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Predigt am 31. Dezember 2016
Predigt über Hesekiel 36,26
Silvester 2016
 

Das ist Reformation: Rhythmus, der beflügelt. Herzschlag, der unser Leben bestimmt. Nicht fünfhundert Jahre alt, sondern immer neu, immer neue Kraft, die bewegt und verändert, die Menschen ermutigt, über das Bestehende hinauszublicken. Das feiern wir in dem Jahr, das am 31. Oktober begonnen hat.
Vor 500 Jahren hat Martin Luther einen neuen Geist in die Welt gebracht. Es ist die Erkenntnis, dass es auf jeden einzelnen von uns ankommt. Auf den Mut, das Bestehende nicht einfach als gegeben hinzunehmen, sondern darauf zu vertrauen, dass Gott uns die Kraft zum Guten gibt.
(Bischof Dr. Dr. h.c. Markus Dröge Predigt im Fernsehgottesdienst zur Eröffnung des 500-jährigen Reformationsjubiläums 31. Oktober 2016)

Mit einem Festgottesdienst unter dem Thema "Gott ist meine Zuversicht" hat die Evangelische Kirche in Deutschland am 31. Oktober die Feierlichkeiten für das 500-jährige Reformationsjubiläum eröffnet. Der Berliner Bischof Markus Dröge hielt die Predigt, aus der ich gerade ein paar Sätze zitiert habe.

Ein neues Herz und einen neuen Geist will Gott uns schenken. Es ist das Herz, das ihn erkennt. So sagt es der Prophet Jeremia (24,7): "Ich will ihnen ein Herz geben, dass sie mich erkennen sollen, dass ich der Herr bin. Und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein; denn sie werden sich von ganzem Herzen zu mir bekehren." Nur mit unserem Herzen haben wir Zugang zu Gott. Denn er ist so viel höher als
unsere Vernunft, so viel größer, als wir begreifen können und so unendlich viel weiter, als wir es jemals fassen können.
Der große Theologe der Romantik, Friedrich Schleiermacher, sagte: "Religion ist dem Menschen angelegt und gehört zu einer eigenen Provinz im Gemüte." Einen Teil unseres Herzens hat Gott für sich reserviert. So übersetze ich die Worte Schleiermachers. Das neue Herz, das Gott uns schenkt, ist das Herz, in dem Platz für ihn ist, das Herz, das ihn erkennt. Da Gott so unbegreiflich ist, können wir ihn nur erkennen durch das, was er uns von sich zeigt und offenbart. Das ist sein Wort. Dieses Wort wiederum können wir nur mit unserem Herzen wirklich verstehen.

Das Jubiläumsjahr hat begonnen mit der Veröffentlichung der neu überarbeiteten Lutherbibel. Mit der tiefen Überzeugung, dass jeder Mensch die befreiende Botschaft von Jesus Christus verstehen können muss, hat Luther die Bibel übersetzt. Wort für Wort und Satz für Satz hat er die griechischen und hebräischen Verse der Bibel in die deutsche Sprache übertragen. So hat er uns einen Herzenszugang zu Gott eröffnet. Jede und jeder kann nachlesen, was Gott getan hat, wie er sich offenbart hat und was sein Wesen ist: nämlich Liebe und Barmherzigkeit. Aus dem Herzenszugang zu Gott erwachsen uns Kraft und Zuversicht.

Zuversicht ist ein Voraus-Vertrauen. Ich kann hier und jetzt auf etwas in meinem Leben setzen, was so noch nicht da ist. Voraus-Vertrauen - das ist etwas Mutiges in einer Welt, die sich auf das verlässt, was hier und jetzt zu sehen ist.
Voraus-Vertrauen verleiht Flügel. Wir können Zukunftsvisionen entwickeln, trennende Mauern und überholte Wahrheiten in Frage stellen. Wir als Gesellschaft. Wir brauchen diese Zuversicht - wie Martin Luther, als er die Bibel übersetzte. Den Geist der Zuversicht schenkt uns Gott.

Nur mit einer großen Portion Zuversicht können wir dieses Jahr beenden und das neue beginnen. Es ist so viel Schreckliches passiert in dem zu Ende gehenden Jahr, dass es einem jede Zuversicht rauben kann. So viel Hass, so viel Lüge herrschen in der Welt, dass einem angst und bange werden kann.

Nach einer Umfrage des Allensbach-Instituts, die im September veröffentlicht wurde, sehen nur 36 Prozent der Befragten dem kommenden Jahr "mit Hoffnungen entgegen". So schlecht war die Stimmung zuletzt zu Beginn der Finanzkrise 2008 und nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. (Hannah Weiner
7. September 2016, Zeit online)
Nach dem Anschlag in Berlin wird die Stimmung noch schlechter geworden sein. Was in der Welt geschieht, gibt wenig Anlass zu Hoffnung und Zuversicht. Auch mir fällt es manchmal schwer, Zuversicht zu bewahren.
Der neue Geist, den Gott in unser Herz legt, macht uns Mut, gegen allen Augenschein an eine gute Zukunft zu glauben, an eine Zukunft, in der friedlich und gerecht zugeht.
Woher diese Zuversicht nehmen? Die Rückbesinnung auf die Reformation, die uns das kommende Jahr hindurch begleiten wird, sie kann uns beflügeln und Mut machen, über das Bestehende hinauszublicken.

Martin Luther hatte wahrlich Grund, mit Angst und Sorgen in die Zukunft zu blicken, als er das Neue Testament übersetzte. Er war für vogelfrei erklärt worden, hatte mächtige Feinde, die ihn mundtot machen wollten und befand sich in einer Zelle auf der Wartburg. Es musste ihm vorkommen wie in einem Gefängnis.
Was ihm Kraft und Zuversicht gab, hat er in seiner Beschreibung des Wappens zusammengefasst:
"Das erste sollte ein Kreuz sein, schwarz im Herzen, das seine natürliche Farbe hätte, damit ich mir selbst Erinnerung gäbe, dass der Glaube an den Gekreuzigten mich selig macht. Denn so man von Herzen glaubt, wird man gerecht. Solch Herz aber soll mitten in einer weißen Rose stehen, anzeigen, dass der Glaube Freude, Trost und Friede gibt. Darum soll die Rose weiß und nicht rot sein. Solche Rose steht im himmelfarbenen Feld, da solche Freude im Geist und Glauben ein Anfang ist der himmlischen Freude zukünftig. Und um solch Feld einen goldenen Ring, dass solche Seligkeit im Himmel ewig währet und kein Ende hat und auch köstlich ist über alle Freude und Güter, wie das Gold das edelste, köstlichste Erz ist." (Zitat: Weimarer Ausgabe, Luthers Briefwechsel, Band 5)

Luther findet Trost und Zuversicht im Glauben an den Gekreuzigten und an die ewige Seligkeit. Dass Gott uns ein neues Herz schenkt, macht Luthers Wappen sichtbar: Das Herz, das Gott uns schenkt, umschließt den gekreuzigten Jesus. Er, der Heil und Segen bringt, wohnt in diesem Herzen. Er ist seine Mitte.

Gut zwanzig Stunden nach dem Anschlag in Berlin versammelten sich in der Gedächtniskirche Vertreterinnen und Vertreter zahlreicher Religionen, Politiker unterschiedlicher Parteien, Bürgerinnen und Bürger zum Gedenken an die Opfer.
Viele, die in den Medien zu Wort kamen, äußerten den Wunsch, dass wir als Bürgerinnen und Bürger jetzt um so enger zusammenstehen. Das geschah in diesem Gottesdienst. Da wurde spürbar, wie tröstlich es ist, wenn Menschen zusammenrücken, ihren Schmerz und ihre Hoffnung teilen.
Es wurde auch spürbar, wie tröstlich der Blick auf den segnenden Christus ist. Über dem Altar befindet sich die viereinhalb Meter hohe Christus-Plastik aus einer messingfarbenen Legierung. Mit ihren zum Segen erhobenen Händen bildet die Gestalt die Form eines Kreuzes. Die in Trauer und Schmerz vereinte Gemeinde unter dem segnenden Christus - ein Bild, das zeigt, wieviel Kraft der Glaube hat und welche Zuversicht er gibt, dem Schrecken zum Trotz.

Der segnende Christus macht deutlich, dass Gott uns schon längst ein neues Herz geschenkt und einen neuen Geist in uns gelegt hat. "Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist", haben wir im Advent gesungen.
Das Herz, das Gott uns schenkt mit der Geburt seines Sohnes, ist ein Herz voller Liebe. "Ich will meinen Geist in euch geben und solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun." So lautet der vollständige Vers des Propheten.
Gottes Geist leitet dazu an, seine Weisungen zu befolgen. Liebe Gott und deinen Mitmenschen wie dich selbst, so lautet das Gebot, in dem alle anderen Gebote zusammengefasst sind. Gott schenkt uns ein Herz, das offen ist für unsere Mitmenschen, das offen ist für ihn.

Unsere Liebe ist besonders dann gefragt, wenn etwas Schreckliches passiert, wie in Berlin, und wenn es einzelnen unter uns schlecht geht. Auch hier in unserer Kirche haben wir uns in den vergangenen Monaten in Trauer versammelt. Zweimal mussten wir kurz hintereinander Abschied nehmen von Menschen, die uns nahestanden, die uns wichtig waren: Helmut blank, der langjährige Pfarrer der Gemeinde, und Hans Rohrbach, einer seiner Weggefährten. Auch uns hat die Gemeinschaft unter Gottes Wort getröstet. Und wir haben Halt gefunden in der Zuversicht, dass unsere Verstorbenen gut aufgehoben sind und Gott alle Tränen der Trauernden abwischen wird.

Das neue Herz, das Gott schenkt, und der neue Geist, den er in uns hineinlegt, sieht und vertraut auch über dieses Leben hinaus. Wir haben ein Voraus-Vertrauen in die Liebe Gottes, von der uns auch der Tod nicht trennen kann. Luther spricht von der ewigen Seligkeit, die uns verheißen ist und die sich im goldenen Ring um seine Rose herum widerspiegelt.

Auch in dem Jahr, das in wenigen Stunden beginnt, wird Gott an unserer Seite sein, uns führen und leiten auf unseren Wegen. Mit diesem Voraus-Vertrauen können wir das Jahr auf uns zukommen lassen.

Für mich wird es ein besonderes Jahr und damit auch für uns als Gemeinde. Es wird mein letztes im aktiven Dienst sein. Zusammen mit dem Presbyterium bin ich darum bemüht, dass nach meinem Ausscheiden das Leben der Gemeinde gut weitergeht. Natürlich ist der Gedanke, nun alles zum letzten Mal zu tun, mit Wehmut verbunden, nicht nur bei mir, das weiß ich.
Mich tröstet es zu wissen, dass auch wir zusammenstehen in der Gemeinde, gemeinsam tragen und bewältigen, was auf uns zukommt.

Ich hoffe und wünsche uns, dass auch wir in Wanheim den Geist der Reformation spüren als Rhythmus, der beflügelt, Herzschlag, der unser Leben bestimmt. Nicht fünfhundert Jahre alt, sondern immer neu, immer neue Kraft, die bewegt und verändert, die uns ermutigt, über das Bestehende hinauszublicken und die uns voller Zuversicht, voller Voraus-Vertrauen an Gottes Liebe festhalten lässt.