Geschichte der Gemeinde Wanheim

 
Der Anfang

Bis 1803 waren die evangelischen Bewohner der Bauern- und Fischerdörfer Wanheim und Angerhausen kirchlich mit dem linksrheinischen Friemersheim verbunden. Im selben Jahr traten sie der evangelisch-reformierten Gemeinde Duisburg "Salvatorkirche" bei. 1856 gründeten sie die ca. 500 Seelen zählende eigenständige evangelische Kirchengemeinde Wanheim-Angerhausen.
Am 11. April 1856 konnten sie ihre neu eingerichtete Pfarrstelle zum ersten Mal besetzen. Eine Woche beschäftigte sich die neue Gemeindeleitung mit dem Kirchensiegel und beschloss:

"In das Siegel soll eingestochen werden ein Fels im Meer mit einem Kreuz darauf."
So wird der Vers aus dem 1. Korintherbrief im Siegel der Gemeinde Wanheim abgebildet:
"Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus"
(Kapitel 3, V
ers 11).

Sehr bald mühten sich die Gemeindevorsteher um einen eigenen Friedhof, der 1862 auf dem Steinbrink angelegt wurde.
Knapp fünfzig Jahre dauerte es, bis die Gemeinde ihre Kirche bauen und am 23. Juni 1903 einweihen konnte. Auf der Brüstung oberhalb der Kanzel findet sich genau der Spruch, den das Gemeindesiegel abbildet. So haben alle vor Augen, die am Gottesdienst teilnehmen, worauf sich die Gemeinde gründet.
Offenbar gab der Herr der Kirche seinen Segen. Die junge Gemeinde Wanheim wuchs. Die evangelischen Einwohner von Huckingen, Großenbaum, Buchholz und Ehingen erklärten ihren Beitritt. In einem alten Presbyteriums-Protokoll liest sich das so:

"Im Bezirke der Ortschaft Huckingen (Bürgermeisterei Angermund) nebst dem zugehörigen Eichelskamp und sogenannten Buchholz und Haus Angerort haben jetzt sämtliche Evangelischen ihren Beitritt zur hiesigen Gemeinde erklärt. Nur der Müllermeister Arnold Bohres auf der kaum eine Viertelstunde von Wanheim entfernten Angerorter Mühle, sowie die Familienhäupter zu Ehingen haben sich abschlägig erklärt."

Nach der im Jahr 1860 vorgenommen Zählung hatte der Wanheimer Pfarrer 530 Gemeindeglieder zu betreuen.
Große Sorgen machte sich das Presbyterium um die Moral der Gemeindeglieder. Eine Protokollnotiz aus dem Jahr 1860 lautet:
"Presbyterium fühlt sich gedrungen, auf dieses öffentliche Aergerniß (Tanzmusik am Erntedankfest) seine Aufmerksamkeit zu richten, indem es den verderblichen Einfluß, den solche Lustbarkeiten auf die Jugend ausüben, erkennt und daher sie nach Kräften zu verhindern sucht. Die Sache blieb bis auf weitere Beratung unerledigt."

 
Die Industrie kommt, und die Gemeinde wächst

Anfang des 20. Jahrhunderts ergriff die Industrie Besitz von den Bauerndörfern am Rhein und veränderte deren Aus-sehen von Grund auf. 1905 errichtete die Metallhütte-AG an der Angermündung eine Zinkhütte (später Berzelius-Hütte"), ihm folgte bald eine Gießerei der MAN (später "Eisenwerk Wanheim" und "Rheinstahl Wanheim") in unmittelbarer Nähe der Kirche, während in Großenbaum die Düsseldorfer Firma Albert Hahn ein Röhrenwalzwerk errichtete, bei dem viele Menschen Arbeit fanden. Im Gemeindebezirk Ehingen baute die Essener Firma Schulz-Knaudt ein Walzwerk und legte damit den Grundstein für den Ort Hüttenheim. In Wedau entstand der vier Kilometer lange Verschiebebahnhof und damit verbundene Eisenbahnwerkstätten.
Die Gemeinde bemühte sich, dieser sprunghaften Entwicklung nachzukommen. Sie bekam eine Hilfspredigerstelle, die von Pastor Schindelin betreut wurde. Seinem Engagement war es zu verdanken, dass 1924 in Wedau ein Gemeindehaus entstand. Drei Jahre später kam in dem schnell wachsenden Ortsteil Hüttenheim ein weiteres Gemeindehaus hinzu. Zu Beginn der dreißiger Jahre war die Gemeinde Wanheim auf 10.000 Mitglieder und drei Pfarrstellen angewachsen: In Wedau wurde der langjährige Hilfsprediger Fritz Schindelin zum Pfarrer gewählt, in Wanheim trat Theodor Leithäuser seinen Dienst an, Johannes Pabst war für Großenbaum zuständig.

 
Schwere Zeiten im Dritten Reich

Mit der Machtergreifung Adolf Hitlers begannen schwere Zeiten für alle demokratisch gesinnten Menschen in Deutschland, für Juden, Homosexuelle, Zigeuner und psychisch Kranke.
Auch die Kirche geriet in den Sog der nationalsozialistischen "Erhebung". In ihr bildete sich die Partei der "Deutschen Christen", die das Evangelium und die Gestalt der Kirche dem Führerprinzip unterordnen wollten.
In Wedau kam es zu tumultartigen Auseinandersetzungen, als die Gemeinde vom örtlichen Kreisleiter unter Einsatz von Polizeigewalt am Betreten des Gemeindehauses gehindert werden sollte. Pfarrer Schindelin hatte einen Vortrag über die aktuellen Vorgänge in der Kirche angekündigt. Das Presbyterium stellte sich mehrheitlich hinter den angegriffenen Pfarrer. Es bildete sich ein "Bekenntnispresbyterium", das die Bibel und die Bekenntnisschriften der Kirche als bindend für sich ansah und nicht die nationalsozialistische Weltanschauung. Die Anhänger der Deutschen Christen waren darin nicht mehr vertreten.

 
Kirchenkampf

Gegen die Angriffe der Deutschen Christen und der nationalsozialistischen Partei bildete sich in Deutschland die "Bekennende Kirche". Vertreter der Gemeinden aus vielen Teilen Deutschlands traten im Mai 1934 in Wuppertal-Barmen zur ersten "Bekenntnissynode" zusammen. Sie beschlossen die berühmte Barmer "Theologische Erklärung zur gegenwärtigen Lage der deutschen evangelischen Kirche". Diese Erklärung stellt ein klares Bekenntnis zu Jesus Christus dar, dem die Kirche im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen hat. Die Wanheimer Gemeinde machte sich dieses Bekenntnis zu Eigen und wurde Teil der bekennenden Kirche in Deutschland. Pfarrer Helmut Pickert, seit 1936 in Wanheim, schreibt in seinem Rückblick von 1956:

"Mit Freude und Dank darf berichtet werden, dass gerade in jenen Jahren äußerer Bedrängnis die Gemeinde fester in Schrift und Bekenntnis hinein geführt wurde und der "Grund, welcher allein in Jesus Christus gegeben ist", seine Kraft bewies.

Die Gemeinde unterstellte sich der Notkirchenleitung, sie sträubte sich gegen die Einführung des Führerprinzips in der Kirche, rief durch Glockenläuten auf zur Fürbitte für den im Konzentrationslager Dachau gefangen gehaltenen Pastor Niemöller und stellte sich hinter ihre Pfarrer, als sie standhaft den Eid auf den "Führer" ablehnten."
Wie hart die Auseinandersetzungen waren, geht aus einer Notiz im Protokoll der Presbyteriumssitzung vom 2. Juli 1937 hervor:

"Der Vorsitzende teilt mit, dass die Sammlungen nach dem Kollektenplan der Rheinischen Bekenntnissynode durch einen Erlass des Ministers des Inneren verboten worden sind und strafrechtlich verfolgt werden. Das Presbyterium sieht darin einen unrechtlichen Eingriff des Staates in das Leben der Kirche; denn der Kirche und ihrer Synode steht das Recht zur Aufstellung des Kollektenplanes zu. Das Presbyterium sieht sich durch Gottes Wort und Bekenntnis gebunden, seine Pfarrer anzuweisen, nach dem Kollektenplan der Bekenntnissynode weiterhin die Sammlungen vorzunehmen."

Dies war ein mutiger Protest gegen eine Anordnung des Staates. Viele Pfarrer sind zu der Zeit wegen ihrer Treue zum Glauben ins Gefängnis oder gar ins Konzentrationslager gekommen. Einer von ihnen war der überall in Deutschland bekannte Pastor Martin Niemöller. Das Wanheimer Presbyterium beschließt daraufhin, jeweils am Donnerstag, dem Wochentag, an dem Niemöller gefangen genommen wurde, von 14.20 bis 14.30 Uhr mit der tiefen Glocke zu läuten als Aufruf zur Fürbitte und Zeichen der Trauer. 

 
Es ist Krieg

Mit dem Überfall auf Polen löste die Nazi-Regierung am 1. September 1939 den 2. Weltkrieg aus. Es begann eine Zeit der Schrecken und Leiden. Im Protokoll der Presbyteriumssitzung vom 24. Mai 1940 heißt es:

"Der Präses gibt einen Bericht über die gegenwärtige Lage der Gemeinde, die in den letzten zwei Wochen durch die Einberufung von zwei Pfarrern sich sehr verändert hat. Pfarrer Pickert in Wanheim musste am 2. Mai antreten."

Die übrigen Pfarrer der Gemeinde bemühten sich um die Vertretung. Weiter ist aus den Protokollen zu entnehmen, dass eine Nachtwache für die Kirche aufgestellt wurde, damit im Fall eines Brandes gleich Alarm gegeben werden konnte (6. September 1940).

Drei Jahre später, am 5. Dezember 1943, als die Bombenangriffe auf das Ruhrgebiet heftiger wurden, fasste das Presbyterium einen Beschluss über die Verlegung von Gottesdiensten. Falls am Sonntag Morgen Fliegeralarm ist, soll der Gottesdienst im Winter um 16 Uhr beginnen.
Im Mai 1941 schloss das Presbyterium einen Pachtvertrag mit dem Eisenwerk Wanheim. Es ging um den großen Saal des Gemeindehauses. Die Gemeinde verpachtete den Saal an das Eisenwerk. Das Werk quartierte dort Fremdarbeiter aus dem Osten ein. Während des Krieges kamen die Fremdarbeiter in das Lager neben der heutigen Ehinger Straße. Die Zustände im Lager waren elend. Zahlreiche Kinder sind verhungert. Mindestens sechs von ihnen sind auf dem Gemeindefriedhof beigesetzt worden. Von diesen sechs Kindern existieren Urkunden. Ihre Namen, Geburts- und Sterbedaten sind am 1. September 1999 auf einer Gedenktafel an der Friedhofshalle angebracht worden.

Gegen Ende des Krieges ging es überall drunter und drüber. Aber das Presbyterium der Gemeinde tagte und gab sich alle Mühe, die kirchliche Ordnung zu wahren. Im Protokoll am 22. April 1945 heißt es:

"Frau Heuschneiber, die sich zwar eigenmächtig im Gemeindehaus einquartiert hat, aber sonst den Eindruck einer ordentlichen Frau macht, soll ordnungsgemäß bis auf weiteres im kleinen Saal des Gemeindehauses eine Wohnung erhalten." 

 
Wiederaufbau

Von den Bombenangriffen blieb die Wanheimer Kirche weitgehend verschont. Einige Fenster zerbrachen und wurden zugemauert. Schwere Schäden erlitt die Kirche am Ende des Krieges durch den sechs Wochen dauernden Artilleriebeschuss von der anderen Rheinseite. Der Turm, die Wände und das Dach wiesen große Lücken auf, die Glocken lagen zertrümmert aufeinander, die Orgel war unbrauchbar geworden, die bleiverglasten Fenster waren nun alle zerstört. In der Festschrift zum 50-jährigen Bestehen heißt es:

"Die schöne Kirche sah trostlos aus; aber durch alle Zeiten hindurch hatte die Verkündigung des Wortes Gottes in ihr nicht aufgehört, wenn man von den wenigen Wochen der Beschusszeit absieht, da sich die Gemeinde notgedrungen in dem Luftschutzkeller eines Hauses in der Nähe versammeln musste. Die Kirche blieb der Ort, da eine Gemeinde im Wort Gottes Trost und Kraft, Klarheit und Weisheit empfangen und von der alles überragenden Gnade und Barmherzigkeit Gottes hören konnte. So war es ein Gebot der Dankbarkeit, dass schon in den Tagen des Zusammenbruchs die Gemeinde trotz aller eigenen Not tatkräftig zu Werke ging, den Wiederaufbau zu beginnen."

Im Juli 1946 erklärt sich der Kirchenchor bereit, die zerschossene Glocke durch eine neue zu ersetzen. Das Presbyterium nimmt dieses Angebot dankbar an.

Am Heiligen Abend 1947 stand die neue Glocke im Vorraum der Kirche. Bald danach ließ sie vom Turm herab ihre Stimme hören. Auch die Heizung tat wieder ihren Dienst. Im Inneren der Kirche wurde Wert darauf gelegt, das hervorzuheben, was dem reformierten Verständnis des Gottesdienstes entspricht: Die Kirche ist eine Predigtkirche. Deshalb nimmt die Kanzel über dem Altar weiterhin den zentralen Platz ein. Über der Kanzel ist auf der Stirnwand zu sehen, worum es in der Feier des Gottesdienstes geht:

"Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus".
In großen Buchstaben fällt dieser Vers jedem Besucher der Kirche ins Auge. Von den vielen Sprüchen, die vorher in der Kirche mehr oder weniger unleserlich angebracht waren, ist nur ein weiterer Vers übrig geblieben. Dazu muss der Betrachter den Kopf nach oben zur Decke wenden. In dem Rund über dem großen Leuchter steht der Satz:

"Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit." 

 
Die vier Fenster im Chorraum

Die vier Fenster im Chorraum links und rechts neben der Orgel stellen den Glauben an Jesus Christus bildlich dar.

Links neben der Orgel das erste Fenster,-Weihnachtsfenster genannt - weist mit der Krippe auf die Menschwerdung Gottes hin. Aus der Krippe erhebt sich das Kreuz. Der Mensch gewordene Retter der Welt ging von Anfang an seinen Weg auf der Schattenseite des Lebens. Aber von dem Kreuz leuchtet der Weihnachts- oder Morgenstern. Jesus hat mit seinem Kommen das Dunkle hell gemacht und Menschen aus ihrem Leid erlöst.

Auf dem zweiten Fenster, dem Passionsfenster, sieht man ein dunkles Kreuz, das sich über der Erdkugel erhebt. Das Kreuz ist mit einer Dornenkrone geschmückt. Jesus Christus, der König der Juden, ist auf elende Weise gestorben. Durch diesen Tod hat er offenbar gemacht, dass es kein Leid auf der Welt gibt, wo Gott nicht ist.

Das Osterfenster hinten rechts neben der Orgel hat die Erhöhung des Auferstandenen zum Thema. Aus dem Grab erhebt sich ein Kreuz, von dem Lichtstrahlen wie eine Sonne leuchten. Gott hat seinen Sohn von den Mächten der Finsternis und des Todes befreit und ihn auferweckt zu einem Leben in Herrlichkeit ohne Ende.

Um die bleibende Gegenwart Jesu Christi durch seinen Geist geht es bei dem vierten, dem Pfingstfenster. Hier steht das Kreuz inmitten von Werkzeugen, die das menschliche Arbeiten symbolisieren: Hammer, Hobel, Zahnrad. In leuchtendem Rot ist das Kreuz gehalten,umgeben ist es von einer Strahlensonne. In der Kreuzmitte befindet sich ein goldgelbes Segelschiff, ein Hinweis auf das Schiff,das sich Gemeinde nennt. Ermutigt von Jesu Geist hat die Kirche ihren Ort da, wo Menschen leben und arbeiten. Könnte man das Fenster öffnen, würde man genau auf die Werke blicken, die sich in direkter Nachbarschaft zur Kirche befinden.

 
Die Gemeinde wird so groß, daß sie geteilt werden muß

Nicht nur in der Kirche war Wiederaufbauarbeit zu leisten. Auch ringsherum mussten die Häuser instand gesetzt und neue gebaut werden. Nach der Währungsreform am 20. Juni 1948 begann der Bau der Rheinstahlsiedlung. Links und rechts der Angertaler Straße wurde kräftig gebaut. Mit vielen Stunden Eigenleistung schufen sich die Siedler ihr Heim. Auch zahlreiche Familien aus dem Osten, die ihre Heimat verlassen mussten, suchten in Duisburg ein neues Zuhause. In allen Stadtteilen wuchs die Bevölkerung stark an.

Die vielen Menschen brauchten neue Treffpunkte. 1950 entstand das Gemeindehaus in Buchholz. Ernst Schmidt wurde der erste Pfarrer in der neu errichteten Buchholzer Pfarrstelle.

Auch Huckingen erhielt 1954 ein Gemeindehaus. In Bissingheim und Hüttenheim wurden weitere Pfarrstellen eingerichtet. Ein neues Pfarrhaus mit Jugendheim entstand 1953 in Wanheim.

Mit der Genehmigung der siebten Pfarrstelle in Huckingen verband die Kirchenleitung die Auflage, die Großgemeinde Wanheim zu trennen. So fasste das Presbyterium am 7. Dezember 1955 einen historischen Beschluss:

"Die evangelische Kirchengemeinde Wanheim-Angerhausen wird in folgende Gemeinden aufgeteilt:
Wanheim mit einer Pfarrstelle
Hüttenheim-Huckingen mit zwei Pfarrstellen
Wedau-Bissingheim mit zwei Pfarrstellen
Großenbaum-Buchholz mit zwei Pfarrstellen.
Dieser Beschluss tritt am 1. April 1956 in Kraft."

Es sollte kein Aprilscherz sein. Es geschah wirklich so. Die Wanheimer Gemeinde beschränkte sich nun auf das Gebiet zwischen Düsseldorfer Landstraße und Rhein und zwischen Neuenhofstraße und dem Biegerpark. Die Kirche steht seitdem nicht mehr mitten im Dorf, sondern in einem von der Industrie geprägten Randbezirk der Stadt.

 
Der zweite Pfarrbezirk im Wanheim Angerhausen entsteht

Mit der Bevölkerung wuchs die Zahl der Kinder. Der Bau eines neuen Kindergartens wurde nötig und 1962 umgesetzt. Trotz seiner 120 (!) Plätze - damals noch vierzig Kinder pro Gruppe - konnte er nicht alle Kinder aufnehmen. Im Jahr 1964 zählte die Gemeinde 5400 Mitglieder. Das Presbyterium beantragte eine zweite Pfarrstelle. Diese wurde im Jahr 1964 eingerichtet.

Der Plan, ein weiteres Gemeindehaus in dem Neubaugebiet an der Angertaler Straße zu bauen, reifte heran. 1968 wurde das Gemeindehaus Beim Knevelshof eingeweiht. Das Gebäude galt von Anfang an als Provisorium. Es war eine aus Fertigteilen errichtete "Notkirche" mit dünnen Wänden, ohne Heizung. Nach fünf Jahren spätestens sollte es einem festen Bau weichen. Dazu kam es jedoch nicht. Auch die Pläne für die Bebauung des Ackers neben dem Gemeindehaus verschwanden in den Schubladen. So wurde der als "Schuhkarton" verschrieene Bau zu einer Dauereinrichtung. Regelmäßig fanden dort Sonntags-gottesdienste statt. Um zu unterstreichen, dass dies eine "richtige" Gottesdienststätte ist, wurden ab 1970 auch die Konfirmationen in dem Gemeindehaus gefeiert. Zahlreiche Besucher erlebten die Feier draußen auf den Eingangsstufen.

Schwerpunkt der Gemeindearbeit war und ist der Gottesdienst. Okko Herlyn erarbeitete mit der Gemeinde zusammen seine "Theologie des Gottesdienstes". Es ging um eine Beteiligung der Gemeinde in unterschiedlicher, jeweils dem Gottesdienst-thema angepasster Weise.

Helmut Blank wurde Superintendent des Kirchenkreises Duisburg-Süd. Zu seiner Entlastung in der Gemeinde kam Pastor Hartmut Dühr nach Wanheim. Viele Vikare, Hilfspredigerinnen und Hilfsprediger arbeiteten in der Gemeinde. Mit dem Stadtteil ging es langsam bergab, als Rheinstahl Wanheim vom Thyssen-Konzern übernommen wurde. Der baute massiv Stellen ab. Von ehemals über viertausend sind heute dreihundert Stellen übrig geblieben. In der Folge davon schlossen viel Geschäfte, auch die Post machte zu. In die leer stehenden Werkshallen zog unter anderem die GNS ein, Gesellschaft für Nuklear Service. Diese bereitet schwach radioaktive Abfälle wieder auf oder macht sie für die Endlagerung fertig. Die Gemeinde protestierte heftig. Aber die GNS blieb.


Die Pfarrer in Wanheim waren sesshafte Leute:

 

Helmut Blank
von 1958 bis 1991 im ersten Bezirk,

Ernst-Wilhelm Becker
von 1991 bis 2000 im ersten Bezirk,
   

Wilfried Schlee
von 1968 bis 1977 und

Okko Herlyn
von 1977 bis 1994 im zweiten Bezirk.

 
Umbruch in den Neunzigern

Der Beginn der neunziger Jahre wurde zu einer Zeit des personellen Umbruchs. Helmut Blank trat Ende 1990 in den Ruhestand. Für ihn kam Ernst-Wilhelm Becker. Helmut Lierhaus, über dreißig Jahre lang Organist in der Gemeinde, hörte im April 1991 auf. Dagmar Borowski-Wensing wurde seine Nachfolgerin. Sie blieb allerdings nur bis 1998. Seitdem ist Derk Schmidthals Organist in der Wanheimer Kirche. Erika Pedak, 22 Jahre lang Wanheimer Gemeindehelferin, schied im März 1992 aus. Für sie kam Gerlinde Rittich.

Dem sprunghaften Wachstum nach dem Krieg folgte ein ebenso schneller Rückgang von Gemeindegliedern nach dem Höhepunkt Mitte der sechziger Jahre. 1981 konnten nur noch 4337 Mitglieder gezählt werden. Heute, im Jahr 2001, sind es 3200. Diese Entwicklung zeigt sich in der ganzen Stadt. In den vergangenen vierzig Jahren haben die beiden Duisburger Kirchenkreise die Hälfte ihrer Mitglieder verloren.

Ein Hauptgrund für diese Entwicklung ist die Ansiedlung ausländischer Arbeitskräfte und Familien. In Wanheim beträgt deren Anteil an der Gesamtbevölkerung 20%. Weiter macht sich der Geburten-Rückgang deutlich bemerkbar und die Tatsache, dass jede Person heute wesentlich mehr Wohnraum für sich beansprucht als die Menschen in der Zeit nach dem Krieg es konnten. Häufig ist es so: Wo früher ein Ehepaar mit zwei, drei Kindern und einem alten Elternteil wohnten, lebt heute das älter gewordene Ehepaar oder die verwitwete Frau allein.

Die Veränderung der Bevölkerung brachte neue Schwerpunkte der Gemeindearbeit mit sich. Im Jahr 1992 wurde aus der ehemaligen englischen Kaserne eine "Erstaufnahmeeinrichtung" für Flüchtlinge. Die Gemeinden rings um die Kaserne taten sich zu einem runden Tisch zusammen, um in Duisburg zu verhindern, was in anderen Städten des Landes geschah.

Die Arbeit hatte Erfolg: Es ist zu keinem gewaltsamen Anschlag gegen die Einrichtung gekommen. Gemeindeglieder haben sich vielmehr jeden Mittwoch mit zahlreichen Kuchen in das Flüchtlingslager begeben. Die Flüchtlinge kamen gern in die Kaffeestube. Die Kuchentabletts waren innerhalb kurzer Zeit leer. An dem Gottesdienst einmal im Monat in der Kapelle der Kaserne haben hin und wieder auch Konfirmandengruppen teilgenommen und dies im Rückblick auf ihre Unterrichtszeit als sehr positiv empfunden. Besondere Höhepunkte waren die Gottesdienste am Weihnachtsmorgen.

Dreimal ist der Weihnachtsgottesdienst vom Gemeindehaus Beim Knevelshof in die Kaserne verlegt worden, bis diese im Jahr 1998 geschlossen wurde. Die Wanheimer Gemeinde durfte den Altar aus der Kapelle mitnehmen. Er hat im Gemeindehaus Beim Knevelshof einen neuen Platz gefunden.

 
Die Gemeinde muß sich kleiner setzen

Der Rückgang an Gemeindegliedern hat eine Verminderung der Finanzmittel zur Folge. Denn jede Gemeinde erhält aus dem Gesamt-Einkommen an Kirchensteuern einen Anteil nach der Zahl ihrer Mitglieder. Die Gemeinde Wanheim konnte ihre vielen Gebäude nicht alle halten. Nach einem langen Diskussionsprozess, an dem die Gemeinde durch die Ein-richtung eines "Runden Tisches" beteiligt wurde, beschloss das Presbyterium 1998: Das im Jahr 1908 errichtete Gemeinde-haus mit dem dahinter liegenden Grundstück an der Friemers-heimer Straße wird verkauft. Auf der ehemaligen Gemeind-ewiese entstanden neun Reihenhäuser, in denen nun junge Familien wohnen. Eine weitere Familie hat das Gemeindehaus zu einem Wohnhaus für sich umgebaut. Der ehemalige große Gemeindesaal ist vermietet an einen Künstler, der dort großflächige Bilder zum Beispiel für Theaterkulissen herstellt.

Mit dem aus dem Verkauf erzielten Erlös, Rücklagen und Zuschüssen konnte das Presbyterium dann den lang gehegten Traum verwirklichen, das Provisorium Beim Knevelshof durch einen festen Bau zu ersetzen. Am Reformationstag, den 31. Oktober 1999, feierte die Gemeinde Abschied von ihrer lieb gewordenen Behausung. Bald darauf rollte der Bagger ein und zerlegte den Bau in seine Einzelteile. Anfang 2000 wurde die Grundmauer für den Neubau gegossen. Am 5. Mai schon feierte die Gemeinde Richtfest. Am 14. Januar 2001 erfolgte mit einem Festgottesdienst die Einweihung. So hat sich die Gemeinde zwar was die Gebäude angeht verkleinert. Aber sie hat dies für sich als Chance zu einem neuen Aufbruch genutzt. Auch personell musste die Gemeinde Einbußen hinnehmen. Als der Küster im Gemeindehaus Beim Knevelshof wegen einer Erkrankung aus dem Dienst ausschied, wurde die Stelle ersatzlos gestrichen.
Im Sommer 2000 wechselte Pfarrer Ernst-Wilhelm Becker in eine Schulpfarrstelle am Friedrich-Albert-Lange Berufskolleg. Das Presbyterium beschloss daraufhin, die Aufteilung der Gemeinde in zwei Bezirke aufzuheben. Damit ist Wanheim-Angerhausen wie bis 1964 wieder eine Gemeinde mit einer Pfarrstelle.

Diese betreut Friedrich Brand, der seit 1994 in der Gemeinde tätig ist.