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Predigt am 19. Februar 2017
Sexagesimae
Lutherreihe - Luther der Rebell
 

"Ich kann nicht anders. Hier stehe ich. Gott helfe mir. Amen." Die berühmten Worte Luthers vor dem Kaiser auf dem Reichstag zu Worms. Luther war bereits auf der Wartburg, als Lektoren in Wittenberg seine Rede drucken ließen. Auf geniale Weise erweiterten sie den Schlusssatz um sieben Worte. Belegt ist, dass Luther sagte: "Ich will nichts widerrufen, weil es die Seligkeit bedroht, gegen das Gewissen etwas zu tun. Gott helfe mir. Amen. (Schilling 222f) Die Worte "Ich kann nicht anders. Hier stehe ich" hat er nach allem, was historisch überliefert ist, nicht gesagt. Aber mit seiner Haltung hat er sie verkörpert. Er konnte nicht anders, weil es gegen sein Gewissen gewesen wäre. Dazu stand er, obwohl er nun Schlimmes zu befürchten hatte.
Tatsächlich verhängte der Kaiser am 26. Mai, einen Monat nach Luthers Abreise aus Worms, die Reichsacht gegen den Reformator. Doch inzwischen hatte Luther viele Anhänger in den deutschen Landen. Der großen Mehrzahl der Bürger gefiel der Erlass des Kaisers ganz und gar nicht.
Über die deutschen Fürstentümer hinaus löste Luthers Rede in Mitteleuropa eine gewaltige Welle begeisterter Zustimmung aus. (Schilling 233)
Diese Begeisterung trug ihn zu immer größerem Wagnissen. Er legte sich an mit den obersten Repräsentanten der weltlichen und der kirchlichen Macht, mit dem Kaiser und dem Papst.
Das tat er zunächst als Einzelner, als einfacher Mönch und Doktor der Theologie in dem unscheinbaren Ort Wittenberg. Sein starker Verbündeter war sein eigenes Gewissen. Das war gefangen durch die Heilige Schrift. Intensives Studium der Bibel hatte Luther zu der Überzeugung kommen lassen, die er nun öffentlich vertrat: Barmherzig und gnädig ist Gott, er befreit aus allen Zwängen. Durch Jesus Christus hat er jedem gläubigen Menschen den direkten Zugang zu sich selbst eröffnet. Die Kirche mit all ihren Heiligen ist dazu nicht mehr vonnöten. Jedem ist das Heil geschenkt.
Diese Überzeugung ließ er sich nun nicht mehr nehmen, auch nicht durch die Drohung mit dem Scheiterhaufen. Sein Gewissen machte ihn stark, fest zu stehen, den Mächtigen zu trotzen und den Kampf mit ihnen aufzunehmen.

Haltung zeigen, zu den Werten unseres freiheitlichen und demokratischen Staates stehen gegenüber den selbstsüchtigen Herrschen in Osteuropa und in Amerika - das verlangen wir von unseren Regierenden. Haltung zeigen, dazu sind auch wir Bürgerinnen und Bürger aufgerufen. Auch wir Bürgerinnen und Bürger müssen einstehen für die Bewahrung unseres Rechtsstaates. "Tu deinen Mund auf für die Stummen", heißt es in der Bibel. Als Bürgerinnen und Bürger sind wir gefragt, dafür einzutreten, dass unsere Gesellschaft ihre soziale Einstellung gegenüber denen behält, die Hilfe brauchen.
Haltung zeigen. Deutlich machen wo wir stehen, wofür wir als Christen einstehen. Das ist notwendig in dieser Zeit, in der die Werte, die mal von den allermeisten Menschen in unserem Land geteilt wurden, ins Schwimmen geraten.
Niemand soll sagen: ´Was kann ich kleiner Mensch denn machen? Auf meine Stimme kommt es nicht an.`
An Luther können wir lernen, was ein einzelner kleiner Mensch bewirken kann mit Mut, mit einem festen Gewissen und mit der Begabung, andere Menschen zu begeistern.

Natürlich können wir nicht alle sein wie Luther. Müssen wir auch nicht. Luther war ein besonderer Mensch mit besonderen Fähigkeiten. Was er bewirkt hat, ist ziemlich einmalig in der Menschheitsgeschichte. Dass er den Großen dieser Welt Stand gehalten hat, gab ihm Zuversicht und Selbstbewusstsein. Die Unmöglichkeit, gegen das Wort Gottes und damit gegen sein Gewissen zu handeln, machte ihn stark. So stark, dass er immun war gegenüber äußerem Druck. Luthers Gradlinigkeit und Radikalität des Denkens und Handelns machen seine Größe aus und ermöglichten die weltgeschichtliche Wende der Reformation. (Schilling 238f)
Seine Lehren fielen auf fruchtbaren Boden. Die Bürger der Städte waren es, die als erste Luthers Lehren annahmen und damit ernst machten. Häufig kam es zu Bürgerbewegungen, ausgelöst durch spontanes Singen von Gemeindeliedern im Gottesdienst. In der Messe, wie sie bis dahin gefeiert wurde, gab es keinen Gemeindegesang. Die Bürger vertrieben die Priester und zwangen die Stadträte, Geistliche einzusetzen, die zu den Lutheranhängern gehörten. Diese sprachen deutsch in den Gottesdiensten, teilten beim Abendmahl Brot und Wein aus und ließen die Gemeinde singen. (249)


Diese Veränderungen wirkten sich aus auf das gesamte geistliche Leben. Nun konnten und wollten die Menschen die Inhalte des Glaubens verstehen. Luther kam auch diesem Bedürfnis nach. Er schuf einen Katechismus. Darin stellte er Grundteste unseres Glaubens zusammen mit jeweils kurzer Erklärung. Aus dem "Kleinen Katechismus" habe ich noch in meinem Konfirmandenunterricht gelernt. Luther gab auch eine erweiterte Fassung heraus, den "Großen Katechismus". Die Reformatoren legten großen Wert darauf, dass die Menschen lesen und schreiben lernten. Ein Mindestmaß an Bildung für jede und jeden wurde selbstverständlich.

Dies hatte auch eine Kehrseite. Die Leute waren jetzt geschult im Lesen und Verstehen biblischer Texte und christlicher Glaubens Inhalte. Luther hatte die "Freiheit eines Christenmenschen" verkündet und darin jeden zum Herrn über seinen Glauben erklärt. Nun machten die Menschen von der Freiheit Gebrauch. Selbst in Luthers zentraler Wirkungsstätte, in Wittenberg, waren die Menschen so frei, dem Gottesdienst fernzubleiben. (Schilling 372)
Mit zunehmender Bildung eröffneten sich auch Möglichkeiten der Abkehr vom christlichen Glauben. Es eröffneten sich Möglichkeiten der Religionskritik. So ist mit der Reformation der Keim zur Aufklärung gelegt und zu einem historisch-kritischen Umgang mit den überlieferten Inhalten, biblische Texte eingeschlossen.
Die historisch-kritische Forschung kam im neunzehnten Jahrhundert richtig in Fahrt. Längst sind die Methoden der Textanalyse ein wichtiger Inhalt des Theologiestudiums. Früher hieß es: "Das steht in der Bibel, das musst du glauben." In vielen Sekten ist das bis heute so, besonders ausgeprägt in Amerika. Da ersparen sich die Menschen das Nachdenken darüber, was sie glauben. Widersprüche zu Erkenntnissen der Naturwissenschaften und Widersprüche in den biblischen Texten selbst werden einfach unter den Tisch gefegt.
Für uns in der evangelischen Kirche hier in Deutschland ist es wichtig, dass wir verstehen, was wir glauben und dass wir Glaubensinhalte mit anderen Wissenschaften ins Gespräch bringen können.

Eine weitere Möglichkeit eröffnete der auf Deutsch gehaltene Gottesdienst und die bessere Bildung der Menschen: Da sie nun selbst die christlichen Glaubensinhalte kannten, waren sie auch in der Lage, eine aktive Rolle in der Gemeinde zu übernehmen. Luthers Reformen bilden die Grundlagen der demokratischen Verfassung unserer Kirche. Hier haben Laien ebenso viel Mitsprache wie die Geistlichen. In den Presbyterien deutlich mehr.

In diesem Jahr erinnern wir uns in besonderer Weise an das, was Martin Luther in Gang gebracht hat. Dabei geht es nicht darum, einen Helden zu feiern. Luther hatte wie jeder Mensch eine Kehrseite, eine ziemlich dunkle sogar. Es geht bei dem Gedenken an seine Reformierung der Kirche darum, uns selber davon bewegen und ermutigen zu lassen:
Wo müssen wir heute Haltung zeigen, sagen und zeigen, wo wir stehen und wofür wir einstehen? Das ist eine Frage, die sich aus dem Gedenken an Luthers Werk ergibt.
Eine andere Frage ist: Welche Reformen hat die Kirche heute nötig? Seit gut zehn Jahren greift unsere Landeskirche mit ständig neuen Gesetzen und Beschlüssen tief in das Leben der Gemeinden ein. Große Veränderungen sind auf den Weg gebracht.
Die Kirche gestaltet sich immer mehr zu einem Wirtschaftsunternehmen um. Wir, das Wanheimer Presbyterium sind überzeugt, dass dies eine falsche Entwicklung ist, bei der die Kirche ihre Seele verliert. Deshalb haben wir uns einer innerkirchlichen Bewegung angeschlossen, die sich "Kirchenbunt" nennt. Das ist so etwas wie eine innerkirchliche Opposition. Diese gibt es inzwischen in den meisten Landeskirchen. Die in den Kirchenbünden zusammengeschlossenen Gemeinden und Einzelpersonen haben sich zum Ziel gesetzt, die Vielfalt und Eigenständigkeit der Gemeinden zu bewahren und zu stärken. Genau dies, die Eigenständigkeit der Gemeinden und damit ihre Vielfalt wird durch die laufend neuen Verordnungen der Kirchenleitung immer mehr in Frage gestellt.

Salz der Erde sollen wir nach Jesu Wort sein. Licht der Welt. Dazu ist es nötig, dass wir, wie Luther es getan hat, immer wieder auf Gottes Wort besinnen und uns davon stärken zu lassen. Lebendig, kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert ist dieses Wort. Das heißt für uns: Auch unsere Rede als Christen soll klar und eindeutig sein: Hier stehen wir. Und dazu stehen wir.
Wir sind darum bisher noch nicht dem allgemeinen Trend gefolgt, uns als Gemeinde zu fusionieren, um dann größer und stärker zu sein. Uns liegt daran, die Lebendigkeit der Gemeinde zu erhalten. Das gelingt unserer Überzeugung nach am besten dadurch, dass wir selbst bestimmen wie wir unsere Gemeinschaft pflegen wollen, was in der Gemeinde geschehen und durch die Gemeinde bewirkt werden soll. Gemeinsam stehen wir dafür ein, dass wir bleiben, was wir sind und nach den Bekenntnissen der Reformation sein sollen: "Die Versammlung der Gläubigen, bei denen das Evangelium gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden." (Confessio Augustana, Artikel 7)

Heinz Schilling, Martin Luther, C.H. Beck