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Predigt am 14. Februar 2016
Hoheslied 7 und 8
All You Need Is Love
 

Die Älteren unter uns kennen das Lied. Es war die erste Schallplatte, die ich hatte. Sie ist leider geklaut worden. "Alles, was du brauchst ist Liebe". Als Jugendlicher sprach mir der Song aus dem Herzen, ich höre ihn auch heute noch gern. Die Liebe, sie wird mit unzähligen Schlagern besungen. Doch alle Schlagertexte wirken blass gegenüber dem, was in der Bibel zu lesen ist.
Da werden wir Ohrenzeugen eines Liebesspiels.

Der Geliebte spricht:
"Wie schön und wie lieblich bist du,
du Liebe voller Wonne!
Dein Wuchs ist hoch wie ein Palmbaum,
deine Brüste gleichen den Weintrauben.
Ich sprach: Ich will auf den Palmbaum steigen
und seine Zweige ergreifen.
Lass deine Brüste sein wie Trauben am Weinstock
und den Duft deines Atems wie Äpfel;
lass deinen Mund sein wie guten Wein,
der meinem Gaumen glatt eingeht
und Lippen und Zähne mir netzt."

Und sie antwortet:
"Meinem Freund gehöre ich
und nach mir steht sein Verlangen.
Komm, mein Freund, lass uns aufs Feld hinausgehen
und unter Blumen die Nacht verbringen.
Da will ich dir meine Liebe schenken.
Seine Linke liegt unter meinem Haupt,
und seine Rechte herzt mich. -
Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems,
dass ihr die Liebe nicht aufweckt und nicht stört."

Hier ist nicht die Rede von der Agape, von der selbst-losen Liebe dem Nächsten gegenüber. Dies hier ist Erotik pur. Und so etwas steht in der Bibel? Ja, das steht in der Bibel.
Das Hohelied der Liebe. Die acht Kapitel sind ein einziger Lobpreis auf die Liebe, von der es schon am Anfang der Bibel in der Schöpfungsgeschichte heißt:
"Drum wird ein Mensch Vater und Mutter verlassen, und Mann und Frau werden aneinander hängen, und sie werden sein ein Fleisch." (1. Mose 2,24)
Von Gott ist in dem Liebespiel der beiden Verliebten nicht die Rede. Sie sind ganz mit sich beschäftigt.
Weil sie das ziemlich anstößig fanden, haben Theologen der früheren Jahrhunderte die Liebeslieder als Gleichnis gedeutet. Die sagen: ´Sie sind zu verstehen als Liebesgespräch zwischen Gott und Israel, zwischen Gott und der Kirche, Gott und der Seele des Einzelnen. Nur darum gehören sie in die Bibel." (Gollwitzer, S. 15)
Von Mystikern und Menschen, die ganz von Gott erfüllt sind, wissen wir: So leidenschaftlich und hinreißend kann Gottesgemeinschaft erfahren werden, dass nur die Sprache der Liebenden die geeignete Sprache dafür ist." (Gollwitzer, S. 18)
Der Name Gottes wird nur einmal, ganz am Ende, ausdrücklich genannt:
"Liebe ist stark wie der Tod
und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich.
Ihre Glut ist feurig
und eine Flamme des HERRN,
sodass auch viele Wasser die Liebe nicht auslöschen
und Ströme sie nicht ertränken."
Paare suchen sich diese Verse gern als Trauspruch aus. Was sie füreinander empfinden, finden sie in diesen Worten wieder. Auf unwiderstehliche Weise fühlen sie sich zueinander hingezogen. Ihre Liebe sehen sie als ein Geschenk Gottes an, "eine Flamme des Herrn".
So verstehe ich das Hohelied: Ein irdisches Liebeslied und zugleich ein Dank und Lobpreis des Schöpfers, der der die Liebe in unsre Herzen legt, der uns geschaffen hat als Menschen mit Leib und Seele.
Der Apostel Paulus, so muss man vermuten, hatte nicht viel Freude an seinem Leib. Von ihm hat es die Kirche übernommen, den Leib als etwas Schmutziges, als Quelle der Sünde zu betrachten. Die katholische Kirche lehrt bis heute, dass das Liebesspiel nur erlaubt ist zum Zweck der Fortpflanzung.
Das Hohelied widerspricht dieser kirchlichen Lehre ganz entschieden. "Schaut her", sagt es, "hört ihnen zu, diesen zwei Verliebten, wie sie sich aneinander freuen, jeder am Leib des anderen, wie sie sich verzückt betrachten von oben bis unten, wie sie sich sehnen danach, ein Leib zu sein." (Gollwitzer, 21)
Es ist auch keine Rede davon, dass die beiden verheiratet sind. Wenigstens das sollten sie nach dem Willen der Kirche doch sein. Aber den Gefallen tut das Hohelied der Kirche nicht. Es spricht von den Freuden der Liebe, die sich um allgemeine Moralvorstellung überhaupt nicht schert.

Der Liebe, deren Leidenschaft unwiderstehlich ist, hat die Kirche und der Staat immer wieder Grenzen zu setzen versucht. Eine Grenze hat unsere Kirche jetzt erst endgültig abgeräumt: die Grenze, die sie der gleichgeschlechtlichen Liebe gesetzt hat. Gut zwanzig Jahre ist es her, dass unser Staat die Liebe zwischen zwei Männern erlaubt hat. Bis dahin drohte dafür eine Gefängnisstrafe. Grund für die Entfernung des entsprechenden Paragraphen aus dem Strafgesetzbuch war die Erkenntnis, dass die gleichgeschlechtliche Liebe genauso eine Veranlagung ist wie das Hingezogensein zum anderen Geschlecht.
Unsere Landeskirche hat sich diese Erkenntnis zu Eigen gemacht und jetzt die Trauung von gleichgeschlecht-lichen Paaren offiziell erlaubt. Und in der katholischen Gemeinde, so habe ich gestern in der Zeitung gelesen, können sich heute auch gleichgeschlechtliche Paare segnen lassen. Also auch da ist ein Bewusstseinswandel im Gange.

Die Liebe kennt keine Grenzen, wohl aber Regeln. Eine Regel ist die Ebenbürtigkeit der Partner. Beide sind gleichberechtigt, begegnen einander auf Augenhöhe.
Dass die Frau dem Mann rechtlich gleichgestellt ist, auch das ist in unserem Land erst eine Errungenschaft der jüngeren Zeit. Andere Länder sind davon noch weit entfernt.
Für die Bibel steht dies von Anfang an fest. Schon im Schöpfungsbericht heißt es: "Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, er schuf sie als Mann und Frau." Keine Rede davon, dass der Mann über der Frau steht und mehr zu sagen hat als sie, wie Paulus es später behauptet hat. Beide gemeinsam sind sie Ebenbild Gottes. In der älteren Schöpfungserzählung spricht Gott mit sich selbst: "Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm ein Gegenüber schaffen." Nicht eine Gehilfin, wie es in früheren Lutherübersetzungen heißt, sondern ein Gegenüber.
Karl Barth, einer der großen Theologen des vergangenen Jahrhunderts nannte darum das Hohelied eine "Magna Charta der Humanität", eine große Urkunde der Menschlichkeit. (Gollwitzer, 62)

Wo Liebe im Spiel ist, haben Unterdrückung, Miss-brauch, Zwang keinen Platz. Das hat auch Dominic Schmitz erfahren. Er trat als Siebzehnjähriger zum Islam über und nannte sich Musa Schmitz. Sechs Jahre lang war er Salafist und unterwarf sich rückhaltlos den strengen Glaubensregeln. Die Liebe, die rein auf das Körperliche aus ist, hat ihn mit dazu motiviert. Den jungen Salafisten wird erzählt: Wer im Heiligen Krieg stirbt, ist sündenfrei und bekommt 72 Paradiesjungfrauen an die Seite gestellt. Dominic Schmitz erklärt: "Das ist eine reale Vorstellung."
Dann traf er im irdischen Leben auf eine Frau, von der er sagt: "Die hat erst mal mein verqueres Frauenbild zurechtgerückt". Natürlich haben die Salafisten versucht, ihn zu halten und seinen Ausstieg zu verhindern. Es war ein schwerer Weg für ihn. Drei Jahre hat er gedauert, wie er im Interview der Süddeutschen Zeitung sagt (SZ Beilage 5. Februar 2016).

"Liebe ist stark wie der Tod,
unwiderstehlich ist ihre Leidenschaft".
Sie ist stärker als familiäre Bindungen, als religiöse Bindungen, als gesellschaftliche Konventionen und kirchliche Moralvorstellungen.

Wenn ich mich hier umschaue, sehe ich viele, die das Gefühl des ersten Verliebtseins vermutlich schon etwas länger hinter sich haben. Ich selbst gehöre auch dazu. Daran sehen wir: Liebe hat die Kraft, Menschen dauerhaft aneinander zu binden, auch wenn Lust und Leidenschaft nicht mehr so lodern wie am Anfang.

Käthe, 50, und Herrmann, 48, sitzen am zugerümpelten Tisch in einem alten Gemäuer in der mittelfränkischen Provinz. Sie sind dabei, es von Grund auf zu restaurieren. Ein Wahnsinnsprojekt. Sie rauchen, lachen, nippen an ihrem Kaffeebecher und können stundenlang erzählen, wie sie sich kennengelernt haben, wie schön es miteinander war in all den 26 Jahren und warum sie zusammenbleiben wollen.

"Es kann keine Bessere geben", sagt Herrmann über Käthe. Herrmann, runde Brille, grauer Schnauzbart, ist grundentspannt, der Typ, der immer einen Witz auf den Lippen hat. Wenn er nicht Mörtel rührt oder Wände mauert, ist er Insolvenzberater.
Käthe, kurzes Weißhaar, Silberohrringe, trägt ein Shirt mit dem Aufdruck "Women at Work", "Frauen an der Arbeit". Sie ist Dekorateurin, was sie in dem alten Haus richtig ausleben kann. Über Herrmann sagt sie: "Ich liebe seine innere Ruhe, mit der er's immer schafft, mich runterzuholen, wenn ich mal wieder wegen irgendwas kurz vorm Herzinfarkt stehe."
Sie erzählen und erzählen. Nur: Das Wort "Liebe" kommt in ihrer Lebensgeschichte nicht vor. Sie streiten sogar ab, dass sie verliebt waren, damals, als Herrmann Käthe fragte: "Willst du mit mir gehen?"

Wie geht das, mit jemandem zusammen sein zu wollen ohne den Rausch, das schwindlige Sausen im Bauch? "Ach, mit dem Kerl haste viel Spaß, fand ich damals", berichtet Käthe. Und Herrmann: "Ich hab gemerkt, dass ich mich in ihrer Gesellschaft wohl fühle." Und dann? "Na ja, der Rest hat sich ergeben", sagt Herrmann ganz ernst, guckt Käthe an und lacht los, weil ihm klar ist, wie schnöde das gerade geklungen hat. Aber Käthe ist ähnlich unromantisch. "Du warst auch nicht mein Märchenprinz", sagt sie.
Wahrscheinlich war das ganz gut so. Die beiden haben das, was für eine dauerhafte Liebe wichtig ist: Ähnlichkeit. Auf der Suche danach, wie glückliche Paare ticken, hat die Soziologin Gabriela Schmid-Kloss Paare befragt, die seit mindestens 35 Jahren zusammenleben. Die zufriedenen Altehepaare teilten die gleichen Wertvorstellungen. Sie wählten sogar meist dieselbe Partei.

Natürlich müssen ein paar Unterschiede sein, sonst wird es langweilig. Hermann ist der hauptamtliche Familienanarchist. Die beiden Töchter, 19 und 20 Jahre alt, hat er lange vor dem Führerschein ans Steuer seines Autos gelassen und ihnen den Sinn von Verboten nahegebracht: "Sind zum Übertreten da". In Phasen der Langeweile stachelten die Kinder ihn an: "Papa, mach, dass die Luft brennt!" Käthe liebt das. "Ich bin ja eher so ein Beamtentöchterchen, das sich an Regeln hält."

"Wir sind wesensunterschiedlich", sagt Herrmann, "und haben doch so viel gemeinsam." Das alte Bauernhaus zum Beispiel, an dem sie seit acht Jahren schuften.

Wo die Liebe zweier Menschen dauerhaft ist, da haben sie über ihre Zweisamkeit hinaus ein drittes Element, etwas, das beiden Partnern gleichermaßen wichtig ist und das ihnen Freude macht. Und natürlich streiten sie auch miteinander. "Streiten kann ich nur mit einem Menschen, den ich liebe." Der jüdische Theologe Pinchas Lapide hat diesen Satz einmal gesagt. Der hat sich mir fest eingeprägt.

Liebe, die zwei Menschen dauerhaft miteinander verbindet, hat viel von der Agape, wie sie das Hohe Lied der Liebe im 1. Korintherbrief besingt:
Die Liebe ist geduldig und gütig.
Die Liebe eifert nicht für den eigenen Standpunkt,
sie prahlt nicht und spielt sich nicht auf.
Die Liebe nimmt sich keine Freiheiten heraus,
sie sucht nicht den eigenen Vorteil.
Sie lässt sich nicht zum Zorn reizen
und trägt das Böse nicht nach.
Sie ist nicht schadenfroh,
wenn anderen Unrecht geschieht,
sondern freut sich mit,
wenn jemand das Rechte tut.
Die Liebe gibt nie jemand auf,
in jeder Lage vertraut und hofft sie für andere;
alles erträgt sie mit großer Geduld.

Diese Liebe ist alles was wir brauchen. Bleibt in der Liebe, sagt Jesus seinen Jüngern und Jüngerinnen.

Literatur

Helmut Gollwitzer, Das hohe Lied der Liebe, Kaiser Taschenbücher 1978

Spiegel 23.12.2011