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Predigt am 12. Februar 2017
Septuagesiame
Galater 5,1 Lutherreihe - Freiheit
 

"Martinus Luther", zum ersten Mal unterschreibt der Doktor der Theologie einen Brief mit diesem Namen. Bis dahin hieß er Martin Luder. "Luder", das hört sich heute nicht gut an, das hörte sich damals vermutlich auch schon nicht nach einem besonderen Menschen an. Das aber wollte Luther sein. Es war nicht der Klang, der ihn dazu gebracht hat, sich nun "Luther" zu nennen. Es war die Bedeutung, die er dem Namen gab. Er leitete ihn ab von dem griechischen Wort
"Eleutherius". Das heißt: Befreiter oder Befreier. Luther sah sich als freier Geist.
Befreit hat er sich als 22-jähriger Student von seinem Vater. Der hat für eine gute schulische Ausbildung des Sohnes gesorgt, sodass der anfangen konnte zu studieren. Wie der Vater es wollte, begann Martin mit dem Studium der Rechtswissenschaft. Doch schon nach wenigen Wochen schmiss er das Studium hin und ging als Mönch ins Kloster. Er hatte seine Eltern besucht und war auf dem Weg zurück ins Kloster. Da reifte in ihm die Entscheidung. Möglicherweise hat ein heftiges Gewitter, bei dem er um sein Leben fürchtete, diese Entscheidung beschleunigt. Jedenfalls war ihm klar, dass er mit Jura nicht weiter machte.
Auch heute geht es jungen Leuten oft so, dass sie etwas beginnen und dann merken: das ist nicht mein Ding. Ich fang noch einmal etwas anderes an. Also nicht ungewöhnlich, dass Martin den eingeschlagenen Weg kurzer Hand abbrach.
Ihm war klar, dass dies ein heftiger Affront gegenüber dem Vater war. Der hatte sich alles schön ausgemalt: Nach abgeschlossenem Studium sollte der Sohn ins väterliche Unternehmen einsteigen und die rechtlichen Dinge regeln. Der Sohn aber hatte nun etwas anderes im Sinn. Ein erster Akt der Befreiung.
Auch das kommt heute noch vor, dass Eltern einen Plan haben für ihren Sohn oder ihre Tochter, und der oder die sagt plötzlich: Nein, ich mach das nicht. Nicht einfach für die Eltern.
Martins Vater verstand seinen Sohn überhaupt nicht mehr. Aber der war nun hinter Klostermauern verschwunden, für den Vater nicht mehr zu erreichen. Er musste hinnehmen, dass der Sohn sich von ihm und seinen Plänen löste.

Frei aber war Martin keineswegs. Nun kämpfte er mit dem himmlischen Vater, fürchtete dessen Strafe und kämpfte um dessen Zuwendung. Er studierte die Bibel so gründlich wie kaum ein anderer. Nach und nach ging ihm ein Licht auf. Die Bibel entfaltete ihre befreiende Kraft in seinem Denken und Glauben. Er merkte, dass mit der Kirche etwas nicht in Ordnung war. Ja da war etwas schwer in Unordnung. Die Kirche war ein Wirtschaftsunternehmen geworden, in noch stärkerem Ausmaß als sie das heute ist. Es ging alles nur noch mit Geld. Mit Theologie, mit dem Glauben an Jesus Christus, hatte das Tun der Kirche nichts mehr zu tun.
Albrecht von Brandenburg zum Beispiel, als Bischof kirchlicher Vorgesetzter von Martin, hatte sich zwei weitere Bischofstitel dazu gekauft. So wurde man damals Bischof: indem man dem Papst ein hübsches Sümmchen überwies. Obendrein war Albrecht einer der sieben Kurfürsten. Diese hatten das Recht, den Kaiser zu wählen. Ein mächtiger Mann also, dieser Albrecht, bei dem weltliche und geistliche Macht zusammenflossen. Das war üblich damals. 48.235 Gulden hat er für die vielen Ämter bezahlt, eine Summe, die weit über seine Verhältnisse ging. Er war nun hoch verschuldet beim Bankhaus Fugger. Auf die Einnahmen aus dem Ablasshandel war er dringend angewiesen.
Genau um den Ablass geht es, als Martin anfängt, sich von seiner Kirche zu befreien. Martin, Doktor der Theologie, aber immer noch ein unbekannter kleiner Mönch erdreistet sich, dem höchsten geistlichen Fürsten in deutschen Landen einen Brief zu schreiben. Mit der gebotenen Höflichkeit setzt er ein amtliches Schreiben auf, in der Gelehrtensprache Latein gehalten. Für jemanden, der aufgrund seiner Ämterhäufung keine Zeit hatte, seine Ausbildung abzuschließen, nicht ohne weiteres zu verstehen. Albrecht wird Übersetzer benötigt haben. Inhalt des Briefes ist der Missbrauch des Glaubens durch den Ablasshandel. Insgesamt 95 Thesen, unterschrieben mit Martinus Luther, Doktor der heiligen Theologie. (Winkler 184f)
Luther, der Befreite oder der Befreier. Am Ende seiner berühmt gewordenen Thesen gebraucht er zum ersten Mal diesen Namen.
Mit Gott, dem Vater im Himmel, hat er halbwegs seinen Frieden geschlossen. Er glaubt nun fest daran, dass Gott kein strafender Richter ist, sondern ein liebender Vater, der barmherzig und gnädig zu seinen Menschenkindern ist.
Nun nimmt er sich den nächsten Übervater vor, den Papst in Rom. Nichts weniger hat er im Sinn, als die Kirche von diesem "Antichristen" zu befreien. "Antichrist", Luther nimmt sich die Freiheit, so den Papst zu nennen. Eine Ungeheuerlichkeit.
Er bestreitet dem Papst das Recht, über den Schatz der Kirche verfügen zu können. Nach der Lehre der Kirche hat Jesus durch sein Sterben am Kreuz diesen Schatz für die Gläubigen bereitgestellt: die vollkommene Vergebung aller Sünden und das ewige Leben. An diesem Schatz kann man sich Anteile erwerben durch den Kauf eines Ablassbriefes. Ein Journalist schreibt bissig: Den Schatz der Kirche haben "Jesus und alle Heiligen freundlicherweise auf ein vatikanisches Ansparkonto überwiesen, damit die frommen Christenmenschen bei entsprechenden Abgaben die Seelenpein lindern können." (Winkler 242)
werde, dann bin ich durch die Stellen der heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen."
Damit ist der Bruch perfekt. Denn um seiner Macht und um des Geldes willen lässt der Papst sich nicht durch die Heilige Schrift, wie Luther sie auslegt, überwinden. Es kommt zum offenen Kampf. Luther wird von Helfern auf die Wartburg in Sicherheit gebracht.


In einer anderen)Streitschrift aus dem Jahr 1520 hatte er verkündet, dass es nicht sieben Sakramente gibt, sondern nur drei. "Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche", so heißt diese Schrift. Die Ehe, so sagt Luther, ist ein "seliger Stand", (Schilling 332) aber kein von Gott gegebenes Sakrament. Als solche sieht er nur Taufe, Abendmahl und die Buße an. Katharinas Flucht aus dem Kloster zusammen mit anderen Nonnen wird durch die Heirat zu einem vorbildlichen Akt christlicher Freiheit. (Schilling 320)
Nun gibt es endgültig kein Zurück mehr in den Schoß der katholischen Kirche. Luther hat sich frei gekämpft von seiner Kirche.
Sein Glaube hat ihn zu der Erkenntnis gebracht:
Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge.

Wir leben heute in einem freiheitlichen Rechtsstaat. Die Freiheit ist unserem Volk hier im Westen nach dem Krieg geschenkt worden. Die im Osten unseres Landes mussten weiter in Unfreiheit leben. Sie haben sich ihre Freiheit selbst erkämpft, indem sie gemeinsam dafür protestierten und sich durch die Staatsmacht nicht einschüchtern ließen.
Für die Freiheit in unserem Land können wir dankbar sein. Viele Menschen, so ist meine Beobachtung, nehmen sie als selbst verständlich hin. Vor allem viele Jüngere, die in diesem freien Land aufgewachsen sind.
Meine Tochter berichtete kürzlich von einer Feier. Sie saß mit anderen jungen Frauen zusammen. Nachdem der übliche Klatsch und Tratsch abgehandelt war, hatten die jungen Damen sich nichts mehr zu sagen. Politik - überhaupt kein Thema. Dabei sind sie alle in diesem Jahr mehrfach gefordert, sich durch ihre Stimmabgabe politisch einzumischen. Viele werden es nicht tun. Es ist leicht, dies mit Hinweis auf die Politiker zu entschuldigen: "Die machen sowieso, was sie wollen. Die sind doch alle gleich, es ist vollkommen egal, wen oder welche Partei man wählt." Mit solchen Sätzen begründen viele Menschen, dass sie nicht wählen.
Fast die Hälfte sind es bei der Wahl zum Stadtrat, ein Drittel bei der Landtagswahl und ein Viertel bis ein Fünftel bei der Bundestagswahl. Es ist beschämend, wie viele Menschen mit der geschenkten Freiheit umgehen. Denn es ist überhaupt nicht egal, was oder wen man wählt. Man sieht es in England, wo zu viele junge Leute nicht an der entscheidenden Abstimmung teilgenommen haben. Man sieht es in Amerika, was passiert, wenn der Falsche an die Macht kommt. Der kann den Leuten, die gegen ihn demonstrieren, nun zynisch zurufen: "Hättet ihr ja Hillary wählen können." Mehr als bedauerlich, dass zu viele es nicht getan haben.

Die Freiheit, die wir haben, ist ein hohes Gut. Sie muss beschützt werden auch durch uns, die Bürgerinnen und Bürger.
Nur wenige Länder auf der Erde lassen es zu, dass Menschen so frei ihre Meinung äußern, wie wir das können. Hier dürfen Leute öffentlich sagen, dass sie diesen Staat nicht anerkennen. Selbst beleidigende Äußerungen werden durch die Meinungsfreiheit gedeckt.
Unsere Freiheit geht so weit, dass Menschen sie dazu missbrauchen können, sie einzuschränken. Gruppierungen am rechten Rand unserer Gesellschaft machen Stimmung mit Äußerungen, die gegen die freiheitliche Grundordnung unsere Gesellschaft gerichtet sind. Bei uns haben sie zum Glück noch nicht so viel Zulauf, um unsere Demokratie ernsthaft zu gefährden. Wir sind durch unsere Geschichte ein gebranntes Volk. Den meisten, die hier groß geworden und nun erwachsen sind, ist das bewusst.
In Frankreich haben die Gegner der Freiheit gute Chancen, demnächst an die Macht zu kommen. Sie wollen wie die Briten sich aus dem freien Europa abkoppeln, die Grenzen um ihr Land wieder hochziehen.

In anderen Staaten Europas haben bereits autoritäre Herrscher die Macht übernommen. Sie verbieten den Menschen, frei ihre Meinung zu sagen, und drohen mit Gefängnis, falls das doch jemand wagt. Der neu gewählte amerikanische Präsident nennt Journalisten "die verlogensten menschlichen Wesen auf der Erde". (Zitat in NRZ 23.01.17, S.2)
So wird Pressefreiheit eingeschränkt und womöglich bald ganz abgeschafft. Zum Glück stehen in Amerika viele Menschen auf und kämpfen dafür, dass ihr Land ein freies Land bleibt. Das müssen wir auch bei uns tun.)

Schon immer ist die Freiheit ein verletzliches Gut. Zur Bewahrung der Freiheit hat Gott seinem Volk die Gebote gegeben. Sie markieren Grenzen, die nicht übertreten werden dürfen. Wo sie übertreten werden, da gerät die geschenkte Freiheit in Gefahr. Die Freiheit hat ihre Grenze da, wo andere Menschen verletzt, an den Rand gedrückt und daran gehindert werden, ihre Fähigkeiten zu entfalten.
"Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden". Der berühmte Satz von Rosa Luxemburg gilt auch heute noch. Um Freiheit und Demokratie zu bewahren, ist es notwendig, dass allen Menschen, die hier leben, die gleichen Freiheitsrechte gewährt werden. Mit der Einschränkung natürlich, dass sie sich an die Regeln dieses Rechtsstaates halten.

"Zur Freiheit hat uns Christus befreit", schreibt der Apostel Paulus. "So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen." Auch diese Mahnung gilt heute noch. Wir alle sind gefordert, in diesem Jahr ganz besonders, die Freiheit, die wir haben, zu beschützen.