zur Übersicht
Predigt am 24. Januar 2016
1.Korinther 9,24-27 -Lebe deine Leidenschaft-
Septuagesimae
 

Das Bild geht mir nicht aus dem Kopf. Wembley 1966. Uwe Seeler schleicht mit gesenktem Kopf vom Platz. Er hat alles gegeben. Trotzdem verloren. Durch ein Tor, das keins war. So sehen zweite Sieger aus. Sie sind die ersten Verlierer.
In diesem Jahr werden wir ähnliche Bilder zu sehen bekommen bei der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich. Gut einen Monat danach beginnen in Brasilien die Olympischen Spiele. Bei beiden Wettbewerben geht es darum, der Erste zu sein, die Goldmedaille zu gewinnen. Denn "The Winner Takes It All", der Sieger bekommt alles, so hieß es in einem Song von Abba, und so ist es. Der Verlierer steht klein und unbedeutend neben dem Sieg. So geht der Kehrvers des Liedes weiter. Der Champion reckt stolz den Pokal in die Höhe, der Zweite bekommt zum Trost eine Medaille umgehängt.

"Lebe deine Leidenschaft", ist das Motto der Olympischen Spiele. So lässt sich der Abschnitt aus dem 1. Korintherbrief überschreiben, der für heute als Predigttext vorgeschlagen ist: "Ihr wisst doch, wie es ist, wenn in einem Stadion ein Wettlauf stattfindet. Viele nehmen daran teil, aber nur einer bekommt den Siegespreis. Macht es wie der siegreiche Athlet: Lauft so, dass ihr gewinnt."

Wir hören hier einen leidenschaftlichen Apostel. Er gibt alles für seine Aufgabe, möglichst vielen Menschen das Evangelium nahe zu bringen. Mit seinem Engagement will er die Gemeindeglieder in Korinth anstecken. Die wussten, wovon er spricht. In Korinth gab es alle zwei Jahre die Isthmischen Spiele. Der sportliche Teil umfasste Ring- und Faustkämpfe, Wettläufe und Wagenrennen. Daneben gab es musische Wettbewerbe in Redekunst, Gesang und Dichtung. Diese Wettkämpfe waren Vorläufer unserer heutigen olympischen Spiele und der Dichter-Wett-bewerbe, die sich unter dem Namen "Poetry Slam" großer Beliebtheit erfreuen.
Die Sieger der Wettbewerbe im alten Griechenland erhielten einen Ehrenkranz aus Fichtenzweigen. Sie zehrten ihr Leben lang von dem Ruhm.

Die Gemeindeglieder erinnert Paulus daran, dass sie noch viel mehr als das gewinnen können:
"Alle, die an einem Wettkampf teilnehmen wollen, nehmen harte Einschränkungen auf sich.
Sie tun es für einen Siegeskranz, der vergeht.
Aber auf uns wartet ein Siegeskranz,
der unvergänglich ist."
Dieser Siegeskranz ist die Zugehörigkeit zu Jesus Christus, das ewige Heil. Dies gilt es zu gewinnen.
Dafür tut Paulus alles: "Darum laufe ich wie einer, der das Ziel erreichen will. Darum kämpfe ich wie ein Faustkämpfer, der nicht danebenschlägt. Ich treffe mit meinen Schlägen den eigenen Körper, sodass ich ihn ganz in die Gewalt bekomme. Ich will nicht anderen predigen und selbst versagen."
Ich habe bei diesen Worten den jungen Luther vor Augen. In seiner Mönchszelle kämpft er mit der Angst, Gott nicht zu genügen. Er schlägt auf sich selber ein, schreit und wütet gegen sich selbst. So folgt er dem Beispiel des Paulus, der seine Fäuste gegen sich selbst richtet.

Luther hat später erkannt, dass er sich gar nicht anstrengen muss, um Gottes Wohlgefallen zu gewinnen. Auch dafür ist ihm Paulus der Kronzeuge. Der schreibt: "Ich weiß nun, dass der Mensch von Gott angenommen wird ohne dass er etwas dafür leisten muss. Allein der Glaube schenkt mir diese Gewissheit." (Römer 3,28)

Dies gilt es, im Kopf zu behalten, um den Hinweis des Paulus auf die Wettkämpfe im Stadion nicht misszuverstehen. Doch genau dieses Missverständnis hat sich eingestellt, besonders in unserer evangelischen Kirche. Der Protestantismus steht für Genügsamkeit, Disziplin, Ernsthaftigkeit. Die so genannten deutschen Tugenden, die im Fußball oft beschworen werden, beruhen darauf. Für Oliver Kahn, der diese Tugenden als Torwart perfekt verkörpert hat, sind dies "ganz wichtige, ganz zentrale Werte - Grundeinstellungen wie Zweikampfhärte, Wille, Leidenschaft, Einsatz."
Die Leichtigkeit des Daseins haben wir Deutschen nicht erfunden.

Unser Sohn hat im vergangenen Herbst ein Auslandssemester in Sevilla gemacht. Das liegt im Süden von Spanien. Als wir ihn am Freitag vor Weihnachten vom Flughafen abholten und gemeinsam mit ihm essen gingen, meinte er erschrocken: "Hier ist es ja vollkommen still." Nur wenige Gäste in dem Lokal. Alle unterhielten sich leise miteinander, um andere nicht zu stören.
In spanischen Bars, so hat er es erlebt, geht es laut zu. Man redet lebhaft miteinander. Da ist Lebensfreude, Lebendigkeit.

Nach drei Monaten in Spanien war die Heimkehr ein Kulturschock für ihn. Er wäre am liebsten sofort wieder umgekehrt. Aber Weihnachten wollte er doch gern zu Hause feiern. Weihnachten steht für einen anderen Wert: die deutsche Gemütlichkeit.

Ich selbst bin mit den protestantisch-deutschen Tugenden groß geworden: Disziplin, Verlässlichkeit, Einsatzbereitschaft. Für mich gehört aber auch der Spaß am Leben dazu, das Lachen mit anderen zusammen, der fröhliche Umgang miteinander.

Disziplin, Kampfgeist und Einsatzbereitschaft, diese Tugenden verkörpert auch Paulus. Für ihn ist die Verkündigung harte Arbeit. Mit vernünftigen Gründen will er die Menschen vom Glauben an Jesus Christus überzeugen. Andere geben vor, vom Heiligen Geist erfüllt zu sein, lallen, der Wirklichkeit entrückt, vor sich hin und beeindrucken damit die Leute.
Paulus argumentiert immer wieder mit seiner eigenen Person. Sein ganzes Leben stellt er in den Dienst des Evangeliums. So ringt er um Glauben und Glaubwürdigkeit.

In unserer Gemeinde gibt es viele, die für sich den Einsatz in der Gemeinde als lohnend erkannt haben. Viel Zeit und auch Geld wenden sie dafür auf und stellen anderes zurück, was sie mit ihrer Zeit auch machen könnten.

Der Unterschied zu einem Wettkampf ist: In der Kirche und in der einzelnen Gemeinde geht es nicht darum, erster zu sein. Aufgabe der Kirche ist es, gemeinsam dafür zu sorgen, dass die Botschaft Jesu auch heute in unserem Land gehört wird und Menschen zur Nachahmung anregt. Das gelingt am besten, wenn wir als Christen und als Gemeinde Vorbild sind in der Nachahmung Jesu. So wie Paulus es von sich selbst fordert.

Mit dem Bild vom Wettkampf macht er deutlich, dass Einsatzbereitschaft zum Christsein dazugehört. Und sei es die Bereitschaft, sich sonntags zum Gottesdienst aufzumachen um der Gemeinschaft der Gemeinde willen.

Die protestantisch-deutschen Tugenden will auch ich nicht über Bord werfen. Verlässlichkeit im Umgang miteinander, Bereitschaft sich einzusetzen und Verantwortung zu übernehmen, der Wille dabei zu bleiben, auch wenn einem vielleicht das eine oder andere nicht gefällt - all das ist wichtig für das Leben in der Gemeinde wie für alle Formen menschlicher Gemeinschaft.

Nur muss das alles aus eigenem Antrieb heraus geschehen, freiwillig, nicht aus einem Zwang heraus. Das ist die Stärke unserer Volkskirche, zugleich auch ihre Schwäche. Jeder kann sich hier einbringen den eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten gemäß. Wir laden ein mitzumachen in der Gemeinde, wir ermuntern dazu, aber wir üben keinen Druck aus.

Die Freiheit des Evangeliums, die Paulus immer wieder betont hat, muss in der Gemeinde spürbar sein. Viele Menschen in unserem Stadtteil nehmen sich die Freiheit, dem gemeindlichen Leben fernzubleiben oder die Kirche nur dann in Anspruch zu nehmen, wenn ihnen gerade mal danach ist.

In den letzten Jahren haben viele der Kirche ganz den Rücken gekehrt. Eine Folge davon ist, dass die Gemeinden und unsere ganze Landeskirche sich kleiner setzen müssen. Wir in Wanheim tun das schon seit zwanzig Jahren, und dieser Prozess wird weitergehen.
Das ist die Schwäche unserer Kirche. Sie will und kann von ihrem Wesen her Menschen niemanden zwingen, dabeizubleiben und mitzumachen. Wobei ich diese Schwäche als eine Stärke empfinde. Eine Gemeinschaft, die auf Freiwilligkeit beruht, bietet sicher mehr Halt und Trost als eine, die durch Druck und Zwang zusammengehalten wird.

Wichtig wird sein, dass wir uns die Freude an der Arbeit in der Gemeinde nicht verderben lassen. "Lebe deine Leidenschaft", das Motto der olympischen Spiele, ist auch ein gutes Motto für das Leben der Gemeinde. Ich spüre diese Leidenschaft an dem Engagement, mit dem viele in der Gemeinde bei der Sache sind.

Paulus spricht von einem unvergänglichen Siegeskranz, der denen winkt, die treu im Glauben bleiben. Für mich besteht der Siegeskranz darin, dass ich Sinn in dem sehe, was ich tue, und dass mich nichts von Gott und seiner Liebe trennen kann.

http://photopool.typepad.com/photopoolblog/2007/11/sven-simon-prei.html

Uwe Seeler hat bestritten, dass dieses Bild am Ende des Spiels entstanden ist. Viel spricht aber dafür. Siehe Artikel aus

http://www.tagesspiegel.de/sport/fussball-geschichte-das-letzte-geheimnis-von-wembley/276968.html

des, ist ein Verfechter dieser Halbzeit-Theorie. Immer wenn ein Länderspiel zwischen Deutschland und England anstand, wurde der Ehrenspielführer der Nationalmannschaft mit dem Foto konfrontiert und nach dem Zeitpunkt der Aufnahme gefragt. Zuletzt, rund um das WM-Qualifikationsspiel in München, gleich in drei verschiedenen Fernseh-Sendungen.
Das Idol des Hamburger SV hatte stets zwei Erklärungen parat, warum er beim Spielstand von 1:1 so zusammengesunken und mit einem auf den Boden gerichteten Blick in die Pause ging: Erstens habe er sich schon auf die zweite Halbzeit konzentriert und überlegt, wie man dann die Engländer schlagen könne. Zweitens habe er kontrollieren wollen, ob seine Schnürsenkel auch richtig zugebunden seien.
Rudi Michel, der Fernseh-Kommentator des Londoner Endspiels, ist hingegen fest davon überzeugt, dass Sven Simon sein Foto nach Ende der Verlängerung gemacht hat. Anlässlich der Anfang November von ihm moderierten NDR-Fernsehsendung zu Seelers 65. Geburtstag brachte Michel sogar ein Beweisfoto mit, mit dem er seinen Freund Uwe überzeugen wollte. Recherchen des Hamburger Instituts für Sportjournalistik im Vorfeld der großen Uwe-Seeler-Ausstellung, die zurzeit in Hamburg zu sehen ist, bestätigen die Ansicht Rudi Michels. Die Kapelle war sowohl in der Pause als auch nach dem Schlusspfiff der Verlängerung auf dem Platz.
Diese These belegen nicht nur die Fernsehbilder des englischen Fernsehsenders BBC, sondern auch Aufnahmen des Sportfotografen Hans-Dietrich Kaiser. Zusammen mit den Hamburger Sportwissenschaftlern hat Kaiser noch einmal sämtliche Kontaktabzüge der Filme des WM-Finales von 1966 aus seinem Archiv hervorgeholt und mit Hilfe der Negativnummern in eine chronologische Abfolge gebracht. Einige Negative zeigen Situationen unmittelbar nach dem Schlusspfiff. Auf ihnen finden sich die gleichen Personenkonstellationen wie auf der Sven-Simon-Aufnahme: Uwe Seeler, Willi Schulz, der Stadionordner, der Kameramann. Auf Hans-Dietrich Kaisers Kontaktabzügen folgen hiernach keine Spielszenen mehr, sondern lediglich Bilder des glücklichen englischen Kapitäns Bobby Moore und seiner Mitspieler mit der WM-Trophäe.
Außerdem ist das tatsächliche Halbzeitfoto zu sehen, auf dem Uwe Seeler zusammen mit Lothar Emmerich und Siegfried Held vom Spielfeld geht. Aufschlussreiches Detail: Die Drei verlassen den Platz auf Höhe des deutschen Tores, hinter dem sich im alten Wembley-Stadion der Spielertunnel zu den Kabinen befand. Auf dem Foto von Sven Simon befindet sich der deutsche Kapitän dagegen auf Höhe der Mittellinie. Hier war der Aufgang zur Ehrentribüne und zum Sitzplatz von Queen Elisabeth II., die die Siegerehrung vornahm.