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Predigt am 24. September 2017 - Wahlsonntag
Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt, dass du das Leben erwählst und am Leben bleibst.
Tageslosung - 5.Mose 30,19
 

´Wen oder was soll ich wählen? Die sind doch sowieso alle gleich und nach der Wahl hält sich keiner mehr an das, was er oder sie vorher gesagt hat.`
Solche Stimmen hört man auf. Mit diesen und ähnlichen Argumenten stehlen Menschen sich aus der Verantwortung. Denn unsere Verantwortung, unsere Pflicht als Bürgerinnen und Bürger ist es zu wählen.
Eine Stimme haben wir so wie die reichsten und mächtigsten Menschen in unserem Land.
Das ist eine große Errungenschaft. Noch vor zweihundert Jahren war es undenkbar, dass ein Volk sein Parlament und damit seine Regierung wählt. 1871 wurde im Deutschen Reich das allgemeine Wahlrecht eingeführt, Frauen waren davon zunächst noch ausgeschlossen. Sie mussten sich ihre Mitbeteiligung hart erkämpfen. Erst im November 1918 bekamen auch sie das Recht zu wählen. Unter der nationalsozialistischen Terrorherrschaft gab es keine Wahl mehr. Im Osten Deutschlands, in der DDR, mussten die Leute zwar wählen, aber sie hatten keine Wahl. Es gab nur die Einheitspartei und sie sogenannte Blockflöten, scheinbar selbständige andere Parteien, die aber nach der Pfeife der Einheitspartei zu tanzen hatten.
Am 1. Advent 1990 fand nach 58 Jahren die erste freie Wahl in ganz Deutschland statt. Die Geschichte und die Erfahrungen in vielen anderen Ländern zeigen uns: Das Wahlrecht ist ein kostbares Gut, ein Merkmal der Demokratie. Die steht und fällt damit, dass die Bürgerinnen und Bürger Mitverantwortung übernehmen für ihren Staat. Deshalb sollte es eine Pflicht für jede und jeden sein, an der Wahl teilzunehmen.

Wählen dürfen oder wählen müssen, die Pflicht dazu hat Gott der Menschheit in die Wiege gelegt. Er hat uns Menschen die Freiheit gegeben. Wir können tun und lassen, was wir wollen. Er hindert Menschen nicht daran, andere umzubringen. Nach dem Besuch einer Kirche hörte ich eine andere Besucherin sagen: Glauben kann man an den da oben nicht. Wenn es ihn gäbe, müsste er doch die ganzen Terroranschläge und die Gewalt unter den Menschen verhindern.
Ich bin sicher: Es schmerzt Gott, was Menschen einander antun. Er leidet mit darunter. Das hat er durch seinen Sohn Jesus Christus gezeigt. Es tut ihm selbst weh, wenn Menschen einander verletzen und umbringen. Aber er schreitet nicht ein. Er lässt es zu. Da ist er konsequent. Er hat uns Menschen den Verstand gegeben, damit wir selbst entscheiden können, was gut und was nicht gut ist. Die Erkenntnis von Gut und Böse hat er in unsere Köpfe gepflanzt.
Mit unserer Freiheit lässt er uns nicht allein. Seine Weisungen hat er der Menschheit gegeben. Darin ist klar ausgedrückt, was gut und was böse ist. Er erwartet von uns, dass wir uns an seine Weisungen halten, das Gute tun und das Böse lassen.
Thora, Weisungen, so heißen die fünf Bücher Mose in der hebräischen Bibel. Sie laufen darauf hinaus, dass Gott dem Volk noch einmal seine Weisungen einschärft und es damit vor die Wahl stellt: Gut oder Böse, Leben oder Tod, Segen oder Fluch.
Eigentlich müsste klar sein, was das Volk wählt.
Leben wollen schließlich alle. Die allermeisten wollen auch das Gute. In der Geschichte des Gottesvolkes ist es aber immer wieder vorgekommen, dass das Volk den falschen Weg eingeschlagen hat. Das Verkehrte, das Unrechte ist oft verlockend. Menschen sind verführbar, manipulierbar. Sie lassen sich leicht etwas einreden und zu etwas verleiten, was nicht richtig ist.

In unserem Land gibt es Leute, die geben sich als Stimme des Volkes aus. Sie nähmen die Sorgen und Ängste der Menschen ernst, behaupten sie. In Wirklichkeit schüren sie die Ängste und verbreiten hasserfüllte Parolen gegen die Demokratie. Sie führen dummdreiste Reden voller Lügen. Viele, vor allem im Osten, lassen sich davon anstecken und stimmen ein in das Wutgeschrei. In Amerika, in Frankreich, Österreich, den Niederlanden haben die Extremisten bereits eine große Anhängerschaft. Dazu darf es bei uns nicht kommen. Denn dies wäre verhängnisvoll für unsere Demokratie.
Schlimm genug ist es schon, dass zum ersten Mal seit mehr als fünfzig Jahren wieder eine rechtsradikale, in weiten Teilen rassistische Partei im Bundestag sitzt. Das ist beschämend und wird das Klima im Parlament und im Land verändern.

Wir haben die Wahl. Gottes Weisungen ermutigen uns, das Leben zu wählen und das heißt: Gerechtigkeit, Frieden, die Bewahrung der Schöpfung. Das sind die Kernthemen, auf die es immer wieder ankommt. Friedliches Zusammenleben gibt es nur da, wo gerechte Zustände herrschen. Und Leben überhaupt gibt es nur, wenn die Welt um uns herum, Luft, Wasser und Erde einigermaßen intakt bleiben.

Wir haben die Wahl. Um den Menschen noch einmal einzuschärfen, dass sie das Gute und Gerechte wählen sollen, hat Gott seinen Sohn zur Erde gesandt. Alle Weisungen Gottes, so hat Jesus gelehrt, sind in der einen zusammengefasst: "Liebe Gott und liebe deinen Nächsten wie dich selbst."

Nur solche Parteien sind für uns Christen wählbar, die für Mitmenschlichkeit einstehen. Um die Stimmenanteile der menschenverachtenden Extremisten möglichst gering zu halten, ist es wichtig und notwendig, dass wir alle unsere Stimmen abgeben.
Wir haben die Wahl. Und wir haben die Pflicht, davon Gebrauch zu machen.