "Weil Hysterie schlecht für Herz und Kreislauf ist."

Das nehme ich mir vor für dieses Jahr: Cool bleiben, Gelassenheit bewahren, mich nicht verrückt machen mit Gedanken, was alles Schlimmes passieren kann. Dann schnell fragen: Helfen solche Gedanken und Sorgen? Und mir klarmachen: Was hilft, ist das Vertrauen auf Gott, der für uns sorgt.

Literatur: Matthias Dobrinski, Es kommt, wie es kommt, SZ 2./3.01.2016

Hamburg (dpa) -
In einer repräsentativen Studie stellte das Meinungsforschungsinstitut GfK im Auftrag der Hamburger BAT-Stiftung für Zukunftsfragen einen starken Stimmungsumschwung im Vergleich zu den Vorjahren fest. Während sich 55 Prozent der im November Befragten angsterfüllt zeigten, waren es im Vorjahr nur 31 Prozent. Der wissenschaftliche Leiter der Stiftung, Ulrich Reinhardt, sprach von einer Rückkehr der "German Angst".
Reinhardts Kollege Horst Opaschowski bestätigte am Mittwoch: "Die Stimmung kippt. Die "German Angst" kommt wieder." Er beruft sich dabei auf eine repräsentative Befragung des Ipsos-Instituts von Anfang Dezember. Demnach sieht jeder zweite Deutsche dem kommenden Jahr "mit großer Skepsis und gemischten Gefühlen" entgegen. Der Anteil der Pessimisten stieg von 27 Prozent im vergangenen Jahr auf 50 Prozent.
Der Anteil der Optimisten sank dagegen drastisch. Vor einem Jahr hatten sich noch 45 Prozent als Optimisten bekannt. Der Rest der jetzt Befragten konnte sich nicht entscheiden. Als Antwortmöglichkeiten gab es nur die Wahl zwischen "großer Zuversicht" und "großer Skepsis".
Als mögliche Ursache für das Ergebnis nannten beide Zukunftsforscher vor allem die Flüchtlingskrise und die jüngsten Terroranschläge, wobei in den Erhebungen nicht nach den Gründen für die Sorgen der Bürger gefragt worden war. "Die gegenwärtige humanitäre Krise und die zunehmende Angst vor Terroranschlägen hat die Bevölkerung tief verunsichert und lässt sie an einer positiven Zukunft zweifeln", erklärte Reinhardt.
Unter "German Angst" versteht der Forscher das Phänomen, dass die Deutschen häufig Sorgen haben, die Zukunft werde nicht so positiv wie die Gegenwart. Opaschowski erinnerte daran, dass er 2007, knapp ein Jahr nach der Fußball-WM, das "Ende der deutschen Düsternis (German Angst)" verkündet hatte.
Das GfK-Institut interviewte zwischen dem 6. und 20. November 2000 Bürger im Alter über 14 Jahre. Mitten in den Befragungszeitraum fielen am 13. November die Anschläge von Paris, die 130 Menschen das Leben kosteten. Das Ipsos-Institut befragte 1000 Menschen ab 14-Jahre zwischen dem 1. und 3. Dezember.
Besonders die Älteren ab 55 Jahren äußerten sich in der GfK-Umfrage besorgt. 64 Prozent sagten: "Ich blicke angstvoll in die Zukunft." Bei den Jüngeren von 14 bis 34 Jahren waren dies 42 Prozent. Allerdings hat sich damit der Anteil der Furchtsamen in der jüngeren Generation seit 2013 - als es noch 19 Prozent waren - mehr als verdoppelt.
Probleme erwarten die von der GfK Befragten in der Wirtschaft. Fast vier Fünftel - genau 79 Prozent - befürchten, dass die wirtschaftlichen Probleme Deutschlands größer werden (2014: 66 Prozent). Mehr als zwei Drittel - 70 Prozent - gehen davon aus, dass Europa weiter auseinanderdriften wird (2014: 60 Prozent).
Neben der Euro-Krise vertiefte dieses Jahr auch der Umgang mit dem Flüchtlingszustrom die politischen Gräben innerhalb der EU. Das Umfrageresultat sieht Reinhardt im Einklang mit dem Rechtsruck bei den jüngsten Wahlen in mehreren EU-Ländern.
Zugleich befindet sich das Vertrauen in die Politiker auf einem neuen Tiefpunkt, wie die GfK-Umfrage weiter ergab. 87 Prozent vermuten, dass die Politiker weiter an Zustimmung verlieren werden (2014: 81 Prozent).