zur Übersicht
Predigt am 19. Juni 2016, Du wirst gebraucht
1. Korinther 12,12-27
4. Sonntag nach Trinitatis
 

Am vergangenen Sonntag hat die Fußball-Europa-meisterschaft begonnen. Millionen von Menschen sitzen vor dem Bildschirm, sie bangen, sie jubeln, sie schimpfen. Fußball ist Teil unserer Kultur. Bei der EM zeigen die besten Spieler Europas, welche Geschichten der Fußball hervorbringen kann.

Allerdings zeigt eine Europameisterschaft nicht die ganze Bedeutung des Spiels. Von seiner wahren Größe lenkt sie vielleicht sogar ab. Der Profifußball ist ein Geschäft mit Milliarden-Umsätzen und einer doppelbödigen Moral. 80 Millionen haben sich der ehemalige FIFA-Boss und seine Kumpane gegenseitig zugeschoben. Um eine Meisterschaft wie die EM oder die WM ins Land zu holen, wird gekungelt und bestochen.
Auch zieht der Fußball und besonders so ein großes Turnier Gewalttäter an, die nichts anderes im Sinn haben, als Randale zu machen.

Wenn man die eigentliche Bedeutung des Fußballs kennen lernen will, muss man von diesem höchsten Niveau hinabsteigen tief hinunter in die Niederungen des Amateurfußballs, zu den Plätzen, die kaum einer kennt: in die Jugendabteilungen der Vereine. Dort, wo ehrenamtliche Übungsleiter ihre Freizeit opfern, um mäßig begabten Kindern das Spiel näher zu bringen, dort entfaltet der Fußball seine besondere Kraft. Dort wird er zu einer Erfahrung, die auf freundliche Art Lektionen fürs Leben erteilt. Dort treibt er frechen Kerlen die Flausen aus und prägt sie für immer.

Thomas Hahn war ein Pummelchen ohne Selbstver-trauen, ehe der Fußball kam und ihm den Weg aus der Unbeweglichkeit zeigte. In der Zeitung hat er seine Erfahrungen aufgeschrieben:
"Der Fußball war mein Feind. Ich beherrschte das Spiel nicht und war langsam. Wenn die anderen in der Klasse kickten, lief der Ball an mir vorbei. Es kam mir vor, als fehlte mir der Schlüssel zu einer Welt, zu der die anderen Jungs wie selbstverständlich Zugang hatten.
Der Fußball wäre mein Feind geblieben, wenn nicht der Nachbarsjunge gewesen wäre. Ich wollte sein Freund sein, darum musste ich Fußball spielen. Bald folgte ich ihm in den Verein. Ich war zehn und hatte keinen Ehrgeiz. Ich wollte mitspielen, sonst nichts. Ich wollte ein Teil der Gemeinschaft von Jungs sein, die diesen Ball wichtig fanden. Ich hatte das Prinzip noch nicht verstanden, dass der Trainer die Besten für ein Team nominierte. Und wenn ich doch mal aufgestellt wurde, wusste ich nicht, wo ich hinlaufen sollte. Ich wurde immer schnell ausgewechselt.
Eines Tages, ich war elf Jahre alt und gehörte zur D-Jugend, nahm mich der Trainer zur Seite. Er sagte etwas zu mir, das noch nie jemand außerhalb der Familie zu mir gesagt hatte. Er sagte, dass ich gebraucht würde. Dass er auf mich baue in der nächsten Saison, wenn ich weiter zum Training käme. Für einen kleinen Jungen ist das ein sehr bedeutsames Ereignis, wenn eine erwachsene Person eine solche Ansage macht. Ich nahm sie als Zeichen dafür, dass für mich nun eine andere Zeit im Fußball begann. Es ging nicht mehr nur ums Mitspielen. Von nun an ergab es Sinn, sich anzu-strengen.
Ich wurde Stammspieler in der Jugendmannschaft des SV Pullach. Das war der erste Job mit Verantwortung in meinem Leben. Ich war Linksverteidiger.

Wenn ich mein Trikot mit der Nummer drei trug, verwandelte ich mich von einem unscheinbaren Schüler in einen Jungen mit Auftrag. Ich bin keine besonders helle Leuchte geworden im Fußball, nicht einmal ein neuntklassiger Amateur. Aber immerhin war ich Linksverteidiger zweier Meister-Jugendmannschaften, ein Junge, der verstand, dass man mit Einsatz die eine oder andere Schwäche wettmachen kann. Eine Heldengeschichte ist das nicht. Eher das kleine Beispiel, das davon erzählt, welch nachhaltige Erziehungsarbeit die ehrenamtlichen Übungsleiter in den vielen kleinen Vereinen des Landes leisten. Und das klar macht, wie wertvoll dieses Spiel wirklich ist, das die ganze Zeit im Fernsehen kommt.

Die Lehren aus dem Fußball sind schlicht, im Grunde sogar banal. Sie drehen sich um Begriffe wie Demut, Verantwortung, Gemeinsinn. Es ist hilfreich fürs Leben, in der Jugend beim Fußball erlebt zu haben, dass man alleine nichts schafft. Dass man nur dann wichtig ist, wenn man sich selbst nicht zu wichtig nimmt. Dass man Eigentore nicht auf andere schieben kann. Dass Fehler okay sind, wenn man sich ernsthaft genug darum bemüht, keine zu machen. Und außerdem: dass irgendwann der Tag kommt, an dem die Mitspieler einem gratulieren zu einem guten Spiel, das man gemacht hat." (SZ 4. Juni 2016)

Demut, Verantwortung, Gemeinsinn - Fähigkeiten, die auch in der Gemeinde gefragt sind. Paulus hat die Gemeinde mit einem Leib verglichen, in dem alle Glieder aufeinander angewiesen sind. Kein Teil des Körpers kann sich über die anderen stellen und sagen: Ich brauche euch nicht. Was ist ein Auge ohne Füße und ein Ohr ohne Bauch? Keins kann ohne die anderen existieren. Nur gemeinsam können die einzelnen Glieder etwas leisten und vollbringen. Genauso, sagt Paulus, ist es in der Gemeinde. Der eine hat die Begabung, die andere kann das gut. Nur wenn viele mit ihren Begabungen zusammenarbeiten, ist die Gemeinde lebendig. Was bin ich als Pastor oder was ist unser Organist ohne euch, die Gemeinde? Ohne Gemeinde könnte ich keinen Gottesdienst feiern.
Was sind wir alle ohne die vielen, die mit ihren Abgaben dafür sorgen, dass diese Kirche hier steht und in Stand gehalten wird, dass wir einen Kindergarten und ein Gemeindehaus haben und Leute, die darin arbeiten? Ohne die vielen, die auch zur Gemeinde gehören und ihre Kirchensteuern zahlen, aber selten hier zu sehen sind, könnten wir die Kirche zumachen.
Für jeden Einzelnen in der Gemeinde gilt, was der elfjährige Thomas von seinem Trainer gesagt bekommen hat: Du wirst gebraucht.
Du wirst gebraucht, um den Gemeindegruß auszutragen, um Kinder zu betreuen im Jugendheim, um Kuchen zu backen fürs Kaffeetrinken nach dem Gottesdienst; um Tische zu decken für die vielen Feiern in der Gemeinde, um hinterher abzuwaschen und aufzuräumen, um im Chor mitzusingen, um die Gemeinde zu leiten und nach außen zu vertreten. Du wirst gebraucht mit deinen Ideen, mit dem, was du kannst. Du wirst gebraucht als Mensch, der da ist und mit den an-deren zusammen Gottesdienst feiert. Als jemand, der sich um andere kümmert, besonders um solche, denen es nicht gut geht.

"Wenn ein Glied leidet, so leiden alle mit, und wenn ein Glied Grund zur Freude hat, so freuen sich alle mit", schreibt Paulus. Auch das kann man zur Zeit beim Fußball erleben.
Es war am letzten Spieltag der Kreisligasaison, am Sonntag vor zwei Wochen zwei Minuten vor dem Abpfiff. Da stiegen zwei Spieler zum Kopfball hoch, beide gingen zu Boden. Der eine blieb schwerverletzt liegen. Er starb vier Tage später.
Die Mitspieler und Betreuer waren jeden Tag auf dem Platz, teilten miteinander ihre Bestürzung, ihre Trauer. Von anderen Vereinen kamen Bekundungen der Anteilnahme. Auf- oder Abstieg spielten keine Rolle mehr. Es ging darum, gemeinsam den Schock über das Erlebte zu verarbeiten.
Ähnliches passierte, als in Dortmund während eines Bundesligaspiels ein Zuschauer starb. Die Nachricht verbreitete sich rasend schnell im ganzen Stadion. Und die Fans wurden still. Die Spieler wunderten sich über die Ruhe in der Arena, in der sonst ein gewaltiger Lärm herrscht. Auch nach den Toren kam nur verhaltener Jubel. Wo es um Leben und Tod geht, da rückt die Fußballfamilie zusammen. Und Leute, die sonst wüste Beschimpufngen brüllen, schaffen gemeinsam eine Atmosphäre der stillen Anteilnahme.
"Demut, Verantwortung, Gemeinsinn" - die zeigen sich auch in solchen Momenten, wo plötzlich der Tod ins Spiel eingreift.

Hier vor Ort hat die Kirche in der Person von Pastorinnen und Pastoren ihre Solidarität und ihr Mitgefühl mit den Spielern und Betreuern der Huckinger Mannschaft und mit den Angehörigen des Verstorbenen bekundet.

In solchen Situationen wird Gemeinde in besonderer Weise gebraucht. Dann da zu sein, das ist eine von vielen Aufgaben, die Menschen der Gemeinde wahr-nehmen.

Die Taufe macht uns zu Mitgliedern der Gemeinde. Wer getauft wird, dem gilt als erstes Gottes Zuspruch: ´Ich bin für dich da. Ich begleite dich dein Leben lang mit meiner Kraft und meinem Segen.` Wenn wir älter werden, kommt auch das andere zum Tragen, das Gott uns mit der Taufe sagt: ´Ich brauche dich. Ich brauche dich als jemand, der und die mithilft, meine Freundlichkeit in der Welt bekannt zu machen. Alle Menschen sollen erfahren, dass ich, Gott, da bin.`
"Es ist ein Gott, der da wirkt alles in allem", schreibt Paulus. Dass dieses Wissen, dieser Glaube sich ausbreitet, dazu werden wir alle gebraucht, jeden Tag.