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Predigt am 1. Advent 2017
Gottesdienst zur Verabschiedung
Predigt über Hebräer 13,8
 

"Jesus Christus gestern, heute
und derselbe auch in Ewigkeit."
Dieser Vers befindet sich genau über uns, oben an der Decke. Wenn wir diesen Raum betreten, befin-den wir uns unter dem Schutz Jesu, in seinem Macht- und Wirkungsbereich.

Was bleibt? Ist eine Frage, wenn man Abschied nimmt. Ich müsste wohl besser fragen: Wer bleibt?
Darauf gibt der Spruch über uns eine Antwort. Er wird hier verkündet, seit dieses Haus steht und er wird hier verkündet werden, solange das Haus steht. Mit seinem Geist, in seinem Wort, in dem Mahl, das er gestiftet hat und in unserer Gemeinschaft ist und bleibt er gegenwärtig. Alle Tage bis an das Ende aller Zeiten ist er bei uns.

In meinen Predigten bin ich der Frage nachge-gangen, wie wir das Dasein Jesu unter uns erfahrbar wird. Die Welt sieht im Großen und Ganzen ziem-lich gottlos aus. Wo und wie spüren wir etwas von Gott?

Im Laufe meines Dienstes habe ich verschiedene Antworten darauf gefunden. Der erste und wichtigste Ort, an dem ich Gottes Gegenwart spüre, ist für mich der Gottesdienst.
Hier kommen wir in seinem Namen zusammen. Hier sitzen wir friedlich beieinander, Zank und Streit bleiben außen vor. Besonders wenn wir beim Abendmahl im Kreis hier vorn zusammen stehen, spüre ich: Wir sind eine Gemeinschaft, die der Geist Jesu zusammengeführt und -gefügt hat. Jede und jeder Einzelne in diesem Kreis ist bereit, Jesu Liebe, seine Kraft und seine Zuversicht in sich aufzunehmen und sich mit versöhnlichen Gedanken erfüllen zu lassen.

Die Zeit, die jetzt beginnt, ist für mich eine besondere im Kirchenjahr. Nicht nur hier im Gottesdienst, auch in den vielen Feiern in der Woche, rücken wir als Gemeinde zusammen und vergewissern uns mit den Liedern, die wir singen: "Ja, er kommt, der Friedefürst, der Heiland aller Welt zugleich, der Heil und Leben mit sich bringt."

Wo und wie spüren wir etwas von Gott? Mir war es wichtig in meinem Dienst, mit anderen zusammen etwas zu tun, wovon ich denke, dass es in Gottes Sinn ist. Als ich 1977 zusammen mit meinem Kollegen Peter Halbach in Oberhausen-Holten anfing, in den Pastorenberuf hineinzuwachsen, da begann die hohe Zeit der Friedensbewegung.
Im Kirchenkreis bildete sich ein Friedensausschuss, der alle zwei Wochen tagte. Wir haben Synodenbeschlüsse vorbereitet, Informationsveranstaltungen und Demonstrationen organisiert und dazu aufgerufen.
Jeden Freitag Nachmittag haben wir eine Stunde lang in der Oberhausener Innenstadt für den Frieden geschwiegen. Wir haben uns vor das Eingangstor des Lagers im Hunsrück gesetzt, in dem atomare Mittelstreckenraketen deponiert werden wollten und dafür eine Verurteilung im Amtsgericht Simmern und eine Anhörung im Landeskirchenamt in Kauf genommen. Bei alledem habe ich mitgemacht aus der Überzeugung heraus: Wenn Jesus die selig preist, die Frieden stiften, dann meint er nicht nur den persönlichen Seelenfrieden, dann meint er auch den Frieden im Großen und Ganzen.

Schalom im biblischen Sinn bedeutet das Heilsein aller Beziehungen. Hier in Duisburg ging es dann für mich um das Heilen von Beziehungen innerhalb der Gemeinde. Ich fand hier zwei Bezirke vor, die durch die Schranken nicht nur räumlich, sondern auch in dem, wie sie Gemeinde verstanden, deutlich voneinander getrennt waren. Das Schrumpfen der Gemeindemitgliederzahl machte es notwendig, die Aufteilung in zwei Bezirke aufzugeben und als Gemeinde zusammenzurücken. Das ging nicht ohne manchen Ärger und manchen Streit ab.
Frieden stiften ist nicht immer eine leichte Aufgabe. Gottes Geist hat uns geholfen, dass wir uns längst als eine Gemeinde verstehen.

In starkem Maße hat daran das Wanheimer Presbyterium mitgewirkt. Mit großem Engagement sorgen die einzelnen Mitglieder dafür, dass sich die Menschen in der Gemeinde wohlfühlen und ein gutes Klima in der Gemeinde herrscht. Jeden Sonntag schließen sie die Kirche auf, kochen Kaffee und bringen selbst gebackenen Kuchen für das Zusammensein nach dem Gottesdienst. Sie haben die heutige Feier vorbereitet und sorgen dafür, dass die Gemeindearbeit wie gewohnt weitergeht.

Was ich noch in diesem Stadtteil vorfand, war die Verseuchung der Umwelt. Wanheim wurde zusammen mit Hüttenheim zu einem von drei Hotspots in Nordrhein-Westfalen erklärt, zu einem Schwerpunkt der Umweltverschmutzung.
Die hochgiftigen Hinterlassenschaften der Firma, die hauptsächlich für den Dreck verantwortlich ist, befinden sich auf der Halde, die mit der Landmarke
Tiger&Turtle ein Anziehungspunkt geworden ist für viele Menschen auch außerhalb unserer Stadt. Der Boden aber hat ein Langzeitgedächtnis. Für viele Gärten hier im Duisburger Süden steht es noch aus, dass sie von Grund auf saniert werden müssen.
Der Einsatz für die Bewahrung der Schöpfung ist für mich auch Teil des Gottesdienstes im Alltag.


Das ist jetzt ziemlich politisch geworden. Am Anfang unseres Dienstes haben wir junge Pfarrer dafür oft Schelte bekommen. "Der Pfarrer hat den Glauben zu verkünden und nicht Politik zu machen", so hieß es. Das war die Gemeinde in Holten nicht gewohnt. Mit der Zeit lernte sie, dass die Bibel selbst ein politisches Buch ist. Es geht der Bibel nicht um eine Vertröstung aufs Jenseits, sondern um ein gutes Zusammenleben der Menschen hier und heute. Dazu hat Gott die Gebote gegeben, deren Einhaltung Jesus noch einmal aus-drücklich betont hat. Mit dem Dreifachgebot der Liebe hat er sie zusammengefasst: "Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst."

Unsere Nächsten haben wir hier in der Gemeinde auch in den Fremden erkannt, die in unserem Land Zuflucht suchen. Zweimal wurden wir als kleinste Gemeinde im Kirchenkreis in den letzten drei Jahren gebeten, Menschen Kirchenasyl zu gewähren, die von der Abschiebung bedroht waren. Wir haben uns beide Male, ohne lange darüber zu debattieren, darauf eingelassen. Einzelne Presbyteriumsmitglieder und andere Ge-meindeglieder haben mit großem Engagement die Flüchtlinge betreut.

Wo und wie spüre ich etwas von Gott? In der gemeinschaftlichen Feier im Namen Jesu und im gemeinschaftlichen Handeln in seinem Sinn. "Im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen", so nannte es Dietrich Bonhoeffer.
Gottes Gegenwart erfahre ich auch in dem Schweren, das mir begegnet und mir widerfährt. Am 2. Weihnachtsfeiertag vor sieben Jahren starb meine Schwester Gisela. Es war ein schwerer Schlag für die ganze Familie. Ein Jahr später traf mich selbst eine Erkrankung, die mir bis heute zu schaffen macht.

Der Journalist Matthias Dobrinski hat in der Süddeutschen Zeitung einen Kommentar geschrieben zum Reformationstag. Er fragt danach, wo Gottes Nähe und Gnade zu finden sind und schildert Situationen, wo davon absolut nichts zu spüren ist:

Ein Mann musste zusehen, wie auf furchtbare Weise seine Frau starb. Lange sitzt ein Therapeut bei ihm.
Der Therapeut sitzt bei dem Trauernden und schweigt. Lange schweigen beide miteinander. Schließlich sagt der Therapeut: "Verdammte Sch.."
Ich will das Wort hier auf der Kanzel nichts aussprechen. Genauso war auch mir zumute Weihnachten 2010 und im November 2011: Verdammter Mist.

Das denke ich auch bei manchem Leid, das ich als Pastor miterlebe. Es gibt Schicksale, da kommt ein Unglück zum anderen, wie bei Hiob. Warum?, fragt man sich. Das ist furchtbar ungerecht. Das hat doch keinen Sinn. Verdammter Mist.

Ich fand und finde Halt in der Familie, in der Gemeinschaft hier in der Gemeinde, in Bibelworten und in dem Glaubensbekenntnis von Dietrich Bonhoeffer, besonders in diesem Abschnitt: "Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft gibt, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus."

Widerstandskraft, die Kraft, Zuversicht und Hoffnung zu bewahren, den Humor und das Lachen, auch darin, dass mir dies geschenkt wird, erfahre ich Gott.
Widerstandskraft: Trotz allem Leid daran festhalten, dass die Liebe bleibt. Damit haben wir uns getröstet bei der Beerdigung meiner Schwester.
Die Liebe bleibt. Damit versuche ich oft in Traueransprachen, Menschen ein wenig Trost zu geben. Die Liebe bleibt. Weil Gott bleibt und er selbst Liebe ist. Jesus hat sie hier auf der Erde gelebt.

Weil er gekommen ist und immer wieder in Gestalt seines Geistes zu uns kommen will, darum können wir uns freuen. "Freuet euch in dem Herr allewege", ruft uns der Apostel Paulus zu. Die Adventszeit ist für mich auch darum eine besondere Zeit, weil sie eine Zeit der Freude ist. Menschen lassen einander ihre Güte zuteil werden. Sie rücken zusammen, so wie wir heute und wärmen einander mit ihrer Nähe und Freundlichkeit.

Viel Freude erlebe ich bei den Gemeinde-Freizeiten auf Borkum, die ich zusammen mit meiner Frau seit zwanzig Jahren durchführe. Das wird weitergehen.

Was bleibt?, habe ich am Anfang gefragt und bin dann der Frage nachgegangen, wer bleibt. Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.

Mir bleibt es, Dank zu sagen. Vierzig Jahre durfte ich in dieser Kirche als Pastor Dienst tun. Es ist ein wunderbarer Beruf. Ich habe in dieser Zeit viel Unterstützung erfahren durch meine Familie, Freundinnen und Freunde, durch die Gemeinden, in denen ich Dienst getan habe, durch Kolleginnen und Kollegen und durch den Superintendenten.

Trotz mancher Beeinträchtigungen weiß ich mich reich gesegnet. Ich hoffe, es ist mir gelungen, etwas von dem Segen, den ich erfahre, weiterzugeben. Das will ich auch weiterhin tun.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.