„Gottes fröhlicher Partisan“

Home

 
- Kleine Erinnerung an den großen Theologen Karl Barth -
Copyrightvermerk: DER SPIEGEL 52/1959
 
https://www.spiegel.de/spiegel/print/index-1959-52.html

Es gibt nicht allzu viele Theologen, die es bis auf das Cover einer an jedem Kiosk erhältlichen Zeitschrift gebracht haben. Karl Barth ist einer von ihnen. Im Dezember 1959 ziert er unter der Überschrift „Gottes fröhlicher Partisan“ die Titelseite des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL. Er ist zu der Zeit der wohl berühmteste evangelische Theologe. Und das hat etliche Gründe.
Geboren 1886 in Basel als Sohn eines reformierten Pfarrers studiert Barth Theologie und wird zunächst selbst Pfarrer in einem kleinen schweizerischen Dorf, wo er bald den Spitznamen „der rote Pfarrer von Safenwil“ weghat, weil er sich entschieden für die Belange der dortigen Arbeiter einsetzt. Zutiefst enttäuscht, ja geradezu schockiert ist er über seine ehemaligen theologischen Lehrer, die in ihrer Mehrzahl den Ausbruch des 1. Weltkriegs freudig begrüßen. 1919 – der Anlass des Karl-Barth-Jahrs 2019 – wird er mit einem Schlag mit einem Buch über den Römerbrief des Apostels Paulus bekannt. Hier rechnet er schonungslos mit der bis dahin herrschenden „Liberalen Theologie“ ab, in der er einen der Wegbereiter der politischen Katastrophe sieht. Der „Römerbrief“ bringt ihm zwei Jahre später eine Professur in Göttingen ein. Mit etlichen anderen Weggenossen entwickelt er in den Folgejahren die sogenannte „Dialektische Theologie“.
Deren Wesen beschreibt er selbst so: „Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen Beides, unser Sollen und unser Nicht- Können wissen und eben damit Gott die Ehre geben.“ Ausweg aus diesem Dilemma ist für Barth die Erkenntnis, dass eigentlich nur Gott selbst über sich etwas sagen kann. D. h. Theologie hat immer mit dem Hören auf die Botschaft der Heiligen Schrift zu beginnen und nicht etwa bei irgendwelchen religiösen Befindlichkeiten oder geschichtlicher Ereignissen.
Dieser Ansatz macht ihn Jahre später, Barth ist inzwischen in Bonn gelandet, zu einem entschiedenen Gegner der mit den Nationalsozialisten sympathisierenden „Deutschen Christen“, die in Hitler einen von Gott gesandten Führer und in „Blut und Boden“ göttliche Offenbarungen zu erkennen meinen. Dagegen die berühmte, vor allem von Barth verfasste „Barmer Theologische Erklärung“ von 1934: „Jesus Christus ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“ Er selbst muss 1935 Deutschland verlassen, weil er sich weigert, den damals vorgeschriebenen Beamteneid auf den Führer zu leisten. Doch bald schon erhält er eine Professur in seiner Heimatstadt Basel, die er bis zu seinem Ende innehat.
Nach dem Krieg schwimmt Karl Barth abermals kräftig gegen den Strom, indem er dafür plädiert, den schuldig gewordenen Deutschen versöhnend die Hand zu reichen. Auch seine Weigerung, sich an dem nun aufkommenden Antikommunismus blindlings zu beteiligen, bringt ihm heftige Kritik ein. Später wendet er sich lautstark gegen die damals geplante und dann ja auch durchgeführte Wiederbewaffnung Deutschlands. Zudem verurteilt er aufs schärfste das atomare Wettrüsten: „Die Menschen im Westen und Osten sollen aufstehen gegen diesen Wahnsinn.“ In den letzten Jahren seines Lebens predigt er häufig in einem Baseler Gefängnis.
Seine theologische Hinterlassenschaft enthält neben einer schlappe 9000 Seiten umfassenden „Kirchlichen Dogmatik“ eine unübersehbare Menge an Büchern, Aufsätzen, Predigten und Briefen. Ganze Pfarrergenerationen hat er entscheidend geprägt, die so genannten „Barthianer“. Er selbst lehnt diesen Begriff ab: „Wenn es ,Barthianer‘ gibt, so gehöre ich selbst nicht zu ihnen.“ Personenkult ist ihm zuwider. Ihm geht es stets um die Sache.
Dazu gehört für ihn allerdings auch eine gehörige Portion Humor: „Ein Christ treibt dann gute Theologie, wenn er im Grunde immer fröhlich, ja mit Humor bei seiner Sache ist. Nur keine verdrießlichen Theologen! Nur keine langweilige Theologie!“ 1968 stirbt dieser „fröhliche Partisan Gottes“. Wir könnten mehr von solchen gebrauchen.
Okko Herlynr