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Predigt am 30. Oktober 2016, Der Grund ist gelegt
1.Korinther 3,11
Predigt zum Reformationstag
 

In der Stunde vor den Herbstferien habe ich mit den Konfirmanden einen kleinen Ausflug gemacht vom Gemeindehaus hierher in die Kirche. Ich habe die jungen Leute gebeten, sich still irgendwo hinzusetzen und zu notieren, was sie hier sehen und hören, denken und empfinden. Die letzte Frage auf ihrem Beobachtungsbogen lautete: "Stell dir vor, dieses Gebäude kann sprechen. Was sagt es dir und den Menschen, die hier hineingehen?"
Ich halte mal kurz inne, damit jede und jeder hier für sich eine Antwort finden kann. Was sagt uns dieses Gebäude?

´Hier darfst du zur Ruhe kommen. Hier ist Gott dir nahe. Hier triffst du auf Menschen, die den gleichen glauben haben wie du. Hier kannst du neue Kraft schöpfen für deinen Alltag.`

Diese oder ähnliche Antworten sind Sie vielleicht eingefallen. Einige der jungen Leute empfanden den Satz hier über mir als Botschaft dieser Kirche:
"Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus."
Was bedeutet denn diesen Satz?, fragte ich. Sie zuckten mit den Achseln. Ich war erstaunt festzustellen, dass die jungen Leute offenbar Schwierigkeiten haben, diesen Vers zu verstehen. Was heißt das: Ein Grund ist gelegt?

Ein Bild dazu ist mir eingefallen, das dies vielleicht deutlich macht. In einer Kleinstadt im Siegerland geht eine ältere Frau ihres Weges. Plötzlich tut sich unter ihr der Bürgersteig auf. Sie fällt in ein elf Meter tiefes Loch. In der Gegend ist viel Bergbau betrieben worden. Tief in der Erde befinden sich riesige Löcher. Wenn sich darüber das Erdreich senkt, entsteht plötzlich ein Loch. In Bochum-Wattenscheid ist mal eine ganze Garage in der Erde versunken.
Die Frau im Siegerland konnte gerettet werden. Sie ist mit dem Schrecken davon gekommen. Ihr Erlebnis zeigt, was passiert, wenn man keinen festen Grund unter sich hat. Dann rutscht man weg und versinkt.
Ähnlich ist es dem Petrus ergangen in der Geschichte, die wir vorhin gehört haben. Er ist in den Wellen versunken.

Was uns diese Geschichten lehren: Der Grund ist das, worauf ich stehen und gehen kann. Zunächst im wörtlichen Sinn. Wenn ein Haus gebaut wird, muss zuerst ein ordentliches Fundament gegossen werden. Nur dann ist das Haus stabil genug, auch einem kräftigen Sturm standzuhalten.

Der Grund, um den es hier oben in dem Leitwort unserer Kirche geht, der meint noch mehr. Der will mir sagen, was mir Halt gibt in meinem Leben, worauf ich mich verlassen kann.
Die Bibel in gerechter Sprache übersetzt den Vers so: "Ein anderes Fundament kann niemand legen als das, das schon von Gott gelegt ist. Das Fundament ist Jesus Christus."
So sagt es Paulus: Das Fundament, der Grund unseres Glaubens und unseres Lebens ist Jesus Christus. Das klingt erst einmal klar und verständlich. Trotzdem frage ich: Was ist das für ein Grund, der mit Jesus gelegt ist? Welcher Art ist dieser Grund?
Mir fällt erst einmal ein, was der Grund nicht sein kann: Er kann nicht starr und unbeweglich sein. Denn wir Christen sind keine Fundamentalisten, die meinen, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben. Wir glauben vielmehr, dass sich immer wieder neu erweisen muss, was wahr und richtig und was im Sinne Jesu ist. Das lässt sich mit dem Verweis auf irgendeine Bibelstelle nicht immer schon klar und eindeutig feststellen. Gerade wir Evangelischen sind der Überzeugung, dass um die Wahrheit oft diskutiert und gerungen werden muss.
Maßgebend dabei ist, was im Sinne Jesu ist. Martin Luther hat dies als Maßstab für die Bibelauslegung erkannt. Seine Erkenntnis ist für uns Protestanten maßgebend.

Damit sind wir wieder bei unserem Spruch: Jesus ist der Grund, der gelegt ist. Was er verkündet und getan hat, das ist es, woran wir uns halten können, was für uns maßgebend ist.
Jesus hat den Glauben seiner Vorfahren neu verkündet, mit seinen Gleichnissen anschaulich gemacht. Und er hat Menschen durch seine Taten spüren lassen, dass Gott da ist, dass seine Kraft zum Greifen nahe ist, dass Gott uns Menschen liebevoll ansieht und begleitet, dass er barmherzig mit uns ist, bereit, unsere Schuld zu vergeben. Jesus war erfüllt von der Gewissheit, dass jetzt und hier der Tag und die Stunde des Heils ist, weil Gott anwesend ist, tröstet, stärkt und zum Leben ermutigt.

Den Grund, der den Namen Jesus Christus trägt, hat Gott schon mit der Erwählung des Volkes Israel gelegt. Er hat Israel zu seinem Volk gemacht. An Israel hat er gezeigt, wer er, Gott, ist und was wir Menschen von ihm erwarten können. Das Neue, das Jesus in die Welt gebracht hat, ist dies: Jesus hat gezeigt, dass Gott sich nicht nur dem einen Volk liebevoll zuwendet, sondern allen Menschen, die an ihn glauben. Weil Jesus gelebt hat, gestorben und auferstanden ist, haben wir einen Zugang zu Gott. Gott hat seinen Sohn zur Erde gesandt, damit auch wir an ihn glauben können.
Dieser Glaube ist ein wirklicher Halt, wo vieles andere um uns herum sehr brüchig und wackelig ist.
Darum ging es Jesus: Den Menschen einen inneren Halt zu geben, Vertrauen und Zuversicht in ihnen zu wecken und zu stärken. Wer diesen Halt hat, der ist innerlich gefestigt, der hat den Grund, auf dem er gehen und stehen, leben und sterben kann.
Aus diesem Halt erwächst eine Haltung. Ich erlebe, dass Angehörige oft vollkommen halt- und fassungslos sind, wenn der 87 Jahre alte Vater plötzlich krank wird und stirbt. Wie kann das sein?, fragen sie und fangen an, dem Arzt, dem Krankenhaus oder wem auch immer Vorwürfe zu machen. Irgendjemand muss ja schuld daran sein, dass es dem Vater auf einmal so schlecht geht.
Andere dagegen, die einen Halt im Glauben haben, die wissen: Unsere Zeit steht in Gottes Händen. Und diese Zeit hier auf der Erde ist begrenzt. Einmal kommt das Ende. Und wenn es dann da ist, dann tragen sie es mit Fassung.
Menschen, die einen Zugang zum Glauben haben,
sind eher in der Lage, Schweres zu tragen, als andere Menschen, die solchen Zugang nicht haben. Wissenschaftliche Studien haben dies längst bestätigt.

Dieser Unterschied macht sich in vielen Situationen bemerkbar, in denen eine Haltung gefragt ist. Am Reformationsfest liegt es nahe, an Martin Luther zu denken. Er war auf einen Missstand in der Kirche gestoßen, von dem er überzeugt war: Das hat Gott so nicht gewollt. Das widerspricht dem, was die Bibel sagt. Also schrieb er ein paar Thesen, in denen er auf den Missstand und den Widerspruch gegen das biblische Zeugnis aufmerksam machte. Er schrieb sie in der Gelehrtensprache Latein und schicke sie an seine kirchlichen Vorgesetzten und einige Freunde. Alle, die etwas von Theologie verstehen, würden ihm sofort zustimmen, da war er sich sicher. Doch statt der Diskussion, die er mit den Thesen anstoßen wollte, kam ein Machtkampf ins Rollen.
Seine Freunde übersetzten die Thesen ins Deutsche und verbreiteten sie im ganzen Land. Viele Menschen waren begeistert. Endlich einer, der es wagt, gegen den Missstand in der Kirche aufzutreten. Der Papst sah seine Herrschaft in Gefahr und verlangte von Luther, die Thesen zurückzunehmen. Die Angelegenheit landete schließlich vor dem Kaiser.

Am 2. April 1521 begibt sich Luther auf die Reise nach Worms. An allen Orten wird Luther mit Begeisterung empfangen. Er predigt in Erfurt, Gotha und Eisenach. Und auch in Worms, wohin er am 16. April gelangt, wird er vom Volk umjubelt empfangen.

Luther muss zweimal vor dem Kaiser erscheinen. Er wird aufgefordert, seine Lehren zurückzunehmen.
Luther verweist auf die Bibel und fordert seine Gegner auf, ihm einen Irrtum nachzuweisen. "Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde" so sagt er, kann ich meine Thesen nicht widerrufen. "Denn weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube ich, da es feststeht, dass sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben", so argumentiert er weiter und stellt damit den Papst als höchste Lehrautorität in Frage. Dann schließt er mit diesen Worten seine Erklärung ab: "Durch die Stellen der heiligen Schrift, die ich angeführt habe, bin ich in meinem Gewissen gebunden und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen!"
Die berühmten Worte "Hier stehe ich und kann nicht anders", sind später von einem Protokollanten hinzugefügt worden. Aber sie passen zu Luthers Haltung. Darum sind sie als seine Worte überliefert worden.

Solche Haltung ist auch heute gefragt. Ich kann nicht anders! Ich muss das jetzt so machen. Mein Glaube gebietet es mir.
Ich habe den Eindruck, für viele Menschen in unserer Gesellschaft gibt es keinen wirklichen Halt mehr, keine gemeinsame Basis, von der alle ausgehen. Nichts gilt mehr verbindlich für alle. Jeder ist sich selbst der Nächste. Die Reichen und Mächtigen leben es vor. Darum ist selbst in unserem reichen Land Armut wieder eine riesige Bedrohung für sehr viele Menschen. Den Verlust einer gemeinsamen Basis, eines Grundes, auf dem wir alle hier in Deutschland, in Europa und Amerika stehen und leben, das empfinde ich als sehr bedrohlich.
Da wo keine gemeinsame Basis mehr ist, tut sich ein Loch auf. Und in dieses Loch stoßen andere, um es zu füllen. Sekten, Wellnessangebote, Gesundheitsapostel haben Zulauf, ebenso Parteien und Gruppierungen, die sich ihre eigene Welt zurechtmachen.
Wir als Kirche müssen aufpassen, dass wir uns nicht mitreißen lassen von dem so genannten Zeitgeist.
Unsere Aufgabe ist und bleibt es, Menschen auf den Weg Jesu zu weisen und selber auf diesem Weg zu gehen.

Ich komme noch einmal zurück zu der Frage am Anfang: Was ist das für ein Grund, der mit Jesus gelegt worden ist? Welcher Art ist dieser Grund? Wir haben festgestellt: Es ist ein Grund, der in unserem Inneren zu finden ist, ein innerer Halt.
Dieser Grund ist nicht fest so wie Beton. Wir Christen sind keine Fundamentalisten, die unabänderliche Wahrheiten verkünden. Was wahr und richtig ist, müssen wir in jeder Situation neu herausfinden. Das gilt auch für uns persönlich. Was wir brauchen an Halt für unser Leben, das verändert sich mit den verschiedenen Lebensphasen. Der Grund, der mit Jesus gelegt ist, bewegt sich mit uns, geht mit uns. Aber er bricht nie ein. Denn Gott selbst ist es, der diesen Grund gelegt hat.

Am Anfang der Geschichte mit seinem Volk hat Gott sich mit seinem Namen zu erkennen gegeben. Der Name bedeutet ungefähr dies: "Ich, Gott, bin für euch da, wie ihr Menschen mich braucht." Genauso ist es auch mit Jesus und mit seinem Geist. Er ist für uns da, mal als Trost, mal als Ermutigung und Stärkung, mal als Wegweisung, auch mal als Bremse, die uns davon abhält, einen falschen Weg einzuschlagen.
Dieser Halt ist uns gegeben. Er ist der Grund, der uns Sicherheit und Geborgenheit gibt und der uns aufrecht gehen und stehen lässt.