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Predigt am 8. Januar 2017
"sola fide"
Gespräch unter Kollegen
 

"Sola fide", allein durch den Glauben finden wir den Weg zu Gott. Luthers bahnbrechende Erkenntnis.
Mit einem Kollegen hatte ich vor kurzem Gespräch über die Bibel.
Er stellte vieles in Frage, was in der Bibel steht. Schließlich fragte ich ihn: "Was glaubst du überhaupt?" Er antwortete mit einer Gegenfrage: "Was bedeutet ´pistis`"? Zufällig wusste ich noch, wie dieses griechische Wort zu übersetzen ist: "Glaube, Vertrauen, Treue", erklärte ich und fügte hinzu: "Dieses Vertrauen muss einen Grund haben. Es muss etwas geben, worauf man sein Vertrauen setzt. Und das kann niemand anderes sein als der Gott, der sich den Menschen bekannt gemacht hat, so wie sie es in der Bibel überliefert haben.

Einig waren wir uns darin, dass Glaube nicht bedeutet, etwas für wahr zu halten. "Geboren von der Jungfrau Maria", so sprechen wir in unserem Glaubensbekenntnis. Das heißt nicht, dass wir die Jungfrauengeburt für eine biologische Tatsache halten. Vielmehr drücken wir mit diesem Satz unser Vertrauen aus in den Gott, der sich in Jesus uns Menschen offenbart hat. Gott selbst hat Jesus ins Leben gestellt, damit er uns den Weg zum Leben zeigt.
Gottes Offenbarungen

Zuerst hat Gott sich dem Volk Israel offenbart. Die grundlegende Erfahrung, die Israel mit seinem Gott gemacht hat, findet sich in der Vorrede zu den Zehn Geboten:
"Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe". Als rettende, befreiende Macht, so hat Israel seinen Gott erfahren. Und so hat Gott sich erneut gezeigt in der Person Jesu. Die Geburt des Heilandes, "der rettet von Sünd und Tod" (EG 30), hat der Engel auf dem Feld den Hirten verkündigt. Wir Christen glauben, dass er unser Retter und Erlöser ist.

Wenn wir das singen zu Weihnachten, geht uns das über die Lippen, vermutlich ohne dass wir viel darüber nachdenken. Der Glaube, dass Gott befreit von Sünde und Tod ist uns eine Selbstverständlichkeit.
Das verdanken wir zu einem guten Teil Martin Luther. Für ihn war das die bahnbrechende Entdeckung. Lange hat er sich herumgeplagt mit der Angst vor dem strafenden Gott. Luther las im Römerbrief, dass im Evangelium die Gerechtigkeit offenbart wird. "Diese Worte, "gerecht" und "Gerechtigkeit" waren mir in meinem Gewissen wie ein Donnerschlag. Wenn ich sie hörte, erschrak ich und dachte: Ist Gott gerecht, so wird er strafen." (Winkler, Luther S. 152) So erzählte er später im Rückblick auf seine Zeit als junger Mönch.
Luthers Entdeckung

Die Angst vor dem strengen Richter, der die Menschen hart bestraft für ihre Sünden, trieb Luther um.
So sehr, dass er später gestand: "Ich liebte Gott nicht, ja, ich hasste ihn dafür, dass er in seiner Gerechtigkeit die Sünder straft." (Winkler 151)
An diesem Gott hat Luther sich gerieben, gegen den hat er sich aufgelehnt. Der Mönch, der sich sehnt nach einem gnädigen Gott, der seine Tage und Nächte in glühender Gottsuche zubringt, kann den Gott, der ihm solche Angst macht, nur noch hassen.
Luthers Bekenntnis, Gott verloren zu haben, ist sehr bemerkenswert und für einen Lehrer der Theologie äußerst ungewöhnlich. Er nimmt seine Zweifel ernst und lässt damit tief in sein Inneres hineinblicken. Indem er seine Zweifel offen ausspricht, unternimmt er "mit sich selbst ein heiliges Experiment der Gottesssuche und Gottes Erforschung, bei dem ihm seither jeder nachfolgen kann." (Winkler 151) Auf das eigene Erleben, die eigene Erfahrung mit Gott kommt es an. Die Suche nach Gott beginnt da, wo ein Mensch sich seine Angst eingesteht.

Luther hat Gott nicht irgendwo gesucht - draußen in der Natur zum Beispiel oder im Blick zu dem Sternenhimmel - er hat Gott gesucht in dem, was Gott von sich kundgetan hat, was Menschen von ihm erfahren und in der Bibel festgehalten haben. Er wurde ja von seinem Beichtvater an die Universität Wittenberg geschickt, um Theologie zu studieren. Das tat er intensiv, wie es seine Art war. Recht schnell wurde er Doktor der Theologe und begann selbst zu lehren. Gründliches studierte er die Bibel und hielt Vorlesungen über verschiedene biblische Bücher. Die für ihn wichtigsten Vorlesungen waren wohl die über die Psalmen und den Römerbrief.
Vor allem das Studium des Römerbriefes brachte ihn auf die Spur, den Gott zu finden, den er lange gesucht hat. Wie auf Schwarzbrot kaute Luther herum auf einem Vers aus dem ersten Kapitel: "Denn darin - im Evangelium - wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht bei dem Propheten Habakuk: Der Gerechte wird aus Glauben leben." (Röm 1,17)

Luther erzählte später seinen Freunden: "Sollen wir gerecht leben aus dem Glauben und soll die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, selig machen, so werden solche Sprüche die erschrockenen Gewissen trösten. Also ward ich getröstet und gestärkt, dass Gottes Gerechtigkeit sich erweist, indem er gerecht spricht und selig macht die Sünder, die Buße tun. So kam Frieden in mein Herz. Von nun an wusste ich: Gottes Gerechtigkeit ist die, welche uns gerecht und selig macht. Also wurden mir diese Worte lieblich und tröstlich und schreckten mich nicht mehr." (Winkler 153)
Als er kurz vor seinem Tod Rückblick hält auf sein Leben, beschreibt Luther die neue Erkenntnis wie eine neue Geburt: "Da fühlte ich mich wie ganz und gar neu geboren, und durch offene Tore trat ich in das Paradies selbst ein." (Winkler 154)
So verwandelte sich der strafende Richter für Luther in den gnädigen Gott. Diese Entdeckung ist der Ursprung der Reformation. Den fernen, unerreichbaren Gott erfuhr er nun als gnädigen, zugewandten Gott.
"Gnade", so schreibt Luther, "verstehe ich als Gottes Huld. Und diese Gnade wirkt wahrhaft den Frieden des Herzens, so dass der Mensch, von seiner Verderbnis geheilt, fühlt, dass er einen gnädigen Gott hat." (Schwarz, Martin Luther - Lehrer der christlichen Theologie, 351)

Gnade heißt Gott ist nahe

Huld ist ein Zentralbegriff der mittelalterlichen Herrschafts- und Lebensordnungen. Es bedeutet die freundliche, wohlwollende Zuwendung des Herrschenden gegenüber seinen Untergebenen. Das bezieht Luther nun auf Gott. Voller Wohlwollen und Freundlichkeit, so erfährt er nun Gottes Zuwendung.
Diese Erfahrung der Gnade wird zu dem zentralen Begriff seines Glaubens und Denkens. Ja, Gnade ist das Kennzeichen des göttlichen Handelns insgesamt. Auch die Schöpfung der Welt sieht Luther als einen Akt der Gnade:
"Es gibt diese Welt, weil Gott sie aus Freiheit und Liebe heraus wollte. Er hat die Welt geschaffen, weil er anderem neben ihm das Dasein wohlwollend gönnt. Es gibt nichts auf der Seite des Geschöpfes, was den Schöpfer dazu veranlasst haben könnte, das Geschöpf zu schaffen. Gott hat die Geschöpfe geschaffen aus dem Willen heraus, seine Liebe weiterzugeben."
(EKD Grundlagentext)

Das deutsche Wort Gnade stammt vom althochdeutschen "genahen" ab. Genahen, das heißt: nahe kommen, sich zu jemandem stellen, seine Nähe suchen. Das ist in der Tat eine umstürzende Entdeckung: Gott sucht die Nähe von uns Menschen. Und zwar mit aller Konsequenz. In Jesus Christus wird er selbst Mensch. Er kommt uns nahe, um uns zu berühren, um Zeit mit uns zu verbringen, uns aufzurichten. Er will mit uns und zu uns sprechen, auf uns hören und für uns sorgen.
Kurz: all das, was liebende Eltern für ihre Kinder sind und tun, das ist und tut Gott für uns. Und das ohne Bedingung, ohne dass wir uns diese Zuwendung verdienen müssen. Und auch ohne dass wir aus seiner Liebe herausfallen können. Dass Gott uns nahe kommt, ist Geschenk. Weil er uns so leidenschaftlich liebt.
Die Geschichte vom Vater und seinen zwei Söhnen macht es beispielhaft deutlich. Aus dem Vertrauen auf den gnädig zugewandten Gott schöpfte Luther seine Kraft, nachdem er sich mit der Veröffentlichung seiner Thesen gegen den Ablass viele Feinde gemacht hatte.
Wo wir den gnädigen Gott finden

Die Suche nach dem gnädigen Gott, sie treibt auch heute viele Menschen um. Das vermute ich. Es ist die Suche nach dem, was Halt gibt im Leben, was dem Leben einen unverlierbaren Sinn gibt, was die Gewissheit gibt, ein liebenswerter Mensch zu sein, trotz eigener Unzulänglichkeiten und Fehler. Es ist die Suche nach dem, was stärker ist als alle Angst.
Wie finden wir den gnädigen Gott? Oder anders gefragt: Wie lernt man zu vertrauen?
Luther hat es dadurch gelernt, dass er immer wieder auf Worten der Bibel herumgekaut hat, bis er zu der Gewissheit kam, dass Gott ein liebender Vater und kein strafender Richter ist. Es war ein langer Seelenkampf für ihn durch tiefe dunkle Täler. Auch nach seiner Entdeckung des gnädig zugewandten Gottes ist er immer wieder in tiefe Zweifel gefallen.
Der Glaube hat es ja zu tun mit etwas, das man nicht sieht. "Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht." So sagt es der Hebräerbrief.
Je nach dem, was ein Mensch mitbekommen hat an Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl, wird sein Grundvertrauen in das Leben, in Gott und Mitmenschen mehr oder weniger stark ausgeprägt sein. Zweifel an dem, was man nicht sieht, wird wohl jeder kennen.
Der Glaube muss sich immer wieder gegen Zweifel behaupten, Vertrauen muss immer wieder neu erkämpft werden.
In dem Gespräch mit dem Kollegen merkte ich, dass ich seine Infragestellung vieler biblischer Aussagen nicht an mich herankommen lassen wollte. Ich möchte glauben, dass Gott uns gnädig zugewandt ist, so wie die Bibel es erzählt. Natürlich plagen auch mich Zweifel. Und die Frage ist immer präsent: Wie und wo spüre ich den mir zugewandten Gott.
Am meisten da, wo ich mir wie Luther Gedanken über ihn mache, auf Bibeltexten herumkaue, wie ich es bei der Vorbereitung eines Gottesdienstes tue. Auch der Gottesdienst selbst ist ein Geschehen, in dem ich Gottes Nähe empfinde. Unvergesslich bleibt mir der Ausspruch eines älteren Herrn nach einem Gottesdienst: "Das war eine Gottnahe Gemeinschaft".

Im Alltag ist das Gefühl der Gottnähe oft überlagert von anderen Dingen. Da ist dies und jenes zu planen und zu tun. Nachrichten aus aller Welt beschäftigen einen. Sorgen und Ängste treten mehr in den Vordergrund.
Luther empfiehlt einem jungen Mann, der unter Ängsten und Schwermut litt: "Darum will ich Joachim lieber vermahnen, fröhlich zu sein, zu reiten, zu jagen und der guten Gesellschaft anderer sich fleißigen, die sich göttlich und ehrlich mit ihm freuen können. Denn es ist ja doch die Einsamkeit und Schwermut aller Menschen eitel Gift, sonderlich einem jungen Mann. So hat auch Gott geboten, dass man solle fröhlich vor ihm sein. Er will kein trauriges Opfer haben, sondern so will es Gott, wie geschrieben steht: "Freue dich und lass dein Herz guter Dinge sein". (Pred. 11,9)

Also auch im fröhlichen Zusammensein in der Gemeinde und im dankbaren Nutzen der Zeit, die uns geschenkt ist, erfahren wir Gottes Zuwendung. Seiner Güte und Freundlichkeit können wir uns jeden Tag vergewissern, indem wir zu uns selber sprechen: Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Literatur: Reinhard, Schwarz, Martin Luther - Lehrer der christlichen Religion
Willi Winkler, Luther - ein deutscher Rebell
500 Jahre Reformation 2017. Ein Grundlagentext des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, 2014
Deutsche Bibelgesellschaft (Hrg.), Reformation 21017 - das Magazin